Europäische Genossenschaft, PoC und Livebetrieb noch 2020

Reaktionen und Zeitplan für GAIA-X

| Autor / Redakteur: Dirk Srocke / Elke Witmer-Goßner

Per Wortwolken.com visualisiert: Die häufigsten Begriffe in der BMWi-Broschüre zu GAIA-X.
Per Wortwolken.com visualisiert: Die häufigsten Begriffe in der BMWi-Broschüre zu GAIA-X. (Bild: BMWi/ Wortwolken.com/ VIT)

Nach der Vorstellung des Projektes GAIA-X gibt es nun eine umfassende Darstellung, zahlreiche Reaktionen und einen Zeitplan. Trotz Unklarheiten soll der Livebetrieb mit ersten Anbietern und Anwendungen noch 2020 starten.

Ende Oktober wurde zum Digital-Gipfel in Dortmund das Projekt GAIA-X vorgestellt. Damit wollen deutsche Bundesregierung sowie Vertreter von Wirtschaft und Wissenschaft die Grundlagen für den Aufbau einer vernetzten, offenen Dateninfrastruktur auf Basis europäischer Werte erarbeitet haben.

Die Initiatoren beschreiben ihr Konzept als „Wiege eines offenen digitalen Ökosystems“, das für Datensouveränität sorgt, Abhängigkeiten reduziert und Innovationen fördert. Dabei werden zugleich politische, wirtschaftliche sowie technische Aspekte angesprochen.

Zielstellung

In einem für das Handelsblatt verfassten Artikel schreibt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier etwa von den Chancen einer bevorstehenden zweiten Welle der Digitalisierung. Dank der müsse man noch nicht vor Internetkonzernen, wie Amazon, Facebook oder Google kapitulieren. Vielmehr böte sich insbesondere deutschen Maschinenherstellern ein enormes Potenzial für Dateninnovationen, insbesondere bei Maschinendaten und „Internet of Things“ (IoT). Dabei könnten Akteure Daten auch freiwillig über Domänen hinweg austauschen und gemeinsam nutzen.

GAIA-X soll auch an der derzeitigen Marktstruktur rütteln, denn die bringe aktuell das Risiko einer Abhängigkeit von internationalen Anbietern mit sich – heißt es in einer 54-seitigen Broschüre (PDF) die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) bereitgestellt wird. Dabei wollen die Autoren nicht nur betriebswirtschaftliche Risiken für KMU reduzieren, die sich künftig nicht mehr fest an einzelne Cloud-Anbieter binden müssten. Im größeren Kontext wolle man zudem Abhängigkeiten vermeiden, die im Falle politischer Handelskonflikte als Waffe eingesetzt werden könnten.

Als Kerngedanken propagiert GAIA-X eine digitale Souveränität im Sinne der vollständigen Kontrolle über gespeicherte und verarbeitete Daten. Das beinhaltet auch die unabhängige Entscheidung darüber, wer auf Daten zugreifen darf.

Architektur

GAIA-X soll nun zentrale und dezentrale Infrastrukturen zu einem Verbund vernetzen. Das heißt: Jeder Cloud-Anbieter könne mit der angedachten Technologie und einer geplanten Referenzarchitektur zum GAIA-X-Knoten werden. Diese Knoten sollen Rechenkapaziäten und Speicher bereitstellen, eindeutig identifizierbar sein sowie eine Selbstbeschreibung liefern – darunter Informationen zum angebotenen Dienst, Preismodell oder zertifizierten Schutzgraden. Ein zentraler Verzeichnisdienst werde Anwendern helfen, passende Anbieter und relevante Datenpools schnell und sicher zu identifizieren.

Das Projekt will hierfür auf vorhandenen Techniken und Standards aufbauen. Fehlende Komponenten sollen von den Teilnehmern des Ökosystems entwickelt und auf Open-Source-Basis verfügbar gemacht werden.

Status

GAIA-X ist nicht isoliert zu betrachten. Eine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Manuel Höferlin (FDP) zum Projekt beantwortete das BMWi bereits am 7. Oktober (PDF) und stellte darin klar: „Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat unter anderem auf dem Digital-Gipfel 2018 von der Idee eines 'KI-Airbus' gesprochen. Sowohl der 'KI-Airbus' als auch die in referenzierenden Zeitungsartikeln von Journalisten benannte „Europa-Cloud" sind Ausprägungen desselben Projektes 'Gaia-X'.“

Die jetzt veröffentlichten Dokumente sprechen nun von einer bereits erfolgten, ersten Validierung der technischen Umsetzung auf Basis der Anwendungsgebiete. Angedacht ist eine Verfestigung des Projektes in Form einer Organisation mit Rechtsfähigkeit. Dabei könnte es sich um eine Europäische Genossenschaft (SCE) handeln, an der sich interessierte Partner beteiligen und einbringen. Hierbei spricht man insbesondere von europäischen und explizit von französischen Teilnehmern.

Die Organisation solle möglichst noch im Frühjahr 2020 gegründet werden. Laut Plan sollen im zweiten Quartal 2020 erste Tests des technischen Konzepts (Proof of Concept, PoC) folgen; Ende 2020 solle ein Livebetrieb mit ersten Anbietern und Partnern starten.

Wenngleich sich das Projekt „GAIA-X“ betont offen und europäisch gibt, liest sich die Liste der aktuell Mitwirkenden ziemlich national und deutsch.

Genannt werden im Einzelnen:

  • acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften e.V.
  • arago GmbH
  • Atos SE
  • Beckhoff Automation GmbH & Co. KG
  • Berlin Institute of Health und Charité Universitätsmedizin Berlin
  • Bitkom e.V.
  • Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik
  • Bundesminister für Wirtschaft und Energie
  • Bundesministerin für Bildung und Forschung
  • Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung
  • Bundesministerium für Gesundheit
  • Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
  • Bundesverband der Deutschen Industrie e.V.
  • Charité Universitätsmedizin Berlin
  • Cloud&Heat Technologies GmbH
  • Dataport AöR
  • DATEV eG
  • DE-CIX Group AG
  • Deutsche Bank AG
  • Deutsche Börse AG
  • Deutsche Telekom AG
  • Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg
  • Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V.
  • DLR e.V.
  • eco – Verband der Internetwirtschaft e.V.
  • e-shelter services GmbH
  • EuroCloud Deutschland eco e.V.
  • Festo AG & Co. KG
  • Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e.V.
  • Fraunhofer-Institut AISEC
  • Fraunhofer-Institut für Software und Systemtechnik
  • Friedhelm Loh Stiftung & Co. KG
  • German Edge Cloud GmbH & Co. KG.
  • Global Representative and Advisor Plattform Industrie 4.0
  • Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen
  • IG Metall
  • International Data Spaces Association e.V.
  • IoTOS GmbH
  • Kompetenznetzwerk Trusted Cloud e.V.
  • msg systems ag
  • noris network AG
  • RAYLYTIC GmbH
  • Robert Bosch GmbH
  • SAP SE
  • SCHUNK GmbH & Co. KG. Spann- und Greiftechnik
  • secunet Security Networks AG
  • Siemens AG
  • Software AG
  • Strategion GmbH
  • SupplyOn AG
  • TechQuartier, FinTech Community Frankfurt GmbH
  • T-Systems International GmbH
  • VDMA e.V.

Reaktionen

Wenig überraschend fallen die bislang bekannten Reaktionen der an GAIA-X beteiligten Unternehmen und Verbände positiv aus. Bezeichnend ist dabei allerdings, dass der eco – Verband der Internetwirtschaft e.V. in einer am 29. Oktober versendeten Mitteilung weniger von fertiger Architektur, denn „Konzeption“ und „von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier vorgestellten Überlegungen“ spricht.

Sabine Bendiek – Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland – begrüßt die Anstrengungen zur digitalen Souveränität zwar grundsätzlich, hinterfragt jedoch in einem Blogbeitrag die Mythen und Missverständnisse des Konzeptes. Zudem wisse man noch nicht genau, wie die europäische Cloud-Infrastruktur überhaupt aussehen solle.

Und auch das an GAIA-X beteiligte Gesundheitsministerium könnte bei Skeptikern Zweifel an aufrichtigen Absichten und tatsächlichen Möglichkeiten des Konzeptes nähren. Während die vorliegenden Materialien zu GAIA-X den Wert der Datensouveränität betonen, sprechen die Taten des Ministeriums derzeit offenbar eine andere Sprache: Anfang November regte sich Kritik am Digitale-Versorgung-Gesetz – Patientenschützern zufolge würde dieses nämlich Daten Krankenversicherter ohne deren Einverständnis für die Forschung zugänglich machen.

Lob gibt es derweil von Filesharing-Anbieter DRACOON. Der betrachtet die Pläne als wichtigen Vorstoß und Gegengewicht zu zur Dominanz von US-Cloud-Anbietern.

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