Definition: Open Cloud Research Environment für Forschungs- und Bildungseinrichtungen Was ist das OCRE-Framework?

Von Dipl.-Ing. (FH) Stefan Luber 6 min Lesedauer

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OCRE ist ein Rahmenwerk, das den Zugang für Forschungs- und Bildungseinrichtungen zu kommerziellen Cloud-Services vereinfacht und beschleunigt. Das von GÉANT entwickelte Framework erleichtert durch vorab mit verschiedenen Anbietern ausgehandelte Verträge die Beschaffungsprozesse. Aktuell gültig ist das OCRE-2024-Framework.

Das Open Cloud Research Environment Framework (OCRE) soll Forschungs- und Bildungseinrichtungen einen vereinfachten Zugang zu vordefinierten Cloud-Diensten ermöglichen.(Bild: ©  shari - stock.adobe.com)
Das Open Cloud Research Environment Framework (OCRE) soll Forschungs- und Bildungseinrichtungen einen vereinfachten Zugang zu vordefinierten Cloud-Diensten ermöglichen.
(Bild: © shari - stock.adobe.com)

OCRE ist das Akronym für Open Cloud Research Environment. Es handelt sich um ein von der GÉANT-Initiative, einem Zusammenschluss europäischer Forschungs- und Bildungsnetze, entwickeltes Rahmenwerk. Das Framework soll den Zugang zu kommerziellen Cloud-Diensten für europäische Forschungs- und Bildungseinrichtungen vereinfachen und beschleunigen. Es ermöglicht über vorab ausgehandelte Verträge mit verschiedenen Anbietern solcher Dienste einen vereinfachten, aber dennoch vergaberechtskonformen Zugang zu Cloud-Plattformen und ihren Services.

OCRE trägt zur Beschleunigung der digitalen Transformation in der Forschung und Lehre bei, indem den Einrichtungen die für ihre Projekte benötigten Cloud-Ressourcen unter Einhaltung europäischer Beschaffungs- und Datenschutzvorgaben mit reduziertem administrativem Aufwand schneller bereitgestellt werden. Das EU-weite Beschaffungs- und Förderprogramm erlaubt der Forschung und Lehre die unkomplizierte Nutzung der Cloud-Dienste führender Anbieter, ohne dass langwierige eigene Ausschreibungen durchgeführt werden müssen.

OCRE geht auf eine Initiative von GÉANT und der Europäischen Kommission zurück und ist Teil der europäischen Bemühungen, den Zugang zu digitalen Technologien in der Wissenschaft zu vereinfachen und zu harmonisieren. Bereits im Jahr 2016 erschien ein erster Vorläufer dieses Rahmenwerks, das 2016-IaaS-Framework. Es folgte 2020 das OCRE-2020-Cloud-Framework, das bis Ende 2024 Gültigkeit hatte. Anfang des Jahres 2025 erschien das OCRE-2024-Framework. Es ist für den Zeitraum von fünf Jahren bis zum Jahr 2030 gültig.

Das Open Cloud Research Environment ermöglicht den Forschungs- und Bildungseinrichtungen den Zugang zu Cloud-Diensten führender Anbieter wie Microsoft Azure, Amazon Web Services (AWS), Google Cloud, Ionos, Telekom und andere. Die nutzbaren Cloud-Services umfassen IaaS- (Infrastructure-as-a-Service), PaaS- (Platform-as-a-Service) und SaaS- (Software-as-a-Service) Lösungen und können über die nationalen Forschungsnetzwerke standardisiert und ohne eigene Ausschreibung kostengünstig beschafft werden. Der OCRE 2024 Cloud Catalogue listet für jedes teilnehmende EU-Land die richtlinienkonformen Anbieter digitaler Cloud-Dienste auf. Insgesamt stehen den 39 teilnehmenden Ländern 416 Cloud-Service-Angebote auf 17 Cloud-Plattformen zur Verfügung. In Deutschland fungiert der DFN-Verein (Verein zur Förderung eines Deutschen Forschungsnetzes e. V.) als Ansprechpartner für die Beschaffung von Cloud-Services.

Motivation für die Entstehung und Entwicklung des OCRE-Frameworks

Wissenschaft und Forschung sind stark datengetrieben. Sie benötigen flexibel skalierbare Rechenressourcen, um beispielsweise große Datenmengen auszuwerten, KI-gestützte Analysen durchzuführen oder komplexe Systeme zu simulieren. Diese Ressourcen auf eigener IT-Infrastruktur bereitzustellen, ist mit großem finanziellem und personellem Aufwand verbunden und für die Forschungs- und Bildungseinrichtungen kaum selbst zu bewältigen. Die benötigten Ressourcen werden daher in der Regel über leistungsfähige Cloud-Infrastrukturen bezogen.

Die Beschaffung entsprechender Cloud-Services ist allerdings mit zahlreichen Herausforderungen verbunden. Beschaffungsprozesse sind langwierig und in der EU mit großem bürokratischen Aufwand verbunden. In den Ausschreibungen müssen zahlreiche rechtliche Vorgaben wie die Einhaltung der geltenden Datenschutzbestimmungen berücksichtigt werden. Die dafür notwendigen Prozesse bremsen innovative Forschungsprojekte aus. Darüber hinaus muss jede Einrichtung für sich geeignete Vereinbarungen mit attraktiven kommerziellen Konditionen mit den Anbietern aushandeln.

Das OCRE-Framework setzt an diesen Punkten an. Es stellt mit vorab ausgehandelten Rahmenverträgen ein attraktives, auf die Bedürfnisse von Forschungs- und Bildungseinrichtungen zugeschnittenes Beschaffungsmodell zur Verfügung, mit denen sie die Cloud-Services führender Anbieter rechtskonform und zu günstigen Konditionen, unkompliziert und ohne die Notwendigkeit eigener Ausschreibungen nutzen lassen. Die Einrichtungen erhalten vereinfachten, standardisierten Zugang zu hochmodernen Cloud-Technologien. Gleichzeitig werden regulatorische Hürden reduziert.

Zentrale Merkmale des OCRE-Frameworks

Die zentralen Merkmale des OCRE-Frameworks sind:

  • Zentralisierung der Ausschreibung durch vorab mit Anbietern ausgehandelte Verträge,
  • vorgefertigte, geprüfte und rechtssichere Verträge für verschiedene Anforderungen,
  • große Auswahl an verschiedenen Cloud-Lösungen und Cloud-Plattformen zahlreicher Anbieter,
  • auf verschiedene Forschungsbedarfe abgestimmte Angebote,
  • nach Ländern geordnete Listen streng geprüfter Anbieter,
  • nach hohen Standards der Sicherheit und Compliance europäischer Forschungseinrichtungen entwickeltes Rahmenwerk,
  • Einhaltung der europäischen und nationalen Vergaberegeln und Datenschutzauflagen (alle Services sind im Rahmen der europaweiten Ausschreibung geprüft und zugelassen),
  • vorverhandelte kommerzielle Vergünstigungen und Rabatte,
  • vereinfachter Zugang und direkte Vertragsabschlüsse über nationale Forschungsnetzwerke,
  • Zugang zu Cloud-Plattformen führender Anbieter,
  • gegebenenfalls Förderung durch die Europäische Union (teilweise Subventionierung der Nutzung von Cloud-Ressourcen für bestimmte Forschungsvorhaben).

Die Vorgehensweise bei der Auswahl eines Anbieters und das kaskadierende Beschaffungsmodell

Ein zentrales Element des OCRE-Frameworks ist das sogenannte kaskadierende Beschaffungsmodell, auch als kaskadierendes Procurement bezeichnet. Es bestimmt die Vorgehensweise einer Forschungs- oder Bildungseinrichtung bei der Auswahl eines Anbieters und der benötigten Cloud-Dienste. Das Modell basiert darauf, dass für die Cloud-Plattformen, zum Beispiel Amazon Web Services, Microsoft Azure, Google Cloud, Ionos oder andere verschiedene Anbieter zur Verfügung stehen.

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Diese Anbieter sind nach einer festen Rangfolge sortiert. Möchte eine Einrichtung die Services einer bestimmten Plattform beziehen, fragt sie zunächst beim erstplatzierten Anbieter an. Ist dieser nicht in der Lage, spezifische Anforderungen, beispielsweise hinsichtlich des Datenschutzes, der Datensouveränität, der lokalen Präsenz, der Expertise oder bestimmter Zertifizierungen zu erfüllen, darf ohne Ausschreibung auf einen nachrangigen Anbieter zurückgegriffen werden.

Diese hierarchische Vorgehensweise stellt einen geordneten Auswahlprozess sicher. Er sorgt für die Einhaltung europäischer Vergaberichtlinien, bietet aber auch die Flexibilität, die individuellen Anforderungen spezifischer Forschungsprojekte zu erfüllen. Langwierige und komplexe Auswahl- und Vergabeprozesse werden vermieden.

Um die Flexibilität noch zu steigern und den individuellen Charakter des Rahmenwerks zu unterstreichen, ist es den Forschungs- und Bildungseinrichtungen unter bestimmten Umständen erlaubt, direkt und ohne kaskadierendes Procurement einen Anbieter auszuwählen. Dieses Vorgehen muss sachlich begründet und verhältnismäßig sein. Gründe für diese Vorgehensweise sind beispielsweise ein spezielles Portfolio an Services, besondere technische Kompetenzen oder branchenspezifische Erfahrungen und technische Lösungen.

Vorteile durch die Anwendung des OCRE-Rahmenwerks

Die Anwendung des OCRE-Rahmenwerks bei der Beschaffung von kommerziellen Cloud-Diensten bietet den europäischen Forschungs- und Bildungseinrichtungen zahlreiche Vorteile. Cloud-Dienste werden bedarfsgerecht ohne Ausschreibung standardisiert und dennoch vergabe- und rechtskonform bezogen. Der Zugang ist vereinfacht über die nationalen Forschungsnetzwerke wie das DFN (Deutschland), SWITCH (Schweiz) oder ACOnet (Österreich) möglich.

Der eigene administrative Aufwand für die Beschaffung wird deutlich gesenkt und der Beschaffungsprozess verkürzt. Innovative Forschungsprojekte lassen sich wesentlich schneller umsetzen, ohne dass rechtliche Vorgaben, Sicherheitsstandards oder Datenschutzrichtlinien verletzt werden. Darüber hinaus bieten die vorverhandelten Verträge finanziell attraktive Konditionen wie Rabatte oder Preisnachlässe. Sonst übliche Kosten, wie für den ein- und ausgehenden Datenverkehr, entfallen teilweise. Forschungs- und Bildungseinrichtungen werden finanziell entlastet und können die eingesparten Mittel sinnvoll einsetzen.

Da das Rahmenwerk vorverhandelte Verträge mit Anbietern verschiedener führender Plattformen beinhaltet, erhalten die Forschungs- und Bildungseinrichtungen Zugang zu leistungsfähigen Cloud-Infrastrukturen mit innovativen Services, die dem aktuellen Stand der Technik beispielsweise im Bereich der Künstlichen Intelligenz oder des maschinellen Lernens entsprechen.

Der technische und vertragliche Support kann bei Cloud-Providern außerhalb der Europäischen Union durch lokale Partner erfolgen. Das Anbieterportfolio enthält zudem Lösungen souveräner, innereuropäischer Cloud-Betreiber, die die digitale Souveränität ihrer Nutzer stärken. Mehrere Cloud-Services können zu Multicloud-Lösungen kombiniert werden. Das Rahmenwerk bietet darüber hinaus Unterstützung und Zugang zu Beratungsdiensten für den Einstieg in Cloud-Computing-Lösungen oder den Wechsel zwischen Cloud-Services.

Das Rahmenwerk trägt zur Stärkung der europäischen Forschungs- und Wissenschaftsinfrastruktur bei. Es werden Synergien zwischen Forschungsnetzwerken geschaffen und die internationale Zusammenarbeit durch ein gemeinsames Cloud-Plattformmilieu gestärkt. Insgesamt fördert das OCRE-Rahmenwerk die Digitalisierung, beschleunigt Innovationen und macht die europäische Wissenschaft technologisch unabhängiger und global wettbewerbsfähiger. Neben Forschungseinrichtungen und Universitäten dürfen auch Non-Profit-Organisationen und gemeinnützige Organisationen auf das OCRE-Framework zugreifen.

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