Warum gibt es in der EU eigentlich trotz vieler Initiativen keine klassischen Hyperscaler wie in den USA? Mit 8.000 Kunden hat die 2011 gegründete Upcloud eine gewisse Wachstumshistorie hingelegt. Der CEO wirft einen Blick auf das komplexe Marktumfeld.
Wer mit US-Hyperscalern konkurrieren will, muss mit Usability, Angeboten und dem Preis punkten, statt mit Regeln, Vorgaben und Compliance-Richtlinien.
(Bild: Midjourney / KI-generiert)
Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Player aus EU-Ländern können im Hyperscaler-Geschäft wenig punkten. Entsprechende Impulse kommen aus den USA und China. Gaia-X, 8ra, EuroStack – an Initiativen und Regelwerken scheint es nicht zu mangeln. Doch langsam darf man sich getrost fragen, ob die EU zu viele Regeln aufstellt und das der Grund ist, warum sich in der EU kein klassischer Hyperscaler angesiedelt hat.
Wenn europäische Cloud-Angebote nur mit ‚Compliance‘ argumentieren, aber in Sachen Usability, Performance oder Kosten nicht mithalten, dann wird sich daraus kein nachhaltiges Ökosystem entwickeln.
Arno Schäfer, CEO bei Upcloud
Arno Schäfer, CEO von Upcloud, blickt differenziert auf diese Fragestellung: „Initiativen wie Gaia-X sind ohne Frage wichtig. Aber sie stehen und fallen mit der Frage, ob sie auch echte, praxisnahe Alternativen schaffen“, so der Manager. Europa sei demnach sehr gut darin, Regeln und Standards zu formulieren. Was häufig fehle, sei die Übersetzung in konkret nutzbare, wettbewerbsfähige Lösungen.
Über politische Projekte hinauswachsen
Arno Schäfer, CEO Upcloud.
(Bild: Upcloud)
Der CEO blickt pragmatisch auf den Markt und sagt: „Was es jetzt braucht, ist vor allem Geschwindigkeit. Unternehmen entscheiden sich nicht aus Prinzip für europäische Lösungen, sondern dann, wenn diese technisch überzeugen, einfach integrierbar sind und echten Mehrwert bieten.“ Doch dafür müsse Gaia-X mehr als ein politisches Projekt sein, nämlich ein Innovationstreiber, der europäische Anbieter auf Augenhöhe mit den Hyperscalern bringt.
Hintergrund
Cloud-Monitor von KPMG
An der Cloud führt de facto kein Weg vorbei, wenn man den Ergebnissen des aktuellen „Cloud-Monitor 2024“ der Wirtschaftsprüfer von KPMG Glauben schenkt: 98 Prozent der befragten Unternehmen in Deutschland mit 50 und mehr Beschäftigten nutzen demnach Cloud Computing. Davon fährt etwas mehr als die Hälfte eine Cloud-First-Strategie. Das Boom-Thema KI treibt den Cloud-Siegeszug voran: 97 Prozent der Cloud-nutzenden Unternehmen beziehen KI aus der Cloud.
Wachstumsdynamik aus Helsinki
Upcloud ist bekannterweise auch noch nicht zum Hyperscaler aufgestiegen. Mit rund 150 Mitarbeitern betreibt es acht Rechenzentren in Europa, darunter in Frankfurt, London und Helsinki, für inzwischen mehr als 8.000 Kunden. Das Unternehmen wurde 2011 in Helsinki gegründet. Als europäischer Cloud-Anbieter mit Standorten in sechs Ländern will man auch damit punkten, dass Unternehmen die Kontrolle über ihre Daten und Infrastruktur behalten. Denn Geschwindigkeit und technisch überzeugende Angebote hin oder her: Wahr ist aus Sicht der Upcloud-Führungsspitze auch, dass gerade im Cloud-Bereich viele Organisationen verunsichert sind, wenn es um Datenschutz, rechtliche Rahmenbedingungen und technische Abhängigkeiten geht.
Hintergrund
Marktdominanz der Hyperscaler
„Die Cloud“ heißt konkret allzu oft, dass Angebote der US-Hyperscaler genutzt werden. So speichert fast die gesamte westliche Welt den Großteil ihrer Daten bei US-Firmen. Diese Marktdominanz geht mit kritikwürdigen Effekten einher. Zu den drei Hauptkritikpunkten gehören die Sicherheitsbedenken:
Der US CLOUD Act erlaubt US-Behörden unter gewissen Voraussetzungen den Datenzugriff, auch wenn diese nicht in den USA gespeichert sind, was europäische Datenschutzstandards „herausfordert“.
Neben den bekannten Kosten kommen oft zusätzliche Gebühren für Datenübertragungen, APIs und Speicher dazu, die viele Unternehmen bereits überrascht haben.
Im Cloud-Umfeld kann der Wechsel schwierig werden, da komplexe Verträge und technische Problemstellungen langfristige Abhängigkeiten schaffen können (Bindungsfalle).
Rechtliche Unsicherheiten als Verkaufsargument
Fragt man Schäfer was gegen die Nutzung von US-Hyperscalern spricht und wo er konkret die größten Risiken für mittelständische Unternehmen sieht und ob dies die konkrete Gefahr von Industriespionage oder abstraktere rechtliche Probleme sind, wird der Manager juristisch: Besonders heikel werde es, wenn es um rechtliche Vorgaben und Datenschutz geht. Ein zentrales Problem sei der US CLOUD Act: „Selbst wenn Daten physisch in Europa gespeichert sind, können US-Behörden unter bestimmten Umständen darauf zugreifen. Und genau das steht im Widerspruch zur DSGVO.“ Gerade für mittelständische Unternehmen sei so die Abhängigkeit von US-Hyperscalern mit echten Risiken verbunden. Das klingt nach eher abstrakten Gefahren.
Doch Schäfer argumentiert auch mit einem Praxisbeispiel aus dem Herzen der EU: „Wir haben das sehr deutlich beim Fall Microsoft 365 bei der Europäischen Kommission gesehen. Dort wurde über Monate hinweg mit Diensten gearbeitet, ohne ausreichende Garantien für den Schutz personenbezogener Daten außerhalb des EU-Raums.“ Der Europäische Datenschutzbeauftragte kam nach Schäfers Lesart nach einer Untersuchung zu dem Schluss, dass es wiederholt zu Datenübertragungen in Drittländer kam. Das wiederum habe er als Verstoß gegen geltendes EU-Datenschutzrecht gewertet. Auch wenn der Fall nicht auf die Inhalte konkretisiert ausgerollt wurde, heißt das aus der Sicht des Upcloud-Chefs, dass selbst bei den größten Anbietern ein Restrisiko bleibe. „Und dieses Risiko betrifft eben nicht nur Behörden, sondern ganz genauso privatwirtschaftliche Unternehmen.“
Hintergrund
EU Data Act forciert Cloud Switching
Der EU Data Act macht Vorgaben für den nahtlosen Wechsel zwischen Cloud-Dienstleistern. Ab September 2025 müssen Barrieren wie hohe Egress-Gebühren beseitigt werden. So sollen Nutzer beim Cloud Computing mehr Kontrolle und Flexibilität über ihre Daten erhalten. Dazu werden Anbieter an ihren Verträgen, Prozessen und Schnittstellen arbeiten müssen.
Der Goldene Käfig
Ein weiterer Punkt, den man nicht unterschätzen darf, sei die technologische Abhängigkeit. Wer einmal tief in einem Hyperscaler-Ökosystem steckt, kommt da so leicht nicht wieder heraus. Viele mittelständische Unternehmen unterschätzen laut Schäfer den sogenannten Vendor-Lock-in-Effekt und merken erst spät, wie stark sich diese Abhängigkeit auf ihre strategische und technologische Handlungsfreiheit auswirkt.
Hintergrund
Cloud Switching gegen Vendor-Lock-In-Effekte
Als Cloud Computing seinen Einzug hielt, argumentierten die Anbieter mit Vendor-Lock-In-Effekten bei dauerhaften Lizenzen, die durch Cloud-Flexibilität ersetzt werden könnten. Pustekuchen: Viele Anbieter schufen selbst – absichtlich oder unabsichtlich – neue Abhängigkeiten durch komplexe Verträge, versteckte Kosten und technische Barrieren. Wenn man sich nun im Markt umhört, wird klar: Der Data Act sorgt für viel Bewegung hinter den Kulissen. Juristen und Techniker loten aus, wie das Cloud Switching der Zukunft mit den neuen „Spielregeln“ aussehen wird. Der Herbst wird zeigen, ob die Vorgaben zu Cloud Switching ein neues Zeitalter im Cloud Computing einläuten werden.
Doch was sind die häufigsten technischen und organisatorischen Hürden bei Cloud-Migrationen im Mittelstand – und woran scheitern diese? Folgt man den Ausführungen von Schäfer, würden viele Cloud-Migrationen schon jetzt nicht an der Technik, sondern an der fehlenden Strategie scheitern. Es werde oft unterschätzt, wie komplex die Integration bestehender Systeme wirklich ist – gerade dann, wenn älteren Anwendungen im Spiel sind, die nie für die Cloud konzipiert wurden. Technisch gehe es da oft um Themen wie Datenkonsistenz, Sicherheit im Übergang oder Schnittstellen, die sich nicht eins zu eins übertragen lassen. Organisatorisch fehle es laut dem Upcloud-Manager in vielen Unternehmen an internem Know-how, oder schlicht an der Bereitschaft, bestehende Prozesse neu zu denken.
Stand: 08.12.2025
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Die EU-Verordnung zum Cloud Switching, die im September in Kraft tritt, sei sicher ein guter Schritt in die richtige Richtung. Sie schaffe mehr Transparenz und soll den Wechsel zwischen Anbietern vereinfachen. „Aber wie stark sie tatsächlich die Praxis verändert, hängt davon ab, wie konsequent sie umgesetzt und wie verbindlich sie kontrolliert wird“, schränkt Schäfer ein. Die eigentliche Herausforderung – also Migrationen strukturiert, sicher und wirtschaftlich umzusetzen – bleibe so oder so bestehen.
Die Problematik rund um die DSGVO
Die DSGVO (Datenschutzgrundverordnung), die häufig in einem kritischen, weil bürokratischen Kontext besprochen wird, ist laut Schäfer an sich ist kein Hindernis. „Im Gegenteil, sie ist ein notwendiger Rahmen für den verantwortungsvollen Umgang mit Daten. Schwierig wird es meistens dann, wenn es an Verständnis für die konkreten Anforderungen fehlt oder wenn es bei der praktischen Umsetzung hakt.“ Gerade im Mittelstand erlebt man demnach bei Upcloud oft, dass die internen Ressourcen nicht ausreichen, um die DSGVO sauber zu interpretieren und technisch umzusetzen. Hinzu komme, dass manche Tools – insbesondere von außereuropäischen Anbietern – gar nicht dafür ausgelegt sind, die Vorgaben der DSGVO vollständig einzuhalten.
Entscheidend sei daher nicht die Verordnung selbst, sondern wie man sie handhabt. „Mit der richtigen Infrastruktur, klar dokumentierten Prozessen und einem Anbieter, der die europäische Rechtslage versteht und unterstützt, lässt sich die DSGVO deutlich einfacher und praxisnäher erfüllen“, findet der Manager.