Augsburg ist Verlierer der Neuausrichtung

Fujitsu stärkt Vertriebsorganisation in Europa

| Autor: Elke Witmer-Goßner

Rupert Lehner, Head of Central Europe (li. mit Pressesprecher Michael Erhard), skizziert den Weg, den Fujitsu in der DACH-Region künftig gehen will.
Rupert Lehner, Head of Central Europe (li. mit Pressesprecher Michael Erhard), skizziert den Weg, den Fujitsu in der DACH-Region künftig gehen will. (Bild: VIT/ewg)

Fujitsu Technology Solutions hat seine Europa-Organisation neu aufgestellt, Personal aufgestockt und die Recruitingmaßnahmen intensiviert, die Partner auf mehr Service- und Lösungsgeschäft eingeschworen und trotzdem – für viele noch kaum begreifbar – das Ende der Fertigung in Augsburg angekündigt. Wie passt das alles zusammen und was steckt dahinter?

Rupert Lehner, seit August vergangenen Jahres Chef der europäischen Vertriebsregion Central Europe und verantwortlich für das Produktgeschäft in der Region EMEIA (Europa, Naher Osten, Indien und Afrika), hatte wohl Erklärungsbedarf und lud zum ausführlichen Pressegespräch in die Münchner Zentrale. Die Schließung des Werks in Augsburg sei nur ein – wenn auch besonders schmerzlicher – Baustein einer langfristig angesetzten organisatorischen Umstrukturierung, führte Lehner aus. Fujitsu werde definitiv selbst nur noch in Asien fertigen. Auftragsfertigung werde es in Europa aber trotzdem noch geben. Lehner will vor allem mit einem sehr hartnäckigen Gerücht aufräumen: Nein, Fujitsu gibt das Produktgeschäft in Europa nicht auf! Im Gegenteil. Tatsächlich gehe es sogar darum, das Wachstum bei der Mainframe-Betriebssystemplattform BS2000 sowie den integrierten Systemen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auszubauen.

Kernkompetenzen, strategische Partner und Servicegeschäft

Das eigentlich schon in den Neunzigern totgesagte Mainframe-Segment wird weiter eine starke Rolle spielen, hauptsächlich bei Finanzinstituten und im Public Sector, nicht zuletzt auch wegen der Security-Thematik, ist Lehner überzeugt. Zusätzlich verspricht die moderne x86-Mikroprozessor-Architektur großes Potenzial, um ältere Systeme zu konsolidieren. Immerhin macht der Anteil der BS2000- und Mainframe-Bestandskunden rund 95 Prozent des Geschäfts der Fujitsu CE aus. Dennoch muss auch Fujitsu Technology Solutions den veränderten Kundenanforderungen an Services, Cloud, Künstliche Intelligenz und Blockchain künftig gerecht werden. Eine „stringente, vertikale Ausrichtung“ nach Kundensegmenten soll diesen Prozess untermauern. Die Vertriebsorganisation wurde deshalb auf die Branchen Automotive, Manufacturing, Financial Institutes, Public und Private ausgerichtet. Die Lösungen und Services, die künftig als Fujitsu Connected Services vermarktet werden, sollen zudem insbesondere auf den Mittelstand und die Verwaltungen zugeschnitten sein.

Europa-Chef Rupert Lehner vor dem Schaubild „Fujitsu Connected Services“.
Europa-Chef Rupert Lehner vor dem Schaubild „Fujitsu Connected Services“. (Bild: VIT/ewg)

Fujitsu will verstärkt produktnahe Services anbieten, erklärt Lehner. Ein rundes Angebot aus Infrastruktur, Services und Wartung. Der Fokus liegt auf Services für das Hybrid-Cloud-Management. Die bereits bestehenden Partnerschaften mit SAP und Microsoft sollen noch weiter intensiviert werden. Auch deshalb, weil SAP verstärkt Microsoft Azure für die eigenen Services nutzt. Workplace-Lösungen, Cloud-Orchestrierung sowie Consulting entlang der adressierten Branchen ergänzen das Portfolio. Um dieses in großem Umfange anbieten zu können, setzt Fujitsu Technology Solutions in der DACH-Region – und da gebe es auch klare Unterstützung aus Japan, so Lehner – weiter auf die eigene Vertriebstruppe sowie den starken Channel aus über 10.000 Partnern. „Hier sind wir mit unserem dichtem Partnernetzwerk dem Wettbewerb weit voraus“, verkündet Lehner stolz. Immer wichtiger werde zudem das eigene Co-Creation-Programm, das Partner, Kunden und Fujitsu selbst zum aktiven Mitgestalten und zu kreativer Entwicklung neuer Lösungsansätze und Projektentwürfe zusammenbringt.

In den kommenden Jahren will der Fujitsu-Konzern einen dreistelligen Millionenbetrag alleine für den Ausbau des europäischen Marktes ausgeben. Japan habe erkannt, so Lehner, dass es wichtig sei, stärker in die einzelnen Länder zu investieren. Das Geld fließt nicht zuletzt in umfassende Recruitingmaßnahmen und in die Weiterbildung der vorhandenen Belegschaft. So will man im Servicebereich mindestens 700 neue Mitarbeiter gewinnen. Zudem soll das erfolgreiche Konzept der Fujitsu Enterprise Platform Services (EPS) Academy in der Region Central Europe ausgebaut werden, um die bereits seit Jahren bestehende Zusammenarbeit mit den Hochschulen zu intensivieren – flächendeckend und nicht nur auf wichtige Wirtschaftsräume konzentriert.

Lichter gehen nicht ganz aus

Und hier zeigt sich auch der kleine Hoffnungsstrahl für den Standort Augsburg, wie Lehner sichtlich erleichtert berichtete. Die Vertreter von Arbeitnehmern und Arbeitgeber konnten sich in intensiven Verhandlungen darauf verständigen, dass rund 350 Mitarbeiter der insgesamt 1.800 von der Schließung betroffenen Werksangehörigen in einer neuen Niederlassung im Großraum Augsburg weiter im Konzern beschäftigt bleiben können – als Fachkräfte im Service und für die Auftragsabwicklung im Infrastrukturgeschäft. Aber auch im Bereich der Produktentwicklung sollen Stellen erhalten bleiben. Zwar finde die R&D ausschließlich in Japan statt, doch müssten immer noch marktspezifische Anpassungen erfolgen, erklärte Lehner. Und auch das in Augsburg für die BS2000-Entwicklung betriebene Rechenzentrum soll, wenn es nach Lehner geht, vor Ort verbleiben. Zurzeit sei man auf der Suche nach einem geeigneten Standort für das Rechenzentrum ebenso wie für eine neue Niederlassung. Für die bisherigen Gebäude gebe es bereits Interessenten.

„Wir sind zukunftsorientiert unterwegs“, betont Lehner. Dies zeige sich nicht nur in der Straffung der Organisation, sondern auch in dem klaren Bekenntnis zu den Partnern sowie die massive Stärkung mit Consultants, die das für die vertikale Ausrichtung benötigt Branchen-Know-how mitbringen bzw. aufbauen werden.

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