Das Streben nach Agilität hat über die Jahre fragmentierte Cloud-Landschaften hervorgebracht. Automatisierung, KI und die durch geopolitische Spannungen verstärkten Bestrebungen in Richtung digitaler Souveränität zwingen Unternehmen 2026, ihre SaaS-Strategie jenseits von Tool-Präferenzen neu auszurichten.
Wohin geht die Reise der IT? Ohne zentrale Steuerungsebene werden Best-of-Breed-Stacks für Automatisierung, KI und Compliance schnell zur Sackgasse.
Zehn Jahre Best-of-Breed-Strategie haben die SaaS-Stacks vieler Unternehmen leistungsfähig, aber schwer steuerbar gemacht. Spezialisierte SaaS-Anwendungen ermöglichten eine schnelle Digitalisierung und eine hohe Innovationsgeschwindigkeit, verstärkten aber zugleich Komplexität und Integrationsaufwand.
Automatisierungsinitiativen, KI-gestützte Entscheidungsprozesse und wachsende regulatorische Anforderungen erfordern ein Umdenken und verschieben die Prioritäten von Funktionsvielfalt hin zu Kontrolle, Konsolidierung und Auditierbarkeit. Anfang 2026 fragen IT-Entscheider nicht mehr, welches Tool das beste ist, sondern welche Architektur zukunftsfähig ist.
Best-of-Breed war richtig – unter anderen Voraussetzungen
„Best of Breed“ war die folgerichtige Reaktion auf die Grenzen monolithischer Unternehmenssoftware. Abteilungen mit unterschiedlichen Anforderungen konnten die für ihre Aufgaben besten Lösungen einführen und sich von schwerfälligen unternehmensweiten Systemen lösen. Unter den Umständen war dieser Ansatz in vielen Unternehmen die einzige Möglichkeit, um mit der immer mehr Fahrt aufnehmenden Digitalisierung Schritt zu halten und nicht ins Hintertreffen zu geraten.
Diese Phase war geprägt von menschlicher Koordination. Prozesse wurden durch Personen orchestriert, nicht durch die Architektur. Das sorgte für die Entstehung von Wissenssilos. Informationen über Abhängigkeiten und Datenbewegungen befanden sich nicht selten ausschließlich in den Köpfen einzelner Spezialisten. Das funktionierte, so lange Transformationstempo und Anzahl der Tools einigermaßen überschaubar blieben, wenn auch auf Kosten von Sicherheit und Transparenz.
Der Wendepunkt: als Tool-Landschaften explodierten
Das Modell wurde nicht schleichend, sondern mit einem disruptiven Knall ausgehebelt. Denn mit der pandemiebedingten Zunahme von Remote-Arbeit vervielfachte sich ab 2020 die Zahl der Endpunkte, Zugriffe und Abhängigkeiten praktisch über Nacht.
Hastig ausgerollte, cloudgebundene Kollaborationstools und im Hauruckverfahren eingeführte SaaS-Lösungen ließen bestehende Best-of-Breed-Stacks ohne architektonischen Überbau regelrecht ausufern. Was zuvor durch persönliche Abstimmung leidlich stabil gehalten wurde, musste plötzlich unter Dauerlast und mit eingeschränkter personeller Präsenz funktionieren, während die Komplexität anstieg.
Im neuen Normal ist Beherrschbarkeit wichtiger als Agilität
Mit jeder zusätzlichen Anwendung erhöhte sich nun der Integrationsaufwand und nahm die Steuerbarkeit ab. Änderungen wirkten nicht mehr lokal, sondern systemweit: Berechtigungen mussten synchronisiert, Prozesse über Systeme hinweg angepasst und Fehler entlang langer API-Ketten nachvollzogen werden.
Die operative Komplexität und die Belastung von IT-Teams durch Zeitverlust und Flickschusterei begann, den funktionalen Mehrwert zu schmälern. Zugleich stiegen die Cyberrisiken. Private Geräte, von ins Home Office verbannten Mitarbeitern an der IT-Abteilung vorbei genutzt, um das Tagesgeschäft aufrechtzuerhalten, machten es Angreifern leicht. Die regulatorische Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
KI beschleunigt Automatisierung und macht Brüche sichtbar
Im Herbst 2022, als die Welt noch dabei war, angesichts von Pandemie und Ukraine-Krieg zu realisieren, dass viele einstige Gewissheiten keine Gültigkeit mehr besaßen, folgte der nächste disruptive Schub: Künstliche Intelligenz (KI), davor eher ein Nischenthema und in hoch spezialisierten Umfeldern eingesetzt, erreichte als generative KI die breite Masse.
Die Möglichkeiten waren zunächst schier unüberschaubar, schlugen aber schnell in den IT-Abteilungen ein. Innerhalb weniger Monate hielten KI‑gestützte Assistenzfunktionen in Workflow‑Design, Skripterstellung und Prozessanalyse Einzug. Inzwischen plant fast jedes zweite Unternehmen, seine Automatisierungsinitiativen weiter auszubauen, rund 70 Prozent setzen Datenpipelines gezielt zur Unterstützung generativer KI ein.
Doch KI korrigiert bestehende Architekturen nicht. Sie hilft auch nicht, über fragmentierte SaaS-Landschaften und Datensilos hinweg zu automatisieren. Sie wirkt vielmehr nur dort als Automatisierungsbeschleuniger, wo die Systemlogik das zulässt.
Automatisierung und KI treffen auf heterogene Stacks
Automatisierung entlarvt die Schwächen fragmentierter SaaS-Landschaften. Während manuelle Prozesse Unschärfen tolerieren, benötigen automatisierte Abläufe konsistente Daten, Regeln und Rollen. KI verstärkt diesen Effekt zusätzlich: Sie arbeiten kontextbezogen, doch fragmentierte Architekturen liefern Kontext nur unvollständig.
KI-Modelle aggregieren Informationen über Systeme hinweg. API-Ketten, inkonsistente Semantik und zeitverzögerte Synchronisation führen dazu, dass Kontext verloren geht oder falsch interpretiert wird. Das Ergebnis sind Automatisierungslösungen, die formal funktionieren, aber nicht zuverlässig arbeiten und damit keinen ROI erzeugen.
Stand: 08.12.2025
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Die Lösung: nicht weniger Tools, sondern mehr Steuerung
Konsolidierung wird oft als bloße Reduktion der Anzahl eingesetzter Tools missverstanden. Entscheidend ist in der Praxis aber nicht die Anzahl der Systeme, sondern wie sie zusammenarbeiten und wie viel Kontrolle über Daten und Berechtigungen sie zulassen.
Wer auf dieser Ebene ansetzt, macht funktionale Vielfalt beherrschbar. Anwendungen können auch im Jahr 2026 und darüber hinaus spezialisiert bleiben, solange sie in einem klaren Ordnungs- und Compliance-Rahmen arbeiten. Konsolidierung bedeutet nicht Verzicht auf Diversifizierung, sondern strukturelle Einbettung.
Die Steuerungsebene fungiert als Rahmen. Dabei definieren Unternehmen Daten, Berechtigungen, Rollen, Prozesszustände, Eskalationen und Schnittstellen konsistent über alle Anwendungen hinweg. Das bewirkt, dass auch noch so große Tool-Landschaften beherrschbar bleiben, ohne dass der manuelle Integrationsaufwand aus dem Ruder läuft. Spezialisierte Anwendungen laufen weiterhin, aber in einem einheitlichen und kontrollierten Umfeld.
Ein homogenes Portfolio aus einer Hand kann diesen Rahmen leichter abbilden, weil Schnittstellen und Datenmodelle bereits standardisiert sind. Das heißt aber nicht, dass Konsolidierung nur mit einem Anbieter möglich ist. Jede Lösung, die die definierten Ordnungsprinzipien unterstützt, erfüllt denselben Zweck. Wo der Rahmen die Ordnung vorgibt, können Automatisierung und KI effizient funktionieren.
Digitale Souveränität ist dabei mehr als ein regulatorisches Thema. Architekturentscheidungen bestimmen darüber, ob die Kontrolle über Daten und Berechtigungen überhaupt im eigenen Verantwortungsbereich liegt – oder in anderen Jurisdiktionen. Unternehmen erkennen zunehmend, dass digitale Abhängigkeiten nicht nur Compliance‑ und Sicherheits-, sondern auch Geschäftsrisiken mit sich bringen: In der repräsentativen TÜV Cybersecurity-Studie 2025 gaben 79 Prozent der befragten Unternehmen an, ausschließlich Datencenter in der EU zu nutzen.
Architektur entscheidet über KI-Fähigkeit, Sicherheit und Handlungsfreiheit
„Best of Breed“ ist 2026 nicht am Ende. Nicht auf die Zahl der Anwendungen kommt es an, sondern auf ihre Einbettung in Steuerungsmechanismen. Wer Rollen, Datenflüsse und Berechtigungen auf dieser Ebene ordnet, schafft die Grundlage für funktionale Vielfalt und den Einsatz von KI, ohne Innovationspotenzial zu verschenken.
Echte digitale Souveränität rückt näher, wenn Unternehmen nicht nur auf europäische Rechenzentren setzen, sondern auf Strukturen, die Transparenz in einem volatilen, geopolitisch anspruchsvollen Umfeld sicherstellen. 2026 müssen Unternehmen ihre Architektur auf den Prüfstand stellen und gegebenenfalls anpassen, um Agilität, Steuerbarkeit und Sicherheit zu gewährleisten.
* Der Autor Suvish Viswanathan ist Head of Marketing für das Vereinigte Königreich und Europa sowie Regional Director DACH bei Zoho. Vom 2025 eröffneten Standort in Essen aus baut er die Präsenz in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus und verantwortet zudem das europäische Marketing. Davor sammelte er langjährige Erfahrungen in der Softwarebranche und durchlief dabei Stationen in Softwareentwicklung und Produktmarketing. Als gefragter Gesprächspartner auf Fachveranstaltungen und Autor teilt er regelmäßig praxisnahe Einblicke zu CRM, KI und Cybersicherheit und und beteiligt sich aktiv an Branchendiskussionen über digitale Transformationsstrategien von Unternehmen.