Cloud-Plattformen sind heute zentrale Infrastrukturen für Wirtschaft und Verwaltung. Damit wird die Frage, wer diese Infrastruktur betreibt und kontrolliert, zunehmend zu einer Frage digitaler Souveränität.
Von Technik zu Taktik: Kluge Cloud-Entscheidungen sichern über die Effizienz hinaus Souveränität und Sicherheit.
Cloud Computing erscheint auf den ersten Blick als technische Dienstleistung: Rechenleistung, Speicher oder Software werden über das Internet bereitgestellt. Tatsächlich strukturieren Cloud-Infrastrukturen heute jedoch zentrale Prozesse von Wirtschaft und Verwaltung – von Datenhaltung über KI-Training bis hin zu Sicherheitsarchitekturen. Damit verändert sich auch die Bedeutung der Cloud. Digitale Infrastruktur ist nicht mehr nur ein IT-Thema, sondern ein strategischer Faktor für wirtschaftliche und politische Handlungsfähigkeit.
In diesem Zusammenhang gewinnt der Begriff der digitalen Souveränität an Bedeutung. Gemeint ist damit die Fähigkeit von Staaten, Unternehmen und Institutionen, auch in einer global vernetzten digitalen Ökonomie selbstbestimmt handlungsfähig zu bleiben. Digitale Souveränität bedeutet jedoch nicht, sich vom globalen digitalen Ökosystem abzukoppeln. Vielmehr geht es darum, auch unter digitalen Bedingungen eigene Handlungsspielräume zu behalten, insbesondere dann, wenn geopolitische Spannungen entstehen.
Globale Cloud-Plattformen und strukturelle Abhängigkeiten
Der Markt für Cloud-Infrastrukturen wird heute von wenigen großen Anbietern geprägt. Plattformen wie Amazon Web Services, Google Cloud oder Microsoft Azure bündeln enorme Skaleneffekte. Sie stellen nicht nur Infrastruktur bereit, sondern ganze Ökosysteme aus Entwicklungswerkzeugen, Datenplattformen und KI-Diensten. Für Unternehmen bietet das erhebliche Vorteile. Sie profitieren von der Innovationskraft der führenden Hyperscaler.
Gleichzeitig entstehen jedoch strukturelle Abhängigkeiten. Ein Teil dieser Abhängigkeit entsteht aus rechtlichen Rahmenbedingungen. Daten von US-Cloud-Anbietern können zwar in europäischen Rechenzentren gespeichert sein, unterliegen aber zusätzlich dem US-Recht. Dadurch können unter bestimmten Umständen auch US-Behörden Zugriff auf diese Daten erhalten. Damit entsteht eine Situation, in der wirtschaftliche Marktmacht, technologische Infrastruktur und rechtliche Zugriffsmöglichkeiten zusammenfallen.
Abhängigkeiten entstehen nicht nur durch Marktstrukturen, sondern auch durch technische Integration. Wer Anwendungen, Datenstrukturen oder KI-Modelle in einer bestimmten Cloud-Architektur aufbaut, passt sich deren Schnittstellen, Services und proprietären Standards an. Das erleichtert Innovation und Skalierung – erschwert jedoch einen späteren Wechsel. Je stärker Prozesse, Datenstrukturen oder KI-Workflows integriert sind, desto höher werden die Wechselkosten.
Ein weiterer Faktor ist die sogenannte „Gravitationskraft der Daten“. Rechenleistung folgt in der Praxis häufig den Daten. Wenn große Datenmengen auf einer Plattform liegen, werden auch Analyse- und KI-Workflows dort aufgebaut. Ein Anbieterwechsel wird damit nicht nur zu einer technischen Migration, sondern zu einem umfangreichen IT-Projekt.
Multicloud, Interoperabilität und offene Technologien
Um solche Abhängigkeiten zu begrenzen, setzen viele Organisationen auf Multicloud-Strategien oder hybride Architekturen. Ziel ist es, Anwendungen so zu entwickeln, dass sie nicht dauerhaft an eine einzelne Plattform gebunden sind. Eine wichtige Rolle spielen dabei offene Standards. Sie definieren gemeinsame technische Regeln – etwa für Datenformate oder Schnittstellen – und ermöglichen es, Anwendungen zwischen unterschiedlichen Systemen zu betreiben.
Auch Open-Source-Technologien können dazu beitragen, Abhängigkeiten von proprietären Systemen zu reduzieren. Offener Quellcode ermöglicht Transparenz und die Möglichkeit zur eigenen Weiterentwicklung. Allerdings entstehen auch hier neue Abhängigkeiten, wenn zentrale Projekte von wenigen Akteuren finanziert oder gesteuert werden. Offener Code allein schafft daher noch keine digitale Souveränität. Erste Versuche, digitale Souveränität messbar zu machen, existieren bereits. Der sogenannte Digital Sovereignty Index bewertet unter anderem den Einsatz selbst betriebener Infrastruktur oder offener Technologien. In der aktuellen Auswertung liegt Finnland mit rund 64,5 Punkten an der Spitze, Deutschland folgt mit etwa 53 Punkten.
In Europa wird digitale Souveränität häufig über Regulierung diskutiert. Initiativen wie der AI Act, der Data Act oder neue Sicherheitsanforderungen definieren Standards, Transparenzpflichten und Compliance-Regeln. Solche Instrumente schaffen wichtige Rahmenbedingungen. Sie ersetzen jedoch keine eigene technologische Infrastruktur.
Stand: 08.12.2025
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Digitale Souveränität entsteht nicht allein durch rechtliche Vorgaben, sondern durch die Fähigkeit, selbst relevante technologische Akteure hervorzubringen und digitale Infrastruktur mitzugestalten. Europa verfügt dabei über wichtige Voraussetzungen: starke industrielle Kerne, Forschungskapazitäten und einen großen Binnenmarkt.
Die entscheidende Herausforderung besteht darin, Regulierung, Innovation und Infrastrukturentwicklung zusammenzudenken. Dazu gehört der Aufbau eigener Rechenzentrums- und Cloud-Kapazitäten ebenso wie Investitionen in KI-Technologien und digitale Infrastruktur. Gleichzeitig muss Europa seine regulatorische Gestaltungsmacht so einsetzen, dass Innovation und Wettbewerb gefördert werden. Digitale Souveränität ist dabei kein Zustand, der vollständig erreicht oder verloren wird. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von technologischer Kompetenz, wirtschaftlicher Stärke und politischer Gestaltung.
Für Unternehmen bedeutet das vor allem eines: Cloud-Strategien sind längst nicht mehr nur eine Frage von Kosten oder Skalierbarkeit. Sie werden zu einer strategischen Infrastrukturentscheidung. Wer zentrale Daten, Anwendungen und KI-Systeme auf bestimmten Plattformen aufbaut, legt damit auch langfristige Abhängigkeiten fest.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Europa vollständig unabhängig von globalen Cloud-Anbietern werden kann. Entscheidend ist, ob es gelingt, eigene technologische Fähigkeiten und Infrastruktur so zu stärken, dass Kooperation aus einer Position eigener Handlungsfähigkeit heraus möglich bleibt und digitale Schlüsseltechnologien nicht vollständig außerhalb der eigenen Gestaltungsmacht liegen.
* Die Autorin Prof. Dr. Iris Lorscheid ist Dekanin der Wirtschaftsfakultät und leitet den Studiengang Digital Business and Data Science. Die Diplom-Informatikerin promovierte summa cum laude an der TU Hamburg-Harburg; ihre Dissertation wurde 2014 von der Hamburger Volksbank Stiftung prämiert. Prof. Lorscheid ist Expertin für Data Science sowie agentenbasierte Simulation sozialer Systeme und datenbasierter Theorieentwicklung. Sie ist Vorstandsmitglied der European Social Simulation Association, im Beirat des Projekts AI for Assessment (Volkswagenstiftung), Redaktionsmitglied des Journal of Artificial Societies and Social Simulation und Gutachterin in verschiedenen etablierten internationalen Fachzeitschriften.