Eine Branche virtualisiert sich Autos kommen jetzt aus der Cloud

Autor / Redakteur: Dr. Dietmar Müller / Elke Witmer-Goßner

Weltweit verbündet sich die Automobilbranche mit der Cloud-Industrie, um neue Fahrzeuge und Services an den Kunden zu bringen. Dabei hatten sich die Fahrzeugbauer zunächst sehr abweisend gegenüber den Angeboten der Hyperscaler gezeigt. Das hat sich geändert, aus vielen Gründen. Wir nennen sie.

Die Cloud hat die Automobilhersteller dieser Welt überrollt. Nach anfänglichen Versuchen, die Daten in eigenen Clouds zu halten, mussten sie in den vergangenen drei Jahren massiv umschwenken.
Die Cloud hat die Automobilhersteller dieser Welt überrollt. Nach anfänglichen Versuchen, die Daten in eigenen Clouds zu halten, mussten sie in den vergangenen drei Jahren massiv umschwenken.
(Bild: gemeinfrei© Cornfreak / Pixabay )

Die Automobilindustrie braucht die Cloud. Viel Cloud. Noch mehr Cloud. Auch wenn Autos immer noch an sogenannten Bändern zusammengesetzt werden, müssen die dafür nötigen Daten, Informationen und Abläufe auf irgendwelchen Infrastrukturen abgelegt werden.

Diese sind mehr oder weniger kostengünstig in der Public Cloud zu haben, weswegen die deutschen Autohersteller enge Bindungen an diverse Hyperscaler eingegangen sind. Besonders sensible Daten halten sie weiter in ihren eigenen Private Clouds vor. Und dann gibt es noch branchenweite Initiativen zur Nutzung der Cloud über Unternehmensgrenzen hinweg.

Es war einmal der Glaube an die Private Cloud

Es ist noch gar nicht so lange her, da war die Zukunft des Cloud Computings eine private. Den Public Clouds wollten zuallererst deutsche Mittelständler keinesfalls ihre Daten anvertrauen, auch in den Konzernetagen von BMW, Daimler und Co. herrschte große Skepsis. Wohl zu Recht: Datenschutzgesetze wie die DSGVO wurden ja nicht zuletzt deswegen erlassen, um das Abgreifen von Daten und Infos aus der Cloud durch Geheimdienste und Wirtschaftsspione zu verhindern. Im Falle des „Privacy Shield“ läuft die Diskussion ja immer noch munter weiter.

So hatte BMW bis 2013 im Rahmen der mittlerweile eingeschlafenen Open Data Center Alliance (ODCA) eine eigene Private Cloud aufgebaut. Wir zitieren dazu aus einem Artikel vom April 2013: „BMWs Private-Cloud-Strategie geht insofern einher mit der Vision idealer Infrastruktur-Services: Neben der vollkommenen Unabhängigkeit von technischen Spezifikationen oder bestimmten Herstellern, sollen diese Services Geschäftsausfallzeiten minimieren, automatisches Prozessmanagement ermöglichen und darüber hinaus kollaborative und voll integrierbare Arbeitsplatz-Lösungen entwickelt werden, um die Produktivität der Anwender zu steigern.“

Zur Umsetzung dieser Strategie wurden unter dem Projektnamen „IT-i“ zwei – für den Konzern „bahnbrechende“ – Ziele für 2012 formuliert: Erstens sollte das Projektteam für die „Post-PC-Ära“ eine standardisierte Infrastruktur-Plattform schaffen, die eine von Geräten und Anwendungen unabhängige, mobile Zusammenarbeit ermöglicht. Und zweitens sollten mit dem Entwurf und Aufbau einer Private Cloud alle Probleme rund um Security, Datensicherheit, Anbieter-Abhängigkeiten und Integrationsdefizite, die für öffentliche Cloud-Infrastrukturen typisch sind, ausgeschlossen werden.

An den Clouds der Hyperscaler führt für global agierende Unternehmen kein Weg vorbei

Dann wurde man – nicht nur bei BMW – von der Dynamik der Daten und Trends überrollt. Eine Private Cloud ist nie genug, mussten die verantwortlichen Manager lernen, denn…

  • 1. …die Menge der Daten in eine multinationalen Konzernen wie es die Automobilhersteller sind wächst einerseits in einem ungeheuren Maße, andererseits verpflichtet das Gesetz Unternehmen, diese revisionssicher abzulegen. Betrachtet man allein die Produktion, so müssen Berge von Rohdaten gesammelt, aus vielen Töpfen zusammengezogen und konsolidiert werden. Das sind, wie die Berater von Capgemini darlegen, Daten beispielsweise von Maschinen, aus „Überwachungs-, Kontroll- und Datenerfassungssystemen“, aus Manufacturing Execution Systems oder ERP-Systemen. Um daraus geschäftsrelevante Informationen zu ziehen, müssen bestehende Silos aufgebrochen und ein gewisser Grad an Offenheit hergestellt werden – das ist praktisch nur mit Cloud-Lösungen machbar.
  • 2. Solche Lösungen sorgen auch dafür, Lastspitzen abzufangen. Das ist seit vielen Jahren bekannt, musste bei den Automobilherstellern aber erst ankommen. Mittlerweile hat sich Cloud Computing im Hyperscale-Bereich aber weiterentwickelt und bildet echte Kernprozesse, insbesondere im Bereich von Logistik und Fertigung. Die gebotene, praktisch unendliche Skalierbarkeit, die AWS, Google und Microsoft bieten, sei dabei ein überzeugendes Argument.
  • 3. Die Cloud wird auch benötigt, um Apps zu entwickeln und in die Belegschaft zu bringen. „Software-Anwendungen zu bauen ist das eine, sie zu betreiben, weltweit auszurollen und zu skalieren etwas anderes“, so Lukas Birn, globaler Leiter OMP aus dem Center of Excellence von Capgemini. Hyperscaler würden für BMW, VW und Co. die „Gamechanger“ darstellen.
  • 4. Die boomenden Bereiche künstliche Intelligenz (KI) und maschinelles Lernen (ML) stellen einen weiteren wichtigen Grund für den Einsatz von hyperskalierten Cloud-Szenarien dar. Im Angebot der großen Anbieter finden sich viele entsprechende Lösungen, die aktuell in der Kundenkommunikation genauso wie in der Produktion als unabdingbar angesehen werden. Zusammen mit enormen Speicherressourcen und vorgefertigten Schemata bekommen die Anwender KI gleich mitgeliefert.
  • 5. Weiterer Stein des Anstoßes für das Umdenken hinein in die Cloud: Die sogenannte Schatten-IT boomt noch immer und belegte, dass man an der Nutzung öffentlicher Cloud-Angeboten nicht vorbeikommt – notfalls drängen sich diese nämlich massiv durch die Hintertür ins Unternehmen.

Unterm Strich folgte vor wenigen Jahren ein radikales Umdenken: Die Hyperscaler dieser Welt – Amazon Web Services (AWS), Google Cloud und Microsoft Azure – sowie diverse kleinere Provider wurden zu strategischen Partnern ernannt, aus der Not wurde eine Tugend. Wieder exemplarisch sei BMW genannt, die 2020 eine weitreichende „Kooperation“ mit AWS eingingen. Daten aus Geschäfts- und Betriebsbereichen, beispielsweise aus dem Vertrieb, der Produktion und der Wartung in über 100 Ländern sollen aktuell auf AWS migriert werden.

Darüber hinaus wollen die beiden Unternehmen in die Schulung von bis zu 5.000 Software-Entwicklern in AWS-Technologien investieren. Ziel des ganzen sei es, gemeinsam Cloud-basierte Softwarelösungen für bessere Unternehmensprozessen – von der Fahrzeugentwicklung bis zum Kundendienst – zu entwickeln.

„AWS bietet Automobilherstellern das umfassendste Portfolio an Cloud-Diensten, mit denen diese Anwendungen für jeden einzelnen Schritt der Customer Journey entwickeln können. Durch die Kombination des Expertenwissens der BMW Group mit den führenden AWS Cloud Services schaffen wir Mehrwerte für die gesamte Automobilindustrie, so dass die verschiedensten Stakeholder, vom Teilehersteller bis zum Mechaniker, von größeren Einblicken in Prozesse und besseren Erkenntnissen profitieren können “, so Matt Garman, Vice President Sales & Marketing bei Amazon Web Services.

Ein wesentlicher Baustein der Zusammenarbeit sei zudem die Weiterentwicklung des sogenannten „Cloud Data Hubs“ der BMW Group. Es handelt sich dabei um die zentrale Plattform des Herstellers für die Verwaltung von Unternehmensdaten und entsprechender Lösungen. Über diese Plattform nutzen Mitarbeiter bereits heute verschiedene AWS-Dienste, um Entwicklungs-, Produktions-, Verkaufs- und Fahrzeugleistungsdaten abzufragen und durch maschinelles Lernen Erkenntnisse zu ziehen.

Der Lock-in ist bekannt und gefürchtet

Keinesfalls will man AWS allerdings in die Falle gehen und einen „Lock-in“ riskieren. Ein Jahr zuvor hat BMW daher schon mit Microsoft eine vergleichbare Vereinbarung geschlossen. Gemeinsam bastelt man nun an einer Open Manufacturing Platform (OMP) als offene Fertigungsplattform samt branchenübergreifender Community von Herstellern und Zulieferern. Die OMP basiert auf der Microsoft Industrial IoT Cloud Plattform.

Wie sehr man sich bei BMW um Unabhängigkeit bemüht, verdeutlicht auch eine Cloud-Vereinbarung mit Nvidia aus dem April dieses Jahres: Gemeinsam will man die „Omniverse Plattform“ zur virtuellen Fabrikplanung nutzen und verschiedene Planungsdaten und -anwendungen integrieren. „Ein virtuelles Abbild unseres Produktionsnetzwerks ermöglicht uns zukünftig, einen neuartigen, integrierten Ansatz unserer Planungsprozesse umzusetzen“, so Milan Nedeljković, Produktionsvorstand der BMW AG.

Milan Nedeljković, Produktionsvorstand der BMW AG.
Milan Nedeljković, Produktionsvorstand der BMW AG.
(Bild: BMW Group)

„Die BMW Group beherrscht die Produktion individualisierter Automobile in Großserie – ihre Geschäftsprozesse zählen zu den komplexesten der Welt“, erläuterte Jensen Huang, Gründer und CEO von Nvidia. „In ihrer Vision der Fabrik der Zukunft arbeiten Mensch und Roboter zusammen, Ingenieure aus allen Disziplinen des Fabrikdesigns kollaborieren in einem gemeinsamen virtuellen Raum. Und die gesamte Fabrik wird mit höchster fotorealistischer Präzision simuliert. Omniverse wurde entwickelt, um diese Zukunft zu realisieren. Ich freue mich, dass die BMW Group Omniverse nutzt, um ihre Teams zu vernetzen, zukünftige Fabriken virtuell zu entwerfen, zu planen und zu betreiben, bevor sie in der physischen Welt gebaut werden. Das ist die Zukunft der Produktion.“

Auch VW kann es mit AWS

BMW ist wie gesagt beileibe nicht der einzige Automobilist aus Deutschland, der in der jüngsten Vergangenheit mit Hyperscalern und Cloud-Spezialisten aller Art anbandelt. Darüber hinaus sei etwa VW genannt, das seit Anfang 2019 mit AWS zusammenarbeitet. Ziel ist die „Volkswagen Industrial Cloud“, in der die Daten aller Maschinen, Anlagen und Systeme aus sämtlichen 122 Fabriken des Volkswagen-Konzerns zusammengeführt werden. Langfristig geht es auch um die Integration der globalen Lieferkette des Volkswagen Konzerns mit über 30.000 Standorten von mehr als 1.500 Zulieferern und Partnerunternehmen.

„Der Volkswagen Konzern mit seiner globalen Expertise in der Automobilfertigung und Amazon Web Services mit seinem Technologie-Know-how ergänzen sich hervorragend“, so Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender von Porsche und im Vorstand der Volkswagen AG für Produktion zuständig. „Mit unserer globalen Industrie-Plattform wollen wir ein wachsendes industrielles Ökosystem schaffen, von dessen Transparenz und Effizienz alle Beteiligten profitieren.“

Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender von Porsche.
Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender von Porsche.
(Bild: VW)

In ihrer Zusammenarbeit setzen beide Unternehmen auf die Amazon-Technologien in den Bereichen Internet der Dinge (IoT), maschinelles Lernen und Computing Services, die speziell für das Produktionsumfeld entwickelt und auf die Anforderungen der Automobilindustrie erweitert werden. Als Architektur dient die neue Digital Production Platform (DPP) von Volkswagen, an die künftig alle Standorte im Konzern wie auch weitere Unternehmen andocken.

Ford fährt mit Google

Aber nicht nur in Deutschland haben die Automobilisten die Zeichen der Zeit sowie die Bedeutung der Cloud als Basis-Technologie erkannt. Im Februar dieses Jahres hat beispielsweise der US-Konzern Ford mit Google eine weitreichende und vergleichsweise exklusive Allianz geschmiedet. Dabei setzt Ford auf Google Cloud als seinen bevorzugten Cloud-Anbieter und kann hierdurch von der Kompetenz von Google in den Bereichen Daten, KI und ML profitieren. Im Rahmen der auf sechs Jahre angelegten Zusammenarbeit stattet der Automobilhersteller ab 2023 zudem Fahrzeuge in allen Segmenten mit dem Betriebssystem Android sowie den Google-Apps und -Diensten aus.

„Von der Einführung der Fließbandfertigung bis hin zu neuesten Fahrerassistenz-Technologien hat Ford seit fast 120 Jahren das Innovationstempo in der Automobilindustrie vorgegeben“, erläutert Sundar Pichai, CEO von Google und Alphabet. „Wir sind stolz auf diese Partnerschaft. Sie nutzt das Beste unserer KI-, Datenanalyse-, Compute- und Cloud-Plattformen, um das Geschäft von Ford zu transformieren und neue Automobiltechnologien zu entwickeln, mit denen die Menschen sicher und vernetzt unterwegs sind.“

Sundar Pichai, CEO von Google und Alphabet.
Sundar Pichai, CEO von Google und Alphabet.
(Bild: Google)

Wie viele verschiedene Aspekte eine solche Cloud-Kooperation über die bereits genannten (wie den Aufbau offener Plattformen für den Austausch mit Zulieferern) einschließt, zeigt sich an den vielen verschiedenen Zielen der Allianz. Mit Google Cloud plant Ford…

  • … seinen Kunden Angebote und personalisierte Dienstleistungen zu unterbreiten;
  • … Produktentwicklung, Fertigung und Lieferketten-Management weiter zu optimieren, etwa durch KI-Technologien zur Fortbildung der Beschäftigten.
  • … die Umsetzung datengesteuerter Geschäftsmodelle zu beschleunigen.

Weitere Felder eröffnen sich durch die Cloud

Die Kooperation von Ford mit Google ist umfangreich, deckt aber noch lange nicht alle Felder ab, die mit der Cloud bedient werden können. Wieder sei BMW exemplarisch herangezogen. Es ist schlicht nicht möglich, jede Initiative eines jeden Automobil-Herstellers in diesem Bereich anzuführen, daher betrachten wir beispielhaft den weiß-blauen Anbieter mit dem Propeller, um die vielen Facetten der Cloud-Nutzung auszuleuchten. Klar ist, dass auch Mercedes, Audi, Porsche, Opel, Fiat, Peugeot, etc. tolle Wagen bauen und digital ganz vorne mitspielen.

Im Juli 2020 veröffentlicht BMW sein bislang umfangreichstes Software-Upgrade für seine Fahrzeuge mit dem Operating System 7. In der Auto-Branche nennt man das „over-the-air“, wir in der Cloud-Industrie kennen das seit vielen Jahren als „as-a-Service“ (Dank an Marc Benioff, der bereits Ende der 90er mit Salesforce diesen mittlerweile stehenden Begriff geprägt hat). Die Fahrzeuge werden also seit 2018 beständig aus der Cloud mit neuester Software „betankt“.

Davon betroffen ist auch Android Auto, das seit dem Update von 2020 fester Bestandteil der BMW-Fahrzeuge ist. Es bietet die Nutzung von Smartphone-Funktionen wie Musik, Medien oder Messaging Apps während der Fahrt. Mit Hilfe des Google Assistant kann der Kunde mit seinem Smartphone interagieren und die ausgeführten Aktionen auf dem Info Display des Fahrzeugs anzeigen.

Alibaba spricht mit dem Fahrer

Ein weiteres Feld der Cloud-Nutzung eröffnete BMW in China: Spracherkennung ist in Autos mittlerweile ein alter Hut, dass sie aus der Cloud gesteuert wird, aber eher ein neues Unterfangen. Seit Ende 2019 ist in ausgewählten BMW-Modellen in China „Tmall Genie“ integriert, der Sprachassistenten der Alibaba A.I. Labs. Deren Fahrer können seit dem ihren Fahrzeugstatus von zu Hause aus überprüfen. So lassen sich per Sprachsteuerung etwa der Lade- oder Füllstand des Wagens abrufen oder Funktionen über Remote Services steuern.

„Mit der Integration von Alibabas Tmall Genie in BMW-Fahrzeuge in China ergänzen wir ein digitales Ökosystem, welches dem Kunden im Auto ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Damit erreichen wir in China einen weiteren Meilenstein in der Vernetzung des BMW mit den digitalen Touchpoints des Kunden“ sagt Dieter May, Senior Vice President Digital Products und Services BMW Group.

Auch autonomes Fahren ist ohne die Cloud nicht möglich

Ein weiteres durch die Cloud eröffnetes Feld für die Automobilbranche ist das autonome Fahren. Um das Thema wurde es zuletzt naturgemäß etwas ruhiger, die Arbeit und Forschung daran geht aber munter weiter. Noch in diesem Jahr soll das Serienfahrzeug des BMW Vision iNEXT als erstes Fahrzeug der BMW Group optional über ein Level 3 System verfügen. Dieses System werde dem Fahrer auf der Autobahn erlauben, bis maximal 130 km/h die Fahraufgabe über einen längeren Zeitraum an das Fahrzeug zu übergeben. Zeitgleich soll eine Flotte von Testfahrzeugen Ende 2021 den Betrieb aufnehmen, die in definierten urbanen Umfeldern die Level 4 Funktion – d.h. fahren ohne jede Fahrerintervention – in großangelegten Versuchen erproben wird.

Basis für diese Innovation ist die neue BMW Group High Performance D3-Plattform. Das „D3“ im Namen der neuen Plattform steht für Data-Driven Development. Das Grundprinzip folgt der Annahme, dass die Komplexität und Vielzahl von Verkehrssituationen auf allen Kontinenten insbesondere über enorme Datenmengen abbildbar und damit beherrschbar sein wird. Dafür ist es erforderlich, dass die Algorithmen und die Gesamtfunktion des autonomen Fahrens auf einer breiten Datenbasis abgesichert werden.

Die Basis für den Prozess bildet das Sammeln von Millionen Kilometern realer Fahrdaten mit Versuchsfahrzeugen der Testflotte. Die Relevanz der gesammelten Daten wird kontinuierlich durch die Selektion qualitativer Daten erhöht. Daraufhin erfolgt ein Re-Processing, insbesondere wenn eine neue Integrationsstufe (I-Stufe) der Steuergeräte verfügbar ist, um die Leistungssteigerung der neuen I-Stufe bewerten zu können. Das erfordert eine hoch performante Cloud-Plattform, im Falle von BMW ist diese mit aktuell über 230 Petabyte Speicherkapazität sowie mehr als 100.000 Prozessorkernen und über 200 GPUs (Graphics Processing Units) unterfüttert.

Das Rechenzentrum für die D3-Plattform – man könnte es als eine „kleine“ Private Cloud auffassen - befindet sich nur wenige Kilometer entfernt vom BMW Group Autonomous Driving Campus in Unterschleißheim bei München und wurde von der Firma DXC Technology errichtet. Klar ist, dass die Plattform künftig noch viel weiter ausgebaut werden muss, um autonomes Fahren in immer mehr Autos zu ermöglichen.

Auch VW will autonomes Fahren – mit Azure

Wie gesagt ist diese Entwicklung keine BMW-spezifische. Volkswagen beziehungsweise das konzerneigene Softwareunternehmen Car.Software Organisation etwa setzt bei der Entwicklung automatisierter Fahrfunktionen auf eine gemeinsam mit Microsoft entwickelten cloud-basierten Automated Driving Platform (ADP), die Microsoft Azure Cloud- und Datendienste nutzt. Beide arbeiten bereits seit 2018 im Rahmen einer strategischen Partnerschaft gemeinsam an der Volkswagen Automotive Cloud, die künftig alle digitalen Dienste und Mobilitätsangebote von Volkswagen umfassen soll.

„Wir bauen die Automated Driving Platform gemeinsam mit Microsoft auf, um unseren Entwicklern über eine skalierbare und datenbasierte Entwicklungsumgebung die Arbeit zu erleichtern. Durch die Verbindung unserer umfassenden Expertise bei der Entwicklung vernetzter Fahrfunktionen mit Microsofts Know-how im Bereich Cloud Computing und Software Engineering beschleunigen wir die Bereitstellung von sicheren und komfortablen Mobilitätsdiensten“, so Dirk Hilgenberg, CEO der Car.Software Organisation.

Dirk Hilgenberg, CEO der Car.Software Organisation.
Dirk Hilgenberg, CEO der Car.Software Organisation.
(Bild: Car.Software Organisation)

Gaia-X erweitert die Cloud-Möglichkeiten

Ein weiteres Feld, eher eine heftig umkämpfte Front – eröffnen staatliche Initiativen. Weil man gerade in Deutschland derzeit stark auf Eingriffe der öffentlichen Hand zur Wirtschaftssteuerung setzt, winken für die Nutzung von staatlich initiierten Cloud-Plattformen Fördergelder. Diese Steilvorlage will sich kein Automobil-Hersteller entgehen lassen. So kam es, dass neben vielen eigen- und partnerschaftlichen Systemen nun auch unter Federführung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWI) eine „Catena-X“ genannte Plattform entwickelt wird. Zu den Gründern des Partner-Netzwerks zählen BMW, Deutsche Telekom, Robert Bosch GmbH, SAP, Siemens und ZF, dazu sind mittlerweile die Mercedes-Benz AG, BASF SE, Henkel AG & Co. KGaA, Schaeffler AG, German Edge Cloud GmbH & Co. KG, ISTOS GmbH und SupplyOn AG, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V., die Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e.V und ARENA2036 gestoßen.

Zunächst versteht man sich als „erweiterbares Ökosystem, an dem sich Automobilhersteller und -zulieferer, Händlerverbände sowie Ausrüster, zu denen Anwendungs-, Plattform- und Infrastrukturanbieter gehören, gleichermaßen beteiligen können“. Ziel sei es, einen einheitlichen Standard für Daten- und Informationsflüsse in der gesamten automobilen Wertschöpfungskette zu schaffen. Bereits bestehende Strukturen der europäischen Fahrzeugindustrie sollen in das Netzwerk eingebunden werden – so zum Beispiel Prozesse im Bereich Teilelogistik.

Das Vorhaben setzt auf Gaia-X auf, dem europäischen Cloud-Projekt, um das gerade viel Wirbel gemacht wird. Dessen International-Data-Spaces-(IDS)-Standard für Datensouveränität soll genutzt werden, um Qualitätsmanagement, Logistik, Instandhaltung, Lieferketten-Management und Nachhaltigkeit voranzutreiben.

Zusammenfassung und Ausblick

Die Cloud hat die Automobilhersteller dieser Welt überrollt. Nach anfänglichen Versuchen, die Daten in eigenen Clouds zu halten, mussten sie in den vergangenen drei Jahren massiv umschwenken: Nun ist die Nutzung möglichst vieler Public Clouds angezeigt, um sich nicht in die Abhängigkeit von einem Hyperscaler zu bewegen. Wahnsinnig wichtige Daten – etwa zum autonomen Fahren, wir erinnern uns an das Unterschleißheimer Beispiel von BMW – werden weiterhin in Private Clouds gehalten. Hinzu kommen diverse Allianzen, Kooperationen und zuletzt staatlich initiierte Projekte, um die Vorteile von Cloud-Plattformen zum Austausch mit Zulieferern, Kunden und allen anderen an der Herstellung und Vermarktung von Fahrzeugen Beteiligten möglichst weitgehend nutzen zu können.

Birn Lukas Birn besitzt 25 Jahre Erfahrung im Bereich Manufacturing.
Birn Lukas Birn besitzt 25 Jahre Erfahrung im Bereich Manufacturing.
(Bild: Capgemini)

Die Entwicklung verläuft extrem dynamisch und ist in viele Teilbereiche aufgesplittet. Künftig dürfen wir mit vielen weiteren Abkommen zur wie auch immer gearteten Nutzung von wie auch immer ausgestalteten Clouds rechnen. Beide Branchen – die Cloud-Industrie und die Automobilbranche – befruchten sich aktuell gerade in massiver Art und Weise. Das ist aber praktisch auch schon wieder ein alter Hut für die Automobil-Industrie, so Lukas Birn von Capgemini: „Cloud Computing ist schon fast durch, in 2021 wird Edge Computing ein wichtiger Schwerpunkt.“ Man darf die weitere Entwicklung also gespannt verfolgen.

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Dr. Dietmar Müller

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