Bedeutung von Open-Source für Cloud

Cloud 2.0 benötigt offene Software

| Autor / Redakteur: Stefan Girschner* / Florian Karlstetter

Die OX App Suite enthält Anwendungen für Messaging und Produktivität sowie einen Cloud-Speicher und mobile Apps.
Die OX App Suite enthält Anwendungen für Messaging und Produktivität sowie einen Cloud-Speicher und mobile Apps. (Bild: Open-Xchange)

Offene Protokolle und Open-Source-Software haben maßgeblich zur Entwicklung des Internets beigetragen. Die anfangs offene Infrastruktur des Web wird heute vor allem durch proprietäre Dienste der Internetriesen wie Google, Facebook oder Amazon beherrscht. Ein offenes Internet ist aber die Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Cloud-Technologie. Der Softwarehersteller Open-Xchange (OX) setzt sich mit seinen Open-Source-basierten Lösungen für sichere und vertrauenswürdige Web-Anwendungen ein.

Die 2005 in Nürnberg gegründete Open-Xchange (OX) hat sich darauf spezialisiert, Software und Services für die Kommunikation über das Internet zu entwickeln. Zu den Hauptprodukten gehören DNS- und Mail-Server-Dienste sowie die Open-Source-basierte OX App Suite für Messaging, Zusammenarbeit und Produktivität. 2015 fusionierte Open-Xchange mit den Open-Source-Firmen Dovecot und PowerDNS. Seit Gründung erreicht OX mit Niederlassungen in Europa und Nordamerika im Durchschnitt ein jährliches Wachstum von rund 40 Prozent. Das Unternehmen ist Mitglied in der Open Source Business (OSB) Alliance. Der Verband vertritt die Interessen von Einrichtungen der öffentlichen Verwaltung, kleineren und mittleren Unternehmen und IT-Unternehmen sowohl aus dem Bereich Open-Source-Software als auch proprietärer Anwendungen sowie Anwendern. Die OSB-Alliance setzt sich für Werte wie die Selbstbestimmung im digitalen Wandel und eine moderne, sichere und vertrauenswürdige IT-Infrastruktur ein. Zudem fordert der Verband, dass Open-Source-Software in sämtlichen kritischen und öffentlichen IT-Infrastrukturen eingesetzt wird.

CloudComputing-Insider sprach mit Rafael Laguna de la Vera, Vorstand/CEO und Mitgründer der Open-Xchange AG über die künftige Strategie des Unternehmens. Außerdem erklärt er, warum ein offenes Internet für die Weiterentwicklung der Cloud-Technologie so wichtig ist, wie sich der Markt für Open-Source-Software weiterentwickeln wird und welche Rolle Identitäten im Internet spielen.

Mit der Produktivitätssoftware OX App Suite wollen Sie eine Alternative zu den etablierten Office-Programmen Microsoft Office 365 und Google Docs bieten. Wo liegt die Stärke Ihrer Software?

Rafael Laguna de la Vera: „Wenn ein Unternehmen einen Webserver betreibt oder diesen über einen Provider nutzt, ist die Web-Domain beziehungsweise der Mail-Dienst im Internet verfügbar. Anders verhält es sich bei Office-Anwendungen wie Microsoft Office 365 oder Google Docs, die nicht offen gestaltet sind. Wir als Open-Source-Firma haben daher die Produktivitätssoftware OX App Suite entwickelt, die einen ähnlichen Funktionsumfang wie andere Office-Lösungen bietet und auf offenen Protokollen basiert. Eines unserer Ziele ist es, Cloud-Umgebungen wieder offen zu gestalten. OX App Suite ist eine E-Mail-, Kommunikations- und Kollaborationsplattform, die auch einen Cloud-Speicher und Online-Office-Funktionen bietet.“

Einen großen Teil Ihres Umsatzes generieren Sie mit einer Mail-Server-Software für Internet-Provider. Wie kommt es, das die Lösungen von OX am Markt kaum bekannt sind?

Laguna de la Vera: „Wir sind sozusagen in der IT-Branche das, was Bosch oder ZF in der Automobilindustrie ist: Die kennt als Zulieferer kaum einer, aber die Marken Mercedes, BMW oder Volkswagen sind natürlich bestens bekannt. Unsere E-Mail-Server-Software wird von 75 Prozent der weltweiten Mail-Server verwendet. Unter anderem basieren die Mail-Dienste von Hosting-Anbietern wie 1&1, Host Europe, Strato, Liberty Global oder Orange auf unserer Mail-Server-Software, erweitert um entsprechende Service-Levels. Wir sind aber zugleich auch ein White-Label-Hoster für Unternehmen, die das Hosting nicht selbst betreiben möchten, wobei die Anwendungen dann unter dem Branding des Kunden laufen. Drei Viertel des Umsatzes erzielen wir übrigens mit On-Premises-Lösungen, die Provider in ihre Cloud-Plattformen integrieren, ein Viertel fällt auf White-Label-Services. Mailbox.org, ein Anbieter von Netzwerk-, Linux- und Mailserver-Lösungen, nutzt beispielsweise unsere gesamte App Suite für deren Cloud-basierte Office- und Collaboration-Anwendungen, wie Mail-Programm, Adressbuch, Kalender, Aufgaben, Dateimanager und Bürosoftware. Wir kooperieren auch mit vielen anderen Herstellern, zum Beispiel Univention aus Bremen, die eine Linux-basierte Cloud-Plattform mit einem App-Store anbieten. So sind unsere Applikationen im App-Store von Univention ebenfalls verfügbar.“

Im Mittelpunkt Ihrer Firmenphilosophie steht vor allem der Open-Source-Gedanke. Warum ist ein offener Quellcode so wichtig für das OX-Lösungsportfolio?

Rafael Laguna de la Vera, Vorstand/CEO und Mitgründer der Open-Xchange AG
Rafael Laguna de la Vera, Vorstand/CEO und Mitgründer der Open-Xchange AG (Bild: Sinan Muslu / neun a ohg / Open-Xchange)

Laguna de la Vera: „Im Softwarebereich gibt es zwei Schulen bei der Softwareentwicklung: Zum einen proprietäre Software, bei der nur der ausführbare Code für jeden zugänglich ist, und zum anderen Open-Source-Software, bei der neben dem ausführbaren Code auch der Quellcode veröffentlicht wird. Wir als Open-Source-Anbieter sehen den Wert nicht im Quellcode, sondern in den Erweiterungen der Software: Wie die Geschichte der Naturwissenschaften zeigt, trägt frei zugängliches Wissen dazu bei, dass viele schlaue Menschen auf diesem gemeinsamen Wissen aufbauen, es weiterentwickeln und verbessern können. Im Fall von Open-Source-Software ist es der Quellcode, der verbessert und erweitert werden kann und die Programme und Anwendungen sicherer und besser machen.

Das Internet in seinem Ursprung basiert auf offenen Protokollen und Open-Source-Code. Die explosionsartige Verbreitung mit dem wirtschaftlichen Nutzen hat sich aus den darauf aufbauenden Anwendungsprogrammen ergeben. Aber ohne Open-Source-Programme hätten wir kein Internet. Google, Facebook, Microsoft und viele andere haben dann angefangen, auf dem Fundament dieser offenen Infrastruktur eigene, geschlossene Dienste zu entwickeln. Wir als ein Open-Source-Anbieter können einige Vorteile bieten: Wir sind nicht nur innovativer und agiler bei der Entwicklung neuer Software, sondern können auch mühelos Datenschutzbestimmungen einhalten und auftretende Sicherheitslücken schnell wieder schließen. Und nicht zuletzt ist Open-Source-Software kostenlos.“

Cloud-Plattformen und -Dienste sind inzwischen im IT-Markt weitestgehend etabliert. Wie wird sich Cloud-Technologie in den nächsten Jahren weiterentwickeln?

Laguna de la Vera: „Es gibt derzeit Entwicklungen, die die nächste Evolutionsstufe des Cloud-Marktes einläuten werden. In den 90er Jahren hatten wir ein offenes Internet, an dem jeder teilhaben konnte. Heute haben wir einen monopolistisch strukturierten Markt, der von wenigen Herstellern wie Microsoft, Google, Amazon oder Apple mit ihren Systemen beherrscht wird. Diese Systeme sind im Prinzip nur gut für die Monopolisten, aber nicht für den Rest der IT-Marktes, denn sie behalten die Margen selbst und verführen den Nutzer die komplette Bandbreite an Produkten zu nutzen. Dabei ist weder transparent, was mit den User-Daten passiert, noch kann man unabhängig vom Anbieter Daten und Files nutzen.

Beispiele gibt es da haufenweise, von Office 365 bis Google Docs oder auch Musikanwendungen wie Apple Music. Außerdem gibt es für diese Systeme keine frei wählbaren Provider, denn Zwischenhändler wie T-Systems haben keine Kontrolle über die Programme. Ein weiterer Nachteil ist, dass die Daten vollständig unter Kontrolle dieser Anbieter sind. Es ist auch sehr schwierig, den geltenden Datenschutz durchzusetzen, da diese international agierenden Unternehmen kaum durch nationale Datenschutzgesetze erreicht werden. Open-Xchange sieht sich als Antithese zu dieser Entwicklung. Unser Ziel ist es, dass auch höherwertige Dienste im Internet frei und offen sind.“

Mit der rasanten Entwicklung von Social Media werden auch Identitäten im Web und Real-Time-Messaging immer wichtiger. Welche Gefahren sehen Sie durch diese Entwicklung für Anwender?

Die OX App Suite enthält Anwendungen für Messaging und Produktivität sowie einen Cloud-Speicher und mobile Apps.
Die OX App Suite enthält Anwendungen für Messaging und Produktivität sowie einen Cloud-Speicher und mobile Apps. (Bild: Open-Xchange)

Laguna de la Vera: Bei dem auf offenen Protokollen basierenden Internet wurden zwei wichtige Funktionalitäten vergessen: Identitäten im Netz und Real-Time-Messaging: Bei den asynchronen E-Mails gibt es offene Protokolle, beim Real-Time-Messaging nicht. Identität wiederum ist der Dreh- und Angelpunkt im Internet für alle Aktivitäten. Unter anderem wird die Mailadresse für die Registrierung bei einem Internetdienst hergenommen. Das ist aber problematisch, denn Nutzer wollen nicht jedem Dienst, bei dem sie sich registrieren, auch ihre Mailadresse geben. Leider wurde bei der Entstehung des Internet versäumt, ein eigenes Protokoll für Identitäten im Internet zu entwickeln. Heute bieten Anbieter wie Facebook oder Google an, die Identität von Nutzern zu werden. So können Internetdienste einfach über den Button „Log-in mit Facebook“ genutzt werden. Das Problem ist dabei, das die jeweilige Identität nicht dem Nutzer, sondern Facebook oder Google gehört. Wer sich mit diesem Profil bei einem Drittanbieter anmeldet, willigt damit in den meisten Fällen ein, dass der komplette Datensatz übermittelt wird. Das bedeutet, dass auch Kontaktlisten, Vorlieben, Abneigungen weitergegeben werden – und der Nutzer keine Kontrolle mehr hat, wo seine oder ihre Daten landen. Eine Alternative stellt der Kauf einer eigenen Web-Domain dar, auf der dann Identitäten angelegt werden können, über die der Nutzer die volle Kontrolle hat. An einer solchen Lösung mit dem Namen „id4me“ arbeiten wir gerade mit Partnern wie Denic und 1&1.“

Der Autor: Stefan Girschner ist freier Journalist in München.

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