So lässt sich die Souveränitätslücke im Stack schließen Vendor Lock-in: Europas blinder Fleck in souveräner IT

Ein Gastbeitrag von Philip Hoegee* 4 min Lesedauer

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Europa diskutiert seit Jahren über digitale Souveränität. Ein Blick auf die Zahlen zeigt jedoch, dass Reden allein nicht genügt. Rund 85 Prozent des europäischen Cloud-Marktes werden von US-Hyperscalern dominiert. Die Daten liegen zwar physisch in europäischen Rechenzentren, doch die Plattformen, auf denen sie laufen, die Tools zu ihrer Verwaltung und die rechtlichen Rahmenbedingungen stammen überwiegend aus den USA.

Der Hauptteil des europäischen Cloud-Marktes liegt in US-amerikanischer Hand; Vendor Lock-in ist somit die erste Lücke innerhalb souveräner Strategien, die IT-Entscheider schließen sollten.(Bild: ©  Gajus - stock.adobe.com)
Der Hauptteil des europäischen Cloud-Marktes liegt in US-amerikanischer Hand; Vendor Lock-in ist somit die erste Lücke innerhalb souveräner Strategien, die IT-Entscheider schließen sollten.
(Bild: © Gajus - stock.adobe.com)

Diese Abhängigkeit geht weit über die Hyperscaler-Ebene hinaus. Sie zieht sich durch das gesamte Stack: von Automatisierungstools und Betriebsplattformen bis hin zur Hardware – ob von Dell oder Lenovo –, die häufig aus nicht-europäischen Ländern stammt. Die unbequeme Wahrheit lautet daher: Eine vollständig souveräne europäische Digitalinfrastruktur ist heute nicht erreichbar.

Souveränität beginnt bei den Daten

Wie kann Europa digitale Souveränität erreichen – ohne ein eigenes Silicon Valley? Der häufig gemachte Fehler besteht darin, mit der Technologiefrage zu beginnen. In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt: Souveränität beginnt mit der Datenklassifizierung, nicht mit der Plattformwahl.

Es geht nicht um die Wahl der Plattform, sondern um die Analyse der Daten. Entscheidend ist zu klären, welche Informationen tatsächlich kritisch sind, welche Workloads eine souveräne, europäisch betriebene Umgebung inklusive lokalem Disaster Recovery und aktiver Redundanz erfordern – und welche Anwendungen ohne Risiko in einer globalen Public Cloud betrieben werden können.

Wer alle Systeme unterschiedslos in eine souveräne Cloud verlagert, erhöht in erster Linie die Kosten, ohne zwangsläufig reale Risiken zu reduzieren. Digitale Souveränität erreicht man durch Differenzierung, nicht durch maximale Isolation.

Erst wenn Daten nach Kritikalität klassifiziert sind, wird die Technologiewahl sinnvoll.

Vendor Lock-in: Das unterschätzte strategische Risiko

Ein Thema, das auf vielen Führungsebenen noch nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient, ist Vendor Lock-in. Die Bindung an einen einzelnen Hyperscaler ist sowohl ein Architekturproblem als auch ein strategisches Risiko. Wer heute alles auf eine Karte setzt, verliert morgen Verhandlungsspielraum, Flexibilität und im schlimmsten Fall seine Handlungsfähigkeit.

Eine Multi-Cloud-Strategie ist daher der einzig sinnvolle Ansatz. Workloads sollten auf mehrere Anbieter verteilt, europäisch betriebene Services gezielt eingebunden und Abhängigkeiten von einzelnen US-Plattformen strukturell reduziert werden. Das ist gelebte geopolitische Resilienz.

Ein weiterer Aspekt überrascht: Globale Hyperscaler sind nicht automatisch die günstigere Option. Rechnet man Datenvolumen, Egress-Kosten und langfristige Service-Abhängigkeiten ein, erweisen sich hybride oder lokale Modelle oft als wirtschaftlicher.

Der MSP als unabhängiger Architekt

Genau hier kommen unabhängige Managed Service Provider (MSPs) ins Spiel. Da sie nicht an einen bestimmten Hyperscaler gebunden sind, können sie eine objektive Architekturberatung bieten – etwas, das kein einzelner Cloud-Anbieter leisten kann. MSPs analysieren das individuelle Risikoprofil, bewerten regulatorische Anforderungen wie DORA, den AI Act oder den Cyber Resilience Act objektiv und entwerfen ein Betriebsmodell, das zum Unternehmen passt – nicht zur Produkt-Roadmap eines Anbieters.

Die Grundlage dafür ist immer ein strukturiertes Assessment. Keine Empfehlung sollte ausgesprochen werden, ohne die bestehende Landschaft zu verstehen. Welche Systeme laufen wo, und welche regulatorischen Pflichten gelten für dieses Unternehmen in dieser Branche? Ein Finanzdienstleister hat andere Anforderungen als ein produzierendes Unternehmen – dennoch brauchen beide eine maßgeschneiderte Lösung.

Und entscheidend: Cloud-Souveränität ist kein Projekt mit Enddatum. Regulierungen, Technologien und Anforderungen befinden sich im ständigen Wandel. Was heute als beste Architektur gilt, kann morgen bereits veraltet sein. Ein MSP muss daher als permanenter Beratungspartner agieren und darf sich nach dem Go-live nicht zurücklehnen. Governance muss vor Technologie kommen. Wer sich nur auf die technische Umsetzung konzentriert, verliert das große Ganze aus dem Blick. Die entscheidende Frage ist nicht, welche Plattform aktuell die beste ist, sondern wie ein Unternehmen aufgestellt sein muss, um auch morgen handlungsfähig zu bleiben. Das ist eine Führungsaufgabe, keine IT-Aufgabe.

Regulierung: Notwendig – aber kein Selbstzweck

Europa reguliert, und zwar in einem Tempo, das viele Unternehmen zunehmend unter Druck setzt. Mit Anforderungen wie DORA, dem AI Act oder dem Cyber Resilience Act wächst die regulatorische Last kontinuierlich. Wer Compliance zum alleinigen Ziel erklärt, verliert den Anschluss an die technologische Realität.

Künstliche Intelligenz (KI) und Automatisierung lassen sich nicht aufhalten. Die einzige Frage ist, wie Unternehmen sie für sich nutzen. So ermöglicht etwa der On-Premises-Betrieb von Large Language Models (LLMs), KI produktiv einzusetzen, ohne sensible Daten in unkontrollierte Umgebungen einzuspeisen. Gerade im KI-Bereich ist die europäische Abhängigkeit besonders ausgeprägt. Europa fehlen derzeit wettbewerbsfähige Sprachmodelle. Der Markt ist noch stärker von US-Anbietern dominiert als der klassische Cloud-Markt. Das ist kein Randproblem, sondern ein strukturelles Risiko für Europas Innovationsfähigkeit.

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Was es braucht, ist echte Unabhängigkeit – und ein eigenes Silicon Valley

Im Idealfall hätte Europa eigene Hyperscaler, eine lebendige KI-Unternehmenslandschaft und eine digitale Infrastruktur, die geopolitischem Druck standhalten kann. Ein europäisches Pendant zu Silicon Valley ist noch eine Vision – aber es ist die einzig konsequente Richtung, an der sich Europa orientieren sollte.

Der erste Schritt beginnt nicht in Brüssel, sondern hier und jetzt – in den Entscheidungen der IT-Verantwortlichen. Es geht darum, die richtigen Fragen zu stellen: Welche Daten sind wirklich kritisch, und wo akzeptieren wir Abhängigkeit – und wo müssen wir sie vermeiden? Und erhalten wir unabhängige Beratung oder herstellergetriebene Empfehlungen?


* Der Autor Philip Hoegee ist Head of Infrastructure & Cloud Services bei Getronics.

Bildquelle: Getronics

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