Digitale Souveränität in Europa Cloud unter Kontrolle – Warum Europa selbst steuern muss

Von Andreas Ritter* 5 min Lesedauer

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In Zeiten geopolitischer Spannungen und wachsender Datenschutzbedenken rückt die Frage nach europäischen Cloud-Alternativen in den Fokus. Digitale Souveränität ist längst kein Nice-to-have mehr, sondern ein Muss.

Die geopolitischen Spannungen und das wachsende Bewusstsein für Datenschutzfragen haben den Aufruf nach europäischen Cloud-Alternativen verstärkt. (Bild: ©  Iurii - stock.adobe.com)
Die geopolitischen Spannungen und das wachsende Bewusstsein für Datenschutzfragen haben den Aufruf nach europäischen Cloud-Alternativen verstärkt.
(Bild: © Iurii - stock.adobe.com)

Die digitale Weltordnung ist ins Wanken geraten – und Europa steckt mittendrin. Die jüngsten geopolitischen Entwicklungen, insbesondere unter US-Präsident Donald Trump, haben längst nicht mehr nur Auswirkungen auf den Welthandel, sondern auch auf die digitale Infrastruktur. Der Cloud-Markt wird seit Jahren von US-Hyperscalern wie Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud dominiert. In Deutschland nutzen laut einer Bitkom-Umfrage 89 Prozent der Unternehmen Cloud-Anwendungen, insbesondere von internationalen Marktführern. Diese starke Abhängigkeit ist nicht nur eine Frage technischer Effizienz, sondern auch ein geopolitisches Risiko.

Denn wenn kritische Infrastrukturen auf Servern jenseits des Atlantiks laufen, stehen nicht nur Datenschutz und Ausfallsicherheit auf dem Spiel, sondern auch politische Souveränität. Der Ruf nach europäischen Alternativen wird lauter – doch zwischen gut gemeinten Initiativen und echten Lösungen klafft noch immer eine gewaltige Lücke.

Gaia-X sollte die europäische Antwort auf die Übermacht der US-Anbieter werden. Doch auch sechs Jahre nach dem Start 2019 bleibt die Initiative zum Aufbau einer leistungs- und wettbewerbsfähigen Dateninfrastruktur weit hinter den Erwartungen zurück. Dabei ist nicht die Idee das Problem, sondern die Umsetzung: Als Verein konzipiert, fehlt Gaia-X die nötige wirtschaftliche Schlagkraft und strategische Fokussierung. Während die Initiative weiter am Aufbau sicherer Datenräume arbeitet, hosten Banken, Behörden und Unternehmen ihre Daten weiterhin bei AWS und Co.

Von den Besten lernen – und es besser machen

Die US-Hyperscaler haben die Cloud groß gemacht. Sie haben Standards gesetzt, Innovationen im Wochenrhythmus auf den Markt gebracht und dabei gezeigt, was möglich ist, wenn Kapital, Talent und Vision kompromisslos skaliert werden. Ihre Plattformen überzeugen durch hohe Verfügbarkeit, eine enorme Funktionsbreite und eine radikale Produktlogik: Alles ist API-first, modular und global skalierbar.

Am sichtbarsten wird das in der Fülle der angebotenen Services. AWS bietet allein über 200 unterschiedliche Tools und Plattformdienste an – von Low-Code-Entwicklung über Edge-Computing bis hin zu spezialisierten KI-Plattformen wie Bedrock. Parallel wachsen aber auch die technologischen Anforderungen an die Cloud. Denn je zentraler Daten für KI, Automatisierung und digitale Geschäftsmodelle werden, desto entscheidender wird die Frage: Wo liegen die Daten – und wer kontrolliert sie? Denn oft bleiben Potenziale ungenutzt oder verursachen unnötige Kosten, weil die Kontrolle über die eigenen Daten fehlt. Auch heute sind laut einer Studie nur sechs Prozent der deutschen Unternehmen davon überzeugt, das Potenzial ihrer Daten vollständig zu nutzen.

Ein Grund mehr, genau hinzusehen, was Hyperscaler so erfolgreich macht. Denn sie haben gezeigt, wie man ein leistungsfähiges Tech-Ökosystem baut – mit offenen Standards, klaren Schnittstellen und einer starken Developer-Experience. Terraform, Kubernetes, CI/CD: Viele Tools, die heute Standard sind, wurzeln in diesem Umfeld. Für europäische Anbieter ist das eine Einladung – nicht zur Kopie, sondern zur Weiterentwicklung. Technologisch exzellent, aber wertebasiert und digital souverän.

Souveränität heißt entscheiden können

Digitale Souveränität – also die digitale Welt selbstbestimmt und unabhängig zu gestalten und zu nutzen – sollte kein abstrakter Idealzustand sein. Sie zeigt sich ganz konkret in der Praxis: Wer entscheidet, wo Daten liegen, wer darauf zugreifen kann und wer im Zweifel die Kontrolle hat?

US-Hyperscaler werden in absehbarer Zeit Marktführer bleiben, schließlich haben sie einen jahrzehntelangen Vorsprung. Doch Unternehmen und Behörden müssen sich schrittweise unabhängiger aufstellen. Der Schlüssel dazu liegt in einer souveränen Architektur, die wirtschaftlich tragfähig und zugleich die Kontrolle über kritische Prozesse behält.

In der Praxis heißt das: hybride Cloud-Infrastrukturen, Multicloud-Ansätze – oder eine Mischung aus beiden. Hybride Modelle sind längst mehr als eine Brückentechnologie – sie sind der neue Standard. Rechenintensive Anwendungen, die globale Skalierung erfordern, können auf Plattformen wie AWS oder Azure laufen. Gleichzeitig verbleiben sensible Daten, kritische Applikationen oder bestimmte Workloads in europäischen Rechenzentren oder im eigenen RZ – konform zu lokalen Datenschutzgesetzen, risikoorientiert verteilt.

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Multicloud schafft Spielräume und Kontrolle

Noch mehr Flexibilität bieten Multicloud-Strategien. Der parallele Einsatz mehrerer Anbieter schafft Ausfallsicherheit, reduziert Abhängigkeiten und kann – bei entsprechender Technologie- und Architekturwahl – Vendor Lock-ins verhindern. Entscheidend ist, dass sich Daten und Anwendungen zwischen diesen Umgebungen portieren und integrieren lassen – ohne die Kontrolle zu verlieren. Genau hier kommen Technologien wie Kubernetes, Docker, Terraform oder Open Policy Agent (OPA) ins Spiel, die Interoperabilität, Automatisierung und einheitliche Governance über Cloud-Umgebungen hinweg ermöglichen.

Digitale Souveränität heißt dabei nicht, auf Innovation zu verzichten. Es geht um bewusste Entscheidungen: Welche Dienste werden wo betrieben? Welche Daten sind kritisch? Wer hat Zugriff? Die KI-Modelle der Hyperscaler können ein Gewinn sein – wenn Unternehmen den Zugriff steuern und den Datenfluss kontrollieren können.

Europäische Anbieter wie Ionos, Stackit oder die speziell auf den Öffentlichen Dienst ausgerichtete Delos Cloud – eine Azure-basierte Lösung in deutschen Rechenzentren – müssen nicht dieselbe Skalierung wie die US-Giganten erreichen. Ihre Stärke liegt woanders: Datenschutz „by Design“, nachvollziehbare Governance, Werteorientierung statt Wachstumsmaximierung. Europäische Cloud-Lösungen sind kein Nischenprodukt, sondern ein strategischer Gegenentwurf – pragmatisch, sicher und zukunftsfähig. Damit allerdings diese Strategie wirken kann, braucht es mehr als gute Technologie, es braucht auch politische Klarheit.

Strategisch statt symbolisch

Aktuell scheitert digitale Souveränität nicht an der Technik, sondern an Prioritäten. Während in Europa noch über Labels, Gütesiegel und Idealbilder diskutiert wird, machen andere einfach – mit Milliardenbudgets, Skalierbarkeit und einem starken Produktfokus. Statt digitaler Unabhängigkeit zu fördern, belohnen viele öffentliche Ausschreibungen den niedrigsten Preis. Eine Praxis, die europäische Cloud-Anbieter in die Unterfinanzierung treibt und ihre Entwicklung hemmt. Dabei braucht es genau das Gegenteil: Laut einem Expertenteam der Bertelsmann Stiftung muss Europa mindestens 300 Milliarden Euro investieren, um ein eigenes technologisches Ökosystem aufzubauen.

Klar ist: Ohne europäische Eigenentwicklungen oder Open-Source-Technologien gibt es keine technologische Unabhängigkeit. Doch genau hier passiert zu wenig. Open Source ist kein Selbstläufer – wer sich auf Freiwillige verlässt, wird keine stabile Infrastruktur bekommen. Es braucht gezielte Investitionen, Wartung, Weiterentwicklung – kurz: echtes Engagement. Unser Nachbar Frankreich macht vor, wie aktive Industriepolitik aussieht: mit einem Gesetz zur stärkeren Cloud-Regulierung und gezielter Förderung französischer Anbieter, um eigene Cloud-Champions zu etablieren.

Der Punkt ist, Souveränität ist kein Zustand, den man ausruft. Sie ist ein Ergebnis – aus wirtschaftlicher Vernunft, technologischer Exzellenz und politischem Gestaltungswillen. Symbolpolitik reicht nicht. Was fehlt, ist ein strategischer Schulterschluss: zwischen Anbietern, Nutzern und der öffentlichen Hand – mit dem Ziel, echte Alternativen zu schaffen.


* Der Autor Andreas Ritter ist CEO von Exxeta und hat das Unternehmen zusammen mit Achim Kirchgässner 2005 gegründet. In dieser Position verantwortet er die Vision und Strategie von Exxeta sowie die Weiterentwicklung der Brand Exxeta und Exxetas Venture-Capital-Arm Exxeta Ventures. Dabei legt er einen besonderen Fokus auf Nachhaltigkeit – sowohl im ökologischen als auch im sozialen und ökonomischen Sinne. Vor der Gründung von Exxeta war Ritter als CTO bei der Entory AG tätig. Ritter hat am Karlsruher Institut für Technologie studiert.

Bildquelle: Exxeta

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