Quo vadis Europa? Europäische Cloud nimmt Gestalt an

Autor: Sarah Böttcher

Die europäische Initiative Gaia X ist in aller Munde. Mit „pluscloud open“ bringt der Kölner Managed Cloud Provider PlusServer nun eines der ersten Gaia-X-kompatiblen Public-Cloud-Angebote auf den Markt und bereitet somit den Weg für einen neuen europäischen Standard.

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Im Setzen von Standards ist Europa gut: Neben der DIN-Norm und dem GSM-Standard gilt nun Gaia X als wichtiger technologischer Standard, der es den zahlreichen Cloud-Providern in Europa ermöglicht, gemeinsam eine vertrauenswürdige Cloud-Dateninfrastruktur aufzubauen.
Im Setzen von Standards ist Europa gut: Neben der DIN-Norm und dem GSM-Standard gilt nun Gaia X als wichtiger technologischer Standard, der es den zahlreichen Cloud-Providern in Europa ermöglicht, gemeinsam eine vertrauenswürdige Cloud-Dateninfrastruktur aufzubauen.
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Fehlendes Selbstbewusstsein, Zwietracht sowie mangelnde Vernunft – bisher schien es so, als habe Europa seinen Platz in der Welt noch nicht gefunden. Doch um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben muss der eigenständige, kulturell begründete Kontinent Farbe bekennen und Verantwortung übernehmen, sei es aus politischer oder auch aus wirtschaftlicher Sicht. „Europa ist sehr fragmentiert“, betont PlusServer-CEO Dr. Oliver Mauss. „Ich glaube an Wettbewerb und das bedeutet, dass jeder mitmachen darf. Wichtig ist, dass der Wettbewerb offen ist und sich nicht auf wenige Spieler konzentriert.“ Um einen offenen Wettbewerb zu ermöglichen, bedarf es Mauss zufolge einer Standardisierung. Und genau hier liege Europas Stärke. Denn Standards setzen, „darin sind wir Europäer gut“, betont er.

Bereits 1917 etablierte Europa, genauer gesagt Deutschland, die „Deutsche Industrie-Norm“, auch bekannt als DIN-Norm. Das Deutsche Institut für Normung in Berlin zählt aktuell über 34.000 Normen in den unterschiedlichsten Themengebieten, wie dem Maschinenbau, dem Bauwesen sowie der Informationstechnik. Auch in Sachen Mobilfunk setzte Europa einen wichtigen Standard. Mit der Einführung des Global System for Mobile Communications, dem GSM-Standard, bahnte Europa den Weg für ein mobiles sowie weltweit kompatibles Mobilfunknetz. Auch die DSGVO wird in einigen Teilen der Welt als Blaupause genutzt.

Gaia X: neuer Stern am Standard-Himmel

Dr. Oliver Mauss, CEO bei PlusServer
Dr. Oliver Mauss, CEO bei PlusServer
(Bild: PlusServer)

Aktuell dominieren in Sachen Cloud Computing die amerikanischen Hyperscaler AWS, Google Cloud und Microsoft Azure den Markt. Um die Marktmacht der Cloud-Riesen zu brechen, benötigt es Mauss zufolge ebendiese „Kraft von Standards“, die Europa in der Vergangenheit bisher bewiesen habe. Und hier kommt die Initiative Gaia X ins Spiel: Während Amerika aber auch China homogene Märkte mit einer einheitlichen Rechtsprechung und Regeln sind, sei Europa gezwungen, Standards zu setzen, damit die vielen europäischen Player gemeinsamen arbeiten können. Und dafür steht Gaia X. „Wir setzen einen technologischen Standard und ermöglichen damit vielen Cloud-Anbietern in Europa, Dienste sowie Infrastruktur zu entwickeln, die miteinander zusammenspielen. Somit ist Gaia X kein Wettbewerbsangebot zu AWS, Azure oder Google, sondern setzt offene Standards für eine vertrauenswürdige Cloud-Dateninfrastruktur“, erläutert der PlusServer-CEO.

Aber ein Standard ist nur ein Standard, wenn dieser auch per se offen für jeden ist. So wird die Zusammenarbeit mit den amerikanischen Cloud-Riesen nicht ausgeschlossen. Sogar das Gegenteil ist der Fall: „Die amerikanischen Hyperscaler sind leistungsfähige Spieler und haben gute, innovative Services. Sie werden auch weiterhin im Wettbewerb eine bedeutende Rolle spielen.“ Zahlreiche europäische Cloud Provider bieten bereits Services auf Basis von Hyperscaler-Technologie an, so zum Beispiel auch PlusServer.

Über Gaia X

Das Projekt Gaia X soll die Grundlagen für eine leistungs- und wettbewerbsfähige, sichere und vertrauenswürdige Dateninfrastruktur für Europa liefern. Die gemeinnützige Vereinigung wurde von insgesamt 22 europäischen Unternehmen ins Leben gerufen. Während Gaia X bereits nach belgischem Recht notariell beantragt wurde und auf die Genehmigung des belgischen Königs wartet, präsentieren einige Unternehmen, wie beispielsweise der deutsche Cloud Provider PlusServer oder der französische Hosting Provider OVH, bereits erste Anwendungen. Zu den Gründungsmitgliedern zählen je elf Parteien aus Frankreich und Deutschland: 3DS Outscale, Amadeus, Atos, Beckhoff Automation, BMW, Bosch, CISPE, De-Cix, Deutsche Telekom, Docaposte, EDF, Fraunhofer Gesellschaft, German Edge Cloud, IMT, International Data Spaces Association, Orange, OVH, PlusServer, Safran, SAP, Scaleway und Siemens.
Um die digitale Souveränität zu gewährleisten, ist Gaia X in drei Ebenen unterteilt: Die Erste ist für das Management der Identitäten, die sichere Übermittlung von sowie den Zugriff auf Daten zuständig. Auf der Föderierungsebene befinden sich die verschiedenen Services diverser Anbieter und auf der untersten Ebene befindet sich die Softwareinfrastruktur. Auf dieser Infrastrukturebene, auch Sovereign Cloud Stack (SCS) genannt, werden die vielen fragmentieren Open-Source-Projekte assembliert und so nutzbar gemacht.
Die SCS-Technologie setzt ausschließlich auf Open Source und macht so Datenströme und die Funktionsweise der betriebenen Infrastruktur transparent. Das garantiere Kunden maximale Freiheit und Unabhängigkeit von proprietärer Cloud-Technologie. Durch den Standard können Anwendungen unterschiedlicher Cloud-Plattformen zusammenspielen, ein Vendor Lock-in vermieden sowie eine einfache Portierung ermöglicht werden. Der SCS gilt aufgrund seiner Open-Source-Basis als Alternative zu Hyperscaler-Architektur. Kunden können sich entscheiden, welche Ebenen von Gaia X sie in Anspruch nehmen möchten.

Pluscloud open: Gaia-X-konforme Cloud-Plattform

Mit „pluscloud open“ startet der Kölner Managed Cloud Provider nun eine der ersten Gaia-X-kompatiblen Open-Source-Clouds. Das Public-Cloud-Angebot basiert gänzlich auf dem Sovereign Cloud Stack (SCS). Dank der Föderierbarkeit können Kunden der „pluscloud open“ Cloud-Dienste über verschiedene Provider hinweg sicher und flexibel beziehen. Laut PlusServer sei so der Grundstein gelegt worden „für eine leistungs- und wettbewerbsfähige sowie sichere Dateninfrastruktur für Europa.“

Um den hohen Anforderungen der Kunden mit Blick auf Datenschutz und Sicherheit sowie Funktionalität gerecht zu werden, bieten die Kölner die „pluscloud open“ an vier Standorten in Deutschland an. Bei Bedarf sorge eine Site-to-Site-Verbindung für Georedundanz und damit für Ausfallsicherheit von Anwendungen. Über ein webbasiertes Interface kann die Gaia-X-konforme Cloud bedient werden. Eine Programmierschnittstelle (API) für die Automatisierung in der Cloud steht auch bereit. In Kombination mit einem Edge Gateway, Load Balancing sowie einer technischen Basis für Container Workloads ermögliche die „pluscloud open“ eine einfache und freie Skalierung von Ressourcen. Optional stehen Managed Services bereit, die selbst oder durch PlusServer betrieben werden können.

Durch den Gaia-X-Standard ergeben sich für PlusServer auch technische Vorteile: Schließen die Kölner neue Kooperationen mit Gaia-X-konformen Lösungsanbietern, fällt die Integration in das eigene Angebot aus technischer Sicht erheblich leichter. Die Standardisierung gilt somit als Startschuss für weitere Kooperationen europäischer Cloud Provider. So wird·„es ein großes Ökosystem von zusammenarbeitenden Unternehmen geben, das durch diesen technologischen Standard ermöglicht wird“, ist sich Mauss sicher.

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Online CvD & Redakteurin