ERP-Trends 2019

ERP-Markt im Umbruch: Agilität und Intelligenz sind gefragt

| Autor / Redakteur: Michael Matzer / Florian Karlstetter

Die ERP-Welt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel meint der deutsche ERP-Anbieter godesys.
Die ERP-Welt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel meint der deutsche ERP-Anbieter godesys. (© godesys)

Der ERP-Markt befindet sich im Umbruch. Immer mehr ERP-Workloads werden in der Hybrid-Multi-Cloud als Services bereitgestellt. Die großen Service-Plattformen sind herausgefordert, agiler zu werden, um neue Technologien wie KI, Blockchain, IoT und Robotik zu unterstützen. Das ERP-Segment wächst laut Gartner bis 2022 um 7,1 Prozent, das CRM-Segment mit 13,5 Prozent fast doppelt so stark.

Die ERP-Reise geht in die Cloud. Dies lässt sich etwa an der Tatsache ablesen, dass bei SAP alle wichtigen Prozesse mit der Cloud-basierten ERP-Lösung S4/HANA verknüpft werden. Diese soll bis 2025 die bisherigen SAP-ERP-Lösungen für Großkunden ablösen. Der Grund: Um die Betriebskosten zu dämpfen, lassen immer mehr Unternehmen ihre ERP-Software von Dienstleistern in der Cloud hosten.

Die Multi-Cloud

Andreas Zipser, Director Central Europe bei Sage Software.
Andreas Zipser, Director Central Europe bei Sage Software. (Bild: Sage Software)

„Der Trend geht eindeutig zu Multi-Cloud-Hosting“, berichtet Andreas Zipser, Director Central Europe bei Sage Software, und führt ein Beispiel an: „Ein Unternehmen verwendet im HR- und Finanzbereich-Bereich native Cloud-Lösungen, die auf unterschiedlichen Plattformen, etwa Microsoft Azure und Salesforce, gehostet werden. Gleichzeitig steuern die Verantwortlichen ihre ERP-Prozesse mit einer On-Premises-Lösung im eigenen Haus, die aber auch über verschiedene Schnittstellen zu weiteren Cloud-basierten Anwendungen wie etwa MS Office 365 verfügt.“ Mickey North Rizza, Analyst beim Beratungsunternehmen IDC, sagt voraus, dass „bis Ende 2019 mehr als 40 Prozent der neuen ERP-Installationen aus einem Ökosystem von Apps aus internen Ressourcen, Dienstleistern, Technikanbietern und anderen Partnern erstellt werden.“

Der Cloud-Trend ist nach einer Marktstudie von IDC eindeutig: „Hybride Multi-Cloud-Architekturen wie im obigen Beispiel beschrieben“, so Zipser weiter, „werden bereits von 15 Prozent aller deutschen Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern genutzt - Tendenz steigend.“ Dies habe die aktuelle IDC-Studie „Cloud Trends in Deutschland 2018“ ergeben. Das ERP-Segment wächst laut einer Gartner-Studie über Enterprise Application Software von 2017 bis 2022 um 7,1 Prozent, das Segment von Customer Experience & Relationship Management (CERM) mit 13,5 Prozent fast doppelt so stark.

Sicher und souverän

Martin Hubschneider, Vorstand der Karlsruher CAS Software AG.
Martin Hubschneider, Vorstand der Karlsruher CAS Software AG. (Bild: CAS Software)

„Die Nachfrage nach Cloud-basierten CRM-Produkten (CRM: Customer Relationship Management) ist hoch, Tendenz weiter steigend“, berichtet Martin Hubschneider, Vorstand der Karlsruher CAS Software AG. „Entscheidend für kleinere und mittelständische Unternehmen sind neben dem einfachen Betrieb ein intuitives Design und digitale Souveränität, die eine vertrauenswürdige Cloud ermöglicht.“ Darunter versteht die deutsche Mittelstandsvereinigung BitMi, in der Hubschneider tätig ist, „Software made in Germany und Cloud-Hosting made in Germany“.

Responsive Design

Das Stichwort „intuitives Design“ beruht auf der Kundenforderung nach einer möglichst niedrigen Lernkurve, wenn sie eine neue ERP- und CRM-Lösung bedienen wollen. „Die CAS SmartDesign-Technologie lässt die einheitliche Bedienung von CAS Produkten auf verschiedenen mobilen Endgeräten und Plattformen sowie Browsern zu.“ Gemeint ist Responsive Design mit HTML5. „Das Nutzererlebnis ist auf allen 'Endgeräten' durchgängig. Die Benutzeroberfläche passt sich der gerätespezifischen Bedienung an. CAS SmartDesign sorgt so über alle Clients hinweg für nahtloses Arbeiten im Office-Bereich oder unterwegs.“

Customizing vs. Standard

Darren Roos, CEO beim Anbieter IFS World.
Darren Roos, CEO beim Anbieter IFS World. (Bild: IFS World)

Doch dieses Design ist mittlerweile weitgehend Standard. Der wirkliche Knackpunkt, an dem alle ERP-Anbieter feilen, ist die Möglichkeit, den Standard der Kern-Anwendungen mit flexibler Anpassung in Übereinstimmung zu bringen. Der Grund: „Weil die Kunden mehr Wettbewerb im Markt spüren“, berichtet Darren Roos, CEO beim Anbieter IFS World, „erwarten sie von ERP-Anbietern niedrigere Betriebskosten. Zudem wollen sie schneller mit Innovationen auf den Markt kommen und erwarten daher, dass auch ihre ERP-Technologie schnell einsatzfähig ist.“ Dabei gehen die Hersteller unterschiedliche Wege.

Lars Landwehrkamp, CEO beim SAP-Systemhaus All for One Steeb AG.
Lars Landwehrkamp, CEO beim SAP-Systemhaus All for One Steeb AG. (Bild: All for One Steeb)

„Datenmodelle, die für bestimmte Branchen entwickelt wurden, sind von unschätzbarem Wert, da sie schnell anwendbar sind“, erläutert Roos. Ein Partner des Mitbewerbers SAP bietet hingegen eine ganze Bibliothek aus typischen Branchenprozessen an, die er „Scope Items“ nennt und die nach Angaben von Lars Landwehrkamp, CEO beim SAP-Systemhaus All for One Steeb AG, 80 Prozent des SAP-Systeminhalts bereits in Form fertig voreingestellter Geschäftsabläufe abbildet. So bleiben die Betriebskosten niedrig, während die Inbetriebnahme einer angepassten Lösung schnell erfolgt.

App-Baukasten

„Die nächste Softwaregeneration wird für jede Aufgabe, jeden Arbeitsprozess, jeden Workflow, jede Branche und jede Rolle individuelle Apps zur Verfügung stellen“, verspricht CAS-Vorstand Hubschneider. Das App-in-App-Konzept macht die Anwendungen flexibel anpassbar: Jedem Nutzer lassen sich genau die Funktionen in Form von Apps zur Verfügung stellen, die für die täglichen Aufgaben benötigt werden. Die Navigation innerhalb einer App erfolgt über Tabs wie in gängigen Web-Browsern. „Aus einem Business-App-Store können Sie Ihre Software einfach beziehen oder mit eigenen Apps sogar Geld verdienen.“ Wer nicht selbst programmieren wolle, für den übernehme einfach ein App-Entwicklungspartner diese Aufgabe.

Die Cloud-basierte CAS-Software SmartWe gehe auf das Bedürfnis der individuellen App ein. Das Produkt „SmartWe World“ verbinde den sicheren Zugriff mit einem einfach zu bedienenden App-in-App-Konzept auf Basis der (oben beschriebenen) CAS SmartDesign-Technologie.

Hybrid-Anwendungen

Cloud-scheue Nutzer können ihre ERP-Software nach Ansicht von Andreas Zipser zwar weiterhin im eigenen Haus und auf dem Desktop-PC betreiben, aber diese Lösung „verfügt über entsprechende Schnittstellen zu Cloud- und Web-basierten Anwendungen“ wie MS Office 365, Paypal oder Sage-eigenen Modulen. „Für User ist es in der digitalisierten Welt entscheidend, auf alle wichtigen Funktionen einer Software flexibel vom Smartphone aus zugreifen zu können und etwa Verwaltungsaufgaben wie die Nachbestellung von Lagerbeständen oder die Anweisung von Lieferantenrechnungen ad hoc und unabhängig von Schreibtisch und Büro erledigen zu können.“ ERP auf dem Handy ist ein absolutes Muss.

Die ERP-Software sollte nach Ansicht von IFS-CEO Darren Roos genauso innovativ sein wie das Unternehmen selbst und ständig aktualisiert werden, um permanent neueste Technologien des Marktes zu berücksichtigen. Dann können Anwenderunternehmen zeitnah von Blockchain, IoT oder Künstlicher Intelligenz profitieren. und würden über ein „Evergreen ERP“ verfügen: „Unsere IT-Architektur ist darauf ausgelegt solche Updates bereitzustellen, ohne den laufenden Betrieb zu beeinträchtigen.“ Bei nativen Cloud-Plattformen wie etwa Salesforce sind regelmäßige Updates Teil des Vertrags – und mit ein Grund, warum jedes neue Release neue, zusätzliche Module und Services enthält, beispielsweise eine neue Integrationsplattform wie Mulesoft.

Automation und KI

„Künstliche Intelligenz (KI) ist im Zusammenhang mit Automation von Aufgaben und Prozessen im ERP-Bereich für den Mittelstand ein wichtiges Thema“, weiß Andreas Zipser. „In vielen Bereichen ist diese Technologie für Unternehmen heute schon Realität.“ Chatbots sollen einen natürlich-sprachlichen Dialog von Mensch und Maschine ermöglichen und so interne Mitarbeiter von zeitraubenden Routineaufgaben entlasten. „Chatbots ersetzen auf lange Sicht das Callcenter, indem sie Kunden schneller antworten“, ergänzt Darren Roos. Anwendungsbeispiele seien etwa der First-Level-Support in der Kunden-Hotline. Die Benutzeroberfläche der nächsten ERP-Generation werde eine Konversationsschnittstelle enthalten. Inzwischen hat sich jedoch herausgestellt, dass Alexa, Siri & Co. erst einmal aufwendig auf das Verstehen von Ironie und anderen Feinheiten der Sprache zu trainieren sind. .

KI im Retail-Handel

Ein Beispiel ist der Vertrieb im Lebensmitteleinzelhandel. So gibt es nach Angaben von Godelef Kühl, Gründer und Vorstandsvorsitzender der godesys AG, bereits Services, die auf KI setzen, um mithilfe von Abverkaufsdaten die Vertriebstouren des Außendienstes zu optimieren. Anhand umfassender Datenanalysen kann ein KI-Service etwa angeben, welche Filiale wie oft besucht werden muss. Wird dieser Service zusätzlich mit dem ERP-System gekoppelt, können Unternehmen ihren Außendienst „besorgungsoptimiert“ steuern. Der Vorteil eines derartigen Vorgehens liege auf der Hand: Alle Services werden sauber im ERP-System integriert.

KI sei auch im Handel leicht zu realisieren. „Nur die wenigsten wissen“, so Kühl, „dass jedes Smartphone an die 14 Sensoren hat. Indem sich Retailer etwa über eine Beacon-Technologie im Geschäft einloggen, könnten sie bei jeder Bewegung ihrer Kunden Daten sammeln und u.a. erfahren, wie lange ein Kunde vor einem Produktregal steht. Würden diese Daten dann mit einem Kassenbon verbunden, könnten Retailer noch viel mehr über das Kaufverhalten ihrer Kunden erfahren“, erläutert Kühl. „Retailer sollten sich fragen, welche Daten sie analysieren möchten, sie zentralisiert ablegen und mit ihrem ERP abgleichen.“ Was die Nutzung von IoT-Daten angeht, so verweist Kühl auf Predictive Maintenance. Würden Sensordaten ins ERP-System eingepflegt, ließen sich hieraus Ausfallraten ableiten und die Auslastungsplanung verbessern, aber auch Störungen vorhersagen und vermeiden.

„Auch die Durchführung von wiederkehrenden Transaktionen in der Buchhaltung, die durch KI-gestützte Prozessautomatisierung selbständig vorgenommen werden können, wird mit KI automatisiert", sagt Zipser voraus. „Ein nächster Evolutionsschritt bei dieser Technologie ist ihre Weiterentwicklung in Richtung autonom agierender Systeme mithilfe des Deep Machine Learning.“ Aufgrund des Bedarfs an Innovation und der Wertschöpfung aus Daten, prognostiziert IDC-Analyst Rizza, „werden bis 2021 mehr als die Hälfte aller ERP-Lösungen die (oben genannten) abteilungs- oder branchenspezifischen Software-Bausteine mit KI kombinieren.“

„Aspekte wie leistungsfähige Schnittstellen zu IT-Systemen und Daten werden 2019 und darüber hinaus ebenso immer wichtiger wie eine schnelle Anpassbarkeit des Systems, Echtzeitverarbeitung von Daten sowie die Aspekte Transparenz und Nachvollziehbarkeit“, meint Kühl.

IDC-Analyst Rizza prognostiziert eine erhebliche Investitionswelle: „Getrieben von intelligenter ERP werden bis 2023 zwei Drittel der Global-2000-Organisationen ihre Systeme durch einen Prozess der Rationalisierung, Modernisierung und Transformation aufgefrischt haben.“ Von 2019 bis 2022 sagt die Gartner-Studie über Enterprise Application Software im ERP-Segment Investitionen in Höhe von 177,8 Mio. US-Dollar voraus. Im CRM-Segment sind die Budgets mit 295,2 Mio. US-Dollar noch umfangreicher.

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