Europas digitale Souveränität ist entscheidend für wirtschaftliche Unabhängigkeit, während die Abhängigkeit von ausländischen Cloud-Anbietern Risiken birgt. Der Umstieg auf europäische Lösungen ist ein wichtiger Schritt. Ein Multicloud-Ansatz hilft beim Übergang.
Europäische Cloud-Lösungen und resiliente Cloud-Infrastrukturen stärken die digitale Souveränität und Datensicherheit für Unternehmen in Deutschland und Europa.
Europa kann technisch hochwertige Lösungen liefern. Mehr als 20 europäische Satelliten füttern das Satellitennavigationssystem Galileo rund um die Uhr mit Informationen. Dieses Mal ist die EU in der Vorreiter-Rolle: Im Vergleich zum amerikanischen GPS und dem russischen Glonass arbeitet das EU-System um den Faktor zehn genauer. Wenn es um die IT geht, sieht die Sache allerdings anders aus. Ausgelöst durch die Abhängigkeit von ausländischen Energielieferenten mit all ihren negativen Folgen, will Europa jetzt alles für seine digitale Souveränität tun. Im Fokus dabei die immer wichtiger werdende Cloud-Infrastruktur.
Wie schnell ein ganzes Land von IT-Services abgeschnitten werden kann, zeigte sich Ende Oktober 2019, als US-Anbieter Adobe sämtliche Nutzerkonten in Venezuela deaktivierte. Damals ging es nur um einen Software-Anbieter. Seit immer mehr Software über SaaS-Modelle (Software-as-a-Service) zu den Anwendern kommt, ist die Gefahr weit größer geworden, auch weil nicht europäische Cloud-Anbieter mehr als zwei Drittel des deutschen Marktes auf sich vereinen.
Deutsche Behörden und Unternehmen sind von ausländischen Anbietern abhängig. In deren Rechenzentren liegen Unternehmensdaten, über deren Infrastruktur gelangen Software und KI-Services zu den Anwendern. Kein Wunder, dass vor dem Hintergrund zunehmender geopolitischer Spannungen ein Umdenken eingesetzt hat, die digitale Souveränität immer häufiger als Schlüssel für wirtschaftliche Unabhängigkeit und technologische Resilienz gesehen wird.
Cloud-Rechenzentren gehören zur kritischen Infrastruktur
Dabei geht es nicht allein um extraterritoriale Gesetze, die es ausländischen Behörden erlauben auch auf sensible Daten zuzugreifen, auch wenn diese Tatsache seit Jahren europäische Gerichte beschäftigt. Das zuletzt zur Zufriedenheit der EU-Kommission vereinbarte Privacy Data Framework ist genauso umstritten wie seine beiden, von Gerichten ausgehebelten Vorgänger (Safe Harbor, Privacy Shield). Es ist in den EU-Staaten wie Deutschland inzwischen unumstritten, dass auch die IT zu den kritischen Infrastrukturen gehört, für die hohe Sicherheits- und Compliance-Anforderungen gelten müssen. Konkret geht es um das Erfüllen nationaler und europäischer Regulierungen wie der DSGVO, DORA oder NIS-2.
Der Aufbau einer europäischen IT-Infrastruktur ist sowohl für die EU-Kommission als auch die Länderregierungen eine wichtige Aufgabe. Auch weil sie mit dem Ausbau der regionalen Wertschöpfung und dem Wiederaufbau einer europäischen Innovationsfähigkeit zur Digitalisierung einhergeht. Dass es dabei nicht ganz ohne ausländische Anbieter geht, ist zumindest zum Teil der Globalisierung von Lieferketten geschuldet. So fehlt in Europa nach wie vor eine funktionierende, leistungsfähige und breit aufgestellte Halbleiterindustrie.
Bei den für Rechenzentren unerlässlichen CPUs (geht es um das Thema KI auch GPUs) ist Europa auf absehbare Zeit von Lieferanten aus dem Ausland abhängig. Wichtig ist es jetzt diese Technologien so zu nutzen, dass Abhängigkeiten und Sicherheitsrisiken vermindert werden. So ist es unerlässlich, dass die Unternehmen in den europäischen Ländern möglichst schnell die Kontrolle über die Datenhaltung und -sicherheit, aber auch das Einhalten der in der EU geltenden Compliance-Regeln erhalten.
Fakt ist aber auch, dass sich Prozesse und Produkte, die sich in den letzten Jahren hierzulande etabliert haben, nicht von heute auf morgen ersetzen lassen. Zumal es am Ende oftmals um sensible Daten geht, die kein IT-Verantwortlicher gerne „anfasst“, wie die große Zahl immer noch im Einsatz befindlicher Großrechner belegt. Es gilt Lösungsansätze zu schaffen, wie sich bestehende Systeme in neue IT-Landschaften integrieren lassen, ohne den Datenzugriff zu gefährden. Das wird nicht ohne Zeit- und Ressourcenaufwand gehen, insbesondere in Großunternehmen und der öffentlichen Verwaltung. Oftmals wird es vonnöten sein, IT-Teams von der Notwendigkeit der Veränderungen zu überzeugen, den Anwendern stehen zum Teil komplexe Change-Prozesse in ihren Organisationen bevor.
In vielen Fällen ist die Zusammenarbeit mit erfahrenen IT-Dienstleistern, die Unternehmen gegebenenfalls mit Managed Services unterstützen können, empfehlenswert. Geht es um den Einsatz einer Cloud-Lösung geben Zertifizierungen wie SecNumCloud (ein Gütesiegel der ANSSI, wenn man so will, dem französischen BSI) und C5 (ein Kriterienkatalog des BSI, in dem die Mindestanforderungen an die Sicherheit von Cloud-Diensten definiert sind) eine Orientierungshilfe für Unternehmen bei der Auswahl geeigneter Anbieter. Diese Standardisierung der Sicherheitsanforderungen an Cloud-Anbieter schafft auf Seiten der Anwender Transparenz und Vertrauen.
Stand: 08.12.2025
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In einer Übergangsphase ist es für alle wechselwilligen Behörden und Unternehmen empfehlenswert einen Multicloud-Ansatz zu fahren. Auf diese Weise lässt sich auf pragmatische Art und Weise ein sowohl technisch als auch wirtschaftlich abgesicherter Übergang auf einen europäischen Cloud-Anbieter gewährleisten. So können für begrenzte Zeit nichtkritische Workloads oder hochskalierende Anwendungen bei außereuropäischen Anbietern verbleiben, während die gezielte Migration der sensiblen Bereiche in eine souveräne, europäische Cloud realisiert wird. Hierbei können Anwender aus Unternehmen und Behörden auch eine Kombination mit einer Public-Cloud in Erwägung ziehen. So stärken sie ihre digitale Souveränität, ohne auf Skalierbarkeit und Tools verzichten zu müssen.
OVHcloud hat die SecNumCloud-Zertifizierung der französischen Cybersicherheitsbehörde ANSSI für seine hochsichere Bare-Metal-Pod-Cloud-Plattform erhalten. Diese Zertifizierung, die strengere Auflagen als beispielsweise die C5-Zertifizierung des BSI aufweist, unterstreicht den Fokus auf Datensouveränität und eignet sich besonders für das Hosting sensibler Daten wie Staatsinformationen, Patente und kritische Daten.
Beim Wechsel zu europäischen Anbietern Kosten sparen
Die Migration von Anwendungen und Daten zu einem europäischen Cloud-Anbieter kann für Unternehmen und Behörden auch eine Chance sein, um das gesamte Cloud-Setup einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Auf diesem Wege lassen sich nicht nur Cloud-Ressourcen modernisieren und effizienter gestalten, oftmals ist es darüber hinaus möglich Kosten zu sparen. Daher ist es vor einer Migration sinnvoll ein vollständiges „Mapping“ der Cloud und der genutzten Ressourcen zu erstellen und die gesamte Cloud-Infrastruktur zu inventarisieren. So lässt sich schnell erkennen, welche Instanzen im Einsatz sind und welche davon gegebenenfalls nicht mehr nötig sind.
Die meisten Cloud-Anbieter bieten vor einer endgültigen Entscheidung vorgelagerte Funktionstests in einer sogenannten Staging-Umgebung der künftigen Cloud-Umgebung an. Diese Chancen sollten Unternehmen und Behörden unbedingt annehmen, um sichergehen zu können, dass der neue Anbieter alle ihn gestellten Anforderungen erfüllt. Dabei sind sowohl Integrations- und Performance-Tests als auch die funktionale Überprüfung der genutzten Anwendungen möglich. Grundsätzlich empfiehlt es sich die Migration von einem US- auf einen europäischen Anbieter schrittweise durchzuführen und dabei aus Sicherheitsgründen einen parallelen Betrieb beider Umgebungen in Kauf zu nehmen.
Die digitale Souveränität der EU im allgemeinen und Deutschlands im speziellen lässt sich nicht von heute auf morgen realisieren, sie ist ein kontinuierlicher Prozess. Gerade aus diesem Grund ist es höchste Zeit zu beginnen. Es erfordern neben Ressourcen auch eine ausgefeilte Planung und verlässliche Partner, um erfolgreich zu sein. Aber der Aufwand lohnt sich, stehen am Ende doch Datensicherheit und -kontrolle sowie eine gesteigerte Resilienz. Aktuell steht der Umstieg auf europäische Cloud-Anbieter im Mittelpunkt des Interesses. Langfristiges Ziel aber muss es sein, souveräne Cloud-Ökosysteme mit einer kompletten europäischen Wertschöpfungskette aufzubauen und zu etablieren.
* Der Autor Falk Weinreich arbeitet als General Manager Central Europe für den europäischen Cloud-Anbieter OVHcloud und leitet die Geschäfte im DACH-Raum. Er hat maßgeblich zum Erfolg des Unternehmens beigetragen und die Kundenbindung zu Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbessert. Mit mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung in der IT-Branche verfügt er über umfassendes Wissen in den Bereichen Cloud Computing, Rechenzentren und Netzwerkinfrastruktur.