Pfalzkom positioniert sich als regionaler Gegenentwurf zu den großen Hyperscalern. Jürgen Beyer und Thomas Bach erklären im Gespräch, wie das Unternehmen aus der Metropolregion Rhein-Neckar mit eigenen Rechenzentren, Glasfasernetzen und Open-Source-Strategien digitale Souveränität für den Mittelstand greifbar macht – und warum Gaia-X keinesfalls gescheitert ist.
Cloud-Edge-Standort in der Metropolregion Rhein-Neckar: Pfalzkom bietet Colocation, Managed Services und Multicloud-Anbindung aus einer Hand.
(Bild: Pfalzkom)
Die Pfalzkom GmbH blickt auf eine lange Historie als Infrastrukturdienstleister zurück. Jürgen Beyer, der als Geschäftsführer die strategische Ausrichtung und Produktentwicklung des Unternehmens maßgeblich prägt, skizziert den Werdegang: Das Unternehmen startete als Netzwerkprovider mit Glasfasernetzen, Weitverkehrsnetzen und IP-Infrastruktur. Später kamen Rechenzentren hinzu. Mittlerweile betreibt Pfalzkom drei Standorte.
Ein Rechenzentrum in Mannheim fungiert als Carrier Exchange, wo sich verschiedene Telekommunikationsanbieter vernetzen. Die beiden anderen sind moderne Hochleistungsrechenzentren der Kategorie Tier 3 Plus: Das erste ging 2010 in Betrieb, das zweite 2017. Beyer betont die strategisch günstige Lage in der Metropolregion Rhein-Neckar mit direkter Anbindung an den Wirtschaftsraum Rhein-Main. Mehrere Carrier-Collocation-Standorte in Frankfurt sind erschlossen, ebenso Anbindungen an große IP-Knoten wie den DE-CIX.
Das Portfolio wurde konsequent um Managed Services erweitert: Compute-Leistungen mit dedizierten und virtuellen Servern, Storage in verschiedenen Ausprägungen sowie Backup-Lösungen bilden das IT-Infrastruktur-Angebot für Unternehmen, die IT-Outsourcing betreiben möchten.
Früher Einstieg in die Souveränitäts-Debatte
Die Beschäftigung mit digitaler Souveränität begann bei Pfalzkom bereits in der ersten Welle, als der damalige Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier gemeinsam mit Frankreich das Thema europäische Datensouveränität auf die Agenda setzte. Beyer erinnert sich an erste Versuche, gemeinsam mit dem BREKO-Verband und Hochschulen an IPCEI-CIS-Projekten teilzunehmen. Doch schnell wurde klar: Für ein mittelständisches Unternehmen waren diese Großprojekte mit internationalen Beratungsgesellschaften und europäischen Konzernen eine Nummer zu groß.
Der Durchbruch gelang über einen regionaleren Ansatz: die Teilnahme am Forschungsprojekt „Twin4Trucks“ gemeinsam mit der Smart Factory Kaiserslautern, dem DFKI und weiteren Partnern. In diesem Projekt zu digitalen Zwillingen in der LKW-Produktion bildete Pfalzkom die gesamte Infrastruktur ab – von Netzwerk, über Housing bis zu Cloud-Plattformen im Rechenzentrum. Parallel baute das eigens dafür installierte Projektteam die eigenen Systeme massiv im Open-Source-Bereich aus und trieben das Thema Gaia-X weiter.
„Damals hat eigentlich keiner so richtig mehr an das Thema Datensouveränität geglaubt“, erinnert sich Beyer an die schwierige Phase. Doch die geopolitischen Entwicklungen sowie das problematische Geschäftsgebaren einiger Marktbegleiter – der Geschäftsführer nennt exemplarisch einen Hersteller von Virtualisierungssoftware, der sehr kurzfristig sein Bereitstellungsmodell änderte und Preise erhöhte und damit das Geschäftsmodell einiger Marktbegleiter zusammenbrechen ließ, – führten dazu, dass in der Branche zwischenzeitlich ein Umdenkprozess stattfindet. Auch die Entscheidung der Bundesregierung für ein Digitalministerium war ein Schritt in die richtige Richtung.
Die frühe und kontinuierliche Beschäftigung zahlt sich nun aus: Pfalzkom wurde als eines der ersten Gaia-X Digital Clearing Houses weltweit zertifiziert und hat das Thema digitale Identitäten weiterentwickelt. Beyer sieht die regionale Ebene als natürliches Spielfeld: „Unsere Ebene ist die regionale Ebene. Und wir werden natürlich genau das regional relevante Thema Cloud Edge, also die mittleren kleineren Rechenzentren, die hier eine Rolle spielen technologisch weiter ausbauen.“
Vertrauen als Geschäftsmodell
Thomas Bach, verantwortlich bei der Pfalzkom für Kundenbeziehungen und das operative Geschäft, bringt einen entscheidenden Aspekt ein: die Nähe zum Kunden. Pfalzkom agiert ausschließlich im B2B-Geschäft und entwickelt für bestehende Netz- und Rechenzentrumskunden maßgeschneiderte Lösungen. „Wir agieren mit dem Kunden auf Augenhöhe und machen eher Projekte“, beschreibt Bach den Ansatz. Die verschiedenen Komponenten aus dem Portfolio werden individuell zu einem Gesamtkonstrukt zusammengestellt.
Bildquelle: Pfalzkom
Wir müssen uns als Deutschland, als EU ein Stück weit souveräner aufstellen. Unsere Abhängigkeiten sind uns bewusster geworden. Wir begleiten dieses Thema schon seit Jahren und haben Know-how aufgebaut, während viele jetzt erst auf den Zug aufspringen.
Jürgen Beyer, Geschäftsführer Pfalzkom
Der zentrale Unterschied zu anonymen Cloud-Geschäftsmodellen liegt für Bach im Vertrauen: „Wir verkaufen schon immer Vertrauen. Und wenn wir über digitale Souveränität sprechen, ist es ja im Endeffekt fast das Gleiche.“ Digitale Souveränität bedeute eine gewisse Unabhängigkeit von dominanten Playern. Und genau das habe Pfalzkom nie angestrebt: Kunden stark abhängig zu machen.
Die Transparenz sei ein weiterer Pluspunkt: Kunden können ins Rechenzentrum kommen, die Infrastruktur besichtigen, die Menschen und das Unternehmen kennenlernen. Bach kontrastiert dies mit Public-Cloud-Anbietern, wo Managed Services oft zusätzliche Spezialdienstleister erfordern. „Bei uns bekommt man das direkt aus einer Hand, alles unter der eigenen Kontrolle mit einem Unternehmen hier aus der Region und eben auch fest verankert als Teil der Pfalzwerke-Gruppe.“
Stand: 08.12.2025
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Multicloud und das Edge-Kontinuum
Bach sieht Pfalzkom in einer Welt, in der Begriffe wie Multicloud und Multicloud Edge Continuum zunehmend relevant werden. Der Ansatz: Kunden die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, was sie wo und aus welchem Grund betreiben. Mit direkten Glasfaseranschlüssen können Workloads flexibel verlagert werden – von On-Premises in regionale Rechenzentren, von dort in die Cloud oder in andere Rechenzentren.
Über die Smart Factory Kaiserslautern und Projekte wie Twin4Trucks haben sich neue Horizonte eröffnet. Kundenanforderungen aus der Industrie betreffen zunehmend Hosting-Themen für digitale Zwillinge und die Frage, wie Daten über Datenräume geteilt werden können. „Da sind wir jetzt halt gerade mittendrin in der Entwicklung auch über Gaia-X“, beschreibt Bach den Status quo. Das Interesse bei Kunden sei da, und die gemeinsame Weiterentwicklung mit ihnen sei möglich.
Gaia-X: Vom Hoffnungsträger zum Langstreckenprojekt
Auf die Frage, ob Gaia-X nicht doch zum Scheitern verurteilt sei, kontert Bach entschieden: Es sei schwierig zu verstehen gewesen, weil man es lange nicht greifen konnte. Problematisch war insbesondere, dass manche Lighthouse-Projekte zentrale Elemente wie das offizielle Gaia-X Clearing House gar nicht nutzten. „Das kommt daher, weil Gaia-X ja von Anfang an gesagt hat, wir wollen von Anfang an Projekte machen, parallel zu der Entwicklung.“
Doch jetzt kämen die Welten zusammen. Gaia-X durchlaufe einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess mit neuen Versionen. Die nächste Version wurde jetzt gerade implementiert und biete Möglichkeiten, die verschiedenen Ansätze zusammenzubringen. Pfalzkom ist als erster Anbieter in Deutschland mit dem neuen Standard GXDCH v3 live gegangen. Entscheidend sei nun, dass Gaia-X greifbar werde: Man könne es Kunden relativ einfach zeigen, wie sie jetzt hier den ersten Schritt machen könnten, was sie tun müssten, um Gaia-X-konform zu sein.
Die Zugehörigkeit zur Pfalzwerke-Gruppe bringt konkrete Vorteile: 100 Prozent regenerativer Strom wird u.a. zur Versorgung der Rechenzentren eingekauft – bereits seit Jahren und nicht erst seit den Vorgaben des Energieeffizienzgesetzes. „Wir mussten nicht auf das Energieeffizienzgesetz warten“, betont Beyer. Die Rechenzentren wurden von Anfang an energieeffizient konzipiert, auch weil der Stromverbrauch über den PUE-Faktor erheblich in die Gesamtkosten einspiele.
Bei der Stromverfügbarkeit hat Pfalzkom früh auf Nähe zu Umspannwerken gesetzt. Die Rechenzentren hängen physisch direkt an der 110-kV-Spange, ohne zwischengeschaltetes Verteilnetz. Zwar seien Netzkapazitäten auch in der Flächenregion Pfalz nicht unbegrenzt vorhanden. Doch die Situation sei eine andere Größenordnung als im benachbarten Frankfurt am Main. „Wir sind wahrscheinlich bei Weitem besser aufgestellt, was den Strom betrifft“, so Bach.
Bildquelle: Pfalzkom
Wir verkaufen schon immer Vertrauen. Und wenn wir über digitale Souveränität sprechen, ist es im Endeffekt fast das Gleiche. Wir sehen uns als Teil der Lösung, die nicht bei einem einzigen ‚deutschen Hyperscaler‘ liegt, sondern in einer verteilten Architektur.
Thomas Bach, Business Development Manager Pfalzkom
Standortvorteile jenseits des Frankfurter DC-Trubels
Die Rechenzentren liegen strategisch günstig: weit genug draußen, um Gefahren aus dem Verkehr oder durch nahegelegene Flughäfen zu vermeiden, aber mit guter Anbindung an Stromtrassen und verschiedene Glasfaserrouten. Die Autobahn ist nah genug für schnelle Erreichbarkeit nach Ludwigshafen, Mannheim, Karlsruhe und Frankfurt.
Bach beschreibt eine interessante Zielgruppe: „Wir haben tatsächlich globale Kunden, denen es gar nicht so unrecht ist, keine Rechenzentrumsleistungen in Frankfurt buchen zu müssen.“ Schließlich steht die technische Ausstattung den Nachbarn in nichts nach: Redundanzen bei Leitungen, hohe Bandbreite, sehr geringe Latenzen. Pfalzkom ist Premium Enabled Site des DE-CIX, was für Cloud-Themen und das Multicloud Edge Continuum eine wichtige Rolle spielt.
Die Unternehmensgeschichte erklärt auch die Netzinfrastruktur: Energieversorger verfügten über Glasfaserleitungen und begannen, Netze aufzubauen. Die Pfalzwerke gründeten Pfalzkom, auf der anderen Rheinseite entstand die MAnet. Später kaufte Pfalzkom diese und übernahm das komplette Glasfasernetz in Mannheim. Bach schmunzelt: „Es steht zwar Pfalzkom drauf, verwirrt aber ein bisschen, weil wir sind nicht nur in der Pfalz mit eigenem Netz. Wir sind auch auf der anderen Rheinseite in Mannheim.“ Die definierte Region: Metropolregion Rhein-Neckar.
Strategische Ausrichtung: Drei Entwicklungsrichtungen
Beyer skizziert drei strategische Stoßrichtungen für die kommenden Jahre: Erstens will man die eigene IT-Entwicklung konsequent in Richtung digitaler Souveränität vorantreiben – etwa der Wechsel von VMware zu Proxmox oder von Microsoft zu OpenDesk. Ziel sei ein abgerundetes Portfolio, um Unternehmen komplett an die Hand nehmen zu können.
Zweitens soll die Zielgruppe Mittelstand Produkte nutzen können, die auf digitale Souveränität einzahlen. Nicht die große Industrie mit eigenen IT-Abteilungen stehe im Fokus, sondern das mittlere Segment, wo Pfalzkom mit Regionalität und eigenen Möglichkeiten punkten könne. Themen wie digitale Zwillinge und Asset Administration Shells (kurz AAS, deutsch Verwaltungsschale) – als Vehikel für standardisierte, digitale Zwillinge in der Industrie 4.0 – seien im industriellen Umfeld zunehmend relevant.
Drittens will Pfalzkom sich im Kontext von Gaia-X und ähnlichen Initiativen als Multi-Provider-Cloud-Edge-Anbieter engagieren. In verschiedenen Konstellationen und losen Kooperationen mit großen ansässigen Unternehmen könne Pfalzkom als Pilot für regionale Anbindungen von Cloud-Edge-Rechenzentren fungieren – ohne größere Investitionen.
Bach betont die realistische Selbsteinschätzung: „Wir sehen uns als Teil der Lösung.“ Digitale Souveränität – und das sei die Stärke der dezentralen Rechenzentrumslandschaft in Deutschland – basiere nicht auf dem Konzept „ein deutscher Hyperscaler“, sondern in einer verteilten Architektur.
Entscheidend sei Kompatibilität aus Kundensicht. Derzeit würden in verschiedenen Projekten durchaus interessante Standardisierungsansätze entwickelt. Gerade für Unternehmen in der Region – öffentliche Verwaltung, Gesundheitswesen, Kliniken, Universitäten – wolle Pfalzkom die Möglichkeit bieten, Daten aus der Region in die Welt und aus der Welt in die Region zu bringen. „Das ist ja sowieso unsere Aufgabe als Internet-Service-Provider“, sagt Bach.
Der kooperative Ansatz bei Pfalzkom ist ein pragmatischer, schon aufgrund der Größe des Unternehmens: Im Rechenzentrum seien Kunden, die selbst Cloud-Services betreiben. Für diese sei das Rechenzentrum ein wichtiger Baustein. Daraus könnten Konstellationen entstehen, in denen sich regionale mittelständische IT-Dienstleister zusammenschließen und Ressourcen sowie Know-how bündeln – als Alternative zu dominanten Hyperscalern.
Forderungen an die Politik
Die Erwartungen an das gerade ein Jahr alte Bundesdigitalministerium sind konkret: Beyer wünscht sich, dass bei öffentlichen Ausschreibungen regionale Unternehmen eine faire Chance erhalten. Eventuell durch Richtlinien, die einen Vorteil bieten, wenn regional angeboten werden kann. Außerdem: „Vielleicht auch mal die ganzen Themen, die man in Richtung Rechenzentrum schon adressiert hat, vielleicht doch mal in Tat umzusetzen.“ Weniger reden, mehr machen.
Bach formuliert einen grundsätzlicheren Wunsch: Gaia-X und Manufacturing-X seien 2019 als politisch motivierte Themen gestartet, teils mit Fördermitteln und dem Aufruf an die Industrie, endlich zu digitalisieren und die Datenräume zu nutzen. Politik und Verwaltungen sollten hier mit gutem Beispiel vorangehen.
Ein hochaktuelles Thema für Pfalzkom ist der digitale Produktpass. Durch die Gesetzgebung werde dies für Unternehmen zunehmend relevant. Jedes Unternehmen müsse sich frühzeitig Gedanken machen, wie der digitale Produktpass umgesetzt, sicher gehostet und abgebildet werden könne. Pfalzkom – als Mitglied in der Smart Factory Kaiserslautern – beteiligt sich aktiv bei der Implementierung des digitalen Produktpasses über die Verwaltungsschale.