Aktuelle Entwicklungen im Cloud-Markt

Multi-Cloud, KI und Edge Computing bestimmen die Cloud 2019

| Autor / Redakteur: Michael Matzer / Florian Karlstetter

Wohin steuert der Cloud-Computing-Markt? Experten beziehen Stellung.
Wohin steuert der Cloud-Computing-Markt? Experten beziehen Stellung. (Bild: gemeinfrei (geralt / pixabay) / CC0)

Führende Fachleute und Analysten wagen einen Blick auf die kommenden Monate in der Cloud. Die Multi-Cloud steht noch in den Startlöchern und soll erst nächstes Jahr ihren Durchbruch erleben. Unterdessen explodieren Edge Computing und die Nachfrage nach vertikalen SaaS-Fachbereichslösungen. Sicherheit ist wie stets ein Dauerbrenner, und der Personalmangel verschärft sich.

Cloud Computing ist mittlerweile eine Commodity, auch in Deutschland. „90 Prozent der Befragten haben eine Cloud-Strategie definiert“, berichtet die IDC-Studie „Multi Cloud in deutschen Unternehmen" (2018) und „68 Prozent der Unternehmen verwenden Cloud Services und Cloud-Technologie für mehrere Workloads". Der spannendste Aspekt ist jedoch der schillernde Begriff der Multi-Cloud, die sich noch in den Anfängen befinde: „Erst 15 Prozent der Befragten nutzen eine Multi Cloud, es herrscht aber offensichtlich noch viel Unklarheit hinsichtlich einer effizienten Nutzung."

Andreas Zipser, Director Central Europe bei Sage Software.
Andreas Zipser, Director Central Europe bei Sage Software. (Bild: Sage Software)

„Multi- bzw. Hybrid-Cloud-Architekturen sind definitiv die nächste Evolutionsstufe, wenn es darum geht, IT-Ressourcen und Businessplattformen aus internen und externen Quellen zur Verfügung zu stellen, um damit ERP-Prozesse in Unternehmen flexibler, agiler und effizienter zu machen", sagt Andreas Zipser, Managing Director Central Europe bei Sage. „Das heißt, bei der Bereitstellung digitaler Serviceplattformen geht der Trend eindeutig zum Multi-Cloud-Hosting."

„Hybride Multi-Cloud-Architekturen werden den One-cloud-fits-all-Ansatz ablösen", sagt Frank Theisen, Vice President IBM Cloud DACH bei IBM. „Der Einsatz einer Public Cloud verspricht eine kosteneffiziente Basis für die digitale Transformation zu sein, aber nicht jede Workload ist aus Sicht vieler Unternehmen für die Public Cloud geeignet, zudem ändert sich die IT Landschaft in Unternehmen mit einer hohen Geschwindigkeit und Dynamik." Daher würden Unternehmen mit einem hybriden Multi-Cloud-Ansatz das Beste aus ihren Cloud-Investitionen herausholen und so den Wert der Integration von Public und Private Clouds steigern.

Multi-Cloud und die babylonische Verwirrung

Die hohe Attraktivität der Multi Cloud basiert laut IDC-Analyst Matthias Zacher, Manager Research & Consulting, „auf einer "übergreifenden, integrierten und automatisierten Bereitstellung von IT-Ressourcen und Businessplattformen, etwa interner Data Center Services und externer Cloud Services". Doch nach wie vor existieren unterschiedliche Definitionen der Multi Cloud. Aus Sicht von IDC kann man dann von einer Multi-Cloud sprechen, wenn entweder zwei Services derselben „Cloud-Typen“ von der IT integriert angeboten werden, einschließlich Monitoring und Compliance, oder Off-premises-Anwendungen sich ad hoc per API mit On-premises-Anwendungen verbinden lassen. Letztere Definition entspräche für viele Fachleute einer Hybrid-Cloud.

„Immerhin 44 Prozent der von uns in 2018 Befragten teilen die Sichtweise von IDC auf die Multi Cloud", freut sich Zacher. Die verbleibenden 56 Prozent verstünden unter der Multi-Cloud die Nutzung der Cloud-Services-Angebote unterschiedlicher externer Cloud Provider, eine Nutzung verschiedener Cloud-Deployment-Modelle, d. h. Public und Private Cloud oder bei Bedarf die Bereitstellung von Infrastruktur-Kapazitäten aus einem definierten Private Cloud Pool in einen Public Cloud Pool.

Die Differenzen hinsichtlich der Definition sind nach Zachers Ansicht nicht trivial, sondern wirken auf den Erfolg aus. „Für den Erfolg von Multi-Cloud-Projekten ist ein deckungsgleiches Verständnis aller Beteiligter über die Multi-Cloud und die daraus abzuleitenden Aufgaben unerlässlich.“ Andernfalls seien unlösbare Konflikte etwa beim Management und der Portabilität von Cloud Services vorprogrammiert, warnt der erfahrene IDC-Projektleiter.

Hyperagile Microservices-Architekturen

Godesys-Gründer Godelef Kühl fordert Visionen statt einfach nur den Schlips gegen Turnschuhe zu tauschen.
Godesys-Gründer Godelef Kühl fordert Visionen statt einfach nur den Schlips gegen Turnschuhe zu tauschen. (Bild: Magdalena Gajewski / Godesys)

„2019 werden immer mehr Plattformen in der Cloud zur Verfügung gestellt, die über APIs verschiedene Microservices anbieten können", sagt Godelef Kühl, Gründer und Vorstandsvorsitzender der godesys AG voraus. „Derartige Plattformen dienen als Schnittstellen, quasi Adapter, damit ERP-Systeme nahtlos an sie andocken und Dienste im Internet zur Verfügung stellen können."

Bis 2022 werden nach Angaben von IDC 90 Prozent aller Anwendungen über Microservices-Architekturen verfügen, die die Fähigkeit zum Entwickeln, Debuggen, Aktualisieren und Nutzen von Drittanbieter-Code verbessern. „35 Prozent aller Produktionsanwendungen werden native Cloud-Applikationen sein." Die Anforderung der digitalen Wirtschaft, qualitativ hochwertige Anwendungen passend zum Business-Tempo zu entwickeln, treibe den Wandel zu „hyperagilen Anwendungen“ voran: hochmodular, verteilt, mit kontinuierlichen Updates und unter Einsatz Cloud-nativer Technologien wie Containern und Serverless Computing. "In Kombination mit DevOps- und agilen Ansätzen und Methoden können Unternehmen ihre Fähigkeit, digitale Innovationen schnell umzusetzen, drastisch verbessern – mit einer zwischen 50- und 100-fach höheren Frequenz als bei traditionellen Vorgehensweisen." Das klingt richtig gut – sofern es richtig gemacht wird.

Edge Computing explodiert

Frank Theisen, Vice President IBM Cloud DACH bei IBM.
Frank Theisen, Vice President IBM Cloud DACH bei IBM. (Bild: IBM)

„Die Edge-Computing-Explosion kommt", sagt Frank Theisen von IBM. „Die fortschreitende Zusammenführung von IT und Telekommunikation rückt Edge Computing 2019 zunehmend in den Vordergrund und sie werden von immer mehr Hybrid-Cloud-Plattformen und Software-defined-Networks genutzt." Wertvolle Daten von Sensoren, Kameras und von industriellem Equipment können gesammelt, analysiert und geschützt werden. Offene, interoperable Technologien würden dafür sorgen, dass Edge-Standorte mit der Cloud synchronisiert bleiben.

„Bis 2022 werden über 40 Prozent der Cloud-Installationen mit Edge-Computing-Fähigkeiten erweitert sein", sagt IDC in der Trendvorhersage „IDC FutureScape Predictions 2019+" voraus, „und 25 Prozent der Endgeräte und -systeme werden KI-Algorithmen ausführen." Die Kapazitäten zur Verarbeitung digitaler Daten würden sich massiv erhöhen, da es eine Verschiebung geben werde: weg von Cloud-Infrastrukturen und zentralen Unternehmensapplikationen und -dienstleistungen hin zu Endgeräten (wie Sensoren, Smartphones, Kameras), die nah an der Datenquelle sind. KI-Dienste würden dabei die ersten – und stark marktprägenden – Anwendungen sein, die Public-Cloud-Funktionen zu Endgeräten hin verlagern.

Open Cloud

Bis 2022 werden laut IDC die vier führenden und größten Cloud-Plattformen 80 Prozent der IaaS/PaaS-Implementierungen hosten, aber 2024 werden 90 Prozent der tausend größten Unternehmen einem Vendor-Lock-In durch Multi- und Hybrid-Cloud-Techniken und -Tools vorbeugen. In den nächsten vier bis fünf Jahren würden Unternehmen integrierte Hybrid- und Multi-Cloud-Tools und -Strategien für verschiedene Anwendungen und Szenarien einsetzen - siehe oben.

„Unternehmen setzen zunehmend auf Open-Cloud-Technologien, die die Interoperabilität von Lösungen, Plattformen und Daten ermöglichen", stimmt Frank Theisen zu. „Sie nutzen verstärkt Kubernetes und arrangieren diese in Clustern - über verschiedene Clouds hinweg und von Microservices unterstützt."

Vielseitige Entwickler gefragt

„Bis 2022 werden ein Viertel aller Public-Cloud-Anwendungen auf Nicht-x86-CPUs (inklusive Quanten-Prozessoren) laufen", sagt IDC in seinen „FutureScape Predictions 2019+“ voraus. „Bis 2022 werden Unternehmen mehr für vertikale SaaS-Anwendungen ausgeben als für horizontale Anwendungen." Die Folgen sind tiefgreifend.

„Neue Innovationen", so IDC weiter, „werden die Zahl der Anwendungsfälle, die von IT-Technologie gelöst werden können, deutlich erhöhen, was wiederum die Zahl spezialisierter IT-Anforderungen steigert." Auf der Infrastrukturebene führen die Parallelverarbeitungsanforderungen der KI zu einer heterogeneren Prozessorlandschaft, und in gleichem Maße entscheiden sich Unternehmen für vertikal spezialisierte SaaS-Anwendungen, fast doppelt so oft wie für horizontale Anwendungen."

„Mit einem hybriden Multi-Cloud-Ansatz", erklärt Theisen, „geht indes auch ein Kulturwandel in der Arbeitsweise einher: Teams benötigen neue Fähigkeiten, wie beispielsweise plattformübergreifende Tools- und Automatisierungserfahrung sowie Kenntnisse über API-Management und Best Practices für die Datenintegration.“

Martin Hubschneider, Vorstand der Karlsruher CAS Software AG.
Martin Hubschneider, Vorstand der Karlsruher CAS Software AG. (Bild: CAS Software)

„Viele Unternehmen nutzen bereits heute mehr als 5 verschiedene Cloud-Anbieter - das kann neue Risiken und Schwachstellen provozieren", ergänzt Frank Theisen von IBM. „Diesen Herausforderungen sollten Entwickler begegnen, indem sie die Sicherheit noch früher in den App-Entwicklungsprozess integrieren, und so wird sich eine DevSecOps-Kultur im Unternehmen etablieren." Die Integration von sicherheitstechnischen Best-Practices in allen Aspekten des Anwendungsdesigns und der -implementierung ermögliche dann größere Transparenz, Kontrolle und Schutz der Anwendungen.

„Themen wie Datenschutz und Datensicherheit, hier insbesondere mit Bezug zur EU-DSGVO, sowie Mobilität und vertrauenswürdige Cloud-CRM werden mithilfe neuer Technologien und Benutzeroberflächen an Leistungsfähigkeit zulegen", sagt Martin Hubschneider, Vorstand der CAS Software AG. „Vertrauen lässt sich nur durch digitale Souveränität herstellen, also Software made in Germany und Cloud-Hosting made in Germany."

Resümee

Lars Landwehrkamp, CEO beim SAP-Systemhaus All for One Steeb AG.
Lars Landwehrkamp, CEO beim SAP-Systemhaus All for One Steeb AG. (Bild: All for One Steeb)

„Cloud-Kompetenzen und -Kultur werden zum Schlüssel der Cloud-Einführung", resümiert Theisen. Lars Landwehrkamp, CEO beim SAP-Systemhaus All for One Steeb AG weist darauf hin, dass die IT-Budgets zunehmend nicht mehr nur beim IT-Leiter, sondern beim jeweiligen Abteilungsleiter angesiedelt sind. „Die Bedeutung der Fachabteilungen wächst." Der CEO sieht eine gravierendere Änderung: „Überall herrscht Personalmangel, und daraus resultieren höhere Tagessätze und Gebühren für Berater und Fachkräfte." Seiner Ansicht nach ist die Personalabteilung mit ihrer Rekrutierung und Talentförderung mittlerweile erfolgsentscheidend für ein Unternehmen.

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