Cloud-Trends 2018 für den deutschen Markt

Public Cloud boomt, Preise sinken

| Autor / Redakteur: Michael Matzer / Florian Karlstetter

Welche Cloud-Trends zeichnen sich aktuell im deutschen Markt ab? Marktforscher und Branchen-Experten beziehen Stellung.
Welche Cloud-Trends zeichnen sich aktuell im deutschen Markt ab? Marktforscher und Branchen-Experten beziehen Stellung. (Bild: © peshkova - stock.adobe.com)

In Deutschland boomt die Public Cloud, die Preise sinken, die Angebotsplatte wird breiter. Das zwingt Anbieter und Nutzer von On-premises-Software und Private Cloud Angeboten, auf das Hybrid-Cloud-Modell umzusatteln, in dem Public Cloud Services integriert sind (Compute, Storage usw.). ERP-Anbieter und Managed Service Provider können sich diesem Trend nicht verschließen.

Die Marktforscher von ISG erwarten, dass der deutsche Markt für Public Cloud Services bis 2020 um jährlich 26 Prozent wächst. Im Jahr 2020 dürften 40 Prozent der IT-Workloads aus der Public Cloud bereitgestellt werden. Das betrifft IaaS, PaaS und SaaS.

Ein besonders beachtliches Wachstum legt dabei der Infrastrukturbereich hin, der Rechen- und Speicherkapazität bereitstellt. Der deutsche Jahresumsatz soll von 600 Mio. Euro in 2015 auf nahezu 2 Mrd. Euro in 2019 ansteigen, sich also mehr als verdreifachen. In diesem dynamischen Markt hat bereits ein harter Verdrängungswettbewerb stattgefunden, so dass Mitspieler gegangen sind, während andere eintraten. Platzhirsch ist nach wie vor AWS, gefolgt von IBM und der Telekom/T-Systems.

Zu beobachten sei laut Heiko Henkes von ISG, dass die Hyperscaler wie MS Azure und AWS näher an den deutschen Kunden und auf dessen Anforderungen eingehen, vor allem in puncto Security. 2017 sei das Jahr der Public Cloud Orchestrierung gewesen, zu der vor allem Lifecycle-, Kosten- und Performance-Management gehören. Die Provider im Leader-Umfeld haben ihre Hausaufgaben in dieser Hinsicht gemacht. „Der Neueinsteiger fluidOps geht dabei sogar noch einen Schritt weiter und punktet wie kaum eine andere Lösung mit analytischen Integrationsfähigkeiten.“

Die Auguren der Forrester Group sehen den Konsolidierungstrend ebenfalls. Doch aufgrund „gesunden, dynamischen Cloud-Wettbewerbs“ werde es zum Aufstieg spezialisierter und branchenspezifischer Clouds in Regionalmärkten kommen.

Private Cloud und Hybrid Cloud

Beim Thema „Hybrid Cloud Readiness“ führt der ISG-Studie zufolge kein Weg an Microsoft und an VMware als Platzhirsche im Private-Cloud-Segment vorbei. VMware geht Partnerschaften ein, um für den Übergang von der Private Cloud zur Public Cloud zu sorgen und stellt dafür „Steigbügel“ für Kunden bereit, egal mit welchem Cloud-Infrastruktur-Anbieter sie kooperieren. Gleichzeitig fährt VMware das eigene Engagement als Infrastrukturanbieter zurück.

„Microsoft liefert bekanntlich schon viele Jahre Infrastruktur- und Business-Software und ist daher in einer guten Position“, urteilt Heiko Henkes. Seit kurzem bietet Microsoft über Azure Stack eine neue IaaS/PaaS Appliance mit OEMs an, die sich primär über Professional Services differenzieren. AWS fehle eine solche Appliance noch komplett. Google sei jüngst eine Partnerschaft mit Cisco eingegangen, um im Bereich On-Premises / Private Cloud näher am Kunden arbeiten zu können.

Public-Cloud-Integration bewegt den gesamten Markt

ISG Provider Lens Germany 2018

Public-Cloud-Integration bewegt den gesamten Markt

10.01.18 - Deutsche Unternehmen geben in diesem Jahr rund 17 Milliarden Euro für Public Cloud Computing aus. Somit ist die Public Cloud das Fundament der digitalen Transformation. Dies geht aus der Untersuchung der „ISG Provider Lens Germany 2018 – Cloud Platforms & Technology/Access Services“ der ISG Information Services Group hervor. lesen

Auch die Berater der Forrester Group sehen noch eine ganze Menge Leben in der Private Cloud. „Während nur wenige Unternehmen sich an den erwarteten Vorteilen privater, auf Infrastruktur orientierter Clouds erfreuen konnten, ist ein erneuter Fokus auf die Unterstützung von Entwicklern zu verzeichnen.“ Diese würden zuerst die On-premises-Cloud nutzen, könnten dann aber eine Reihe neuer Technologiestapel ins Spiel bringen.

Im Jahr 2016 verzeichneten im Rahmen des Hybrid Cloud Managements laut ISG insbesondere Container wie Docker einen Durchbruch für Neuinstallationen und agile Infrastruktur-Teams. „Lösungen werden immer ausdifferenzierter und modularer; dies zeigt sich in der Produktvielfalt und in dem Tiefgang: Längst ist man von der Ressourcenprovisionierung zur komplexen Multi-Cloud-Orchestrierung inklusive Cluster- und Knoten-Management sowie Enterprise-konformen Abrechnungsfunktionen übergegangen.“ Forrester erwartet, das Hybrid-Cloud-Management-Lösungen als Teile verkauft oder kostenlos beigepackt werden.

Statt wie erwartet Docker werde jedoch laut Forrester Kubernetes das Rennen um die Vorherrschaft bei der Container-Orchestrierung machen. Ein möglicher Grund: Sowohl Google als auch VMware/Pivotal (als Teil von EMC Dell) fördern die Kubernetes-Nutzung massiv.

ERP-Lösungen und SaaS

Die Schlacht um den ERP-Markt ist noch längst nicht entschieden. Frank Termer, Software-Experte des Branchenverbands Bitkom, sagt: „Wie im Vorjahr verzeichnen die ERP-Anbieter im 7. ERP-Barometer die größte Nachfrage im Bereich der On-Premises-Lösungen (62 Prozent).“ Damit behalten Unternehmen die vollständige Kontrolle über ihre geschäftskritischen Daten, müssen jedoch auch die Installation, Wartung und Kontrolle der Software selbst tragen. „Obwohl der Trend zum Cloud Computing geht, ist die Nachfrage nach On-Premises-Lösungen beim Kunden nach wie vor hoch“, so Termer. Aber auch das Interesse an anderen ERP-Lösungen steige zunehmend.

Lars Landwehrkamp, Vorstandssprecher der All for One Steeb AG.
Lars Landwehrkamp, Vorstandssprecher der All for One Steeb AG. (© All for One Steeb AG)

44 Prozent der vom Bitkom Befragten geben an, dass Produkte wie Hosting- oder Infrastructure-as-a-Service-Lösungen besonders gefragt seien. Vier von zehn ERP-Unternehmen berichten von einer starken Nachfrage nach Private-Cloud- oder Software-as-a-Service-Lösungen (SaaS). Bei jedem fünften Anbieter (21 Prozent) würden Public-Cloud-Lösungen stark nachgefragt. Dieser Befund bestätigt die Prognosen von ISG bzw. Experton Group.

„Die Nutzung erfolgt deutlich zweigeteilt“, konstatiert Lars Landwehrkamp, Vorstandssprecher des SAP-Dienstleisters All for One Steeb AG in Filderstadt. „Die Fachbereiche wie HR oder Vertrieb und Marketing setzen voll auf die Public Cloud. Die Kernanwendungen wie ERP hingegen bleiben primär in der Private Cloud und werden vermehrt von einem externen Dienstleister betrieben. Diese Zweiteilung liegt daran, dass sich die Fachbereiche und IT Abteilung mit ganz unterschiedlichen Geschwindigkeiten weiterentwickeln."

Customizing der Private Cloud

Jochen Wießler, Managing Director bei Unit4.
Jochen Wießler, Managing Director bei Unit4. (© Unit4)

ERP-Anwendungen folgen nicht länger einem Einheitskonzept“, erläutert Jochen Wießler, Managing Director bei Unit4. „Vielmehr sehen wir eine Orientierung hin zu individuellen Entscheidungen basierend auf der jeweils bestmöglichen Infrastruktur und der optimalen industriespezifischen Anwendungs-Lösung.“ Die Orientierung hin zu Cloud-basierten Modellen in Infrastruktur und Anwendung nehme indes stark zu. „2018 wird sich dies nochmal steigern, doch für die meisten großen Organisationen sehen wir den Trend zu Hybrid-Lösungen.“

Die Gründe für seine Prognose hat Wießler in der eigenen Geschäftspraxis gesehen: „Im ersten Halbjahr 2017 konnte Unit4 ganz allgemein ein überproportional hohes Wachstum im Bereich SaaS verzeichnen. Deshalb bin ich sicher, dass dieser Trend in 2018 anhalten und sich weiter durchsetzen wird.“ Das gelte insbesondere für Cloud-Lösungen, die Unit4-Kunden einen schnellen Nutzen versprechen. „Genau darauf - und auch natürlich auf unsere Branchenerfahrung - werden wir weiter setzen.“ Landwehrkamp sagt voraus, dass künftig Provider wie All for One Steeb dem Kunden komplette Lösungen in der Private Cloud maßschneidern, bereitstellen und betreiben werden. „Dieser Trend wird stark zunehmen. Aber solche individuellen Kern-Anwendungen werden wir in der Public Cloud erst in drei bis fünf Jahren sehen.“

Migration und Tools

Doch wie kommen die Kunden in die Cloud? Laut ISG-Studie werden Anwendungen immer häufiger auch im Rahmen des Transfers von der Private zur Public Cloud per Lift & Shift in eine neue und Cloud-basierte Umgebung verschoben, sofern dies ohne ein eher kostspieliges Re-Architect-Verfahren möglich ist. „Der SaaS-Markt dominiert daher nicht nur die Umsatzzahlen, sondern auch das Tool- und Lösungsangebot", schreibt ISG-Sprecher Heiko Henkes. „Tools für das Application Performance Monitoring und für die Release Automation liegen im Trend.“

Was die Kunden in der SaaS-Cloud am meisten nachfragen, ist je nach Firmengröße unterschiedlich. „Unternehmen wünschen sich Cloud-Lösungen wie Performance- oder Student-Management, weil die Implementierung schnell geht und weil sie rasch den Nutzen der Lösung erkennen“, weiß Jochen Wießler. „Bestehende ERP-Kunden migrieren vermehrt in die Cloud, weil sie die Anwendungen inklusive Infrastruktur nicht mehr selbst betreiben wollen.“ Das ist ja der Sinn und Zweck von IaaS. Sicherheitsbedenken seien ausgeräumt worden: „Die Funktionalitäten im Bereich Datensicherheit haben in Cloud-Umgebungen deutlich zugenommen, denn sie sind zumeist über die Software definiert und daher leichter zu implementieren und zu managen.“

Innovationstreiber vs. Altlasten

Der Innovationstreiber in Sachen KI, Big Data Analytics und Blockchain ist in Wießlers Augen „eindeutig die Cloud“. Neue Lösungen wie beispielsweise der digitale ERP-Assistent „Wanda“ von Unit 4 brächten Unternehmen zunehmend dazu, in die Cloud zu wechseln und deren Vorteile zu nutzen. „Und selbst wenn keine Migration in die Cloud stattfindet, werden Unternehmen von KI- und Big Data-Services profitieren, die als Services aus der Cloud konsumiert werden können.“

„Vielfach wird die digitale Transformation als Erweiterung des bisherigen Geschäftsmodells realisiert“, weiß Lars Landwehrkamp. „Einer unserer SAP-Kunden, ein Industrietextildienstleister, hat seine Arbeitskleidung 'intelligent' gemacht, indem er sie mit Sensoren versah, diese Daten in der Cloud verarbeiten lässt und dann direkt in SAP die Logistik viel genauer steuert und viele zusätzliche Services anbietet.“ Einen Zwang, in die Cloud zu gehen, um die Technologie einsetzen zu können, gebe es grundsätzlich nicht. Viele neue Lösungen wie SAP Leonardo werden jedoch nur in der Cloud betrieben.

Entscheidend sei immer, wieviel Mehrwert sich dabei für den Mehrwert des Kunden realisieren lasse. Denn dieser will in einem schnelllebigen Markt wettbewerbsfähig bleiben. Wenn also SAP aufwändig einen neuen Algorithmus für die Buchhaltung entwickle, dann sicher nur deshalb, weil die bisherige Rechnungseingangsprüfung bislang Heerscharen von Mitarbeitern erfordert habe – viele von ihnen könne man in Zukunft ersetzen und besser einsetzen.

„Viele alte IT-Leiter sind eher gegen die Cloud eingestellt und definieren sich primär über ihre On-premises-Systeme“, hat Lars Landwehrkamp erkannt. „Neue Generationen von CIO’s, hingegen kennen oft gar nichts anderes als die Cloud und sind folglich skeptisch gegenüber On-premises-Systemen.“ Er ist sicher, dass während der Zeit des Übergangs von einer Generation zur nächsten Hybrid-Cloud-Szenarien dominieren und sich schließlich durchsetzen werden. Die Forrester Group sieht den Wechsel in der jeweiligen Unternehmenskultur dadurch erleichtert, dass „immersive Schulungserfahrungen in Labors“ den Kenntnisstand der Verantwortlichen verändern oder zumindest erweitern.

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45100612 / Allgemein)