Nachfolger des OpenStack Summit kommt ohne Aufreger aus

OpenStack Reloaded: Der erste Open Infrastructure Summit

| Autor / Redakteur: Ludger Schmitz / Ulrike Ostler

Erstmals hieß die OpenStack-Veranstaltung nicht mehr „OpenStack-“, sondere „Open Infrastructure Summit“. Die Umbenennung hatte sich bereits vor einem Jahr in Vancouver angekündigt.
Erstmals hieß die OpenStack-Veranstaltung nicht mehr „OpenStack-“, sondere „Open Infrastructure Summit“. Die Umbenennung hatte sich bereits vor einem Jahr in Vancouver angekündigt. (Bild: Ludger Schmitz)

Die OpenStack Foundation hat Denver, zu Füßen der Rocky Mountains, zum Startpunkt einer neuen Ära gewählt. Sie will sich neuen Herausforderungen stellen, nämlich über Cloud Computing hinaus: Open Infrastructure – und zwar in „Open Collaboration“.

Es gibt sie nicht mehr, die OpenStack Summits, zu denen fast zehn Jahre lang alle sechs Monate die IT-Spezialisten gepilgert sind, die sich für eine offene Alternative zu proprietären Cloud-Angeboten interessieren. In Denver heißt der Frühjahrskongress erstmals auch offiziell „Open Infrastructure Summit“.

Doch so radikal, wie es scheint, hat sich nichts geändert. Es geht immer noch um Open Source und Cloud Computing – jetzt erweitert um das Thema der offenen Infrastruktursoftware, die in dem Umfeld relevant ist.

Wandel mit Ankündigung

Der Schritt zur Umbenennung hat sich angekündigt, seit sich Projekte in der OpenStack Foundation um mehr kümmern als „nur“ um Cloud Computing im engeren Sinne. Vor einem Jahr, auf dem Summit im kanadischen Vancouver war überall „Open Infrastructure“ plakatiert.

Und hier wurden erstmals Projekte vorgestellt, die unter dem Dach der OpenStack Foundation arbeiten, genau so gut aber auch in der Linux Foundation sein könnten, denn sie haben mindestens ebenso viel mit Infrastruktur wie mit Cloud zu tun. Ein halbes Jahr später, auf dem Summit in Berlin, prangte über dem Eingang des Thema Open Infrastructure dann schon deutlich größer als der frühere Event-Titel.

Diese Entwicklung ist also nicht mehr die bewegende Neuigkeit. Überhaupt fehlten dem Summit in Denver die Schlagzeilen-trächtigen Meldungen. OpenStack ist aus den für Überraschungen guten Jugendjahren herausgewachsen.

Erwachsen - und langweilig?

Jetzt gereift und „erwachsen“ wirkt die Sache ein wenig langweiliger, als man es aus den letzten Jahren gewohnt ist. Und die Teilnehmerzahlen bei Summits reißen einen auch nicht vom Hocker: Rund 2.000, weniger als je zuvor, hatten sich nur für Denver angemeldet, einschließlich 400 Teilnehmer der „Project Teams Gatherings“.

Selbst die Dynamik der OpenStack-Softwareentwicklung scheint nachzulassen. Aktuell zählt die Organisation rund 1500 aktive Mitentwickler, vor einem Jahr waren es noch gut 250 mehr. Deswegen macht sich die Leitung keine Sorgen. In ihren Augen widerspiegelt das eine Reifung der Kernprodukte, die jetzt weniger Engagement erfordern.

Der erste Verdacht einer Schwächung täuscht offenbar. Für die aktuelle OpenStack-Version „Stein“ gab es durchschnittlich 155 „Changes“ pro Tag. Die Entwickler brachten es im gesamten Jahr 2018 auf 65.000 Code-Beiträge. Das macht OpenStack zu einem der drei lebendigsten Open-Source-Projekte.

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Wilde sind out, die Anwender bestimmen

Das Geschehen verlagert sich mehr auf die Anwenderseite. Hier erfährt OpenStack eine immer stärkere Verbreitung. „Die Rolle der Foundation hat sich geändert“, erklärt OSF-President Jonathan Bryce. „Wir haben weniger damit zu tun, die Entwicklung voranzutreiben. Unsere Arbeit richtet sich jetzt immer mehr auf die Anwender, auf die Verbreitung von OpenStack.“

Selbst bei den finanziellen Grundlagen der OSF zeigt sich das: Die Organisation hat rund 150 zahlende Fördermitglieder, und immer mehr davon sind Anwenderunternehmen.

Die Cloud-Anbieter Vexxhost aus Kanada und Tencent aus China sind Anwender, die sich besonders stark für die Weiterentwicklung von OpenStack engagieren.
Die Cloud-Anbieter Vexxhost aus Kanada und Tencent aus China sind Anwender, die sich besonders stark für die Weiterentwicklung von OpenStack engagieren. (Bild: Ludger Schmitz)

Die Anwender-Community soll nach Angaben der OpenStack Foundation inzwischen 105.000 Mitglieder in 180 Ländern umfassen. Die genannte Zahl von zehn Millionen Cores, auf denen OpenStack ständig läuft, dürfte untertrieben sein; allein der kanadische Cloud-Anbieter Vexxhost fährt vier Millionen OpenStack-Cores. Das Gewicht des Opern-Source-Projekts zeigt sich auch in der Schätzung der Gartner-Analysten, dass der weltweite Markt um OpenStack ein Volumen von 6,1 Milliarden Dollar hat.

Quirrelige Community

Beispiele für das explosive Wachstum von OpenStack auf Anwenderseite lieferte Stefan Bucher, Program Manager Open Telekom Cloud der Deutschen Telekom, bei seiner Keynote-Rede in Denver. Momentan installiert der Anbieter in seiner Cloud pro Woche 400 Server, das Object Store ist auf 46 Petabytes angewachsen, ein Plus von 233 Prozent in einem Jahr. Es laufen 240.000 Cores mit OpenStack, die Zahl der virtuellen Maschinen ist in einem Jahr um 77 Prozent gestiegen und der Netzwerktransfer um 216 Prozent.

Die Verlagerung von der Entwicklungs- zur Anwenderseite findet auch darin Ausdruck, dass es in Denver keine große Ankündigung neuer Projekte gab. So war vor wenigen Wochen die Ankündigung der OpenStack-Version Stein noch begleitet vom Hinweis aus das neue Projekt „Placement“, eine Ausgliederung aus „Nova“, das bei der Migration von Workloads die Bereitstellung der notwendigen Ressourcen vereinfachen soll. Davon war in Denver, warum auch immer, nicht mehr die Rede.

Vielleicht ist es ja einfach zu viel, noch alles zu nennen. Schließlich gibt es in OpenStack 28 Projektteams und ein Dutzend „Special Interest Groups“. Sicherlich sind davon nicht alle gleich wichtig, weshalb Red Hat, so Sandro Mazziotta, Director Product Management OpenStack NFV bei Red Hat, nur gut zehn der Kernprodukte unterstützt. Dass er dann aber auch noch erklärt, das recht junge Produkt „Starling X“ sei „wie eine OpenStack-Distribution“, weil „es OpenStack repliziert“ und letztlich „mit OpenStack in Wettbewerb steht“, löst bei anderen in der OpenStack Foundation Kopfschütteln aus.

Das Projekt „Starling X“

Starling X, ein Layer für die Integration von Edge-Systemen in OpenStack- und Kubernetes-Umgebungen mit Management-Funktionen, hat den Versionsstand 1.0 im Oktober 2018 erreicht. Damit ist ein wichtiger Schritt getan, um nach dem neuen Förderprogramm der OSF für neue Projekte von einem Pilotprojekt zu einem anerkannten erhoben zu werden.

Starling X dürfte diese Beförderung noch in diesem Jahres erleben. Ähnlich ist der Stand bei dem ebenfalls vor einem Jahr gestarteten Projekt „Airship“. „Kata Containers“ wurde im März zu einem „bestätigten“ Projekt erhoben – und „Zuul“ gerade zum Summit in Denver.

Es zeichnen sich gleichwohl weitere Projekte ab. „Für die nächsten zwölf Monate“, so OSF-President Bryce, ist „Opendev“ angekündigt, wovon nur herzlich vage bekannt ist, dass es um ein Tool gehen soll, um Infrastrukturservices „the OpenStack way“ zu betreiben. Vor zwei Monaten ist eine „Bare Metal Special Interest Group“ gegründet wurden. Sie hat das Programm „OpenStack Ironic Bare Metal“ gestartet, das den Erfahrungsaustausch zwischen Anwendern und die Kommunikation mit den Entwicklern vorantreiben soll.

Bare Metal

Im Zentrum steht hier das OpenStack-Produkt „Ironic“, mit dessen Hilfe Hardware quasi zu einer virtuellen Ressource wird. Dies ist von großem Interesse für Mainframe-Anwender und für andere, die höchste Ansprüche an die Verfügbarkeit der Maschinen haben. Das sind offenbar viele: Ein Viertel aller OpenStack-Anwender nutzen es, vor drei Jahren waren es erst neun Prozent.

Angesichts der nunmehr beschaulicheren Entwicklung stellen sich der OSF nach eigener Darstellung neue Herausforderungen: Natürlich bleibt da zunächst ein Stück Technik, so Bryce, nämlich, „herauszufinden, welche Teile noch fehlen, und die Lücken zu schließen“. Der wahre neue Schwerpunkt aber heißt „Collaboration“. Das meint nicht so sehr das Ineinandergreifen verschiedener OSF-Projekte, sondern die Kommunikation mit anderen Open-Source-Projekten.

Bryce kritisiert: „Viele Open-Source-Communities arbeiten in Silos, es gibt zu wenig Kooperation mit anderen.“ Sein Credo lautet aber: „Offene Zusammenarbeit ist eine mächtige Kraft, um Technologie dazu zu bringen, unser Leben und unsere Welt zu verändern.“ Prompt erklärte er eine neue Maxime von OpenStack: „Collaboration without Boundaries“.

Der Aufsichtsratsvorsitzende der OpenStack Foundation, Suse-Manager Alan Clark, versicherte: „Wir werden gute Nachbarn sein, innerhalb unserer Organisation und übergreifend gegenüber der Open-Source-Community im Allgemeinen.“

Ausgerechnet Mark Shuttleworth, der auf Summits immer mal für Provokationen gute Ubuntu-Förderer, stärkte in Denver OpenStack demonstrativ den Rücken: „Wir sind nicht mehr der rebellische Außenseiter im Cloud Computing. Was wir machen, ist wichtig.“

Der Beweis: Allein Ubuntu stellt in der Woche des Denver Summits 27 OpenStack-Projekte bei Kunden fertig. Vor diesem Hintergrund sein Appell an die OpenStack-Interessenten und -Mitarbeiter: „Wir müssen unsere Aufmerksamkeit für dieses Projekt beibehalten: OpenStack.“

* Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist im Unruhestand in Kelheim.

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