Das Technologie-Ökosystem Europas hat inzwischen einen hohen Reifegrad erreicht. Mit der Umsetzung des AI Acts und der NIS2-Richtlinie ist digitale Souveränität zu einer zentralen operativen Notwendigkeit geworden.
Europa verfügt sowohl über das nötige technische Know-how als auch die erforderlichen regulatorischen Rahmenbedingungen, um ein KI-Modell zu etablieren, das leistungsstark, überprüfbar und frei von aufgezwungenen Abhängigkeiten ist.
Die Studie „The State of Cloud in Europe 2026“ von Forrester bestätigt diesen Trend: Für 48 Prozent der europäischen Entscheidungsträger ist Souveränität mittlerweile der ausschlaggebende Faktor bei der Auswahl eines Cloud-Anbieters.
Dennoch konzentriert sich die Debatte nach wie vor zu sehr auf die physische Infrastruktur, also den Standort von Rechenzentren und Servern. Die geografische Lage ist eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung. Die digitale Zukunft Europas hängt letztlich von seiner Fähigkeit ab, seinen gesamten KI-Stack zu kontrollieren – von der Hardware bis hin zu den Software-Frameworks.
Die Illusion von der Infrastruktur-Souveränität
Viele europäische Unternehmen fühlen sich sicher, weil ihre Server auf europäischem Boden stehen. Wenn diese Unternehmen jedoch ihre kritischen Modelle auf proprietären Plattformen und über geschlossene APIs trainieren und einsetzen, die sich im Besitz außereuropäischer Konzerne befinden, geben sie ihren strategischen Vorteil dennoch ab.
Jede Anfrage an eine proprietäre KI-Schnittstelle in ausländischem Besitz schafft eine weitere Ebene der Abhängigkeit. Dieser Transfer von Know-how, Geschäftskontext und Wert entzieht sich der Kontrolle. Im Falle geschäftlicher Neuausrichtungen oder der Durchsetzung extraterritorialer Gesetze wie des Cloud Act laufen diese Unternehmen Gefahr, dass ihre digitalen Agenten – die eigentlichen Triebkräfte ihrer zukünftigen Produktivität – gedrosselt oder abgeschaltet werden. Wahre Souveränität erfordert, noch weiter zu gehen und vollständige Unabhängigkeit auf allen Ebenen zu erreichen.
Das französische Modell für „digitale Geopatriation“
In Frankreich hat ein grundlegendes Umdenken die Landschaft umgestaltet. Die von Persönlichkeiten wie der Digitalministerin Anne Le Hénanff vertretene Doktrin signalisiert einen strukturellen Wandel. Indem Frankreich eine Neuausrichtung des öffentlichen Beschaffungswesens zugunsten souveräner Lösungen fördert und sich für die „Geopatriation“ kritischer Daten einsetzt, geht es mit gutem Beispiel voran. Das öffentliche Beschaffungswesen wird nun als Hebel genutzt, um lokale Anbieter zu stärken.
Diese Doktrin schafft eine vertrauenswürdige Infrastruktur: zertifiziert, transparent und immun gegen Druck von außen. Frankreichs Beispiel muss nun über die nationalen Grenzen hinausgehen und einen gemeinsamen europäischen Ansatz vorantreiben. Nachdem die Grundlage für eine „standardmäßig souveräne Cloud“ gelegt wurde, liegt es nun an der Europäischen Union, sie in einen kontinentalen Standard umzuwandeln.
Die deutsch-französische Achse der Resilienz
Deutschland, Europas industrielle Lokomotive, schließt sich dieser Vision zunehmend an. Seit einigen Jahren fordern mehrere Stimmen in früheren und aktuellen Bundesregierungen eine deutliche Verringerung technologischer Abhängigkeiten. Digitale Souveränität bildet den Anker der deutschen Digitalstrategie und des Koalitionsvertrags der Bundesregierung, insbesondere durch die Förderung offener und interoperabler Cloud-Infrastrukturen.
Ziel ist es, technologische Kapazitäten zu sichern sowie Abhängigkeiten von Anbietern aus den USA und China zu verringern. Forschung, Entwicklung und der Einsatz von Schlüsseltechnologien sollen konsequent vorangetrieben werden. Starke Ökosysteme, die Industrie, Wissenschaft und Gesellschaft umfassen, sowie der Transfer von Forschung in die Praxis werden als wesentlich angesehen.
In Deutschland wird digitale Souveränität im Kontext der Europäischen Union betrachtet, da sich viele Herausforderungen nur gemeinsam auf europäischer Ebene bewältigen lassen. Die Regierung setzt bewusst auf Open Source, offene Standards und offene Schnittstellen. Zu den relevanten Initiativen und Institutionen zählen das Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS), die Sovereign Tech Agency und der Sovereign Tech Fund sowie SPRIND (Bundesagentur für Sprunginnovationen).
Die Kombination aus Frankreichs strategischer Konsequenz und Deutschlands industrieller Stärke bietet eine historische Chance. Gemeinsam können sie Open-Source-Software als einzigen Garanten für überprüfbare, transparente und wirklich souveräne KI etablieren.
Stand: 08.12.2025
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Die Antwort auf die Dominanz proprietärer Modelle im Bereich der KI liegt in der Verbindung von souveräner Infrastruktur und offenen Modellen. Der Einsatz von Open-Source-Frameworks in einer europäischen souveränen Cloud stellt sicher, dass sowohl die Hardware- als auch die Software-Ebene unter lokaler Kontrolle bleiben.
Im Gegensatz zu geschlossenen Systemen ist ein offener KI-Stack vollständig auditierbar. Er ermöglicht es Organisationen, Entscheidungsmechanismen nachzuvollziehen, Modelle an ihre Bedürfnisse anzupassen und sich von der Bindung an einen einzigen Anbieter zu befreien. Hier liegt der Kern wahrer Innovation. Durch die Nutzung eines offenen Ökosystems aus Tools und Partnern kann Europa sein kreatives Potenzial entfalten, eigene Vorreiter fördern und sicherstellen, dass KI seinen Werten, Gesetzen und Gemeinschaften dient.
Im Zeitalter von Agentic AI werden autonome Systeme die Lieferketten verwalten, Stromnetze optimieren und öffentliche Dienste überwachen. Wenn die Logik, die diese Agenten steuert, weiterhin im Besitz ausländischer Akteure bleibt, wird Europa seine Fähigkeit für unabhängige Entscheidungen verlieren.
Es ist nicht länger hinnehmbar, dass Europas strategische Industriedaten die Modelle globaler Wettbewerber bereichern. Der Einsatz lokaler KI-Stacks, die souverän betrieben werden, stellt die entscheidende Herausforderung in diesem Jahr dar. Beobachtbarkeit, menschliche Validierung und Security-by-Design müssen zu den Säulen dieser neuen Infrastruktur werden.
Europa verfügt sowohl über das nötige technische Know-how als auch die erforderlichen regulatorischen Rahmenbedingungen dafür. Der Erfolg seiner digitalen Strategie hängt nun von der gemeinsamen Entschlossenheit ab, unabhängige Lösungen zu nutzen. Auf Basis der deutsch-französischen Dynamik kann die EU ein KI-Modell etablieren, das leistungsstark, überprüfbar und frei von aufgezwungenen Abhängigkeiten ist. Souveränität sollte nicht als Rückzug betrachtet werden, sondern als unverzichtbare Basis für nachhaltige Innovation.
* Der Autor Kevin Cochrane ist seit mehr als 25 Jahren im digitalen Marketing und in der digitalen Kundenerfahrung tätig. Er war 1996 Mitbegründer seines ersten Start-ups, Interwoven. Er leistete dann Pionierarbeit bei Alfresco für die Entwicklung des ersten Open-Source-Systems für Enterprise Content Management (ECM) und förderte die Akzeptanz und Nutzung von Open-Source-Technologie in globalen Unternehmen und Organisationen des öffentlichen Sektors. Weiter leistete er Vorarbeit für die weltweite Einführung der Experience-Management-Plattform von Adobe und die Schaffung der Adobe Marketing Cloud. Bei Vultr arbeitet er nun daran, die globale Markenpräsenz von Vultr für unabhängige Cloud-Plattformen und flexible Infrastrukturen für Unternehmen weltweit aufzubauen.