Interview mit Christoph Herrnkind Zieht mit Wiit die Ars Vivendi in das Cloud-Business ein?

Von Dr. Dietmar Müller

Anbieter zum Thema

Der Mailänder Provider Wiit ist spezialisiert auf die Bereitstellung von Cloud- und Security-Services mit starkem Fokus auf die Verwaltung komplexer und kritischer Umgebungen. Nun will er auch im deutschen Markt durchstarten. Wie das gehen soll, erläutert uns Christoph Herrnkind, Sprecher von Wiit in Deutschland.

Der italienische Service-Provider WIIT mit Hauptsitz in Mailand will im deutschen Markt durchstarten.
Der italienische Service-Provider WIIT mit Hauptsitz in Mailand will im deutschen Markt durchstarten.
(Bild: gemeinfrei, cains / Pixabay )

CloudComputing-Insider: Herr Herrnkind, Wiit ist im April dieses Jahres offiziell in den deutschen Markt eingetreten. Dabei ist Wiit kein unbeschriebenes Blatt: Im November 2020 hatte man die myLoc managed IT AG mit Sitz in Düsseldorf übernommen, danach folgten die Akquisitionen der deutschen Provider Mivitec, Boreus und Gecko. Das ist eine rasante Akquisitionsstrategie – darf man erwarten, dass sie fortgesetzt wird?

Christoph Herrnkind, Sprecher von WIIT in Deutschland
Christoph Herrnkind, Sprecher von WIIT in Deutschland
(Bild: WIIT )

Christoph Herrnkind: Die Expansion in den deutschen Markt war von Anfang an ein wichtiges Ziel für Wiit, sowohl für die zukünftige Entwicklung des Unternehmens als auch für unser Projekt „Cloud for Europe“. Nach den Akquisitionen in den letzten zwei Jahren hat Wiit im deutschen Markt eine sehr solide Struktur mit aktuell über 300 Mitarbeitenden an den fünf Standorten Düsseldorf, München, Stralsund, Rostock und Berlin. Wir wachsen kontinuierlich und erwirtschaften mit dem Deutschlandgeschäft bereits mehr als die Hälfte des Umsatzes der Gruppe. Mit dieser Entwicklung in nur zwei Jahren sind wir sehr zufrieden.
Akquisitionen bleiben auch weiterhin eine Option, um unseren Marktanteil weiter zu vergrößern, aber unsere oberste Priorität ist es, unser bestehendes Geschäft in Deutschland auszubauen, zu optimieren und Synergien zu nutzen, die die Basis für die weitere Geschäftsentwicklung bilden.
Zudem prüfen wir kontinuierlich Expansionsmöglichkeiten in andere europäische Länder und werden mit unserer Akquisitionsstrategie weiterhin Unternehmen ins Auge fassen, die zu unserer Unternehmenskultur und zu unserem erstklassigen Qualitäts- und Serviceansatz passen.

Wiit hat ja nun über zwei Jahre Erfahrung mit dem deutschen Markt. Mit dem Krieg in der Ukraine und zuvor den Einschränkungen durch Corona hat die Wirtschaft weltweit gelitten, in Deutschland aber besonders. Die Inflation ist hier höher als in anderen EU-Staaten, auch die Energiekosten gehen durch die Decke. Wie nehmen Sie, wie nimmt Wiit den deutschen Markt wahr?

Herrnkind: Grundsätzlich hat die Pandemie die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft beschleunigt. Es besteht ein hoher Bedarf an zuverlässigen, sicheren und hochentwickelten Cloud-Services, die ein komplettes Angebot an Managed Services für geschäftskritische Anwendungen wie SAP oder E-Commerce-Plattformen umfassen.
Wir erwarten, dass der deutsche Markt in diesen Bereichen weiter wachsen wird und unsere starken Quartalsergebnisse bestätigen diesen Trend. Mit unserem Premium-Cloud-Ansatz, unserem umfangreichen Service-Portfolio und unserer Expertise sind wir hervorragend positioniert, um die hohe Nachfrage von Unternehmenskunden in Deutschland optimal zu bedienen.
Im Hinblick auf den Anstieg der Energiekosten hat Wiit im Februar den Strompreis für die nächsten vier Jahre in Deutschland fixiert, um das Risiko von Preissteigerungen auszuschließen.

Wie nehmen Sie den deutschen Markt für Cloud-Services im Vergleich zum italienischen wahr?

Herrnkind: Der deutsche Markt für Cloud-Dienstleistungen ist der größte in Europa und etwa viermal so groß wie der italienische Markt. Es gibt ein riesiges Potenzial für Premium-Cloud-Services, da die Cloud-Migration aufgrund der zunehmenden Digitalisierung der deutschen Wirtschaft deutlich an Fahrt gewinnt.
Das Cloud-Geschäft wird noch viele Jahre lang ein Wachstumsmarkt bleiben, da italienische und deutsche Unternehmen die Vorteile der Cloud noch lange nicht ausgeschöpft haben: Nur 25 - 30 Prozent der Unternehmen nutzen Cloud-Dienste intensiv für geschäftskritischen Workloads.
Ein weiterer Aspekt sind die Risiken und Bedrohungen für die Cybersicherheit der Unternehmen, die sich kontinuierlich verschärfen. Das steigert die Nachfrage nach sicheren Cloud-Services und -Infrastrukturen. Wir sind daher sehr optimistisch, was unsere Wachstumschancen in dem Markt angeht.

Was möchten Sie mit Wiit als italienischem Unternehmen anders machen als die hiesigen bzw. die US-Anbieter?

Herrnkind: Wir sehen uns als europäisches Unternehmen mit italienischen Wurzeln. So gehen wir auch unsere Marktexpansion an. Wir haben ein vollständig integriertes Hybrid-Cloud- und Cybersicherheitsmodell konzipiert und entwickelt, um global agierende Unternehmen zu unterstützen und ihnen die Einhaltung kritischer Service Level Agreements zu ermöglichen.
Das ist kein speziell italienisches oder deutsches Bedürfnis, sondern die logische Entwicklung eines international tätigen Unternehmens, das rund um die Uhr sehr hohe Anforderung an die Widerstandsfähigkeit seiner Geschäftsprozesse hat. Unsere deutschen und italienischen Kunden sind globale Konzerne: Nutzer aus mehr als 80 Ländern sind täglich mit unserem europäischen Netz aus Rechenzentren verbunden, um auf ihre Geschäftsanwendungen zuzugreifen.
Wir sehen die Tech-Giganten aus den USA im Bereich Cloud Computing nicht als unsere Wettbewerber, da sich das Kerngeschäft von Wiit auf die Bereitstellung von Premium-Hybrid-Cloud-Diensten für geschäftskritische Anwendungen konzentriert. Unser Geschäftsmodell umfasst sowohl die Private als auch die Public Cloud und das gesamte Spektrum an Managed Services für mehr als 100 verschiedene Anwendungen (von ERP bis E-Commerce, von Logistik- oder Produktionslösungen bis hin zu CRM).
Darüber hinaus positionieren wir uns als strategischer Partner für die großen Technologiekonzerne, da ihr Geschäft für das Wachstum des Sektors und der Services entscheidend ist. Unser hybrides Cloud-Angebot umfasst und ergänzt auch die Dienste großer US-amerikanischer Hyperscaler und integriert Managed Services, die Kunden in Public Clouds sonst nicht haben.
Verglichen mit dem Serviceangebot lokaler Anbieter sind wir mit einem breiten Serviceportfolio und einem umfassenden Infrastruktur- und Plattformangebot aus einer Hand, unterstützt von einem erstklassigen, internationalen Team, einzigartig positioniert.

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu Cloud Computing

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Ihr Stammsitz Mailand ist eine Mode-Metropole, elegantes Auftreten ist dort Pflicht. Spiegelt sich das auch im Geschäftsgebaren von Wiit wider?

Herrnkind: Mailand ist eine Modemetropole, aber es ist auch wirtschaftlich die wichtigste Stadt Italiens und ein wichtiger Standort für die großen Luxusunternehmen der Welt. Es ist eine Stadt, die von Wettbewerb geprägt ist, in dem man sich nur mit Premium-Produkten von den Wettbewerbern abheben kann.
Die Luxusbranche ist eines der komplexesten Geschäfte, da sie eine sehr lange Wertschöpfungskette umfasst: von der Herstellung über die Logistik bis hin zum Einzelhandel und zum Verkaufsort. Eine Multichannel-Strategie, die E-Commerce, digitale Innovation, Marketing und Kundenerfahrung umfasst, ist notwendig, wenn man sich als Marktführer durchsetzen will.
Das Management dieser digitalen und technischen Komplexität ist äußerst anspruchsvoll. Daher arbeiten viele der weltweit führenden Luxusmarken mit Wiit zusammen. Premium-Marken benötigen Premium-Services. Eleganz und Hochwertigkeit sind Eigenschaften, die sich durchaus auch auf die Führung eines Unternehmens übertragen lassen.

Wiit wirbt mit Kompetenzen im DevOps-Bereich und dem Management geschäftskritischer Plattformen, allen voran im Bereich E-Commerce und SAP. Das sind dann auch die Bereiche, die Sie hauptsächlich bedienen wollen, oder?

Herrnkind: Kunden entscheiden sich für Wiit, weil ihre wichtigsten geschäftskritischen Anwendungen zuverlässig laufen müssen. Unsere Dienstleistungen werden auf jeden Kunden individuell angepasst und dafür stellen wir die modernsten Technologien und Lösungen bereit.
Die Sicherheit und die richtige Vorbereitung auf Notfälle hatten bei uns schon immer Vorrang. Mit der Pandemie und der daraus resultierenden Zunahme der Arbeit aus dem Homeoffice nimmt die Zahl der Cyberangriffe immer weiter zu, sodass Datenschutz und präventive Maßnahmen zur Sicherung der Unternehmensdaten für alle Unternehmen hohe Priorität haben.
Wiit investiert in den Ausbau und in ständige Aktualisierungen der Rechenzentren sowie in die Weiterentwicklung der Mitarbeitenden, der eingesetzten Technologien und der angebotenen Dienstleistungen, um ein hohes Serviceniveau zu gewährleisten.

Wiit tritt wie von Ihnen bereits angesprochen unter dem Motto „Cloud for Europe“ an. Was dürfen sich Kunden darunter vorstellen, wie ist das Angebot strukturiert?

Herrnkind: Mit „Cloud for Europe" verfolgt Wiit das Ziel, einer der führenden Cloud-Anbieter für geschäftskritische Anwendungen in Europa zu werden und sein Premium-Modell für Unternehmen in ganz Europa zu etablieren. Unsere Kunden sind global agierende Unternehmen, die Kernprozesse in globalem Maßstab unterstützen. Normalerweise sind die kritischen Kernprozesse in einzelnen Instanzen mit Business-Continuity-Services zentralisiert und nutzen unsere Tier-IV-Rechenzentren, die die höchsten Sicherheitsstandards erfüllen.
Sie benötigen aber auch Unterstützung für das Management lokaler Anwendungen rund um die Uhr, Kollaborationsplattformen oder vertikale dedizierte Lösungen, die in privaten oder öffentlichen Clouds laufen. Sie benötigen globalen Support, unabhängig von der verwendeten Technologie, der Zeitzone und der laufenden Anwendung. Vereinfachung und Steigerung der Sicherheit sind die Schlüsselwörter für die Entscheider auf Vorstandsebene.
Unsere erfolgreich implementierten Lösungen erstrecken sich über verschiedene Branchen und entsprechen voll und ganz dem branchenspezifischen Ansatz, wie Edge-Computing in der Fertigung, integrierte Multi-Channel-Erfahrung im Einzelhandel und digitale Dienste einschließlich IoT/AI als technologiegetriebener Ansatz in allen Branchen.

Wiit will bis Ende des Jahres die höchste Zertifizierungsstufe des US-amerikanischen Uptime Institutes für seine deutschen Aktivitäten erhalten. Dies ist bereits für zwei seiner Rechenzentren in Mailand geschehen. Damit spielen Sie die Karte der Nachhaltigkeit – ist dies für Ihre Kunden tatsächlich ein dominantes Thema?

Herrnkind: Ein Tier IV-Zertifikat ist eine Zertifizierung für die Erfüllung höchster Standards in Bezug auf Infrastruktur, Datensicherheit und Ausfallsicherheit. Unser Ziel ist es, Ende dieses Jahres das erste Tier IV-zertifizierte Rechenzentrum in Deutschland für unsere Premium-Cloud-Services für Bestands- und Neukunden in Betrieb zu nehmen.
Gleichzeitig engagieren wir uns stark für Nachhaltigkeit und integrieren das Thema in unser Geschäftsmodell und damit in unser Tagesgeschäft. Zu diesem Zweck haben wir auch einen ESG-Plan 2030 mit 18 Zielen definiert. Bereits jetzt hat die ESG-Ratingagentur Sustainalytics Wiit als „ESG Industry Top Rated“-Unternehmen und als eines der 50 nachhaltigsten Unternehmen in der Sparte Software und Services weltweit ausgezeichnet.

Wiit will sich früherem Bekunden nach aktiv an Gaia-X beteiligen. Das Projekt hat zuletzt ungute Headlines produziert, die Zukunft scheint fraglich. Gilt dies also immer noch?

Herrnkind: GAIA-X ist eine der Initiativen auf dem Cloud-Markt, die an einem gemeinsamen paneuropäischen Ansatz für Cloud-Dienste für europäische Unternehmen arbeitet, der der DSGVO sowie den europäischen Standards für Sicherheit und Cloud-Netzwerkintegration entspricht. Wir halten an unserem Engagement für einen solchen paneuropäischen Ansatz fest. Als europäisches Unternehmen sind wir davon überzeugt, dass eine ausgeprägte europäische Vision für Datensicherheit und -integration ein zwingender Schritt für die Integration digitaler Dienste ist, die die Zukunft der Europäischen Gemeinschaft mitgestaltet.

(ID:48403119)