Geopolitische Spannungen, extraterritoriale Gesetzgebung und eine hohe Abhängigkeit von nicht-europäischen Cloud-, Plattform- und KI-Anbietern machen digitale Souveränität für europäische Unternehmen zu einer strategischen Notwendigkeit. Eine neue Lünendonk-Studie zeigt, welche Fragen dabei im Zentrum stehen und wie Unternehmen mit den Herausforderungen umgehen.
Die meisten Unternehmen sehen laut aktueller Lünendonk-Studie Souveränität nicht als Isolation, sondern als Fähigkeit, in vernetzten Ökosystemen eigenständig Entscheidungen zu treffen, Abhängigkeiten bewusst zu steuern und kritische Risiken zu begrenzen.
Digitale Souveränität ist mehr als nur ein kurzzeitiger Trend
Digitale Souveränität ist für europäische Unternehmen von einer abstrakten Grundsatzdebatte zu einer sehr konkreten Managementaufgabe geworden – mit einer entsprechend hohen Relevanz. Laut der neuen Lünendonk-Studie „Digitale Souveränität: Vom Risiko zur Resilienz“ erachten bereits heute 36 Prozent der IT- und Business-Verantwortlichen digitaler Souveränität als sehr wichtig. Mit Blick auf das Jahr 2030 soll dieser Wert auf 85 Prozent steigen.
96 Prozent der Studienteilnehmer geben an, dass digitale Souveränität auch dann ein zentrales Thema bleibt, wenn sich die geopolitischen Spannungen zwischen den USA und Europa entspannen sollte. Da insbesondere die Hyperscaler aus den USA eine enorme Marktmacht besitzen und viele europäische Unternehmen auf sie angewiesen sind, wird diese Abhängigkeit zunehmend kritisch betrachtet.
In der Praxis wird die Dynamik digitaler Souveränität vor allem durch vier Treiber bestimmt. Erstens rückt die Reduktion übermäßiger Abhängigkeiten in der IT-Lieferkette in den Vordergrund. Übermäßige Abhängigkeiten gefährden die Fähigkeit, technologische Entscheidungen unabhängig zu treffen und nicht durch einzelne Anbieter, Länder oder Rechtsräume erpressbar oder beeinflussbar zu werden. Unter anderem die Sperrung des E Mail-Kontos des Chefanklägers des Internationalen Strafgerichtshofs durch Microsoft im Kontext von US-Sanktionen war ein Weckruf, die eigene digitale Souveränität zu stärken und übermäßige Abhängigkeiten von einzelnen ausländischen IT Anbietern kritisch zu hinterfragen und schrittweise zu reduzieren. Ohne Alternativen und belastbare Exit-Pläne werden Unternehmen vom Gestalter zum Getriebenen ihrer eigenen IT-Strategie.
Zweitens gewinnt die Stärkung der Resilienz in Krisensituationen an Bedeutung: geopolitische Spannungen, komplexe Cyberangriffe, gestörte Lieferketten und das politisch adressierte Kill-Switch-Szenario – bis hin zur möglichen Abschaltung zentraler Cloud- oder Software-Dienste – treffen auf hochvernetzte IT-Landschaften, in denen belastbare Fallback-Szenarien und getestete Notfallkonzepte häufig fehlen.
Drittens erzeugen extraterritoriale US-Gesetze wie CLOUD Act und FISA 702 ein strukturelles Spannungsfeld. Sie verpflichten US-Hyperscaler auch bei in Europa gespeicherten Daten zu weitreichender Kooperation mit US-Behörden – und kollidieren dadurch unmittelbar mit europäischen Datenschutz- und Geheimhaltungsanforderungen.
Viertens nimmt die Regulierung stetig zu – unter anderem NIS 2, DORA und der EU AI Act. Digitale Souveränität ist damit kein rein technisches, sondern ein dauerhaftes Organisations- und Governance-Thema.
Hoher Anspruch trifft auf komplexe Realität
Trotz der hohen wahrgenommenen Relevanz bleibt digitale Souveränität in vielen Organisationen ein langfristiges Transformationsprojekt. Historisch gewachsene IT-Landschaften mit unübersichtlichen Schnittstellen, individuellen Einzellösungen und einem hohen Anteil technischer Schulden machen jede strukturelle Anpassung aufwendig und risikobehaftet. 91 Prozent der Unternehmen sehen die hohe Komplexität ihrer IT-Landschaft als wesentliche Herausforderung.
Auch Wechselbarrieren gegenüber etablierten Providern sind hoch: proprietäre Plattformen und langjährige Verträge haben vielfach zu einem ausgeprägten Lock-in geführt, während Exit-Strategien eher als theoretische Notfallszenarien denn als realistische Handlungsoptionen betrachtet wurden. Auch hierin sehen 91 Prozent eine Hürde.
Hinzu kommen Investitionshürden in einem konjunkturell angespannten Umfeld sowie funktionale Defizite europäischer Alternativangebote. Viele Organisationen betrachten digitale Souveränität daher zwar als relevantes Zielbild mit klarer C-Level-Relevanz, zweifeln jedoch an der kurzfristigen operativen Umsetzbarkeit.
Besonders ausgeprägt ist die digitale Abhängigkeit bei Cloud-Technologien: Im europäischen Cloud-Markt dominieren AWS, Microsoft Azure und Google Cloud mit einem Marktanteil von rund 70 Prozent. Während in den vergangenen Monaten die Rufe nach deutschen oder europäischen Cloud-Alternativen lauter wurden, reagierten die Hyperscaler gleichzeitig mit neuen souveränen Angeboten. Oft wird in der öffentlichen Diskussion ein Schwarz-Weiß-Narrativ verfolgt. Die Studie zeigt jedoch, dass diese Sichtweise in der Unternehmenspraxis zu eindimensional ist. Statt Entweder-oder-Szenarien dominieren hybride IT-Landschaften im Sinne einer Multicloud-Architektur – je nach Anwendungsfall die jeweils beste Lösung.
Stand: 08.12.2025
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Die größte Relevanz bei geschäftskritischen Anwendungen haben:
Souveräne Hyperscaler‑Angebote mit lokalem EU‑Betreiber: Die technologische Basis stammt zwar von einem Hyperscaler, der operative Betrieb wird jedoch durch einen lokalen IT‑Service‑Provider übernommen, wodurch ein höheres Maß an juristischer und organisatorischer Kontrolle möglich ist. Risiken zu außer-europäischen Cloud-Anbietern werden somit reduziert, aber nicht vollständig eliminiert.
Cloud Provider aus Deutschland: Insbesondere Ionos und Stackit entwickeln sich zu deutschen Superscalern – also zu Cloud Providern, die über signifikante (IaaS-)Kapazitäten verfügen sowie Enterprise Fähigkeiten bereitstellen, jedoch nicht die globale Tiefe und technologische Breite der Hyperscaler erreichen. Über Cloud Marktplätze werden teilweise auch SaaS Lösungen angeboten. Auch Neocloud-Anbieter fassen in diesem Bereich Fuß.
Souveräne Hyperscaler Angebote: Auch die Hyperscaler selbst bringen zunehmend eigene Angebote mit erweiterten Souveränitäts Features auf den Markt. Ein Beispiel hierfür ist die AWS European Sovereign Cloud (AWS ESC), welche im Januar 2026 in Brandenburg in Betrieb ging. Zwar befindet sich die Infrastruktur vollständig in der Europäischen Union und der Betrieb erfolgt vor Ort durch EU-Bürger, welche den lokalen Gesetzen unterliegen, kritisch betrachtet wird jedoch die mangelnde juristische Souveränität, da die AWS ESC weiterhin ein Tochterunternehmen des US-amerikanischen Mutterkonzern ist und den dortigen Gesetzgebungen unterliegt.
IT-Service-Provider aus Deutschland: IT Dienstleister, die Managed Infrastructure Leistungen oder den Betrieb von Rechenzentren oder Colocation-Ressourcen anbieten, nehmen in Deutschland eine zentrale Rolle ein. Sie verbinden technische Leistungsfähigkeit mit einem Vertrauens- und Rechtsrahmen im eigenen Land und können Betriebsmodelle, Supportstrukturen und Sicherheitsprozesse so ausrichten, dass sie revisionssicher, prüfbar und eng in die Governance der Kundenorganisation eingebettet sind. Allerdings verfügen sie im Vergleich zu großen Hyperscalern über deutlich geringere Skalierungsmöglichkeiten, eine geringere Innovationsgeschwindigkeit und eine weniger breite Servicepalette.
Für die Lünendonk-Studie „Digitale Souveränität: Vom Risiko zur Resilienz“ wurden zwischen Dezember 2025 und Januar 2026 155 Interviews geführt. Teilnehmer waren IT-, IT-Security-, GRC- und Business-Verantwortliche diverser Branchen aus dem gehobenen Mittelstand und großen Konzernen aus der DACH-Region. Die Studie entstand in Kooperation und fachlicher Zusammenarbeit mit adesso, Exxeta, MaibornWolff, Materna, msg und TechniData.
Europäische Cloud-Anbieter sind nicht chancenlos
Die Studie zeigt, dass 89 Prozent der Unternehmen zustimmen, dass neue souveräne Hyperscaler-Angebote ihnen zu mehr digitaler Souveränität verhelfen. Gleichzeitig äußern 66 Prozent Misstrauen, da die Angebote weiterhin von US-Unternehmen stammen und nicht vollständig überprüfbar sind. 64 Prozent der Organisationen sind bereit, für souveräne Lösungen der Hyperscaler mehr zu zahlen, selbst wenn Abstriche bei Funktionsumfang oder Innovationskraft notwendig sind.
Knapp jedes dritte Unternehmen (31 %) ist zwar der Ansicht, dass europäische Cloud-Anbieter ein deutlich geringes Portfolio und Ökosystem im Vergleich zu den Hyperscalern haben, sodass sie mit diesen heute noch nicht wettbewerbsfähig sind. Immerhin 53 Prozent erwarten aber, dass sie bis 2030 mit den Hyperscalern in Sachen Funktionalität mithalten können. Gleichzeitig geben knapp acht von zehn Unternehmen an, deutlich stärker auf europäische Cloud-Anbieter setzen zu wollen, auch wenn dadurch an Innovationsgeschwindigkeit verloren geht.
Wie digitale Souveränität IT- und Sourcing-Strategien nachhaltig beeinflusst, ist offen. Klar ist jedoch: Unternehmen setzen sich zunehmend damit auseinander, welche Möglichkeiten und Alternativen bestehen, um digital souveräner zu werden. Digitale Souveränität wird als strategisches Zielbild breit geteilt – nun gilt es, Maßnahmen zu priorisieren und die operative Umsetzung zu gestalten. Wichtig ist, Souveränität nicht als Isolation zu verstehen, sondern als Fähigkeit, in vernetzten Ökosystemen eigenständig Entscheidungen zu treffen, Abhängigkeiten bewusst zu steuern und kritische Risiken zu begrenzen.
* Der Autor Tobias Ganowski untersucht seit 2018 als Consultant den deutschen Digital- und IT-Markt beim Analystenunternehmen Lünendonk. Schwerpunkte liegen auf den Märkten für IT-Beratung, IT-Service, IT-Sourcing, Data & AI, Digital Experience und Digital Learning sowie technologischen Entwicklungen in diesen Märkten.