Einfluss auf Alltag, Wirtschaft und Wissenschaft

Eine Welt ohne Open Source?

| Autor / Redakteur: Gerald Pfeifer* / Elke Witmer-Goßner

Open Source ist schon lange nicht mehr nur Spielfeld universitärer Nerds, sondern untrennbar mit der modernen digitalen Welt verbunden.
Open Source ist schon lange nicht mehr nur Spielfeld universitärer Nerds, sondern untrennbar mit der modernen digitalen Welt verbunden. (Bild: © scandinaviastock - stock.adobe.com)

Wir alle verwenden täglich Open Source – von Android bis Wikipedia bildet quelloffene Software ein Kernelement unserer Alltagserfahrung. Eine Welt ohne Open Source ist daher nur schwer vorstellbar. Trotzdem habe ich anlässlich des 25. Geburtstages von Suse das Gedankenexperiment gewagt: Ist eine Welt ohne Open Source überhaupt vorstellbar?

Wenn wir Open Source sagen, meinen wir „quelloffen“ – also immaterielle Güter, die jedem Menschen zu jeder Zeit ohne wesentliche Einschränkung kostenlos zur Verfügung stehen. Ursprünglich ging es um Software, die als Quellcode kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Gerade der frei zugängliche Code war ein Novum in einer Phase, in der nach anfänglicher Offenheit in den Anfangstagen der IT, kommerzielle Software gerade aus dem geschützten Code ihr Kapital schlug.

Dank Open Source konnte nun jeder die Software selbst begutachten, nach Belieben einsetzen, ja sie sogar nach seinen Vorstellungen umprogrammieren und damit Neues schaffen und diese Änderungen veröffentlichen. Das Konzept der Open Source erstreckt sich heute auch auf andere Bereiche: Wikipedia macht beispielsweise Wissen öffentlich und kostenlos zugänglich. Sogar Baupläne für Hardware sind mittlerweile quelloffen verfügbar.

Open Source im Herzen

Auch wenn Open Source als Begriff breit anwendbar ist, verstehen wir darunter meistens die gemeinsame Arbeit an Software-Projekten. Dabei arbeiten nicht etwa nur Informatikstudenten zusammen, sondern Softwareentwickler rund um den Globus – und auch große Unternehmen, die sonst eigentlich in Konkurrenz zueinander stehen: AMD, ARM, HPE, IBM, Intel, Fujitsu, Microsoft, Oracle, Red Hat, SAP und Suse, um nur einige zu nennen, engagieren sich im Rahmen verschiedener Projekte.

Open Source öffnet einen Raum, in dem Ideen wachsen und Projekte realisiert werden können. Das wohl beeindruckendste Beispiel dafür ist die Geschichte von Linux. Was 1991 mit der Entwicklung des Finnen Linus Torvalds begann, bildet heute die Basis für viele Produkte aus unserem Alltag: Das können Betriebssysteme für PCs und Server sein (etwa Suse oder Debian) wie auch Smartphones (Android) und andere Mobilgeräte.

Viele Public und Private Clouds, Amazon, Google, aber auch medizinische Systeme, haben eines gemeinsam: Linux schlägt in ihrem technischen Herzen, Open Source fließt durch ihre Adern. Bis hinauf zur höchsten Leistungsanforderung ist Linux vertreten: 99,6 Prozent der weltweiten Supercomputer und viele HPC Cluster laufen mit dem freien Betriebssystem. Damit ist klar: Ohne Open Source wären unser Alltag, unsere Wirtschaft und Wissenschaft nicht mehr wiederzuerkennen.

Monotone Monopole

Aber wie sähe sie nun aus, die Welt ohne Open Source? Deutlich monotoner. Wir wären in einer Welt der grauen Software-Monopole gefangen; den Markt für PC-Betriebssysteme hätte wahrscheinlich Windows praktisch für sich allein, den für Server müsste es sich nur mit einigen klassischen Unix-Herstellern teilen. Beim Blick auf ihr Handy würden Milliarden Menschen das Gleiche sehen: ein Symbian- oder bestenfalls Windows-Phone.

Die Basis von Android bildet der Linux-Kernel und auch iOS beruht letztlich auf Open Source. Die Basis für Apples Betriebssystem bildet Darwin, das wiederrum auf BSD, dem Mach-Kernel und anderen Open-Source-Projekten fußt. Die iOS-Geschichte zeigt übrigens auch, dass Open-Source-Software mehr als Linux ist – auf BSD (Berkeley Software Distribution) etwa basiert ein weiteres offenes Ökosystem.

Die Uhren gehen langsamer

Stellen wir uns vor, Dennis Ritchie hätte in den 70ern die Programmiersprache „C“ nicht breit verfügbar gemacht, oder die BSD Distribution wäre nicht entstanden, oder Richard Stallman hätte 1983 nicht das GNU-Projekt gegründet. Im „Closed-Source-Land“ liefe das Leben zäher als bei uns. Dort gäbe es keine digitale Transformation, stattdessen verharrte die Gesellschaft noch im digitalen Mittelalter. Wo jeder in der eigenen Werkstatt isoliert bastelt, gedeiht Fortschritt eben nur langsam.

Wenn es im „Closed-Source-Land“ Zusammenarbeit gibt, so gestaltet sie sich schwierig: Zwischen den proprietären Systemen muss man erst eine Ebene der Zusammenarbeit finden – in Form gemeinsamer Standards. Doch in der Diskussion darum will jeder Partner so viele seiner Vorstellungen wie möglich umsetzen. Das zieht jede Verhandlung in die Länge und führt zu halbherzigen Kompromissen. Und selbst wenn man sich trotz Hindernissen endlich auf einen bilateralen Standard einigt, so ist dieser sofort hinfällig, wenn ein neuer Partner dazu stößt, oder bei der Veröffentlichung schon veraltet. Die Verhandlung geht von vorne los.

Open Source andererseits führt oft zu allgemein gültigen und neutralen Standards. Ohne diese müssten wir heute auf grundlegende Innovationen wie die Cloud verzichten – eine Technologie, auf der viele modernen Geschäftsmodelle von AirBnB bis Uber aufbauen. Auch MacOS würde, wenn überhaupt, in einer anderen Form existieren, denn auch Apple-Entwickler verwenden Open-Source-Werkzeuge und -Komponenten. Insgesamt wäre im „Closed-Source-Land“ Software deutlich behäbiger, monolithischer und letztlich teurer.

Im All, im Körper, überall!

Das Motto „Teile deine Erkenntnisse zum Wohle Aller“ ist keine Erfindung der Open-Source-Bewegung; die Idee ist schon lange integraler Bestandteil unserer Wissenschaften. Daher verwundert es nicht, dass Open-Source-Software in der Wissenschaft eine große Rolle spielt. Supercomputer und HPC-Cluster wurden bereits erwähnt – sie alleine garantieren, dass die Menge der Daten, die die Wissenschaft sammelt, überhaupt ausgewertet werden können.

Nicht nur beim Blick in die Sterne bliebe ohne quelloffene Software vieles im Dunkeln. Sie ermöglicht auch Einblicke in den menschlichen Körper – Ärzte arbeiten im Bereich der Computertomographie und MRT immer öfter auf offenen Systemen. Und selbst bei ganz alltäglichen Aktivitäten wie dem Verkehr sind wir von Open Source umgeben. Die GENIVI Alliance, an der unter anderem BMW und Intel beteiligt sind, hat sich der Entwicklung offener Infotainment-Systeme fürs Auto verschrieben; Toyota will seinen Kunden demnächst mithilfe von Automotive Grade Linux dem Digitalzeitalter gemäße Unterhaltung bieten; und viele Fluglinien tun das bereits heute.

Open Source – eine natürliche Entwicklung

Wir sehen also, dass uns ohne Open Source vieles fehlen würde, vom Kleinen und Alltäglichen bis hin zum Großen und Speziellen, vor allem wo es um schnelle Innovationen geht. Eine Welt ohne Open Source stellt sich nicht als eine willkommene Alternative dar. Doch zum Glück müssen wir uns um diese Eventualität keine Gedanken machen – denn es ist einfach zu unwahrscheinlich, dass Open Source verschwindet. Und selbst wenn, würden wir das Konzept als solches schnell wieder „erfinden“.

Gerald Pfeifer, Suse.
Gerald Pfeifer, Suse. (Bild: Suse)

Die Vorteile arbeitsteiliger Wirtschaft sind schon seit den frühen Zivilisationen bekannt; warum sollte man diese ausgerechnet in der digitalen Welt vernachlässigen? Vor allem, da der Pool an potenziellen Teilnehmern eines gemeinsamen Projektes in der Entwicklung riesig werden kann. Die Eintrittsschwelle, um an einem Open-Source-Projekt mitzuwirken, ist denkbar niedrig: Neugier, Interesse, ein System mit Internetzugang und kostenlose Tutorials eröffnen den Weg in die verschiedenen internationalen Communitys. Ihre Stärke ist ihre Diversität; jeder Teilnehmer bringt eigene Ansätze, Fokus und (unkonventionelle) Denkweisen ein.

Spätestens seit Linux können auch Unternehmen von dieser Innovationskraft profitieren und ihre eigene Position effizient steigern. Wer die Open-Source-Ressource ungenutzt lässt, wird schnell abgehängt. Es ist also kein Wunder, dass viele Konzerne ihren Weg in die Welt von Open Source gefunden haben. Sie profitieren nicht nur davon, sondern tragen auch selbst aktiv zur Weiterentwicklung bei.

Eine wichtige Säule der Digitalisierung

Open Source ist untrennbar mit unserer heutigen digitalen Welt verbunden. Vielfältige Communitys aus Unternehmen und einzelnen Entwicklern treiben die Bewegung weiter voran. Davon profitieren alle: Entwicklern nutzt die Erfahrung eines Unternehmens, die Wirtschaft nutzt dafür kreative Ideen und Innovationen aus der Community. Doch nicht nur Entwickler und Unternehmen, auch Konsumenten genießen die Vorteile von Open Source – eine bunte Vielfalt an Technologie und Produkten. Sogar die Gesellschaft als Ganzes entwickelt sich durch den technischen Fortschritt sowie neue Arten der Kommunikation und Kollaboration weiter. Eigentlich müssen wir uns also keine Gedanken machen über die Welt ohne Open Source. Wir könnten nicht mehr ohne, selbst wenn wir wollten.

* Gerald Pfeifer ist Senior Director of Product Management and Operations für Suse.

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