Abschied von ITIL. Willkommen im Cloud Operating Model 2021 – Multi-Cloud neu gedacht

Autor / Redakteur: Lance Haig* / Ulrike Ostler

Wer Multi-Cloud zur Technologie-Infrastruktur machen will, muss Denkweisen, Kultur, Tools und Prozesse auf den Prüfstand stellen. Das stellt Lance Haig, Regional Manager of Solutions Engineering bei Hashicorp, in dem folgenden Beitrag dar.

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Der Morgen für eine umfassende Multi-Cloud-Denke bricht an.
Der Morgen für eine umfassende Multi-Cloud-Denke bricht an.
(Bild: Dan Fador auf Pixabay)

2021 wird laut IDC das Jahr von Multi-Cloud. Das Analystenhaus prognostiziert, dass die überwiegende Mehrheit der Unternehmen eine Kombination aus privaten, öffentlichen, externen und internen Clouds bereitstellen wird. Covid-19 wird dabei helfen.

Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig Agilität wirklich ist, wenn es darum geht, kurzfristig nach oben oder unten zu skalieren. Entsprechend geht IDC davon aus, dass 90 Prozent der Unternehmen auf mehrere Clouds setzen. Covid-19 ist jedoch nicht der Königsmacher, die Seuche beschleunigt lediglich einen längerfristigen Trend der Unternehmens-IT, mehr Workloads und Kern-Prozesse in die Cloud zu bringen.

Bereits 2019 stellte Gartner fest, dass 81 Prozent der Unternehmen, die öffentliche Clouds verwenden, mehr als einen Anbieter betreiben. In Flexaras „2020 State-of-the-Cloud“ lag der Durchschnitt bei 2,2 öffentlichen und 2,2 privaten Clouds.

Die IT-Infrastruktur eines Unternehmens wird zunehmend zu einer Maschine mit vielen beweglichen Teilen. Die Herausforderung besteht darin, die verschiedenen Komponenten als Teil der Plattform operativ zu verwalten.

Multicloud: Cloud und Freiheit

Es ist einfach, die Vorteile der Cloud aufzuzählen: Computing, Storage und Networking sind On-Demand zu geringen Anfangskosten verfügbar. Ein Großteil der Diskussion dreht sich um die Hybrid-Cloud. Sie verändert die Geschäfts-IT, da sie die Vorteile der Cloud mit der zusätzlichen Flexibilität lokaler Ressourcen bietet.

Das ist für diejenigen erstrebenswert, die nicht nur öffentliche Cloud-Anbieter nutzen können oder wollen. Dies bedeutet die Integration zwischen privaten und Public Clouds für Einsätze, wie Cloud Bursting, bei dem nur bei Bedarf zusätzliche Rechenleistung in einer Public Cloud angefordert wird.

Multi-Cloud bedeutet nicht unbedingt Einheitsbrei, sondern eher Fllexibilität und Wahlfreiheit.
Multi-Cloud bedeutet nicht unbedingt Einheitsbrei, sondern eher Fllexibilität und Wahlfreiheit.
(Bild: enriquelopezgarre auf Pixabay)

Eine Multi-Cloud-Strategie hingegen ist anders – sie umfasst die Zusammenarbeit mit mehreren verschiedenen Cloud-Anbietern und hat große Vorteile: Sie ist nicht an den Technologie-Stack eines Anbieters gebunden und ermöglicht es Cloud-Lieferanten pro Projekt auszuwählen. Gleichzeitig bedeutet dies auch die Freiheit, lieferantenunabhängig stets das beste Angebot zu wählen, wenn ein neues Projekt durchgeführt werden soll.

Vielfalt kann natürlich auch einen wichtigen Beitrag in Hinblick auf Leistungsfähigkeit und Verfügbarkeit leisten. Viele Unternehmen haben ein großes Problem, wenn ihr Cloud-Anbieter plötzlich einen Ausfall des Rechenzentrums erleidet und sind in der Zeit fast geschäftsunfähig. Mit einem Multi-Cloud-Ansatz kann das Rechenzentrum dieses Anbieters umschifft werden. Multi-Cloud bedeutet auch Flexibilität bei der Bereitstellung von Workloads und Anwendungen, basierend auf den jeweils regulatorischen Erfordernissen sowie den Anforderungen an die Daten-Compliance und Datenhoheit.

In einer Welt, in der große Namen die Kernbereiche der Cloud dominieren, glaubt Gartner, dass ein Multi-Cloud-Ansatz mindestens zwei Drittel der Unternehmen einen Ausweg aus der Abhängigkeit von Anbietern (Vendor Lock-in) bieten wird.

Eine Maschine mit vielen beweglichen Teilen

Vielfalt ist gut, schafft aber Komplexität. Multi-Cloud kann bedeuten, dass Dienste genutzt werden, die andere Anbieter nicht integrieren, weil diese anders aufgesetzt wurden, um Wettbewerbsvorteile zu erzielen.

Diese unterschiedlichen Ansätze werden in Zukunft zunehmen, wenn sich die Anbieter in den kommenden Jahren ändern. Denn zu erwarten ist ein stärkerer Fokus auf IoT und Edge Computing mit neuen Funktionen für Networking, Computing und Storage. Künstliche Intelligenz (KI) und maschinelles Lernen werden einen starken Einfluss haben – sei es Frameworks, Sprachen oder Hardware.

Auch High Performance Computing (HPC) wird weiter wachsen: Es wird geschätzt, dass bis Ende 2020 rund 40 Prozent der Unternehmen HPC in der Cloud ausführen. Zu erwarten sind entsprechend mehr neue virtuelle Instanzen und Chip-Architekturen. Darüber hinaus werden die detaillierte Verarbeitung und Analyse von Daten zunehmen. So können Cloud-Anbieter mit größeren Datenmengen und komplexeren Modellen arbeiten und das Datenbank-Management verbessern.

Nicht nur die Ansprüche steigen ....

Und hier machen die Herausforderung der Multi-Clouds nicht Halt, etwa beim Netzwerk: Die notwendigen Ressourcen müssen auf Basis festgelegter Anforderungen zugewiesen werden und dennoch variabel sein.

Ein Fehler kann hier fatale Folgen haben. Ein Zuviel an Netzwerkressourcen bedeutet Kosten, die man sich hätte sparen können. Ein Zuwenig hingegen führt zu Engpässen und Verlangsamung der Dienste. Zudem sind falsch konfigurierte Netzwerke offen für Attacken.

Laut einem Bericht von Flexara gehören zudem Sicherheit und Governance weiterhin zu den größten Herausforderungen der Cloud insgesamt. In Multi-Clouds werden Daten über die Plattformen und Netzwerke von mehreren Anbietern übertragen. In diesem Szenario ist es schwieriger, die für Überwachung, Erkennung und Aktion erforderliche Transparenz zu erreichen. Ein plattformunabhängiges Sicherheitskonzept ist also für Unternehmen unabdingbar.

Der Blick gehört dem großen Ganzen, nicht nur den Details

Um diese Hürden zu überwinden, muss der Multicloud-Ansatz strategisch und operativ als integrierte Plattform betrieben werden und nicht über einzelne Kontrollpunkte hinweg. Dies bedeutet, dass Mitarbeitern die Möglichkeit geben werden muss, unabhängig von der Zielumgebung oder dem Umfang der Infrastruktur zu arbeiten. Dies bedeutet wiederum, Tools, Workflows und Prozesse bereitzustellen, die als gemeinsame zentrale Dienste konsistent über Entwicklung, Betrieb, Netzwerk und Sicherheit ausgeführt werden können.

Dabei ist ein schrittweiser Prozess unvermeidlich. In der ersten Phase wird der Grundstein gelegt: Die Bereiche der Infrastruktur, die in Code umgewandelt werden sollen, werden identifiziert. Dabei ist sicherzustellen, dass der Code sowohl skalierbar als auch sicher ist.

In der nächsten Phase wird eine Reihe von gemeinsam genutzten Diensten, zum Beispiel Netzwerk und Sicherheit, standardisiert: Auf diese Weise können Best Practices festgelegt und Erfahrungen gesammelt werden, bevor eine breitere Einführung umgesetzt wird. Dies ist von entscheidender Bedeutung, denn in dieser Phase kommen die realen Herausforderungen in Bezug auf Management, Verfügbarkeit, Compliance und Governance ans Tageslicht und erfordern verfeinerte oder gar neue Ansätze, Regeln und Prozesse.

In der letzten Phase wird alles miteinander verknüpft: Durch die Einführung einer logischen Architektur und einer Verwaltungsschnittstelle werden die Steuerelemente zur Implementierung von Sicherheit und Orchestrierung über Dienste und Clouds hinweg bereitgestellt.

Dies funktioniert nur mit einem Wechsel des Betriebsmodells. Die Verwaltung von „dynamischer“ statt „statischer“ Infrastruktur ist oft auch als „Cloud Operating Model“ bekannt.

Die Unternehmens-IT muss sich sowohl von ITIL-basierten Kontrollpunkten als auch von auf Kostenoptimierung fokussierten Kontrollpunkten lösen und sich hin zu so genannten Self-Service-Enabler entwickeln, die sich auf Geschwindigkeitsoptimierung konzentrieren. Dies kann durch die Bereitstellung gemeinsam genutzter Dienstleistungen auf jeder Ebene der Cloud erreicht werden, die die Teams dabei unterstützen sollen, neue Geschäfte und Kundennutzen schnell zu realisieren.

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Fazit der Redaktion

2021 wird das Jahr der Multi-Cloud sein, aber die Nutzung einer erfolgreichen Multi-Cloud erfordert mehr als nur einen Ausbau: Es erfordert auch eine Änderung der Denkweise, Kultur, Tools und Prozesse. Vor allem im Hinblick auf Letzteres müssen die Abläufe überdacht werden, da ein ticketbezogener ITIL-Prozess nicht mit einem Multi-Cloud-Ansatz kompatibel ist.

Und auch bezüglich der Tools sollte an neuen Ansätzen gearbeitet werden, da die in heutigen Rechenzentren eingesetzten Werkzeuge nicht für die Multi-Cloud konzipiert sind. Wenn also Multi-Cloud zur Technologie-Infrastruktur eines Unternehmens werden soll, bedeutet dies, 2021 – und darüber hinaus – operativ zu denken und zu handeln.

Lance Haig: „Der Multi-Cloud-Ansatz strategisch und operativ als integrierte Plattform betrieben werden und nicht über einzelne Kontrollpunkte hinweg.“
Lance Haig: „Der Multi-Cloud-Ansatz strategisch und operativ als integrierte Plattform betrieben werden und nicht über einzelne Kontrollpunkte hinweg.“
(Bild: Hashicorp)

* Über den Autor

Lance Haig ist Regional Manager of Solutions Engineering bei Hashicorp mit Sitz in DACH. Er verfügt über 26 Jahre Erfahrung in den Bereichen Unternehmensführung sowie Operations- und Infrastruktur-Management. Lance Haig arbeitet mit einem starken Team von Solutions-Engineers. Gemeinsam unterstützen sie Kunden dabei, die Hashicorp-Tools „Terraform“, „Vault“, „Consul“ und „Nomad“ effizient in den Unternehmen einzusetzen, um in dieser sich schnell verändernden digitalen Welt Wertschöpfung und Sicherheit zu gewährleisten.

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