Microsoft beerdigt seine Deutschland-Cloud

Treuhandmodell am Ende - die Deutsche Cloud lebt aber

| Autor / Redakteur: Dr. Dietmar Müller / Florian Karlstetter

Microsoft stellt das Treuhandmodell in Deutschland ein - eine Bestandsaufnahme, wie es in Zukunft weitergeht.
Microsoft stellt das Treuhandmodell in Deutschland ein - eine Bestandsaufnahme, wie es in Zukunft weitergeht. (Bild: Microsoft)

An dieser Stelle fragten wir bereits einmal: Ist die Deutsche Cloud am Ende? Nun wissen wir es: Ja. Zumindest wenn es um das Treuhandmodell geht. Aber es gibt Alternativen in Form von Cloud-Angeboten aus Deutschland, die weder in die Arme des amerikanischen Geheimdienstes spielen, noch einen Treuhänder benötigen.

Wir erinnern uns kurz: Das „Handelsblatt“ erklärte Anfang des Jahres, man wisse aus sicherer Quelle, dass die Nachfrage nach der Microsoft Cloud Deutschland (MCD) stark rückläufig sei - und damit nach einer Public Cloud, die mit deutschen Datenschutzrechtsverständnis konform geht und bei der T-Systems als Treuhänder fungiert. Tatsächlich konnten wir eine abnehmende Scheu unter deutschen CIOs vor AWS, Azure und anderen Angeboten amerikanischer Provider ausmachen.

Das bestätigte uns auch der Analyst Matthias Zacher, Research & Consulting Manager bei IDC. Auch T-Systems-Cloud-Chef Frank Strecker – quasi die oberste Treuhand – äußerte zwischenzeitlich die Ansicht, dass eindeutig unkritische Daten durchaus der Public Cloud anvertraut werden könnten.

Kein Treuhandmodell mehr

Entsprechend hat Microsoft tatsächlich die Reißleine gezogen und das Angebot mit T-Systems als Treuhänder beendet. „2015 haben wir die Microsoft Cloud Deutschland angekündigt, um Kunden mit besonders strengen Compliance-Richtlinien oder Regulierungsvorgaben den Einstieg in die Cloud zu erleichtern. Bei der Microsoft Cloud Deutschland werden die Kundendaten über ein von unserer globalen Infrastruktur getrenntes Netzwerk in Deutschland gespeichert. Zusätzlich kontrolliert ein deutscher Datentreuhänder den Zugang zu diesen Daten“, so Microsoft in einer Presseerklärung. In den letzten drei Jahren hätten sich die Kundenanforderungen aber verändert.

„Aufgrund dieser veränderten Kundenanforderungen werden die neuen Cloud-Regionen nun den Schwerpunkt unserer Cloud-Strategie in Deutschland bilden. Das Cloud-Angebot in diesen Regionen wird mit dem weltweiten Microsoft-Cloud-Angebot übereinstimmen. Mit diesem neuen Schwerpunkt werden wir die Microsoft Cloud Deutschland nicht mehr für Neukunden zur Verfügung stellen und keine neuen Dienste mehr bereitstellen“, so Microsoft weiter.

Bestandskunden könnten nach wie vor die derzeit verfügbaren Cloud-Dienste der Microsoft Cloud Deutschland in Anspruch nehmen. Für diese Dienste will das Unternehmen auch künftig die erforderlichen Sicherheits-Updates ausliefern.

In Zukunft könnten Neukunden wählen, ob sie die derzeit schon verfügbaren europäischen Regionen oder die neuen Regionen in Deutschland nutzen wollen, sobald diese bereitstehen. Für Microsoft Cloud Deutschland Bestandskunden, die sich für eine Migration in eine andere europäische Region oder die neuen deutschen Regionen interessieren, will Microsoft voraussichtlich noch in diesem Jahr erste Details zu den Migrations-Optionen zur Verfügung stellen.

Deutsche Clouds ohne Treuhänder

Damit geht Microsoft den Weg, den auch schon andere deutsche Anbieter eingeschlagen haben. Jenseits von Treuhandmodel oder Freizeichnungserklärungen wie dem „Privacy Shield“ positionieren sich diverse Anbieter aus deutschen Landen. ProfitBricks aus Berlin zum Beispiel bietet eine Cloud-Leistung als IaaS-Lösung an, die mit allen in Deutschland geltenden Datenschutzregelungen konform ist. „Wir haben sowohl unseren Rechtssitz wie auch Data Center in Deutschland. Datentransfers über Landesgrenzen hinweg nehmen unsere Kunden nur selbst und ganz bewusst vor“, berichtet Achim Weiss. Er ist Geschäftsführer der ProfitBricks GmbH und Vorstand für Professional Services bei der 1&1 Internet SE, dem auf Hosting spezialisierten Tochterunternehmen der TecDAX-notierten United Internet AG.

Das Unternehmen sieht sich als „echten deutschen Cloud-Anbieter“, aber ganz anders aufgestellt als Microsoft mit der für sich beanspruchten „Deutschland Cloud“. Auch könne man mit den globalen Hyperscaler-Angeboten aus USA oder China konkurrieren, ohne deren Arbeitsweise zu kopieren: „Für die globalen Cloud-Giganten ist ein deutscher Mittelständler meist nur einer von vielen Kunden. ProfitBricks bedient diese Kunden dagegen auf Augenhöhe mit individuellen Account Managern, Professional Service-Spezialisten und personalisierten Support-Administratoren. Versuchen Sie als deutscher Mittelständler einmal Amazons Jeff Bezos oder AWS’ Andy Jassy zu kontaktieren, wenn es richtig brennt. Da haben Sie keine Chance“, so Geschäftsführer Weiss.

Daten müssen selektiert werden

Was aber nun, wenn deutsche Mittelständler international unterwegs sind, was eher die Regel als de Ausnahme darstellen soll? Was hilft einem solchen Unternehmen ein deutsches Cloud-Angebot, wenn es beispielsweise nur in China eine neue Anwendung online bringen muss?

„Deutsche Mittelständler haben in der Tat das Bedürfnis, Hosting und Computing nahe am Kunden stattfinden zu lassen - alleine schon aus Latenzgründen“, so Weiss. „Das gleiche gilt für SaaS-Anbieter auf Basis einer IaaS-Plattform. Dennoch: Selbst bei international tätigen Unternehmen sollten so viele Daten wie möglich im Inland verbleiben, um vom hohen Datenschutzniveau zu profitieren.“

Warum, so führt der CEO an, sollten wichtige Firmendaten wie zum Beispiel technische Zeichnungen ohne Not auf einem chinesischen oder amerikanischen Server gespeichert werden? Wenn sie dort liegen, unterliegen sie auch automatisch fremder Rechtsprechung. Das Spannungsverhältnis zwischen „Privacy Shield“ und „Cloud Act“ in den USA verdeutliche dieses Risiko ganz gut, so Weiss.

CIOs müssen weitergrübeln

Wie immer ist es damit unerlässlich, sich ganz genau Gedanken über die Natur der abzulegenden Daten zu machen: Sind es sensible, gar kritische Daten? Dann wird sie wohl nach wie vor kein CIO mit Dienstsitz in einem deutschen Bundesland in eine Cloud mit außereuropäischem Dienstsitz auswandern lassen. Doch für die Anwendungsentwicklung und -bereitstellung kann – nur als Beispiel – durchaus auch eine chinesische Cloud ausreichen.

Es kommt also wie immer darauf an … nicht umsonst leben wir im Zeitalter von Hybrid- und Multi-Cloud, in dem Daten entsprechend ihrer Wertigkeit verteilt werden.

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