Im November 2025 fand ein EU-Gipfel zur digitalen Souveränität Europas statt. Im Mittelpunkt stand die Frage: Wie kann Europas Wirtschaft ihre technologische Resilienz stärken und Abhängigkeiten von einzelnen IT-Anbietern reduzieren? Warum diese Diskussion wichtig ist, damit Europa im wörtlichen Sinne „nicht das Licht ausgeht“.
Die Abhängigkeit von externer Technologie könnte im Endeffekt einen Blackout für Europas Wirtschaft bedeuten: Digitale Autonomie ist deshalb zunehmend nicht nur eine technologische, sondern ein strategische Frage.
„Einseitige Abhängigkeit“ ist seit den geopolitischen Verwerfungen der vergangenen Jahre zu einem zentralen Begriff geworden. Europa arbeitet seither intensiv daran, seine Energie- und Rohstoffversorgung breiter aufzustellen. Doch auch im digitalen Bereich rückt das Thema zunehmend in den Fokus.
Ein wesentlicher Aspekt betrifft die starke Nutzung internationaler, vor allem US-amerikanischer, IT-Produkte und -Dienstleistungen. Ohne Rechenleistung, Serverkapazität, und hochperformante Tools aus der Cloud von LLMs bis zu SaaS-Angeboten, ohne Softwarepakete und Apps vom Browser über den E-Mail-Client bis zum PDF-Reader, und schließlich ohne die entsprechende Halbleitertechnologie ginge in der hiesigen Industrie „das Licht aus“.
Steht das Digitalembargo bevor?
Das transatlantische Verhältnis ist von wirtschaftlichen und handelspolitischen Spannungen geprägt. Auch wenn derzeit keine unmittelbare Eskalation zwischen den USA und der EU absehbar ist, verdeutlichen geopolitische Entwicklungen, dass politische Risiken künftig stärker in strategische IT-Entscheidungen einbezogen werden müssen.
Selbst ohne formelle Beschränkungen könnten Einschränkungen bei Software-Updates, Supportleistungen oder neuen Servicezugängen erhebliche operative Auswirkungen entfalten. Digitale Autonomie ist daher nicht nur eine technologische, sondern zunehmend auch eine strategische Frage.
Ist vollständige IT-Unabhängigkeit möglich?
Eine vollständige technologische Autarkie Europas erscheint kurzfristig weder realistisch noch wirtschaftlich sinnvoll. Der technologische Vorsprung vieler in den USA ansässigen Tech-Unternehmen ist einfach zu groß – nicht nur hinsichtlich der Expertise, sondern auch der Produktionsinfrastruktur, der Vernetzung von Forschung und Industrie und der damit verbundenen Erfahrung bei der Kommerzialisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie der Innovationskultur des Silicon Valley.
Die gute Nachricht aber lautet: In einigen Bereichen sind europäische Technologien und Unternehmen durchaus konkurrenzfähig – und ein Vorteil moderner IT-Infrastrukturen besteht darin, dass Mehrgleisigkeit in den meisten Fällen technisch problemlos umzusetzen ist. Wo hiesige Alternativen zur Verfügung stehen, können Unternehmen diese somit auch nutzen.
Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur (Teil-) Autonomie sind Technologieinitiativen, Investitions- und Förderprogramme. So mobilisiert die EU im Rahmen ihrer Verordnung „Digitales Europa“ bis 2027 8,2 Milliarden Euro für digitale Infrastruktur, KI und Cybersicherheit. Durch die Initiative „InvestAI“ will die Kommission insgesamt 200 Milliarden Euro für die Digitalisierung akquirieren, 20 Milliarden Euro fließen in einen EU-Fonds für KI-Gigafabriken.
Ebenso entscheidend könnte jedoch der Abbau struktureller Hürden sein. Durch schnellere Genehmigungen und schlanke Verfahren für IT-Infrastrukturprojekte und den Bau von Rechenzentren könnte die Privatwirtschaft sich selbst helfen und Europas digitale Souveränität vorantreiben. Dass eine solche Entbürokratisierung möglich ist, hat Deutschland im Zuge der Energiewende bei Genehmigungsverfahren für Solar- und Windkraftanlagen jüngst bewiesen.
Sind wir auf dem richtigen Weg?
Besonders im Finanzsektor wächst das Bewusstsein für digitale Resilienz. Laut der KPMG-Studie „Cloud Monitor 2025“ führen derzeit 61 Prozent der befragten Banken aufgrund der geopolitischen Lage erneut Risikobewertungen durch. Zudem will knapp die Hälfte aller befragten Institute zusätzlich europäische Provider einbinden. Und 28 Prozent der Finanzdienstleister haben ihre Cloud-Strategie aufgrund der aktuellen Lage bereits angepasst.
Eine Untersuchung der EZB zeigt zugleich wie hoch die Abhängigkeit ist: Denn so gut wie alle europäischen Banken beziehen Cloud-Dienstleistungen zur Unterstützung von kritischen Funktionen – ein Großteil der Services hat einen Bezug zu USA. Rund 20 Prozent dieser Services könnten bei Problemen nicht von den Banken selbst übernommen und fünf Prozent nicht anderen Dienstleistern überantwortet werden.
Wie können Unternehmen sich aufstellen?
Für einzelne Unternehmen gilt die Prämisse: Es führt kein einheitlicher Pfad zur digitalen Unabhängigkeit. Jede Firma, jeder Konzern verfügt über seine eigene Kundschaft und ein spezielles Spektrum an IT- und Cloud-Lösungen.
Stand: 08.12.2025
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In der Regel sollte jedoch eine gründliche Analyse des Status quo am Anfang der Unabhängigkeitsbestrebungen stehen:
Welche Leistungen beziehe ich von welchen Anbietern?
Wo bestehen Konzentrationsrisiken?
Welche Alternativen sind realistisch verfügbar?
Welche Kosten, Effizienzveränderungen oder Komplexitäten entstehen durch Diversifikation?
Multicloud-Strategien oder Exit-Szenarien können dabei Teil einer robusten Architektur sein. Entscheidend ist, dass strategische Optionen vorbereitet werden – selbst wenn ein Wechsel nicht unmittelbar vorgesehen ist.Im Bereich Cloud-Infrastruktur haben sich sogenannte Sovereign-Cloud-Angebote etabliert, insbesondere aus Deutschland und Frankreich. Sie unterliegen europäischem Datenschutzrecht und bieten umfassende Kontrollmöglichkeiten über Datenhaltung und Zugriff.
Welcher Unabhängigkeitsgrad ist realistisch?
Die Stabilität des EU-US-Data-Privacy-Frameworks wird regelmäßig politisch diskutiert. Dieses Abkommen schafft derzeit die Grundlage für die datenschutzkonforme Zusammenarbeit europäischer Finanzdienstleister mit US-Cloud-Anbietern. Änderungen oder Unsicherheiten im regulatorischen Umfeld würden jedoch zusätzlichen rechtlichen und organisatorischen Aufwand nach sich ziehen.
Im Falle handelspolitischer Spannungen wären Gegenmaßnahmen mit wirtschaftlichen Nebenwirkungen verbunden. Maßnahmen wie Digitalzölle könnten zwar theoretisch diskutiert werden, würden jedoch – mangels kurzfristig gleichwertiger Alternativen – auch Kosten für europäische Unternehmen erhöhen.
Auch die Produkte wichtiger Softwarekonzerne, vom ERP-System über die Middleware bis zum Laptop, sind für viele europäische Unternehmen derzeit weitestgehend alternativlos. In Sachen Halbleiterproduktion ist Europa zudem weiterhin stark von den USA und China abhängig, und auch die Performance leistungsstarker Cloud-Komponenten wie KI-Tools und LLMs lässt sich nicht eins zu eins substituieren. Allerdings ist der unabhängige Betrieb von künstlicher Intelligenz (KI) auf Basis von zahlreichen Open-Source-Anwendungen bereits heute technisch machbar, wenngleich in der praktischen Umsetzung hochkomplex. Bei einem solchen Projekt liegt es auf der Hand die passenden Sicherheitsmaßnahmen wie ein umfassendes Identity and Access Management (IAM) oder ein funktionierendes Key Management von Beginn an zu integrieren.
Letztlich muss jedes Unternehmen individuell bestimmen, welchen Grad an Diversifikation es anstrebt. Zusätzliche Cloud-Provider, Open-Source-Alternativen oder hybride Architekturen können geeignete Optionen sein. Maßgeblich ist eine fundierte Risiko-Nutzen-Abwägung unter Berücksichtigung von Kosten, Effizienz und strategischer Resilienz.
Ein pragmatischer Ansatz kann darin bestehen, Wechseloptionen vorzubereiten, selbst wenn sie kurzfristig nicht umgesetzt werden. Eine solche strategische Handlungsfähigkeit reduziert Abhängigkeiten, ohne operative Stabilität zu gefährden.
Investitionen in digitale Resilienz sind damit weniger Ausdruck politischer Positionierung als vielmehr Bestandteil eines vorausschauenden Risikomanagements.
* Über die Autoren Christine Müller ist Partnerin bei KPMG im Bereich Financial Services. Sie berät Banken und Versicherer bei ihrer Architektur-Transformation. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem Zielbild-Design sowie der Umsetzungsbegleitung – insbesondere unterstützt sie Mandanten bei der Durchführung von IT- Assessments, in der Ableitung von (Cloud-)Zielarchitekturen und bei der Umstellung des Delivery Models auf Dev(Sec)Ops – unter Berücksichtigung der relevanten regulatorischen Anforderungen. Daniel Wagenknecht ist Partner bei KPMG im Bereich Financial Services. Er berät Banken und Versicherer bei IT-Themen. Fokussiert hat er sich auf die Bereiche Cloud & AI Transformationsberatung – insbesondere unterstützt er Mandanten bei der Entwicklung von Cloud & AI Strategien, Auswahl passender Cloud Service Provider, Vertragsgestaltungen, Transformation der IT, Beschleunigung der Digitalisierung sowie bei der Umsetzung von Cloud Compliance, Security und Datenschutzanforderungen in Cloud & AI Vorhaben.