Nachbericht Oracle OpenWorld 2019

Oracle befindet „Kunden-Lock-in“ für notwendig

| Autor / Redakteur: Karin Johanna Quack / Nico Litzel

Die Oracle OpenWorld 2019 in London konnte Unternehmensangaben zufolge rund 10.000 Teilnehmer verbuchen.
Die Oracle OpenWorld 2019 in London konnte Unternehmensangaben zufolge rund 10.000 Teilnehmer verbuchen. (Bild: Oracle)

Die kürzlich vorgestellte Autonomous Datenbank ist an die neue Cloud-Infrastruktur der Oracle Corp. („Gen 2“) gekoppelt. Kritiker des Datenbankriesen sehen darin den Versuch, die Anwender an die hauseigenen Systeme zu fesseln. Oracle kontert damit, dass die Datenbanktechnik für die „Exadata“-Maschinen optimiert sei und in anderen Cloud-Umgebungen ihre Vorteile einbüße.

Andrew Mendelsohn
Andrew Mendelsohn (Bild: Oracle)

„Glauben Sie denn, Amazon oder Google hätten Interesse daran, sich einen Exadata-Park anzuschaffen, damit Autonomous dort läuft?“ Mit dieser rhetorischen Frage lieferte ein leicht genervter Andrew Mendelsohn, Executive Vice President für Datenbank-Server-Technik und anerkannter „Vater von Autonomous“, die Begründung dafür, warum die neueste Generation der Oracle-Datenbanksoftware nur in einer Oracle-Cloud („OCI“), also nicht auf den IaaS-Plattformen anderer Anbieter lauffähig sei.

Selbstverständlich habe der Kunde die Wahl, ob er die Software in einer privaten OCI-Umgebung („Oracle@Customer“) installiere oder das flexiblere IaaS-Angebot von Oracle nutze. Aber Exadata sei nun mal obligatorisch; nur dank dieser Maschinen könne die Autonomous-Software alle Funktionen nutzen und dabei extrem schnell sein.

Automatisierung – das nächste große Ding

Mendelsohn war einer der Keynote-Präsentatoren auf der OpenWorld, die in diesem Jahr erstmals in Europa stattfand, genauer gesagt: in London. Nach Oracle-Angaben hatten sich rund 10.000 Teilnehmer auf den Weg in das hochmoderne Veranstaltungszentrum „ExCel“ in den Docklands gemacht; das gut gefüllte Auditorium machte diese Aussage durchaus plausibel.

Einige waren wohl auch gekommen, um den Oracle-CEO Mark Hurd einmal live und in persona zu sehen. Sie wurden insofern enttäuscht, als Hurd nur per Video zugeschaltet war: Er hatte, so erzählte er mit der für die kalifornische Tageszeit angemessenen müden Augen, seinen Reisepass zu Hause liegen lassen. Wegen des „eingefrorenen“ US-Haushalts habe es keinen Beamten am Flughafen gegeben, der ihm einen Ersatzausweis hätte ausstellen können. Wenn es denn nicht wahr sein sollte, so war es auf jeden Fall brillant erfunden.

Über die Oracle-Produkte spricht Hurd in seinen Keynotes traditionell wenig. Stattdessen macht er gern Vorhersagen für die kommenden fünf bis sieben Jahre. Diesmal beantwortete er sich selbst beispielsweise die Frage, was eigentlich in der IT-Welt „das nächste große Ding“ nach der Cloud sein werde. Die sei ja nun beim größten Teil der Anwender angekommen und es führe quasi kein Weg mehr an ihr vorbei. Die Antwort auf diese Frage hieß: Automation, sowohl der Systeme selbst als auch – dank neuer KI-Anwendungen – der Kommunikation mit Anwendern und Kunden. Softwareautomatisierung und digitale Assistenten sparten nicht nur Zeit und erhöhten so die Produktivität der Mitarbeiter. Vielmehr ermöglichten sie auch qualifiziertere IT-Jobs und völlig neue Engagement-Modelle.

Stand heute sind die Unternehmen wohl noch nicht so weit. Laut einer Studie, für die im Oracle-Auftrag im August 2018 rund 4.000 IT-Entscheider befragt wurden, interessieren sich beispielsweise viel weniger Business- und IT-Manager für das Thema „Chatbots“ als für Cloud-Security, Künstliche Intelligenz, Blockchain, Internet of Things (IoT), und – ja, auch! – autonome Datenbanken. Trotzdem hat jedes zweite der befragten Unternehmen bereits eine Chatbot-Anwendung implementiert. „Häufig gelten Chatbots immer noch als IT-Projekt“, erläuterte Neil Sholay, Vice President of Innovation EMEA: „Aber besser ist es, sie in einem Cross-Functional-Team einzuführen.“ Die Abteilungen, die damit erfahrungsgemäß am meisten anfangen könnten, seien Finance, Marketing und Human Resources.

Halbe Kosten garantiert

Wie fast alle alteingesessenen Datenbank-Management-Spezialisten konzentriert sich auch Oracle derzeit heftig auf die Cloud-Fähigkeit seiner Angebote: Die bereits existierende Oracle Cloud Infrastructure, kurz OCI, wurde grundlegend überarbeitet, ebenso das hauseigene Datenbank-Management-System. Der nächste Schritt für den Kunden ist, so hofft Oracle, der Umstieg auf Gen 2 und die Autonomous Database. Man könnte sagen: Die Autonomous Database soll Oracle helfen, seine Cloud-Infrastruktur zu pushen, während gleichzeitig die schnelle Exadata-Umgebung hilft, die neue Datenbank-Software zu verkaufen.

Angekündigt hat Oracle diese Software bereits im Sommer vergangenen Jahres; en detail vorgestellt wurde sie im Spätherbst 2018 auf der OpenWorld in San Francisco; in London war sie beinahe schon „Commodity“. Allerdings will oder kann Oracle derzeit nicht mitteilen, wie viele Kunden bereits auf Gen 2 Cloud umgestiegen sind und die Autonomous Database nutzen. Ebenso wenig will das Unternehmen dazu Prognosen abgeben oder zumindest Hoffnungen äußern.

Andrew Sutherland, Vice President Technology and Systems EMEA bei Oracle
Andrew Sutherland, Vice President Technology and Systems EMEA bei Oracle (Bild: Oracle)

Doch sind die Erwartungen auf der Anbieterseite offenbar recht hoch. Die Sicherheitsfunktionen der Software – „Core to Edge“, wie Andrew Sutherland, Vice President Technology and Systems EMEA, stolz verkündet – machen die Public Cloud eventuell auch für Unternehmen interessant, die IaaS- und SaaS-Angeboten bislang skeptisch gegenüberstehen. Gen 2 Cloud setzt sich laut Oracle aus einem Netz unabhängiger Server zusammen; die Cloud-Kontrolldaten seien dabei streng von den Kundendaten getrennt. Besonders sicherheitssensitive Kunden bekommen auf Wunsch auch einen isolierten Server, so dass ihre eigenen Daten nicht mit denen anderer Kunden in Berührung kommen können.

Steve Daheb, Senior Vice President Oracle Cloud
Steve Daheb, Senior Vice President Oracle Cloud (Bild: Oracle)

Die Autonomous Database sei aber auch für Start-ups interessant, sagt Oracle. Die könnten sich eine derartige Infrastruktur on premises zwar nicht leisten, hätten aber Bedarf für hohe Performance zu günstigen Kosten. Schon im Herbst 2018 garantierte Oracle-Gründer Larry Elllison den potenziellen Kunden, dass die Kosten für die Oracle-Cloud erheblich günstiger seien als das Angebot der Konkurrenz: „Bringen Sie uns Ihre AWS-Rechnung, bei uns zahlen Sie die Hälfte,“ versprach er in San Francisco. Die Oracle-Manager der zweiten Führungsebene, darunter Steve Daheb, Senior Vice President Oracle Cloud, bestätigten das jetzt noch einmal: „Die Hälfte der Kosten. Garantiert.“

Test für die selbstfahrende Datenbanksoftware

Laut Oracle ist die Autonomous Database die erste „selbstfahrende“ DBMS-Software weltweit und damit auf jeden Fall auch verlässlicher als die Konkurrenzprodukte. Dazu noch einmal Ellison: „Nehmen Sie die menschliche Arbeit raus, und eliminieren Sie die menschlichen Fehler.“ Sowie einen Großteil der Personalkosten im Bereich Datenbank-Administration, möchte man ergänzen. Das war zum Beispiel für den langjährigen Oracle-Kunde 11880 („Hier werden Sie geholfen“) der ausschlaggebende Grund, die Software in den Testbetrieb zu nehmen. Das in Essen beheimatete Unternehmen, das heute auch Offline-to-online-Dienste für kleine und mittlere Unternehmen anbietet, stellt derzeit seine gesamte IT-Infrastruktur auf den Prüfstand.

Wie der Vorstandsvorsitzende Christian Maar erläutert, waren neben der Autonomous Database auf OCI auch Redshift auf AWS und eine On-premises-Lösung des Nürnberger Unternehmens Exasol im Rennen. „Performance-mäßig hat Oracle klar gewonnen“, bestätigt Maar. Hinsichtlich des Preis-Leistungs-Verhältnisses sei die Oracle-Lösung ebenfalls eine gute Wahl. Im Vergleich der Total Cost of Ownership (TCO) konnte 11880 laut Maar rund 20 Prozent einsparen.

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