Interview mit dem neuen Managing Director Central Europe von Sage, Andreas Zipser

Multi Cloud: Kommt 2020 der große Durchbruch?

| Autor / Redakteur: Dr. Dietmar Müller / Florian Karlstetter

Der frisch berufene Managing Director Central Europe Andreas Zipser zählt „Innovation und Cloud Computing im Mittelstand“ zu seinen besonderen Anliegen.
Der frisch berufene Managing Director Central Europe Andreas Zipser zählt „Innovation und Cloud Computing im Mittelstand“ zu seinen besonderen Anliegen. (Bild: Sage)

Sage war lange als Experte für ERP im Mittelstand bekannt. Das Unternehmen will heute eher als „Technologieführer für Cloud-basierte Unternehmenslösungen“ wahrgenommen werden. Da passt ins Bild, dass der frisch berufene Managing Director Central Europe Andreas Zipser „Innovation und Cloud Computing im Mittelstand“ zu seinen besonderen Anliegen zählt. Wir haben ihn zur neusten Studie von IDC zur Cloud-Nutzung in Deutschland befragt und wollten seine Erfahrungen mit den deutschen Mittelständlern hören.

„Die Cloud ist heute Commodity“ verkündet IDC in Hinblick auf die Ergebnisse der jüngsten Studie zur Cloud-Nutzung in Deutschland. „Cloud Services und Cloud-Technologie haben sich in den Unternehmen in Form von Public Cloud und Private Cloud längst etabliert“, heißt es darin. Tatsächlich nutzt jedoch nur ein Bruchteil der deutschen Unternehmen hochoffiziell eine Cloud, und wenn, dann eine private. Herr Zipser, wie sind hier Ihre Erfahrungen im Umgang mit Ihren Kunden?

Wir sehen bei unseren Kunden sehr deutlich: Das Vertrauen in die Cloud wächst. Das sehen wir auch daran, dass Cloud-basierte Anwendungen immer stärker nachgefragt werden, da viele Anwender darin den klaren Vorteil sehen, dass sich auf diese Weise der eigene Administrationsaufwand in der IT spürbar reduzieren lässt.

Sage bietet seinen Kunden native Cloud-Lösungen im Rahmen der Sage Business Cloud an. Hierbei decken wir das komplette Spektrum an Anwendungen für kleine, mittlere und große Unternehmen ab: Von der Buchhaltungs- und Lohnabrechnungssoftware, über Finanzbuchhaltungs- und Warenwirtschaftslösungen bis hin zu komplexen Enterprise Management und People Systemen. Die Lösungen der Sage Business Cloud sind darüber hinaus skalierbar. Das heißt, wenn sich unsere Kunden auf Wachstumskurs befinden, wächst unsere Software aus der Cloud automatisch mit und kann flexibel an die sich verändernden Rahmenbedingungen angepasst werden.

Ein weiterer Grund, weshalb sich unsere Kunden immer zahlreicher für Software aus der Cloud entscheiden, ist die Sicherheit der Anwendungen und der damit verwalteten Daten. Unsere Cloud-Lösungen werden ausschließlich in deutschen Rechenzentren gehostet. Diese entsprechen höchsten Sicherheitsstandards, die damit selbstverständlich nicht nur für die Software selbst, sondern auch für die Daten und Workloads unserer Kunden gelten, die diese über unsere Systeme in die Cloud geben.

Die Auslagerung von Workloads und Daten in die Cloud kann aber auch über On-Premise-Systeme erfolgen, die Cloud-connected sind, also über entsprechende Schnittstellen zu Cloud- und web-basierten Anwendungen verfügen. Das sind bestehende Zusatzlösungen in der Cloud, welche die Funktionen der On-Premise-Software ergänzen und erweitern. Dies beginnt beim klassischen Online-Backup, welches in der Cloud gespeichert wird, und reicht bis hin zu Anwendungen wie PayPal, Microsoft Office 365 oder Elster, der Software für die elektronische Steuererklärung. Das heißt, wer in seinem Unternehmen nach wie vor Desktop-Anwendungen im Einsatz hat, kann damit auf diesen Wegen auch schon über die Auslagerung von Teilprozessen den sanften Einstieg in die Cloud beginnen ohne die gesamte IT-Infrastruktur auswechseln zu müssen.

Durch die sogenannte Schatten-IT hat die Cloud tatsächlich in fast alle Unternehmen Einzug gehalten. Bekanntlich nutzt immer irgendeine Abteilung oder einzelne Mitarbeiter diverse Cloud-basierte Apps, um die Arbeit besser geregelt zu bekommen. Das eröffnet Sicherheitslücken. Was empfehlen Sie ihren Kunden, um die Diffusion von Unternehmensdaten einzudämmen?

Hier ist die Implementierung einer klaren IT- und Cloudstrategie das A und O. Unternehmen müssen klar definieren, welche Apps verwendet werden dürfen und welche nicht. Der große Vorteil dieser Zusatzanwendungen ist, dass bestehende Systeme damit um hilfreiche Spezialfunktionen erweitert werden, welche die Arbeiten mit der Software erleichtern. Für Anwender bedeutet das mehr Flexibilität und mehr Effizienz. Für IT-Verantwortliche birgt das aber auch die Herausforderung, den Überblick über die verwendeten Apps zu behalten. Die Gefahr der Diffusion von Daten in die Cloud steigt, je unübersichtlicher die App-Landschaft in einem Unternehmen ist. Hier können strategische Grundsatzentscheidungen helfen, klare Richtlinien zu schaffen und „App-Wildwuchs“ zu vermeiden.

Laut IDC betreiben 87 Prozent der für die Studie befragten Unternehmen Enterprise-Anwendungen (ERP und CRM) hauptsächlich in der Cloud (Public, Private Cloud im Provider Data Center oder Private Cloud im eigenen Data Center). Das sind vorrangig solche Workloads, die skalierbare Ressourcen benötigen. Das sind glänzende Aussichten für Sage und Ihre Cloud-basierten Business-Lösungen. Oder?

Workloads, die skalierbare Ressourcen benötigen, können zum einen klassischerweise Datenmengen sein, die mit einem IT-System verwaltet werden. Zum anderen kann man darunter aber auch die Anzahl der Mitarbeiter verstehen, die mit der Software arbeiten.

Wenn Unternehmen wachsen, dann werden nicht nur die zu bearbeitenden Datenmengen größer, sondern es werden auch mehr User auf das System zugreifen – sowohl von unterschiedlichen lokalen als auch internationalen Standorten aus. Die Lösungen der Sage Business Cloud sind genau dafür ausgelegt, expandierenden Unternehmen hierfür die passende Infrastruktur bereitzustellen. Vor allem unser Finanz- und ERP-System Sage Business Cloud Enterprise sowie die HR- und People-Lösung Sage Business Cloud People richtet sich an mittelständische Kunden, die ihren nationalen und internationalen Aktionsradius ausweiten wollen.

Wir verstehen die Sage Business Cloud von daher als Software-Baukasten, mit dem wir unsere Kunden im Rahmen ihrer beruflichen Weiterentwicklung unterstützen. Das heißt, Unternehmen können mit der Software aus der Sage Business Cloud wachsen und über zahlreiche Schnittstellen, andere vorhandene Anwendungen im Betrieb integrieren. Gleichzeitig kann mit Cloud-basierten Anwendungen der Administrationsaufwand in der internen IT signifikant verringert werden, da das Hosting der Software komplett in der Verantwortung des System-Providers liegt. Das bedeutet, Unternehmen haben damit mehr Kapazitäten, um sich noch stärker auf ihr Kerngeschäft konzentrieren zu können.

In den vergangenen Jahren wurden in rascher Folge Technologien, Lösungsansätze, Frameworks und Deployment-Modelle neu entwickelt und optimiert. Sie verfügen über ein großes Potential zur Verbesserung der internen Prozesse, zur Erhöhung der Profitabilität oder auch zur Digitalisierung von Prozessen und Geschäftsmodellen – so IDC im Begleittext zu den Studienergebnissen. Welche Technologie hat Sie in jüngster Zeit am meisten fasziniert?

Künstliche Intelligenz. Denn hinsichtlich der bereits existierenden und der als Potenziale sich abzeichnenden Anwendungsbereiche gehört künstliche Intelligenz zu den wegweisenden Antriebskräften der Digitalen Revolution. Was die Möglichkeiten anbelangt, mit KI Prozesse zu automatisieren stehen wir erst noch ganz am Anfang. Aber bereits jetzt lassen sich damit beträchtliche Effizienzpotentiale heben.

Chatbots als eine Ausprägung von Künstlicher Intelligenz sind dafür ein gutes Beispiel. Dabei handelt es sich um eine Benutzerschnittstelle, bei der die Ein- und Ausgaben in natürlicher Sprache erfolgen, was für den Anwender nicht nur einfacher ist, sondern auch Zeit spart, wenn er einfach nur einen kurzen Sprachbefehl in sein Smartphone eingibt, statt sich durch komplizierte Programmstrukturen zu klicken. Man kann davon ausgehen, dass die wichtigsten Schnittstellen von heute – wie Browser und mobile Apps – zukünftig von natürlich-sprachlichen Schnittstellen abgelöst werden, gesteuert von künstlicher Intelligenz.

Mit dem Chatbot Pegg nutzen wir bei Sage Künstliche Intelligenz auch aktiv in unseren Produkten. Wir haben Pegg in unsere Software für Start-Ups und kleine Unternehmen Sage 50cloud integriert. Der Chatbot verfügt derzeit über eine Schnittstelle zur Finanzbuchhaltung. Unternehmen können damit Routineaufgaben wie das Kreditoren- und Debitoren-Management oder die Buchung von Einnahmen und Ausgaben automatisieren.

Mit der Multi Cloud steht der nächste Evolutionsschritt auf dem Weg zur nahtlosen und automatisierten Bereitstellung von IT-Ressourcen und Businessplattformen aus internen und externen Quellen ins Haus. Laut IDC wird dieses Verfahren aber lediglich von einem Bruchteil der deutschen Firmen eingesetzt, bis 2020 soll sich das allerdings drastisch ändern. Wie sind Ihre Erfahrungen? Nutzen Ihre Kunden bereits mehrere Clouds?

Sage selbst ist Anbieter von Systemen, die über Multi-Cloud-Architekturen gehostet werden und arbeiten mit insgesamt drei Plattformen: Microsoft Azure, Amazon Web Services und Salesforce. Diese nutzen dann natürlich auch unseren Kunden, wenn sie unsere Produkte im Einsatz haben.

Hier ein praktisches Anwendungsbeispiel für diese Form von Multi-Cloud-Hosting: Unsere Personalsoftware Sage HR Suite Plus wird auf Microsoft Azure gehostet und unsere Finanzlösung Sage Business Cloud Finanzen auf Salesforce. Gleichzeitig kann es sein, dass Kunden mit Sage 100cloud noch eine On-Premise Lösung im Einsatz haben, die aber auch über verschiedene Schnittstellen zu weiteren cloudbasierten Anwendungen verfügt. Damit nutzt der Kunde im täglichen Geschäft faktisch eine Multi-Cloud-Architektur.

Unserer Erfahrung nach ist der Kunde relativ offen, was die Infrastruktur der Rechenzentren angeht, welche die Daten liefern. Die Serverlandschaften im Hintergrund müssen sicherstellen, dass die Daten sicher und schnell ausgetauscht werden. Und: Entscheidend ist, dass das System stabil ist und die Daten in Deutschland gehostet werden. Solange diese Standards erfüllt sind, sind unsere Kunden für Multi-Cloud-Architekturen offen.

Für das Portieren von Anwendungen und Workloads über mehrere Clouds hinweg haben sich Microservices und Container gegenüber der Virtualisierung durchgesetzt. Trägt Sage diese Entwicklung in der einen oder anderen Form mit?

Mit der sukzessiven Integration von Microsoft Office 365 als Microservice und OneDrive als Container in unsere Lösungen tragen wir diese Entwicklung in jedem Fall mit. Bei Sage 50cloud bieten wir unseren Kunden die Anbindung an Microsoft Office 365 bereits an. Weitere Integrationen in andere Sage-Lösungen werden noch folgen. Durch diese Anbindung kann sich der User in Sage 50cloud selbst ein Office-Dashboard einrichten ohne die Anwendung verlassen und zu einem externen System wechseln zu müssen. Technisch gesehen werden hier Workloads von A nach B portiert, also zum Beispiel von Office 365 in der Cloud hin zur Anwendung selbst, in die der Cloud-Service integriert ist – in diesem konkreten Fall die Desktop-Anwendung Sage 50cloud.

Die hohe Attraktivität der Multi Cloud basiert auf einer übergreifenden, integrierten und automatisierten Bereitstellung von IT-Ressourcen und Businessplattformen, beispielsweise interner Data Center Services und externer Cloud Services. Das Handling der verschiedenen Clouds ist aber alles andere als trivial. IDC-Anaklyst Matthias Zacher schreibt: „Herausfordernde und hinderliche Aspekte sind immer noch die hohe Komplexität sowie unklare Prozesse.“ Er und viele Analysten etwa von PAC und Crisp raten zum Outsourcing der Verwaltung. Interne IT-Teams seien damit überfordert. Was sind Ihre Erfahrung?

In der Tat werden IT-Teams in Unternehmen durch Muliti-Cloud-Architekturen vor ganz neue Herausforderungen gestellt und ob sie aus eigener Kraft die Administration dieser Systeme leisten können ist fraglich. Aus diesem Grund braucht es Lösungen, welche die internen IT-Departments entlasten, indem Prozesse nach extern ausgelagert werden. Unsere Outsourcing-Dienstleistung zur Auslagerung der Lohn- und Gehaltsabrechnung Sage HR Lohnabrechnung Service ist hierfür ein Beispiel. Wir bieten unseren Kunden damit nicht nur einen individuell skalierbaren Service, sondern wir betreiben damit auch gleichsam die Anwendung für den Anwender. Unseren Kunden geben wir damit die Möglichkeit, administrative Prozesse auszulagern und so Prozesse zu verschlanken und Kosten zu sparen.

Andreas Zipser wurde mit Wirkung zum 1. Oktober 2018 zum Managing Director Central Europe von Sage ernannt. Zipser leitete bereits seit Mai 2018 als Vice President Sales Central Europe kommissarisch gemeinsam mit Heino Erdmann, Commercial Finance Director, die Geschäfte von Sage in Zentraleuropa, nachdem Rainer Downar im April 2018 unerwartet verstorben war. Er berichtet direkt an Blair Crump, President der Sage Group plc. Heino Erdmann wird seine bisherige Position als Commercial Finance Director weiterführen.

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