Cloud Broker-Plattformen

Cloud Brokerage - vom Ladenhüter zum nächsten großen Ding

| Autor / Redakteur: Matthias Popiolek * / Florian Karlstetter

Cloud-Broker-Plattformen verschaffen Transparenz über die ganze Vielfalt virtualisierter Infrastrukturen – von selbst betriebenen Umgebungen bis hin zu Public Cloud-Lösungen.
Cloud-Broker-Plattformen verschaffen Transparenz über die ganze Vielfalt virtualisierter Infrastrukturen – von selbst betriebenen Umgebungen bis hin zu Public Cloud-Lösungen. (Bild: © vallepu - Fotolia.com)

Die Cloud verspricht Vielfalt, führt aber auch oft zur Qual der Wahl: Denn Unternehmenskunden müssen festlegen, welche der zahlreichen Angebote in Frage kommen und wie sie sich in ihre bestehende IT-Entwicklung einpassen lassen. An dieser Stelle kommen Cloud Broker-Plattformen ins Spiel. Sie schaffen Mehrwert, indem sie als Mittler zwischen Cloud-Anbietern und -Kunden fungieren.

Aktuell ist die Akzeptanz von Cloud-Broker-Plattformen noch recht gering. Dafür gibt es Gründe. Es gibt aber auch gute Grunde dafür, warum das nicht so bleiben wird.

Broker-Plattformen verschaffen Cloud-Kunden Transparenz über die ganze Vielfalt virtualisierter Infrastrukturen – von selbst betriebenen Umgebungen bis hin zu Public Cloud-Lösungen wie die von Amazon Web Services (AWS) oder Private Cloud-Angeboten wie T-Systems vCloud. Mithilfe von Cloud Brokern können CIOs ihren Fachabteilungen die gewünschte Freiheit geben, benötigte Lösungen am Markt selbst auszusuchen, ohne dass sie selbst ihre Governance-Rolle aufgeben müssen, die in den Nebeln der Schatten-IT bereits verloren zu gehen drohte.

Dennoch ist die Akzeptanz von Cloud Broker-Plattformen gering. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • 1. Die Mehrheit der Kunden denken (noch) nicht strategisch in Richtung einer Multi-Cloud-Infrastruktur.
  • 2. Cloud Broker-Plattformen rücken Infrastrukturen in den Mittelpunkt, während die Cloud-Community bereits einen Schritt weiter ist und über Applikationen und Platform as a Service (PaaS) spricht.
  • 3. Die mit Broker-Plattformen erzielten Umsätze fielen bisher niedrig aus, sodass die Anbieter diese Lösungen stiefmütterlich behandelten.
  • 4. Bei Cloud Broker-Plattformen stehen die Provider im Hintergrund, doch dreht sich die Diskussion am Markt vorrangig um bestimmte Cloud-Anbieter.
  • 5. Die technisch orientierten Experten in den IT-Abteilungen sehen keine Notwendigkeit für eine weitere zusätzliche Management-Ebene.
  • 6. Indem Cloud Broker-Plattformen voll darauf ausgerichtet sind, die aktuelle Qual der Wahl zu erleichtern, erfüllen sie weniger die Erwartungen an einen mittel- und langfristig orientierten Betrieb.

Doch selbst wenn Cloud Broker-Plattformen kein Verkaufsrenner sind, stellen sie einen wichtigen Schritt in die Welt der Multi-Cloud dar: Sie werden ein fester Bestandteil des Cloud-Einsatzes und von PaaS-Angeboten der nächsten Generation sein. Und sie werden sicher ein wichtiger Bestandteil für das nächste große Ding im Cloud Computing sein – nämlich wirklich hybrides Cloud Computing. Also kein hybrides Cloud Computing im herkömmlichen Sinn, bei dem eigene Infrastrukturen mit privaten und öffentlichen Cloud-Lösungen manuell und vorausplanend miteinander verbunden werden. Es geht um „wirklich hybride“ Lösungen.

„Wirklich hybrid“

Der „True Hybrid“-Ansatz ermöglicht automatische Skalierung über verschiedene Clouds hinweg.
Der „True Hybrid“-Ansatz ermöglicht automatische Skalierung über verschiedene Clouds hinweg. (Bild: ISG)

Wenn man Cloud-Verkäufern und -Experten glaubt, ist der hybride Ansatz der Schlüssel, mit dem sich das eigentliche Potenzial der Cloud erschließen lässt. Und in vielerlei Hinsicht stimmt das auch. Traditionelle Service-Anbieter stellen so sicher, dass ihr klassisches Hosting-Geschäft nicht über Nacht einfach wegbricht. Und IT-Abteilungen können das Risiko ihres Unternehmens kontrollieren, indem sie genau jenes Cloud-Liefermodell wählen, das zu ihrer jeweils aktuellen Auslastung passt.

Viele Unternehmen entscheiden sich für eine hybride Cloud-Umgebung, da sie so die Geschwindigkeit des technologischen Wandels und die damit verbundenen Risiken am besten kontrollieren können. Umgekehrt können Cloud-Provider ihre Angebote so zuschneiden, dass sie für bestimmte Branchen, geografische Regionen und Rechnerauslastungen passen. Ohne eine eingebaute Broker-Schicht benötigt hybrides Cloud Computing immer wieder manuelles Eingreifen, um die Rechnerauslastung zwischen den eigenen Ressourcen vor Ort sowie der privaten und öffentlichen Cloud auszutarieren.

Entscheidungen müssen vorab getroffen werden und lassen sich nur mühsam wieder revidieren. So wie beim Gang in einen Buchladen, in dem man ein Buch bestellt und auf dessen Lieferung wartet: Ist es dann gelesen, ist es immer noch präsent, nimmt Platz weg und zieht Staub an. Wirklich hybrides Cloud Computing gleicht hingegen mehr einem E-Book: Es lässt sich von überall aus bestellen, die Lieferung erfolgt umgehend und eine Lagerung ist nicht notwendig. Ein derart vollständig hybrides Cloud Computing basiert auf Automatisierung und nutzt die Cloud voll umfassend – ist im aktuellen Business bisher aber noch die große Ausnahme.

Cloud auf Zuruf

Der „True Hybrid“-Ansatz ermöglicht automatische Skalierung über verschiedene Clouds hinweg.
Der „True Hybrid“-Ansatz ermöglicht automatische Skalierung über verschiedene Clouds hinweg. (Bild: ISG)

an stelle sich eine Applikation vor, die in einem unternehmenseigenen Rechenzentrum so viele Anfragen erhält, dass die vorhandene Infrastruktur nicht länger ausreicht. Nun erkennt die Applikation die Zusatzlast und greift Schritt für Schritt auf zusätzliche Kapazitäten aus der öffentlichen Cloud zurück – zu vorher festgelegten Konditionen. Bislang gibt es kaum kommerzielle oder selbstentwickelte Anwendungen, die diesen Grad an Automatisierung aufweisen.

Wie kann ein Unternehmen eine derartige Funktionalität der „Cloud auf Zuruf“ implementieren? Muss sie Teil der Applikation sein? Sind Richtlinien und Standards verfügbar, mit denen sich die Interoperabilität zwischen Cloud- und Nicht-Cloud-Infrastrukturen sicherstellen lässt? Ist eine Applikation in der Lage, aus einem vordefinierten Set von Cloud-Angeboten zu „wählen“ und Ressourcen vom Markt „einzukaufen“? Genau an dieser Stelle können Cloud Broker eine wichtige Rolle spielen.

Anstatt die notwendigen Komponenten in jede einzelne Applikation einzubauen, können Cloud Broker als hybride Management-Schicht dienen und die in der Folge genannten Kernaufgaben übernehmen. Die grundlegende Idee dahinter besteht darin, dass diese Schicht einen zusätzlichen Service bereitstellt, der Clouds skalieren kann, indem er die Applikation über standardisierte Schnittstellen (Application Program Interfaces, APIs) verwendet.

  • Monitoring & Analyse: Zuhören können ist nicht nur eine wichtige menschliche Tugend. Es ist auch die Basis für Skalierungen. Denn natürlich muss das Cloud Brokerage innerhalb der hybriden Management-Schicht mehr als nur Monitoring betreiben, sondern auch die „smarte Skalierung“ beherrschen. Es muss „zuhören“ und die Kapazitäten der jeweiligen Anwendung selbst sowie der darunterliegenden Infrastruktur/Plattform überwachen und managen. Eine effiziente hybride Management-Schicht muss erkennen, wenn die darunterliegende Plattform an ihre Grenzen stößt und nicht mehr die erwartete Performance liefern kann. Entscheidend ist dabei, sowohl historische als auch aktuelle Daten zu analysieren. Businessinformationen, zum Beispiel darüber, welche Produkt-Launches zu höheren Rechnerlasten führen, können die Analyse zusätzlich verbessern.
  • Automatisierte Entscheidungen: Eine Applikation muss nach oben oder nach unten skalieren, indem sie erkennt, ob die lokale Umgebung noch ausreichend Ressourcen bereithält oder ob sie besser auf eine private oder öffentliche Cloud umschaltet. Im letzteren Fall muss die Anwendung entscheiden, welche Cloud, etwa auch Public Cloud, am besten geeignet ist. Sie benötigt deshalb eine automatisierte Entscheidungsinstanz, die diese Wahl treffen kann. Dies muss im Rahmen bestimmter Regeln erfolgen – sei es, dass Anwendung A nur auf Clouds innerhalb einer bestimmten Region zurückgreifen kann oder dass Anwendung B nur jene Clouds verwenden darf, in denen Kapazitäten bereits reserviert sind. Ebenso müssen die Entscheidungsroutinen aktuelle Preise und die Größe der angebotenen Ressourcenpakete berücksichtigen.
  • Automatisierte Inbetriebnahme: Verteilte Anwendungen in Betrieb zu nehmen, gehörte einmal zu den anspruchsvollsten IT-Aufgaben. Obwohl dies an Brisanz verloren hat, handelt es sich hier um eine der wichtigsten Funktionen der hybriden Management-Schicht. Doch im Zuge der Virtualisierung auf allen Ebenen und der Einführung von Containern wie Docker hat diese Aufgabe viel von ihrem Schrecken verloren.
  • Load Balancing und Aufgabenplanung: Beim Betrieb verteilter Anwendungen handelt es sich um keine neue Aufgabe, aber der selbstskalierende Multi-Cloud-Ansatz erfordert einen erneuten Blick auf das Load Balancing und die Aufgabenplanung. Die hybride Management-Schicht sollte diese Funktionalitäten entweder selbst bieten oder die notwendigen Informationen über APIs an separate Werkzeuge weiterleiten. Eine gut funktionierende Umgebung wäre von großem Wert für die IT-Abteilungen und ihre Entwickler, wenn sie kontinuierlich über den plattformübergreifenden Ressourcenverbrauch und die Kosten berichtet sowie die Möglichkeit bietet, manuelle Anpassungen vorzunehmen. Ist dies der Fall und werden Load Balancing sowie Aufgabenplanung über standardisierte APIs erledigt, können sich Entwickler auf die Business-Funktionen der Anwendungen konzentrieren, anstatt sich um deren Skalierungsfähigkeiten kümmern zu müssen.

Die aktuellen Cloud Broker-Plattformen bieten eine gute Ausgangsbasis, um wirklich hybride Umgebungen aufzubauen. Möglicherweise geht der eine oder andere Anbieter von Cloud Broker-Plattformen diesen Weg sogar selbst. Wichtig ist es jedoch, dass sich eine Community zusammentut, welche die dafür notwendigen offenen Standards definiert und dadurch eine völlig neue Grundlage für wirklich hybrides Cloud Computing schafft.

* Matthias Popiolek, Principal Consultant bei der ISG Information Services Group in Frankfurt (Main)

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