Schleswig-Holsteins Strategiewechsel hin zu Open-Source-Strukturen zu Beginn dieses Jahres zeigt: Eine operative Abkehr von proprietären Softwarelösungen ist möglich. Doch während die Debatte um digitale Souveränität sich auf Anwendungen und Betriebssysteme fokussiert, bleibt eine tiefere Abhängigkeit oft unangetastet: die der zugrunde liegenden Cloud-Infrastruktur.
In Jahren entstandene Infrastrukturen mit hoher Integration und proprietären Schnittstellen blockieren den Notausgang; das wirkt sich vor allem in Krisenszenarien bremsend aus.
Gerade hier entscheidet sich, ob Souveränität mehr ist als ein politisches Signal. Denn wer zwar Open Source nutzt, aber weiterhin in proprietären Cloud-Architekturen gefangen ist, tauscht lediglich die Oberfläche aus, nicht jedoch die grundlegenden Abhängigkeiten.
Souveränität braucht Exit-Fähigkeit
Die Praxis zeigt, dass die größte Hürde für echte digitale Selbstbestimmung der Ausstieg aus bestehenden Infrastrukturen ist. Viele Cloud-Umgebungen sind so gestaltet, dass ein Wechsel des Anbieters technisch komplex und wirtschaftlich unattraktiv wird.
Dieses sogenannte Lock-in ist jedoch kein Nebeneffekt, sondern oft ein strukturelles Merkmal. Proprietäre APIs, inkompatible Datenformate und komplexe Abhängigkeiten innerhalb von Services führen dazu, dass Migrationen mit erheblichem Aufwand verbunden sind. Hinzu kommen wirtschaftliche Barrieren wie hohe Egress-Gebühren oder Kosten für API-Aufrufe. Diese werden insbesondere bei großen Datenmengen schnell zum entscheidenden Faktor.
Damit wird ein Wechsel im Ernstfall, etwa bei Sicherheitsbedenken, regulatorischen Änderungen oder geopolitischen Spannungen, faktisch unmöglich. Aus einer Komfortentscheidung wird so ein strategisches Risiko.
Der Irrtum der Standortdebatte
In der aktuellen Diskussion wird häufig der Fehler gemacht, Datenstandort und Souveränität gleichzusetzen. Rechenzentren in der EU gelten häufig als Garant für Kontrolle und Sicherheit. Doch dieser Ansatz greift zu kurz. Denn selbst wenn Daten physisch in Europa gespeichert werden, bleibt eine Abhängigkeit bestehen, solange die zugrunde liegende Architektur keinen reibungslosen Wechsel ermöglicht. Souveränität ist demnach keine Frage der Geografie, sondern der technischen und organisatorischen Kontrolle.
Diese Perspektive gewinnt auch regulatorisch an Bedeutung. Mit dem EU Data Act wird Datenportabilität erstmals nicht nur als theoretisches Recht, sondern als praktisch umsetzbare Fähigkeit verbindlich eingefordert. Unternehmen müssen ihre Daten mitsamt Metadaten und Strukturen migrieren können, ohne ihre Geschäftsprozesse zu gefährden.
Die eigentliche Herausforderung liegt in der Infrastruktur selbst. Hyperscaler haben über Jahre hinweg Ökosysteme geschaffen, die durch ihre Integration und Leistungsfähigkeit überzeugen, aber gleichzeitig auch Abhängigkeiten verstärken.
Technisch geschieht dies über proprietäre Schnittstellen, die tief in Anwendungen integriert sind. Wirtschaftlich wirken vor allem die Transferkosten als Bremsklotz: Wer große Datenmengen bewegen möchte, muss oft erhebliche Gebühren zahlen. Diese Kombination führt dazu, dass der „Notausgang“ zwar theoretisch existiert, in der Praxis jedoch blockiert ist.
Das Problem wird besonders in Krisenszenarien deutlich. Wenn schnelle Reaktionen erforderlich sind, beispielsweise bei Sicherheitsvorfällen oder regulatorischen Eingriffen, fehlt die notwendige Flexibilität. Die Infrastruktur wird zum Engpass.
Offene Standards als Grundlage für Kontrolle
Eine zentrale Voraussetzung für echte Exit-Fähigkeit ist die Nutzung offener und etablierter Standards. S3-Kompatibilität ist in diesem Zusammenhang ein entscheidender Faktor, da sie die Migration bestehender Anwendungen ohne umfangreiche Anpassungen ermöglicht. Doch auch hier lohnt ein genauerer Blick: Nicht jede „S3-kompatible” Lösung erfüllt die Anforderungen vollständig. Entscheidend ist, dass Funktionen wie Versionierung, Object Lock oder ereignisbasierte Prozesse konsistent unterstützt werden. Nur dann lassen sich Workloads tatsächlich portieren, ohne operative Risiken einzugehen.
Ein weiterer Schlüssel liegt in der Kontrolle über Verschlüsselung und Schlüsselmanagement. „Customer Managed Keys” stellen sicher, dass Unternehmen die Hoheit über ihre Daten behalten – unabhängig vom jeweiligen Anbieter. Erst diese Kombination aus Standardisierung und Kontrolle schafft die Grundlage für echte Wahlfreiheit.
Exit-Strategie als Teil der Sicherheitsarchitektur
Exit-Fähigkeit darf nicht länger als optionales Szenario betrachtet werden. Sie muss vielmehr integraler Bestandteil jeder Cloud- und Sicherheitsstrategie sein.
Ein dokumentierter Exit-Plan erfüllt dabei eine ähnliche Funktion wie ein Backup-Konzept. Er definiert nicht nur technische Abläufe, sondern auch organisatorische Verantwortlichkeiten, Zeitrahmen und Kostenstrukturen. Entscheidend ist, dass dieser Plan nicht theoretisch bleibt, sondern regelmäßig unter realistischen Bedingungen und mit echtem Datenvolumen getestet wird. Denn nur, was praktisch funktioniert, bietet im Ernstfall Sicherheit.
Stand: 08.12.2025
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Von der Abhängigkeit zur Handlungsfähigkeit
Damit entwickelt sich die Debatte um digitale Souveränität weiter. Es geht nicht mehr nur um die Frage, wo Daten gespeichert werden oder welche Software eingesetzt wird. Im Zentrum steht nun die Fähigkeit, Entscheidungen selbst durchsetzen zu können, ohne dabei auf technische oder wirtschaftliche Blockaden zu stoßen.
Für Unternehmen und öffentliche Einrichtungen bedeutet dies einen Perspektivwechsel: Die Cloud wird nicht mehr nur als Skalierungs- und Effizienzlösung betrachtet, sondern als kritische Infrastruktur, deren Gestaltung direkten Einfluss auf Sicherheit, Resilienz und strategische Autonomie hat.
Der Umstieg Schleswig-Holsteins zeigt, dass Veränderung möglich ist. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, den Aufbau einer Infrastruktur zu ermöglichen, die nicht nur Kontrolle vorspielt, sondern im entscheidenden Moment auch kontrolliert werden kann.
* Der Autor Dr. Lennart Gaida ist Director Solutions & Growth bei Impossible Cloud.