Open World im Zeichen der Wolke

Oracle ordnet Cloud-Strategie und -Partnerschaften neu

| Autor / Redakteur: Karin Johanna Quack / Stephan Augsten

Alles neu: Oracle will vom schlichten Datenbank-Hersteller-Image wegkommen und als Cloud-Spezialist wahrgenommen werden.
Alles neu: Oracle will vom schlichten Datenbank-Hersteller-Image wegkommen und als Cloud-Spezialist wahrgenommen werden. (Bild: Karin Johanna Quack)

Autonom, intelligent, integriert und offen – das waren die meistgenutzten Adjektive auf der diesjährigen Oracle Open World. Als originärer Cloud-Spezialist will der hierzulande vor allem mit seiner Datenbank-Software vertretene Softwareriese wahrgenommen werden. Wie Gründer und Hauptaktionär Larry Ellison beteuerte, wurde nicht nur die „Autonomous Database“, sondern das gesamte Anwendungsportfolio für die Cloud-Infrastruktur neu entwickelt.

Das neue Oracle-Logo hat den „Hausfrauentest“ bestanden: Auf die Frage, was das denn eigentlich darstellen solle, antwortete der vollkommen unbeteiligt dreinblickende Sicherheitsmann wie aus der Pistole geschossen: „Ich sehe da eine Wolke“. Mission erfüllt, möchte man sagen.

Nach eigener Definition ist Oracle schon lange kein Datenbank- und ERP-Anbieter mehr. Die im vergangenen Jahr vorgestellte „Autonomous Database“ soll nur der erste Schritt auf dem Weg zu einer komplett Cloud-basierten Umgebung sein, zu der Oracle von der Hardware bis zu den Anwendungen am liebsten alle Komponenten beisteuern möchte.

Auf der diesjährigen „Open World“ stellte das Unternehmen beispielsweise ein mit Redhat- und IBM-Linux kompatibles „autonomes“ Betriebssystem vor. Autonom insofern, als dass es sich patchen lässt, ohne dass es heruntergefahren werden muss. Auch in einer Cloud-Umgebung hat das Betriebssystem eine wichtige Funktion, erläutert Senior Vice President Software Development, Wim Coekaerts, der als Vater von Oracle Linux gilt: „Irgendwie muss man ja die einzelnen Punkte verbinden.“

Weniger vom Risikofaktor Mensch

Kernstück der Oracle-Cloud ist die überarbeitete Oracle Cloud Infrastructure (OCI), die unter der Bezeichnung „Gen2Cloud“ firmiert. Wie Larry Ellison erläutert, ist sie dem Mitbewerb vor allem in puncto Sicherheit überlegen, denn sie beschränke die Notwendigkeit für menschliches Eingreifen und damit auch viele Sicherheitsrisiken. Die Autonomous Database wurde für diese Infrastruktur entwickelt, die Anwendungen sollen sukzessive für beide Komponenten angepasst werden.

Laut Ellison wird die Anwendungs-Suite „Fusion“ schon seit zwölf bis 14 Jahren für die Cloud neu entwickelt: „Damit liefern wir tatsächlich Cloud-fähige Anwendungen, während SAP nur Hosted Applications zu bieten hat.“ Offenbar gehört der langjährige Partner SAP für den Oracle-Gründer neuerdings zur „dunklen Seite der Macht“.

Nach einer aktuellen Ankündigung drängt das deutsche Unternehmen seine Kunden, spätestens 2025 auf S/4HANA umzusteigen. Mit der hauseigenen InMemory-Datenbank HANA macht SAP die Oracle-Datenbank obsolet. Wie Kunz bestätigt, hofft man jetzt darauf, einige unzufriedene SAP-Kunden für Fusion zu gewinnen. Es kursieren Namen wie Puma und Siemens.

Offener als der Marktführer?

Ein hinsichtlich der Performance quasi unschlagbares Team bilden Gen2Cloud und Autonomous zusammen mit der proprietären „Exadata“-Hardware. Auf der Open World kündigte Oracle eine neue Ausführung der Maschine an („X8M“), die noch einmal um den Faktor 2,5 schneller sein soll. Autonomous wurde für die Exadata-Architektur maßgeschneidert; auf anderen Maschinen und damit auch in anderen Cloud-Umgebungen kann die Datenbanksoftware ihre Vorteile nicht ausspielen und wird konsequenterweise dort nicht angeboten.

Wer Oracle-Cloud und Exadata-Maschinen nicht will, kann laut Steve Daheb, Senior Vice President Oracle Cloud, auch weiterhin die „klassische“ Oracle-Datenbank nutzen.
Wer Oracle-Cloud und Exadata-Maschinen nicht will, kann laut Steve Daheb, Senior Vice President Oracle Cloud, auch weiterhin die „klassische“ Oracle-Datenbank nutzen. (Bild: Oracle)

D as lässt einige Marktbeobachter von einem „Kunden-Lock-in“ sprechen – ein Vorwurf, den Oracle allerdings entschieden zurückweist: Wer die Oracle-Cloud und die Exadata-Maschinen nicht wolle, könne schließlich die „klassische“ Oracle-Datenbank einsetzen, so argumentiert Steve Daheb, Senior Vice President Oracle Cloud. Für Autonomous seien die anderen Architekturen leider nicht „sophisticated“ genug.

Andere Cloud-Anbieter, namentlich die marktbeherrschenden Amazon Web Services, seien eigentlich viel weniger offen als Oracle, konstatiert der für die Cloud-Strategie verantwortliche Topmanager. Schließlich liefen die Daten-Management-Angebote von AWS – die Transaktionsdatenbank „Aurora“ und das Analytics-Pendant „Redshift“ – nur in der Amazon-Cloud.

Auf die Frage, wann „Oracle classic“ neben AWS und Azure auch in der Google-Cloud zu haben sein werde, antwortete Daheb ausweichend: „Ich kann keine Ankündigung machen, möchte aber auch nichts ausschließen.“

Microsoft mutiert vom Feindbild zum Partner

Während AWS für Oracle seit ein paar Jahren der Feind Nummer eins ist, gibt es mit Microsoft mittlerweile sogar eine Partnerschaft. Senior Vice President Northern Europe, Jürgen Kunz, begründet die Annäherung der beiden Unternehmen vor allem mit Microsofts „hohen Installationszahlen im Open-Source- und Native-Cloud-Umfeld“, während sich Oracle auf Umgebungen mit hohen Workloads spezialisiere.

Oracle und Microsoft wollen ihre Cloud-Architekturen füreinander öffnen – und haben das zum Teil auch schon getan. Nach Ansicht von Marktbeobachtern wie Gartner-Analyst Ted Friedman geht die Integration noch nicht allzu tief. Aber immerhin sei es nun möglich, beispielsweise aus einer Microsoft-Azure-Workload heraus Daten in Gen2Cloud zu bearbeiten. Friedman sieht hier „einen guten Anfang, wenn auch mit Raum für weitere Entwicklung.“

Das Abkommen ist bislang geografisch begrenzt; es funktioniert hauptsächlich im nordamerikanischen und britischen Raum. Laut Kunz ist es für das reibungslose Funktionieren notwendig, dass die Datenzentren von Oracle und Microsoft nicht zu weit auseinander liegen. Die Standorte Frankfurt und Zürich stünden aber ganz oben auf der Liste.

Umzug in die Cloud mitsamt Virtualisierung

Offenbar hat Oracle erkannt, dass die Cloud-Welt nicht dort endet, wo andere Anbieter ins Spiel kommen. Die Realität in den Kundenunternehmen lässt sich nicht wegdiskutieren. In diesem Licht ist wohl auch die brandneue Partnerschaft mit VMware zu bewerten. Sie soll es den Kunden erlauben, ihren gesamten Virtualisierung-Stack von ihrer On-premises-Umgebung mit in den OCI nehmen.

Bei all dieser ostentativen Kooperationsbereitschaft stellte Oracle aber wiederholt klar, dass der eigene Stack eigentlich das Maß aller Dinge sei. Und damit sich die Kunden dieser Sichtweise anschließen können, kommt ihnen der Softwareanbieter ungewöhnlich weit entgegen.

Wie Daheb verspricht, sollen die Anwender frei wählen können, wo welche Teile ihrer IT-Umgebung betrieben werden. Oracle bietet ihnen eine Cloud-Infrastruktur an, die sie sich mit anderen „Tenants“ teilen. Doch für Kunden mit höheren Sicherheitsansprüchen gibt es auch eine „Dedicated“-Umgebung, in deren Daten nicht einmal Oracle selbst hineinsehen kann. So jedenfalls das Vesprechen des Anbieters.

Private Cloud als Steigbügelhalter

Mit „Cloud@Customer“ offeriert Oracle seit etwa drei Jahren sogar den Betrieb einer Private-Cloud hinter der Firewall des Kunden. Daheb macht kein Hehl daraus, dass dies auch als „netter Einstieg“ in die Cloud gedacht ist. Wobei er andererseits schon darauf besteht, dass die Diskussionen mit den Kunden heute nicht mehr darum gehen, „ob“, sondern nur noch „wie“ sie in die Cloud gehen sollen.

Wer sich trotzdem noch am „ob“ abarbeitet, bekommt von Oracle Entscheidungshilfe in Form einer kostenlosen Testnutzung – ohne zeitliches Limit, wie der Provider betont. „Oracle Cloud Free Tier“ heißt das Angebot, das allerdings auf zwei Datenbanken von jeweils 20 Gigabyte Speicher sowie zwei Virtuellen Maschinen begrenzt ist.

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