Trendsetter Multi-Cloud

Die Multi-Cloud der zwei Geschwindigkeiten

| Autor / Redakteur: Michael Matzer / Florian Karlstetter

Die Multi-Cloud setzt sich immer mehr durch. Dadurch steigen aber auch die Anforderungen.
Die Multi-Cloud setzt sich immer mehr durch. Dadurch steigen aber auch die Anforderungen. (Bild: © leowolfert - stock.adobe.com)

Als erweitertes Hybrid-Cloud-Modell setzt sich die Multi-Cloud in deutschen Unternehmen immer stärker durch. Sie setzt die digitale Transformation mit zweierlei Geschwindigkeiten der Realisierung durch: schnell in der Public Cloud, vorsichtig in der Private Cloud. Das erfordert spezielle Dienste für die Orchestrierung Cloud-basierter Geschäftsprozesse – und höhere Sicherheit.

Die Hybrid Cloud kombiniert die Services der Private Cloud mit denen der Public Cloud. Die Multi-Cloud hingegen geht darüber hinaus, indem sie die parallele Nutzung von Cloud-Diensten und -Plattformen mehrerer Anbieter ermöglicht. Sie verhält sich aus Anwendersicht wie eine einzige große Cloud. Damit können mehrere Cloud-Modelle wie die Private oder die Public Cloud integriert sein, aber auch die Managed Cloud, Hosting-Umgebungen und sogar on-premises-IT Services, sofern diese freigegeben sind. Der Nutzer merkt von alledem nichts, und für den IT Administrator ergibt sich auf seiner Verwaltungskonsole das Bild einer durchgehenden IT-Umgebung, die von der Cloud Management Software verwaltet und logisch zusammengeführt wird.

Sinn und Zweck einer solchen durchgehenden Cloud-Struktur aus vielen virtualisierten Umgebungen und Diensten ist die Möglichkeit, zwischen diesen Services durchgehende Prozesse zu erstellen. Diese Services können aus der PaaS-Plattform, der IaaS-Plattform und aus SaaS-Anwendungen stammen, müssen aber intelligent kombiniert und orchestriert werden. (Mehr dazu weiter unten.)

Multi-Cloud bietet Flexibilität

Der zweite Zweck der Multi-Cloud besteht darin, die Services, Anwendungen und Infrastrukturen auf den Cloud-Strukturen verschiedener Anbieter parallel zu nutzen und dadurch von einem einzelnen Provider unabhängig zu agieren. Die Services lassen sich je nach Bedarf, gewünschter Leistung und Preis vom jeweils geeignetsten Anbieter beziehen. Flexibilität ist einer der Vorteile der Multi-Cloud. Sie macht den Anwender unabhängig von einem oder wenigen Anbietern. Ergeben sich Änderungen der Kostenstrukturen und der Leistungsfähigkeit der Provider, gestattet es die Multi Cloud, flexibel darauf zu reagieren und jeweils optimale Ergebnisse zu erzielen.

„Die Lösungen, die wir unseren Partnern aus der Energieversorgungsbranche für Vertriebs- und Marketingkampagnen anbieten, stellen hohe Anforderungen an Flexibilität, Skalierbarkeit, Sicherheit und Stabilität", erläutert Marcel Descher, Head of IT beim Stromanbieter Grünspar in Münster. „Aus diesem Grund haben wir uns bei bestimmten Anwendungen für IaaS von AWS über den BusinessCloud Marketplace von Cancom (s.u.) entschieden. „Weil sich auch Amazon (AWS), Google oder Microsoft (Azure) an ISO-zertifizierte Standards und die DSGVO halten müssen, werden diese nach unserer Einschätzung umgekehrt künftig auf dem deutschen Markt an Vertrauen gewinnen."

Die Verfügbarkeit der Dienste lässt sich in der Multi-Cloud ebenso steigern wie die Ausfallsicherheit. Der Anwender steigt im Falle einer Störung oder Insolvenz eines Providers auf einen anderen Anbieter um. Um höhere Skalierung hinsichtlich Speicherkapazität, Netzwerkleistung oder Rechengeschwindigkeit zu erhalten, bucht der Kunde einfach mehr Kapazität in der Public Cloud. Unkritische Services lassen sich auf kostengünstigere Anbieter auslagern.

„Schon heute nutzen unsere Kunden Multi Cloud Computing intensiv", berichtet Khaled Chaar, Vice President Multi Cloud bei Cancom und Managing Director bei Cancom Pironet.. „Zum Beispiel, indem sie ihre geschäftskritischen Applikationen entweder selbst betreiben oder auf Hosting aus deutschen Datacentern von Cancom setzen, sich aber bei zusätzlichen Applikationen für Infrastructure oder Platform as a Service entscheiden, um die Infrastruktur-Kosten zu begrenzen." Marcel Descher von Grünspar ergänzt: „Da aus unserer Sicht kein nennenswerter Aufwand in Bezug auf Interoperabilität oder Integration besteht, profitieren wir ganz erheblich davon, dass wir uns dank IaaS den enormen Aufwand für den Aufbau einer eigenen, leistungsfähigen und hoch skalierbaren IT-Infrastruktur ersparen konnten."

Vorbehalte bei der Multi-Cloud

Jens Zeyer, Marketing & PR Executive &Marketing & Sales bei OVH Germany.
Jens Zeyer, Marketing & PR Executive &Marketing & Sales bei OVH Germany. (© OVH)

Soweit der Idealfall. Doch der Verwaltungsaufwand und die Störanfälligkeit der Multi-Cloud steigen mit der Komplexität und Anzahl der gebuchten Services. Die Anzahl möglicher Schnittstellen und Fehlerquellen nimmt zu, und der Abrechnungsaufwand für die Dienste kann bei einer hohen Anzahl von genutzten Anbietern die Kostenvorteile beeinträchtigen. „Die Performance einer Multi-Cloud ist zwar identisch zu einer Virtualisierung in VMware", weiß Jens Zeyer, Marketing & PR Executive &Marketing & Sales bei OVH Germany. „Doch generell sind die Kosten für dedizierte Cloud-Lösungen höher als bei Public Cloud Lösungen, da hier die Ressourcen exklusiv einem Nutzer zur Verfügung stehen."

Das Management unterschiedlicher Provider von Public Cloud Services ist anspruchsvoll, angefangen von den Verträgen über die Pflege einer erfolgreichen Lieferantenbeziehung, das Management der Abrechnungsprozesse bis zu der Tatsache, dass auf der technischen Ebene für jeden Anbieter eigene Zugänge benötigt werden. „Dieser Aufwand droht aus Sicht des Kunden schnell den Nutzen der Cloud-Dienste – wie niedrige Kosten, hohe Skalierbarkeit und Flexibilität – zunichte zu machen", warnt Chaar.

Multi-Cloud ideal für digitale Transformation

Lars Landwehrkamp, Vorstandssprecher bei All for One Steeb.
Lars Landwehrkamp, Vorstandssprecher bei All for One Steeb. (© Jörg Jäger / All for One Steeb)

Wenn es jedoch um die Realisierung der digitalen Transformation mit durchgehenden Prozessen geht, bietet sich die Multi-Cloud als das flexibelste und gangbarste Betriebsmodell an. „Unternehmen können den durch die Digitalisierung getriebenen, schnellen Wandel in ihren Märkten nur nachvollziehen und für sich nutzen, wenn sie die dafür notwendige Technologie „as a Service“ erhalten – also als fertigen, modularen und skalierbaren, nach Nutzung zu zahlenden Service", sagt Lars Landwehrkamp, Vorstandsprecher des mittelständischen SAP-Service Providers All for One Steeb in Filderstadt. Denn dann können sie das Tempo mithalten.

„Die zentrale Orchestrierung der Daten innerhalb von Multi-Cloud-Umgebungen erlaubt es zudem, standortunabhängig und applikationsübergreifend darauf zugreifen", gibt er zu bedenken. „Das erleichtert die Gestaltung von durchgängig digitalisierten Geschäftsprozesse ganz erheblich." Das ist besonders für die Fachbereiche von zentraler Bedeutung: „Wie können einzelne Fachbereiche oder ganze Unternehmen ihre Prozesse und damit die Wertschöpfung durch die digitale Erneuerung verbessern und effizienter machen?"

Kundennahe Fachbereiche wie Marketing, Vertrieb und Kundenservice stehen beispielsweise unter hohem Kommunikationsdruck. „Die Systeme müssen interagieren", so Landwehrkamp. „Das Cloud-CRM muss mit dem ERP-System kommunizieren." Nur so seien sinnvolle, ganzheitliche Prozesse und einheitliche, plattformübergreifende Kundenkommunikation möglich – etwa dass der Vertrieb im Cloud-CRM beim Kunden sofort einen Bestellauftrag im ERP anstoßen kann.

Zusammenspiel zwischen Public und Private Cloud

„Hybrid- oder Multi-Cloud-Systeme sind in vielen Unternehmen heute bereits Realität", berichtet Jens Zeyer. Im konkreten Einzelfall hänge das Zusammenspiel jedoch stark von den jeweiligen Anforderungen der einzelnen Unternehmen an ihre IT-Infrastruktur ab. „Mit der vRack-Technologie von OVH können die beiden Cloud-Lösungen Private und Public Cloud im Allgemeinen jedoch sehr einfach miteinander verbunden werden." Wichtig sei dabei vor allem das Zusammenspiel der einzelnen Services: Sensible Daten oder stark leistungsabhängige Prozesse sollten laut Zeyer zum Beispiel in die Private Cloud abgelegt werden. „Weniger vertrauliche Daten und Prozesse mit geringerem Risiko können hingegen in die Public Cloud verschoben werden."

Wie Multi-Cloud-Modelle in der Praxis aussehen können, skizziert Landwehrkamp mit dem Zusammenspiel zwischen Public und Private Cloud. Selbst in sehr dynamischen IT-Betriebsmodellen bleiben der geschäftskritische SAP-Applikationsbetrieb und vor allem die Unternehmensdaten in der Private Cloud. „Weniger sicherheitskritische oder intensiv genutzte Anwendungen, etwa Test- oder Schulungssysteme, genauso wie Performance kritische Lösungen – etwa E-Commerce-Shops mit riesiger Belastungsskalierung – können aber auf Public Cloud Ressourcen betrieben werden." Oder aber es werden Public Cloud Ressourcen (IaaS) quasi „hinzugeschaltet“, wenn kurzfristig besonders hohe Compute-Leistungen nachgefragt werden, etwa in Zeiten von Spitzenbelastungen während großer Online Kampagnen mit Abertausenden von Zugriffen pro Minute.

In jedem Fall ist das Entscheidende für den Erfolg eines Multi-Cloud-Modells die Integration der unterschiedlichen Systeme. Hier liefert nach Landwehrkamps Ansicht die Multi Cloud Orchestrierung einen wichtigen Service. So lassen sich sehr flexibel neue IT-Ressourcen hinzubuchen und auch wieder abstoßen. „Immer mehr Systeme müssen miteinander verbunden werden, miteinander kommunizieren und untereinander auf die jeweiligen Daten zugreifen. Damit werden Schnittstellen zur Public Cloud und zentral in der Private Cloud bereitgestellte, breitbandige Konnektivität zu Public Cloud Angeboten immer wichtiger."

Dennoch herrschen in der Multi-Cloud nach Ansicht des Vorstandssprechers zwei Geschwindigkeiten, die indirekt die bimodale IT-Architektur der Gartner Group widerspiegeln. Systems of Engagement sind die o.g. kundennahen Fachbereiche, und sie entwickeln sich gemäß den Kundenansprüchen sehr rasch weiter. Die Services der Hyperscaler (PaaS, IaaS, SaaS) erfreuen sich daher zunehmender Beliebtheit.

Und doch sind wegen Vorbehalten in Bezug auf die Sicherheit in der Infrastruktur der Anwendungen die öffentlich zugänglichen Services nicht für alle Unternehmen die Lösungen der Stunde. Sicherheitsbedenken und Datenschutz führten bei Management und Unternehmen deshalb eher zur Entscheidung für die Private Cloud. Diese enthält die betriebskritischen Systems of Record (Datenbanken und Transaktionssysteme) und entwickelt sich im Vergleich sehr viel langsamer. Auch Updates oder Release-Wechsel sind hier sehr kritisch. Ein Beispiel wäre etwa der Übergang zu SAPs Cloud-basierter ERP-Suite S4/HANA.

Bedarf an Orchestrierern

Vermehrt setzen sich Landwehrkamps Erfahrung nach Multi-Cloud-Szenarien durch, in denen verschiedene Cloud-Umgebungen aus „Private plus Public Cloud plus Eigenbetrieb der IT" gemanaged werden. Die Public Cloud Lösungen gäben die CIOs zunehmend in die Hand von Orchestrierern wie etwa All for One Steeb. „Nur wenige Entscheider setzen aufgrund der hohen Komplexität und der Vielfalt auf Self-Services."

Khaled Chaar, Managing Director für Business Strategy bei Cancom Pironet.
Khaled Chaar, Managing Director für Business Strategy bei Cancom Pironet. (© ronald@biallas.de / Cancom Pironet)

Cancom Pironet bietet ebenfalls Orchestrierkapazitäten an. „Mit dem Cancom BusinessCloud Marketplace umschiffen Unternehmen diverse Klippen", erklärt Khaled Chaar: „Für alle Public Cloud Services, die der Kunde hier findet, übernehmen wir als Multi Cloud Vendor zentral das Management der Cloud Provider und ihrer Services. Das geht bis zu einer umfassenden monatlichen Gesamtabrechnung, in der alle von ihm gebuchten Cloud-Dienste von sämtlichen Providern aufgelistet sind." Sein Rat an Mittelständler lautet daher: „Mittelständische Firmen finden auf unserem Marketplace Cancom-Experten aus Deutschland, von denen sie sich individuell beraten lassen können.“

Jens Zeyer warnt vor Risiken hinsichtlich Security und Datenschutz bei der Nutzung gewisser Dienstleister aus Übersee: „Gerade bei Anbietern aus den USA können deren Schutzmaßnahmen zu Herausforderungen bezüglich Security und Compliance führen."

Der Multi-Cloud gehört die Zukunft, ist sich Lars Landwehrkamp sicher. „Einerseits verlangt der Markt ständig neue Anwendungen, der Fachbereich stellt kurzfristige Anforderungen an die IT, und die Anwender erwarten schnell einsatzfähige – und coole – Frontends." Andererseits böten perfekt laufende Kernsysteme eine stabile Grundlage für neue agile Services. Diese von Gartner „bimodal“ genannte IT müsse sich in der Infrastruktur des jeweiligen Dienstleisters wiederfinden.

„Eine Cloud-Infrastruktur kann man eben nicht einfach 'kaufen'", warnt Zeyer von OVH. „Wer mittels 'Lift-and-Shift' On-Premises- oder Bare-Metal-Lösungen einfach durch Cloud-basierte Lösungen ersetzt, wird von 'der Cloud' kaum profitieren." Hier bedürfe es schon sehr genauer Konzepte für die eingesetzte Infrastruktur und einer an die Anforderungen des Unternehmens angepassten Cloud-Strategie. Ein zentraler Vermittler und Berater empfiehlt sich also durchaus.

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