Umbruch im Cloud-Markt

Die Public Cloud als Wegbereiter für US-Anbieter

| Autor / Redakteur: Bernd Schäfer und Manfred Hering * / Elke Witmer-Goßner

Die großen europäischen IT-Dienstleister müssen gut genug aufgestellt sein, um ihre Heimatmärkte gegen die US-amerikanische Cloud-Konkurrenz zu verteidigen.
Die großen europäischen IT-Dienstleister müssen gut genug aufgestellt sein, um ihre Heimatmärkte gegen die US-amerikanische Cloud-Konkurrenz zu verteidigen. (Bild: © Minerva Studio - Fotolia)

Da nun auch hierzulande die Public Cloud immer mehr Marktanteile erobert, ergeben sich für die darauf spezialisierten US-Anbieter wie Amazon Web Services oder Microsoft zusätzliche Marktchancen. Was setzen ihnen die hiesigen etablierten Provider entgegen? Und was bedeutet dies für die Cloud-Kunden?

Am Beispiel Deutsche Telekom lässt sich sehr gut der Umbruch ablesen, in dem sich der hiesige Cloud-Computing-Markt aktuell befindet. Neben ihren privaten und hybriden Cloud-Lösungen hat sich die Telekom auf der vergangenen Cebit mit neuen Public-Cloud-Angeboten in Stellung gebracht. Im Mittelpunkt stand OTC, die Open Telecom Cloud, die in Zusammenarbeit mit Huawei Neugeschäft generieren soll. Zusammen mit der besseren Positionierung in Sachen Datensicherheit und Datenschutz will die Deutsche Telekom so der vermeintlichen Übermacht von „FAGMA“ (Facebook, Amazon, Google, Microsoft und Apple) Paroli bieten.

Produkt- und Cloud-Anbieter in einem

Wie die Telekom sind viele der Mitbewerber sowohl Produkt- als auch Cloud-Service-Anbieter – etwa große IT-Service-Provider wie IBM; aber auch Microsoft, das es mit Azure geschafft hat, eine Produktlösung zu einem Cloud-Angebot um- und auszubauen. Auch der Verbund aus VMware, Cisco und EMC verkauft sowohl Hardware als auch Cloud-Lösungen. In dieser Hinsicht nimmt Amazon mit AWS fast schon eine Ausnahmeposition ein, da AWS grundsätzlich keine Produkte, sondern einzig und allein Cloud-Services vermarktet. Kleinere Anbieter wie Profitbricks, Fritz & Macziol, 1&1 oder zum Beispiel das auf Managed Security Services spezialisierte Qualys runden das Bild hierzulande ab.

Nicht zuletzt wollen die traditionellen Service Provider amerikanischer (IBM Softlayer, CSC/HPE, Accenture etc.) sowie indischer (Wipro, InfoSys, HCL, TCS etc.) Herkunft ihre Kunden mit mannigfaltigen Cloud-Service-Angeboten bei sich halten. Andere, wie zum Beispiel SAP, vollziehen eine Loslösung bestehender Abhängigkeiten (in diesem Fall Oracle) und „cloudifizieren“ ihren Code sowie ihre Services (SAP S/4 Hana), um Kunden Migrationspfade aufzuzeigen.

US-Markt mit deutlichem Vorsprung

Generell gilt, dass der US-amerikanische Cloud-Markt dem europäischen um mindestens ein bis zwei Jahre voraus ist. Große Cloud-Deals wie jüngst zwischen General Electric und AWS sind in den nächsten Monaten auch für Europa zu erwarten, zumal die US-amerikanischen Anbieter derzeit systematisch Rechenzentren und Kapazitäten in Europa aufbauen und im Zuge dessen dafür sorgen, dass sie die rechtlichen Rahmenbedingungen in Europa erfüllen. Auf dieser Basis können sie ihre Vorteile zunehmend auch hierzulande anbieten: nämlich eine Vielzahl von Services, die in Europa noch neu, auf dem US-Markt hingegen schon erfolgreich und im Breiteneinsatz erprobt sind.

Derzeit positionieren sich die Service Provider zunehmend mit SaaS-(Software-as-a-Service-) und PaaS-(Platform-as-a-Service-)Lösungen, während sich die meisten Kunden in Deutschland auf ihrem Wege in die Cloud noch immer auffällig stark mit IaaS (Infrastructure-as-a-Service) beschäftigen. Denn in Sachen Infrastruktur weisen die hiesigen Unternehmen den höchsten Reifegrad auf – insbesondere eine hohe Server-Virtualisierung –, sodass sie mithilfe der „Cloudifizierung“ hohe Einsparungen erwarten.

Markt fordert mehr Angebote

Diese Diskrepanz wird sich jedoch kurz- bis mittelfristig auflösen, da auch in Deutschland der Fokus mehr und mehr in Richtung notwendiger Standardisierung und Absicherung von Applikationen rückt. Hinzu kommt, dass die Fachabteilungen Bedarfe lautstark anmelden – seien es cloud-basierte CRM-Lösungen für das Marketing oder viele der neuen Industrie-4.0-Lösungen, die nur funktionieren, wenn die Integration der Applikationen auf Datenebene (als Schlüsselelement für den Erfolg) bei den beteiligten Partnern standardisiert ist, damit diese sicher miteinander kommunizieren können.

Die Cloud-Anbieter gehen mehr und mehr dazu über, in ihr Private-Cloud-Portfolio die Charakteristika von Public-Cloud-Lösungen einfließen zu lassen, unter anderem seriengefertigte „Off the shelf“-Produkte und „Zero baseline“-Verträge, also die Abrechnung nach dem Lizenzen-Ist-Zustand. Dies kommt den Einkäufern entgegen, die standardisierte Lösungen bevorzugen, um besser kalkulierbare Kostenstrukturen zu erreichen. Einige Service Provider bieten mittlerweile Transformationen und Migrationen mit Festpreisen nach T-Shirt-Größen an (XXL bis S) oder gehen sogar soweit, bei einem abgerufenen Mindestkontingent aus der Public Cloud Leistungen in der Private Cloud kostenlos bereitzustellen.

Was Cloud-Assessments taugen

Auch beim Thema Cloud gilt weiterhin der Satz: „Wer ein Problem outsourct, bekommt es in der Regel verschärft zurück.“ Deshalb bieten praktisch alle Cloud-Anbieter Self-Assessments – Selbstveranlagungen – an, oft kostenlos. Die Aussagen am Ende eines solchen Assessments identifizieren die Reife einer Organisation und die technischen Rahmenbedingungen beim Einsatz von Cloud Computing. Einige wenige wagen sogar einen pauschalisierten Blick auf die Applikationen. Aus der Reife werden dann mal mehr, mal weniger fundiert Schlüsse auf die Handlungsbereiche gezogen und in der Regel versucht der Anbieter dann „seine“ Cloud zu verkaufen. Grundsätzlich ist diese Vorgehensweise solide und ein guter Startpunkt.

Doch wenn Unternehmen den Weg weitergehen, werden sie drei Dinge sehr schnell feststellen: Erstens spielen die Applikationen eine zentrale Rolle auf dem Weg in die Cloud. Zweitens erfordert das Management der neuen Modelle, etwa „Multi Provider“ oder „Zero Baseline“, grundlegend neue Kooperationsformen und damit Veränderungen weit über die IT hinaus, zum Beispiel im Einkauf. Und drittens kann die bestehende Management-Landschaft das Management von Cloud-Dienstleistern sowohl prozessual als auch toolseitig nicht abbilden.

Ein einfaches Bild eines „Ökosystems“, das bei zahlreichen Unternehmen Anwendung findet, kann dabei helfen, richtungsweisende Entscheidungen hinsichtlich möglicher XaaS-Cloud-Services abzuleiten.
Ein einfaches Bild eines „Ökosystems“, das bei zahlreichen Unternehmen Anwendung findet, kann dabei helfen, richtungsweisende Entscheidungen hinsichtlich möglicher XaaS-Cloud-Services abzuleiten. (Bild: ISG)

Eine wirklich unabhängige Sicht auf die Dinge ist deshalb unerlässlich, um die wirklichen Mehrwertpotenziale bei weiteren Schritten in die Cloud im Detail definieren zu können. Hierbei kommt es vor allem darauf an, die richtigen Service-Zuschnitte abzuleiten und das damit einhergehende interne Orchestrieren der zahlreichen Service-Anbieter im Rahmen des Service-Provider- und Vendor-Managements sicherzustellen. Man spricht hier auch vom „Brokern der Multi Service Provider“. Die Entscheider brauchen zudem eine Übersicht über die bestehenden Verträge sowie darüber, welche Services zu welchen Preisen und Rahmenbedingungen angeboten werden. Lösungen, die solche Vergleiche automatisiert und mithilfe eines kontinuierlichen Benchmarkings durchführen, gibt es bereits am Markt.

Ergänzendes zum Thema
 
Gängige strategische Fragestellungen

Genügt der Standard?

Bernd Schäfer, ISG Germany.
Bernd Schäfer, ISG Germany. (Bild: ISG)

Standardisierte Cloud-Angebote, wie sie vor allem die US-Anbieter im Portfolio haben, punkten in der Regel mit Preisvorteilen und zahlreichen Services, allerdings können sie oft nicht die Service Level Agreements (SLAs) der Unternehmen erfüllen. Zu starre Verträge führen oft zu einem bösen Erwachen, nach dem Motto: „Du bekommst, für was du bezahlt hast, aber eben auch nicht mehr.“ Flexiblere Angebote der Mitbewerber haben hingegen oft ihren Preis. Insofern ist der richtige Mix zwischen standardisierten Public- und flexibleren Hybrid-Lösungen entscheidend. Ein Framework der Datenklassifizierung kann dabei helfen zu klären: Welche Applikationen können und sollten wohin verlagert werden? Über die „Data Ownership“ sollte dabei immer das Business verfügen und nicht die IT. Denn Verantwortung kann nicht delegiert werden. Letztlich geht es darum, die richtige Balance aus Schutz der Informationen und Geschäftsdaten einerseits sowie Kosteneffizienz andererseits zu erzielen.

Manfred Hering, ISG Germany.
Manfred Hering, ISG Germany. (Bild: ISG)

In absehbarer Zeit wird sich kein Unternehmen den Cloud-Services entziehen können, entsprechend sind diese immer noch „neuen“ Services als eine andere Lieferform zu betrachten und in die bestehenden Strukturen und Prozesse geschickt mit einzubinden. Hier bedarf es in der Regel Überlegungen, wie sich bestehende Organisationsstrukturen und Management-Prozesse durch die Lieferung der Services verändern werden.

* Der Autor Bernd Schäfer ist Geschäftsführer des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens ISG Information Services Group Germany, Co-Autor Manfred Hering Director Enterprise Architecture & Emerging Technologies im gleichen Unternehmen.

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