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Interview mit Andreas Wodtke und Frank Theisen von IBM Wie weit ist Cloud Computing im Bankensektor angekommen?

| Autor / Redakteur: Dr. Dietmar Müller / Elke Witmer-Goßner

Zum Thema Cloud Computing im Finanzsektor gibt es widersprüchliche Meldungen. Ist die Cloud dort nun fest verankert oder doch eher nicht. Und wenn ja: In welcher Ausprägung? Das wollten wir von Andreas Wodtke und Frank Theisen, beide von IBM und für entsprechende Branchenlösungen verantwortlich, wissen.

Ist die Cloud im Finanzsektor fest verankert? Dazu haben wir Andreas Wodtke und Frank Theisen, beide von IBM, befragt.
Ist die Cloud im Finanzsektor fest verankert? Dazu haben wir Andreas Wodtke und Frank Theisen, beide von IBM, befragt.
(Bild: gemeinfrei© Leonhard Niederwimmer / Pixabay )

Es laufen immer wieder zwei verschiedene Pressemeldungen zum selben Thema bei uns ein. Die eine lautete „Banken sind Vorreiter bei der Cloud-Nutzung“, die andere: „Banken nutzen keine Clouds“. Was stimmt denn nun?

Andreas Wodtke leitet seit 2013 als Vice President den Industriebereich Banking & Financial Markets bei IBM in der DACH-Region.
Andreas Wodtke leitet seit 2013 als Vice President den Industriebereich Banking & Financial Markets bei IBM in der DACH-Region.
(Bild: IBM)

Andreas Wodtke: Ich würde sagen, beide Aussagen sind in ihrer Absolutheit nicht zutreffend. Die Frage ist ja, von welchen Workloads wir sprechen. Spätestens im Office-Bereich oder in der HR-Abteilung laufen heute auch in der Finanzbranche auf breiter Front cloud-gestützte Lösungen. Unsere eigenen Untersuchungen ergeben da in Deutschland bereits Marktanteile von mehr als 50 Prozent. Ein anderes Bild zeigt sich allerdings in der Tat bei Funktionalitäten, die enger an die Kernservices von Banken heranrücken. Für den Kernbank-Bereich gibt es auch hier Vorreiterinstitute, aber die Anwendungsfälle für Software-as-a-Service oder vergleichbare Funktionalitäten liegt unseren Quellen zufolge derzeit noch im einstelligen Prozentbereich. Dies deckt sich auch in etwa mit anderen, branchenübergreifenden Untersuchungen, beispielsweise von KMPG.

Sind moderne Technologien wie Container und Microservices bereits ins Bankenumfeld eingezogen oder sind dort VMs gerade „State of the Art“?

Frank Theisen leitet den Geschäftsbereich IBM Cloud & Cognitive Software für die Märkte Deutschland, Österreich und Schweiz.
Frank Theisen leitet den Geschäftsbereich IBM Cloud & Cognitive Software für die Märkte Deutschland, Österreich und Schweiz.
(Bild: IBM)

Frank Theisen: Das ist recht unterschiedlich. Meiner Erfahrung nach beschäftigen sich bereits zahlreiche Banken mit Microservices, allerdings gibt es eher wenige, die diese bereits produktiv im Einsatz haben. Ein Beispiel ist Eri Bancaire, die wir kürzlich beim Weg in die IBM-Cloud begleitet haben. Hier ging es darum, das OLYMPIC Banking System in Richtung Software-as-a-Service-Lösung weiterzuentwickeln und dabei mit der Cloud-Lösung Flexibilität, Workload-Management und Kostenvorteile zu erschließen. Dennoch dürfte es noch ein wenig dauern, bis die Adaption in der Branche breit umgesetzt wird. Ein Grund dafür liegt sicher in der bereits über Jahre oder gar Jahrzehnte entstandenen Abhängigkeit von Bestandssystemen. Diese nun auf zeitgemäße Cloud-Architekturen zu transferieren ist nicht ganz trivial und durchaus geschäftskritisch. Ein weiterer häufig genannter Grund für die Zurückhaltung liegt in der umfassenden Regulatorik im Finanz-Umfeld. Allerdings bin ich der Meinung, dass es mittlerweile genügend etablierte Beispiele gibt, wie sich diesen Anforderungen umfassend begegnen lässt.

Container sind Bordmittel der Multi bzw. Hybrid Cloud. Darum nochmal aber anders gefragt: Ist die Multi / Hybrid Cloud im Finanzwesen angekommen?

Theisen: Bei diesem Punkt dürfen wir nicht vergessen, dass Banken und Finanzinstitute stark reguliert sind. Das bedeutet: Sie haben somit klare Auflagen in den Bereichen Data Privacy, Business Continuity und Security – zumindest, was deren Kernbankenprozesse angeht. Da sind dann in der Tat Multi- oder Hybrid-Cloud-Architekturen der Weg der Wahl. Sie erlauben einer Bank, die Vorteile von geteilten IT-Ressourcen zu nutzen, zumindest in den Bereichen, die nicht die Kernbankensysteme tangieren. Zugleich verfügen Banken traditionell über umfangreiche Erfahrungen im Bereich Outsourcing, entsprechend gibt es da auch eine hohe Bereitschaft, Cloud-Lösungen zumindest auszuprobieren. Bis aber ganz selbstverständlich Kernbankenprozesse in eine Public Cloud wandern, dürfte noch ein wenig Zeit verstreichen.

Im hochregulierten deutschen Bankenumfeld gibt es strikte Compliance-Anforderungen. Mit den Lösungen von IBM sollen sich diese erfüllen lassen. Welche Anforderungen sind das im Einzelnen?

Wodtke: Auf EU-Ebene sind dies sicher die „Guidelines on outsourcing arrangements“ sowie die „Guidelines on ICT and security risk management“, in der die Europäische Bankenaufsicht EBA den Rahmen absteckt. Für Deutschland sind unter anderem die Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) sowie die Bankaufsichtlichen Anforderungen an die IT (BAIT) zu nennen. Beide sollen nach Ankündigung der Bundesaufsicht für das Finanzwesen (BaFin) mit Blick auf Outsourcing und Cloud-Nutzung überarbeitet werden. Außerdem gibt es das weite Feld des Datenschutzes, Stichworte: Datenschutzgrundverordnung. Dies betrifft also die Bereiche Datenspeicherung und Zugriffsrechte. Grundsätzlich gilt, dass keine Daten in Länder außerhalb der EU gelangen dürfen, die Datenverarbeitung ausschließlich innerhalb der EU stattfinden darf sowie das Management der Systeme nur durch EU-Personal erfolgt. Für all das sind entsprechende Vorkehrungen – organisatorisch und technisch – zu treffen. Natürlich sind die von IBM angebotenen Lösungen darauf ausgerichtet, diese Anforderungen zu erfüllen.

Von welcher Lösung sprechen wir?

Theisen: Das passende IBM-Paket nennt sich „IBM Cloud for Financial Services“. Dazu zählt nicht allein der Einsatz der Cloud- Infrastruktur, sondern auch die Zusammenarbeit bei der laufenden Weiterentwicklung des IBM Cloud Policy Framework für Finanzdienstleistungen in einem Financial Services Cloud Advisory Council. Es gibt bereits einige international agierende Banken, darunter BNP Paribas und Bank of America, die sich für einen Einsatz der IBM Cloud for Financial Services entschieden haben. Die IBM Cloud for Financial Services nutzt in der Public Cloud die gleiche, hoch sichere Technologie (FIPS 140-2 Level 4) zum Schlüsselmanagement, die auch in dem in Bezug auf Sicherheit branchenführenden IBM System Z zum Einsatz kommt. Sie wird über IBM Hyper Protect Services bereitgestellt.

Mit welchen Maßnahmen genau erfüllt die Lösung die Vorgaben?

Theisen: Es geht hier nicht allein um eine Einzelmaßnahme, kombiniert werden vielmehr mehrere Bausteine. Wir haben umfassende Sicherheitsvorkehrungen implementiert, dass allein unsere Kunden über ihre Daten verfügen können – nicht wir als IBM, und schon gar nicht dritte Stellen. Auf technischer Seite haben wir beispielsweise die IBM Cloud Hyper Protect Crypto Services, inklusive und „Keep Your Own Key“. Mit diesen bieten wir Funktionen für das Schlüsselmanagement und ein Hardwaresicherheitsmodul in der Cloud. So können allein unsere Kunden ihre privaten Daten und den Zugriff darauf regulieren. Selbst wenn beispielsweise eine US-Regierung uns dazu auffordern sollte, ihr Daten auszuhändigen, wären wir dazu schon technisch gar nicht in der Lage.
Darüber hinaus wird jeder Versuch anderer Stellen, auf diese Daten zuzugreifen, von IBM gerichtlich und anderweitig angefochten. Daneben bieten wir Geolocation Services, über die Kunden genau nachvollziehen können, wo die in der IBM Cloud genutzten Rechner stehen. Ein weiteres Element ist die EU Cloud Option – hier dürfen die IBM Cloud Services nur von in der EU beheimateten Personal bearbeitet werden. Und zu guter Letzt spielen Zertifizierungen eine gewichtige Rolle: IBM hat mit dem EBA Cloud Compliance Certificate eine Selbstzertifizierung entwickelt, um Kunden bei der Erfüllung der hohen regulatorischen Anforderungen der Banken- und Finanzbranche zu unterstützen. Das Zertifikat erfüllt die Voraussetzungen sowohl der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA) als auch der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (FINMA). Unterm Strich ist die IBM Public Cloud damit nach meiner Einschätzung eine der offensten und sichersten Cloud-Lösungen für Unternehmen.

Spielt die Künstliche Intelligenz (KI) im Bankensektor eine Rolle? Oft wird ja gerade die Kreditvergabe als typisches Anwendungsbeispiel für die KI bei Banken genannt – der Algorithmus entscheidet, ob jemand kreditwürdig ist. Ist das ein realistisches Anwendungsszenario oder eher Zukunftsmusik?

Wodtke: Das Thema KI ist in Finanzinstituten in der Tat bereits seit längerem präsent, hat aber derzeit abseits von sehr einfachen Produkten im Retailbanking, beispielsweise unbesicherte Konsumentenkredite, noch kaum praktische Relevanz. Schließlich sind auch regulatorische Themen wie die MaRisk oder Revisionsthemen zu berücksichtigen. Ungeachtet dessen beschäftigen sich viele Banken intensiv mit KI.
Wir beobachten aber auch, dass vielen Banken noch nicht vollends klar ist, wie genau die praxistauglichen Einsatzszenarien aussehen könnten. Compliance? Regulatorik? Betrugsprävention? Häufig orientieren sich Banken an der Customer Journey und tasten sich beispielsweise mit einem Chat- oder Voicebot in die KI-Welt vor. Aber auch Teilaspekte einer Kreditwürdigkeitsprüfung wie Bonität oder Prognosen zur Auslastung von Kreditlinien werden bereits getestet.
Allerdings stellt häufig die typischerweise vorhandene IT-Infrastruktur eine veritable Hürde auf dem Weg zum tatsächlichen Einsatz der selbstlernenden Technologie dar. Entsprechendes gilt für die für den Einsatz notwendigen Spezialisten – diese sind rar und heiß begehrt.

Welche anderen Anwendungsszenarien für KI –im Falle von IBM: für Watson - scheint im Bankensektor sinnvoll?

Wodtke: Ein Technologie-Paar, welches sich hervorragend ergänzt und letztlich auch die digitale Customer Journey unterstützt, ist KI in Kombination mit Automatisierungstechnologie. So können beispielsweise E-Mails intelligent geroutet und teilweise auch bereits beantwortet werden. Kunden erhalten zeitnah, präzise Antworten und Bankmitarbeiter können sich komplexeren Sachverhalten widmen. Daneben gibt es noch zahlreiche weitere Szenarien: Im Kontext einer Kreditvergabe, bei dem unter anderem die Kreditwürdigkeit beurteilt wird, könnten weitere Aspekte von der KI unterstützt werden, von der Beurteilung des optimalen Beratungszeitpunktes über die dynamische Preiskalkulation bis hin zur Vorhersage von Kreditausfällen.
Ein anderes Beispiel: Im Bereich Wealth Management lässt sich die Vorhersage von Anlegerpräferenzen in Echtzeit oder eine Portfoliomodellierung an die KI übertragen. Hinzu kommt eine breite Anzahl an Back-Office-Tätigkeiten, wie etwa Know-Your-Customer-Regularien oder Due Diligence-Prüfungen. Weitere Anwendungsfälle finden sich in der Bearbeitung von Vertrags- und Gesetzestexten, die mittels semantischer Textanalyse auf Gleichheiten und Ungereimtheiten geprüft werden können. Ein weiterer Bereich wäre die Vorbeugung von Straftaten wie Geldwäsche oder Kreditkartenbetrug mit Hilfe von Real-Time-Überwachung von Zahlungs- und Kontobewegungen. Und schließlich wäre sicher der Bereich Financial Markets zu nennen, mit Monitoring-Tools und Modellen zur Datenauswertung, die beispielsweise für die Modellierung von Risikomodellen herangezogen werden könnten. Unterm Strich also eine breite Palette an Einsatzmöglichkeiten, und für jede Bank dürften attraktive Szenarien darunter sein.

Frank Theisen leitet den Geschäftsbereich IBM Cloud & Cognitive Software für die Märkte Deutschland, Österreich und Schweiz. In dieser Rolle ist er verantwortlich für das integrierte Cloud-Lösungsgeschäft für Hybrid Cloud und Multi-Cloud Lösungen, Data und AI, die Cloud Platform sowie Security Lösungen und SaaS, über die Bereiche Vertrieb, Services, Go-to-Market und Partner Ecosystem hinweg.
Andreas Wodtke leitet seit 2013 als Vice President den Industriebereich Banking & Financial Markets bei IBM in der DACH-Region. Die Vertriebs- und Beratungsteams in dem Bereich verantworten das gesamte Produktportfolio der IBM, sind maßgeblich für die Kundenbeziehung und Kundenzufriedenheit verantwortlich und begleiten die Kunden bei der Digitalisierung und Transformation ihrer Geschäftsmodelle sowie bei ihrer „Journey to the Cloud“.

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Über den Autor

Dr. Dietmar Müller

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Journalist