Interessantere Arbeit statt Jobverlust

Automation Anywhere setzt auf integrierte RPA-Plattformstrategie

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Nico Litzel

„Arbeit wird durch RPA nicht abgeschafft, sondern interessanter“, erklärt Per Stritich, der für Automation Anywhere das Geschäft im deutschsprachigen Markt aufbaut.
„Arbeit wird durch RPA nicht abgeschafft, sondern interessanter“, erklärt Per Stritich, der für Automation Anywhere das Geschäft im deutschsprachigen Markt aufbaut. (Bild: Sebastian Widmann)

RPA (Robotic Process Automation) ist ein wichtiges Einsatzfeld von KI- und ML-Algorithmen. Einer der großen Anbieter auf diesem Gebiet ist Automation Anywhere. Vom Wettbewerb differenziert sich der Anbieter durch eine besonders enge Integration seiner modularen Plattform.

Nach einer Studie von Horses for Sources kann der weltweite RPA-Markt bis 2023 ein Volumen von 7,5 Milliarden US-Dollar erreichen – heute sind es etwa 443 Millionen US-Dollar. Die jährliche Wachstumsrate dieses Segments beziffern die Analysten mit sagenhaften 63 Prozent.

Führend sind in diesem Markt auf globaler Ebene derzeit Automation Anywhere und UIPath sowie BluePrism. Daneben gibt es zahlreiche Start-ups und lokale Player sowie große Unternehmen, die das eine oder andere Produkt für RPA im Portfolio haben, aber ihren Schwerpunkt woanders sehen. Per Stritich, Vice President DACH, gab in München einen Einblick in die Technologien von Automation Anywhere und geplante Weiterentwicklungen.

Stritich tritt der gern auch von Analysten geäußerten Einschätzung entgegen, RPA vernichte massenweise Arbeitsplätze. So kommt die schon zitierte Studie von Horses for Sources zu der Einschätzung, bis 2065 könnten 19 Prozent aller heute durch Menschen verrichteten Arbeiten automatisiert werden. Stritich: „Das bedeutet aber nicht, dass die Arbeitnehmer entfallen. Sie wachsen größtenteils vielmehr in interessantere Rollen hinein.“

Chatbots pflegen „kleine“ Lieferanten

Dafür hat der Manager auch ein Beispiel parat: Einer der europäischen Kunden automatisierte im Procurement-Bereich. Hier gab es 50 Mitarbeiter, die sich mit den Konditionen und Abrechnungen von rund 1.000 Lieferanten befassten, die relativ kleine Beträge umsetzten. Sie werden nun von einem Chatbot bedient, der die Konditionen aushandelt und so weiter. Abgesprungen sei deswegen, so jedenfalls Stritich, keiner der Lieferanten des Automation-Anywhere-Kunden. Von 50 Mitarbeitern befassen sich nun nur noch drei mit diesem Lieferantenkreis, die übrigen verbessern die Kommunikation mit den höherwertigen Lieferanten.

Auch bei Callcentern von TK-Anbietern könne sich die Unterstützung durch RPA-Bots günstig auswirken, ohne Arbeitsplätze zu kosten. Stritich: „Mithilfe von RPA-Bots erhalten Anrufer automatisiert auf sie zugeschnittene Ergänzungsangebote aus dem jeweiligen Dschungel unterschiedlicher Services und Preismodelle.“ Das reduziere den Stress der Mitarbeiter und die Kundenverluste. Bei einem Kunden sei so der Umsatz um 35 Prozent nach oben gegangen.

Weitere Kunden kommen aus der Pharmaindustrie, wo zum Beispiel die Überwachung von Nebenwirkungen zugelassener Medikamente durch RPA genauer und schneller abläuft. Zu den Kunden aus Deutschland gehören beispielsweise Beiersdorf, Lidl oder Wüstenrot sowie Firmen aus der Automobilindustrie samt Zulieferern.

Eng integrierte Module

Die Plattform von Automation Anywhere Enterprise besteht aus einer Reihe von Modulen, die zwar unabhängig voneinander eingesetzt werden können, aber untereinander nahtlos integriert und kommunikationsfähig sind. Die oberste Ebene bildet das Bot-Management-Tool BotInsight, das alle eingesetzten Bots auf ihre Funktion überwacht, Statistiken sammelt und auch ermittelt, wie viel Geld, Zeit oder Arbeit durch einen Bot im Detail eingespart wurde, um sie woanders sinnvoller zu verwenden. Dieses Tool ist auch auf dem Smartphone einsehbar.

IQ Bot ist ein mit KI angereichertes Tool, um unstrukturierte und semistrukturierte Daten zu erfassen und zu verarbeiten, gegebenenfalls mit menschlicher Unterstützung. Anschließend wandern die Daten an die vom Kunden genutzten Meta-Bots weiter. Sie funktionieren entweder attended, also als Hilfswerkzeug eines menschlichen Mitarbeiters, oder unattended.

Im ersteren Fall erledigen sie im Auftrag des Mitarbeiters Arbeiten, überprüfen also zum Beispiel Listen, gleichen Daten ab oder was es sonst an mühseligen, fehleranfälligen Aufgaben gibt. Unattended Bots arbeiten selbstständig und direkt mit den großen Firmenapplikationen zusammen. Das funktioniert derzeit in Deutschland vor allem On-Premises, ist aber auch möglich, wenn die betreffenden Applikationen bei AWS oder auf MS Azure oder irgendwo in einer hybriden Cloud liegen. „Deutsche Kunden bevorzugen derzeit eindeutig die On-Prem-Variante“, sagt Stritich.

Bots aus dem Botstore oder aus der Botfarm

Derzeit hat Automation Anywhere rund 700 Meta-Bots im Angebot, die über einen Bot Shop bereitgestellt werden. On-Demand-Bots für spezielle Aufgaben gibt es auf der Bot Farm als mietbaren Service. Dabei ist die Detailtiefe im Bot Store groß: Per Suchfunktion lassen sich zum Beispiel Bots für Procurement to Pay mit SAP in einer speziellen Version finden.

In den Bot Store stellen derzeit neben den Softwareanbietern großer Lösungen wie SAP – mit dem deutschen ERP-Giganten besteht eine besonders enge Zusammenarbeit – auch Beratungshäuser wie Ernst & Young oder KPMG und in Zukunft individuelle Entwickler ihre Bots für spezielle Prozessautomatisierungen ein. „Bis Ende des Jahres möchten wir, dass Entwickler ihre Bots bei uns einstellen und damit Geld verdienen können“, verspricht Stritich.

Die Entwickler werden dafür ein bis zwei Wochen online kostenlos im Umgang mit der Lowcode-Entwicklungsumgebung trainiert. Geplant ist, dass die Entwickler ihre Bots, die man sich ähnlich vorstellen muss wie Makros in Excel oder anderen Office-Anwendungen, aus einzelnen Prozessschritten über eine grafische Benutzerschnittstelle zusammenklicken können. Anschließend werden sie von Automation Anywhere getestet und freigeschaltet.

Zentrale Kontrolle

Schließlich gibt es eine zentrale Kontrollebene. Wer Zugriff auf dieses Level hat, wird in der Regel auch selbst Bots für sein Unternehmen zusammenbauen oder bestimmen, wer im Unternehmen dies tun darf. Über die Kontrollebene – Stritich spricht vom Controlroom – wird die digitale Workforce gesteuert und kontrolliert.

„Viele Unternehmen richten inzwischen eigene Exzellenzzentren für RPA ein“, weiß Stritich. Sie erhalten Budget und entsprechend qualifiziertes Personal, um sich im Unternehmen nach sinnvoll automatisierbaren Prozessen umzusehen. Das CoE (Center Of Excellence) ist die oberste RPA-instanz und damit auch für übergeordnete Prozesse, beispielsweise einen individuell für jedes Unternehmen zu erstellenden Compliance-Bot, zuständig.

Fragt man Stritich nach neuen Modulen, die möglicherweise die Plattform erweitern könnten, denkt er, dass RPA-Anbieter vor allem in Richtung Data Mining und Discovery denken, um Schwachstellen in den Unternehmensprozessen automatisiert offenzulegen. Derzeit gibt es Kooperationen mit einigen entsprechenden Playern wie der Münchner Celonis. Zudem fehlt noch ein BPM-Modul, um suboptimale Prozesse an sich erst einmal neu aufzusetzen. Auch hier gibt es derzeit Partnerschaften, aber noch keine eigene Lösung.

Rasante Expansion in EMEA

Der Anteil unstrukturierter und halb strukturierter Daten steigt in den kommenden Jahren massiv an.
Der Anteil unstrukturierter und halb strukturierter Daten steigt in den kommenden Jahren massiv an. (Bild: Automation Anywhere)

Der deutsche Markt sei ohnehin eher langsam, was die Übernahme von Automatisierungslösungen à la RPA angeht. „Die Deutschen sind neuen Technologien gegenüber eher skeptisch, sie denken wie Ingenieure: Alles muss ausgereift sein. Daher sind die Entscheidungswege relativ lang.“

Immerhin ist das Angebot so überzeugend, dass Automation Anywhere weltweit mit dreistelligen Jahresraten wächst. Die Firma konnte ihre Belegschaft in Europa innerhalb von drei Jahren von einer Handvoll auf über 200 aufstocken, vor allem in den Kernmärkten Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Die Europazentrale sitzt in Luxemburg.

In Deutschland befinden sich drei Niederlassungen mit derzeit rund 50 Mitarbeitern. „Zum Jahresende sollen es schon 75 bis 100 Mitarbeiter sein“, plant Stritich. Langfristig soll der europäische Markt rund ein Drittel zum Umsatz beitragen.

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