Anwender beurteilen das neue ERP-System SAP S/4HANA

SAP aus der Cloud oder eben nicht – Viele sind sich unsicher

| Autor / Redakteur: Frank Brinkmann* / Elke Witmer-Goßner

SAP bietet mit SAP Cloud Platform auch die passende Basis für S/4HANA an. Nutzer sind dennoch nicht voll überzeugt.
SAP bietet mit SAP Cloud Platform auch die passende Basis für S/4HANA an. Nutzer sind dennoch nicht voll überzeugt. (Bild: gemeinfrei - Geralt/Pixabay / Pixabay)

SAP S/4HANA, die neue ERP-Generation aus dem Hause SAP, hat seit ihrer Markteinführung 2015 bereits in zahlreichen Unternehmen ihren Praxistest bestanden.

Gleichzeitig halten sich jedoch viele Firmen, die SAP bereits nutzen, mit der Umstellung auf S/4HANA ganz offenkundig zurück. Doch was sind ihre Gründe dafür? Arvato Systems und PAC (Pierre Audoin Consultants), eines der führenden Marktforschungs- und Beratungsunternehmen im Bereich Software- und IT-Services, haben in den vergangenen Monaten eine Studie darüber erstellt, warum sich Unternehmen pro oder contra SAP S/4HANA entscheiden, welche Forderungen und Erwartungen potenzielle Nutzer an die neue Anwendungs-Suite haben und ob sie eine Migration oder die Neuimplementierung der SAP-Systeme bevorzugen würden. Ein weiterer Fragenkomplex drehte sich um das Thema Cloud: Sollte man bei Einführung von S/4HANA nicht gleich auf die On-Premises-Version verzichten und in die Cloud gehen?

Was Führungskräfte von S/4HANA in der Cloud halten

Seit einiger Zeit sind Cloud-Anwendungen in deutschen Unternehmen auf dem Vormarsch. Im Fall der Nutzung von SAP S/4HANA stellt sich die Situation allerdings etwas anders dar. Basis der nunmehr vierten SAP Business Suite ist die HANA-Plattform, die dank ihrer In-Memory-Technologie große Datenmengen quasi in Echtzeit analysiert. Die Benutzeroberflächen hat man nach dem SAP Fiori-Standard neu aufgesetzt, um die Bedienung noch leichter zu gestalten. Auch das Datenmodell wurde vereinfacht, um so einen der Hauptvorteile – Verschlankung und Beschleunigung von Geschäftsprozessen – zu erreichen. Doch nur für 8 Prozent der Umfrageteilnehmer käme überhaupt eine ausschließliche Cloud-Edition in Frage. Ihnen stehen 60 Prozent gegenüber, die ausschließlich auf die On-Premises-Variante setzen. Dabei hat eine Cloud-Lösung durchaus aufgeholt, wie niedrigere Gesamtbetriebskosten (TCO) und ein schnellerer Return on Investment, verbesserte Governance und Compliance durch eine höhere Standardisierung und frühzeitige Release-Upgrades zeigen.

Zahlreiche Untersuchungen und Umfragen haben bereits ergeben, dass das größte Hindernis für Cloud-Anwendungen in der deutschen Wirtschaft massive Bedenken in Hinblick auf Sicherheit und Datenschutz sind. Diese Themen treiben auch die Teilnehmer an der vorliegenden Studie „SAP S/4HANA in Deutschland“ um. Die Mitautoren von PAC vermuten überdies, dass manchen der interviewten Unternehmen in der Cloud-Version Funktionen fehlen, etwa im Bereich der Fertigungssteuerung, oder man befürchtet, dass ein cloud-basiertes System nicht genügend Möglichkeiten zum Customizing hat.

Selbstverständlich gibt es auch Pluspunkte auf der On-Premises-Seite. So behält man weiterhin die Kontrolle über den Source Code und den Betrieb, kann den Quelltext verändern, ist selbst verantwortlich für die Upgrades und entscheidet, wo das System gehostet wird: im eigenen Rechenzentrum, beim Hostingpartner oder beim Hyperscaler. Dazu kommt die oft einfachere Integration eines lokalen SAP-Systems in die vorhandene IT-Landschaft. Für die Cloud gibt es bei vielen Unternehmen dagegen bezüglich Compliance und Governance noch Handlungsbedarf, was durchaus ein wichtiger Grund ist, zunächst nicht in die Cloud zu gehen. Generell ist die Cloud nichts für Unternehmen, die ihre Daten im eigenen Haus behalten wollen. Nach der vorliegenden Studie wäre von den 60 Prozent, die sich für die SAP S/4HANA On-Premises-Edition entscheiden, mehr als jeder zweite dafür, die Software im Eigenbetrieb, also in-house, zu betreiben, während rund ein Drittel SAP-Outsourcing-Dienste nutzen möchte.

Die „Verstreuten“ und die Unentschlossenen

12 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, dass für sie die gleichzeitige Nutzung beider Versionen – On-Premises und Cloud – denkbar ist. Eine mögliche Erklärung wäre, dass es sich dabei um Unternehmen mit mehreren Standorten handelt: die Firmenzentrale würde ein On-Premises-SAP-System nutzen, während sie ihren Niederlassungen das ERP-System via Cloud zur Verfügung stellt, da sich die Software so schneller aufspielen, updaten und warten lässt. Ein erheblicher Teil – fast ein Fünftel – hat sich in puncto Cloud noch nicht festgelegt. Möglicherweise haben sich diese Unternehmen einfach noch nicht hinreichend mit der Thematik befasst oder aber sie benötigen zusätzliche Informationen.

Doch bevor es überhaupt um ‚Cloud oder nicht Cloud‘ geht, muss man sich erst einmal für das neue SAP-Release entscheiden. Und da sind sich viele Unternehmen noch gar nicht so sicher. Die Befragten sehen im neuen SAP-System viel Potenzial. Die Studie hat ergeben, dass sich rund 66 Prozent der Befragten durch S/4HANA eine signifikante Beschleunigung ihrer Prozesse und Datenanalysen versprechen; über die Hälfte erwartet, dass von der Softwareimplementierung eine Art Initialzündung ausgeht, um die vorhandenen SAP-Anwendungen und Infrastrukturen zu modernisieren; für 48 Prozent mit S/4HANA ist klar, dass sowohl eine gesteigerte Benutzerfreundlichkeit, höhere Flexibilität und verbesserte Anpassbarkeit als auch eine Kostenreduzierung des SAP-Betriebs einhergehen.

Fast ein Drittel der Firmen hat folgerichtig die Migration zu S/4HANA bereits abgeschlossen, steckt mittendrin oder hat sie zumindest eingeplant. Bei den Angaben, was gegen das System spricht, bleiben die Befragten eher vage. Viele, fast 70 Prozent, sorgen sich, ob sie das Aufwand-Nutzen-Verhältnis wirklich richtig einschätzen können. Zudem sehen über die Hälfte der Firmen derzeit für sich keinen überzeugenden Anwendungsfall und 40 Prozent aktuell keinen Mehrwert des Systems für ihr eigenes Unternehmen. Mit zunehmendem Wissen über die Performance von S/4HANA und mehr Business Cases, die den Mehrwert der Anwendung in der Praxis aufzeigen, wird S/4HANA sicher weiter an Zuspruch gewinnen. Die Studie offenbart schließlich auch, dass nur eine Minderheit von 7 Prozent entschlossen ist, auf Anwendungen eines Drittanbieters zu migrieren.

Wo es im bestehenden SAP-Getriebe knirscht

Das Thema Agilität ist in aller Munde. Nur ein agiles Unternehmen schafft es, sich immer wieder an die sich ständig wandelnden Erfordernisse des Marktes anzupassen. Mehr Beweglichkeit und eine schnellere Reaktion auf Veränderung sind gefragt. Die IT-Werkzeuge müssen da natürlich mithalten. Das sieht die Mehrheit der Studienteilnehmer genauso: 76 Prozent würden S/4HANA vor allem deshalb einführen, um SAP-Prozesse flexibler und agiler zu machen. Zumal über 60 Prozent von einer großen Herausforderung sprechen, wenn es darum geht, mit ihren bestehenden SAP-Systemen innovative Geschäftsanforderungen schneller umzusetzen bzw. ihre ERP-gestützten Prozesse besser auf die aktuellen Notwendigkeiten auszurichten.

Frank Brinkmann, Arvato Systems.
Frank Brinkmann, Arvato Systems. (Bild: Arvato Systems)

Dazu kommt, dass fast jeder Zweite nach eigener Aussage ein SAP-System benötigt, das sich leichter anpassen lässt. Auch mit der Nutzerfreundlichkeit der Vorgängerversionen ist man unzufrieden: fast die Hälfte der Befragten bemängelt zu komplexe Benutzeroberflächen. Letztendlich eigentlich genug Gründe, die Vorteile von S/HANA mit einfacherer Handhabung und sehr viel schnellerer Datenanalyse für sich zu entdecken.

* Der Autor Frank Brinkmann ist Vice President SAP Consulting bei Arvato Systems. Er verantwortet dort den Bereich SAP-Beratung mit den Themenschwerpunkten S/4HANA, C/4HANA und SAP Cloud Plattform.

Für die Studie „SAP S/4HANA in Deutschland“ wurden rund einhundert Führungskräfte und SAP-Verantwortliche aus deutschen Unternehmen, die mindestens 1.000 Mitarbeiter beschäftigen, im Mai und Juni 2018 telefonisch interviewt. Mehr als ein Viertel der Befragten nutzt bereits die Plattform SAP HANA, etwa als Datenbank für das Data Warehouse (SAP BW). 43 Prozent der Firmen gehören dem verarbeitenden/produzierenden Gewerbe an. Die anderen 57 Prozent zählen zu den Branchen Dienstleistung, Handel und Verkehr.

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45855268 / ERP)