Digitale Infrastruktur in Europa Alltägliche IT-Entscheidungen schaffen digitale Souveränität

Ein Gastbeitrag von Grégory Herbert* 4 min Lesedauer

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Die Debatte über digitale Souveränität wird oft vor dem Hintergrund geopolitischer Entwicklungen geführt. In der Praxis zeigt sie sich jedoch in den alltäglichen Technologie- und Vertragsentscheidungen von Unternehmen.

Digitale Souveränität ist nicht nur eine politische Debatte, sondern manifestiert sich in konkreten Vertragsabschlüssen und bewussten Entscheidungen für europäische Technologiepartner.(Bild: ©  Vadim - stock.adobe.com)
Digitale Souveränität ist nicht nur eine politische Debatte, sondern manifestiert sich in konkreten Vertragsabschlüssen und bewussten Entscheidungen für europäische Technologiepartner.
(Bild: © Vadim - stock.adobe.com)

Über digitale Souveränität wird in Europa derzeit viel diskutiert. Doch ein Blick in die Bereiche Cloud, KI und digitale Infrastruktur zeigt, dass viele Unternehmen weiter überwiegend auf außereuropäische Anbieter setzen. Während die Debatte oft infrastrukturell oder geopolitisch geführt wird, fällt die eigentliche Entscheidung im Alltag der Unternehmen, also bei der Technologieauswahl und den Vertragsabschlüssen.

Geopolitische Entscheidungen außerhalb Europas schlagen heute direkt in IT-Roadmaps und Cloud-Budgets durch. Das können neue Abgaben und Zölle in Lieferketten sein, aber auch Änderungen von Service-Konditionen, die den Umgang mit Daten betreffen. Wenn etwa zusätzliche Kosten für Infrastrukturkomponenten oder Cloud-Services anfallen oder rechtliche Änderungen in den USA den transatlantischen Datentransfer beeinflussen, gerät die Planungssicherheit schnell unter Druck. Digitale Abhängigkeit ist damit nicht nur ein politisches Schlagwort, sondern ein konkretes Risiko für den Unternehmensbetrieb.

Das Kernproblem ist dabei weniger technischer Natur als vielmehr kulturell und entscheidungsgetrieben. Viele IT-Entscheider in Europa greifen aus Gewohnheit zu bekannten Technologien außereuropäischer Anbieter. Selbst dann, wenn lokale oder europäische Alternativen existieren, die regulatorisch konform sind und Risiken reduzieren könnten. Oft entscheidet letztlich eine einfache Kosten-Nutzen-Abwägung über die Wahl der jeweiligen Software.

Neue Kriterien für Technologie­entscheidungen

Unternehmen müssen hier grundsätzlich umdenken. Preis und schnelle Umsetzung dürfen bei der Auswahl von Technologien nicht länger die einzigen Kriterien sein. Entscheidungen über digitale Infrastruktur, eingesetzte SaaS-Tools oder Cloud- und Datenprovider sollten Unternehmen konsequent unter langfristigen Gesichtspunkten bewerten. Es geht um eine bewusste, strategisch ausgerichtete Technologiewahl und darum, europäische Partner dort zu bevorzugen, wo es auf pragmatischer Grundlage in einzelnen Technologie- und Vertragsentscheidungen sinnvoll und möglich ist.

In der Praxis heißt das zum Beispiel, Daten konsequent in Europa zu speichern und mit Anbietern zu arbeiten, die nicht nur DSGVO-konform sind, sondern auch verlässliche Kontroll- und Auditmöglichkeiten bieten. Dazu gehört die Auswahl von Lösungen, die stabile Vertragsbedingungen über längere Zeiträume gewährleisten und Preisänderungen transparent machen. Ebenso wichtig ist, dass sich diese Lösungen sauber in europäische Anforderungen integrieren lassen, beispielsweise zur Cybersicherheit und zur Compliance sowie zum Datenschutz.

Unternehmen gewinnen dadurch mehr Kontrolle über kritische digitale Prozesse, sichern ihren Betrieb ab und erhöhen ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber geopolitischen Spannungen. Immer mehr Industriekonzerne verlagern beispielsweise Lösungen für Abonnementmanagement oder Rechnungsstellung in Umgebungen, die sie vertraglich und technisch besser kontrollieren können. Das geschieht nicht nur aus Compliance-Gründen, sondern auch, um unabhängiger von kurzfristigen politischen Entscheidungen außerhalb Europas zu werden.

Der politische Rahmen für digitale Souveränität

Zugleich braucht es politische Entscheidungen in Europa, wenn digitale Souveränität mehr sein soll als ein Schlagwort. Der aktuell vorliegende Entwurf zum „Industrial Accelerator Act“ nimmt die Buy-European-Logik im Digital- und Hightech-Bereich deutlich zurück. Jetzt sollen Komponenten wie Mikrochips, Sensoren, autonome Fahrsysteme und Cloud-Dienste nicht mehr zu den Bereichen gehören, für die Mindestquoten vorgesehen sind. Damit wären in diesem Gesetz keine verbindlichen EU-Anteile etwa für Chips, KI oder Software-Komponenten festgeschrieben. Auch Biotech und Robotik blieben demnach unberücksichtigt.

Einen Teil dieser Lücke könnte Gaia-X schließen. Das Projekt wurde lange skeptisch betrachtet, weil der Aufbau konkreter Services langsamer vorankam, als erwartet und US-Hyperscaler den Cloud-Markt weiterhin dominieren. Inzwischen ist aber wieder mehr Dynamik zu erkennen, wie zuletzt der Gaia-X Summit in Porto zeigte. Die Mitgliederzahl wächst, und erste branchenspezifische Datenräume kommen in die Umsetzung, etwa in der Automobil- oder Luftfahrtindustrie. Zudem wurde ein Zertifizierungs- und Trust-Framework für sichere Datenservices aufgebaut.

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Das Ziel all dieser Initiativen muss schließlich sein, Europas technologische Abhängigkeiten langfristig zu reduzieren und mehr Handlungsfähigkeit aufzubauen. Dabei geht es nicht nur darum, Lieferanten zu diversifizieren, sondern die europäische Technologiearchitektur grundsätzlich neu zu denken und das auf Basis von Resilienz, Rechtssicherheit und wirtschaftlicher Vorhersehbarkeit.

Vorausschauend entscheiden – Stabilität und Wettbewerb sichern

Angesichts der sich zuspitzenden geopolitischen und wirtschaftlichen Lage wird sich noch zeigen, ob es Europa gelingt, technologische Abhängigkeiten zu verringern. Dabei sollten europäische Entscheidungsträger nicht auf den nächsten Weckruf warten und stattdessen genau jetzt diese strategische Ausrichtung in ihre Planungen aufnehmen.

Es geht darum, vorausschauend zu handeln, statt nur zu reagieren. Schon heute sollten sich Unternehmen bewusst für Partner entscheiden, die in einem europäischen regulatorischen und wirtschaftlichen Umfeld verankert sind. Wenn digitale Souveränität in diese Entscheidungen einfließt und zu einem strategischen Hebel wird, stärkt das sowohl die Stabilität als auch die Wettbewerbsfähigkeit.


* Der Autor Grégory Herbert ist CEO von Frisbii und seit mehr als 20 Jahren in der internationalen Technologiebranche. Während dieser Zeit war es seine Hauptaufgabe technologische Innovation mit operativer Umsetzung zu verknüpfen – insbesondere an der Schnittstelle von Daten, KI und Unternehmenssteuerung. So beschäftigt er sich etwa seit vielen Jahren mit der Frage, wie Organisationen Technologie nutzen können, um komplexe Geschäftsmodelle, skalierbare Prozesse und nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen.

Bildquelle: Frisbii

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