Cloud Report 2026 Cloud „Made in Germany“ dringend gesucht

Von Agnes Panjas 6 min Lesedauer

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Die deutsche Wirtschaft steckt in einer Cloud-Beziehungskrise: Die Hyperscaler klammern sehr, der Wunsch nach heimischen Alternativen wächst. Viele sind bereit die Cloud-Abhängigkeit zu beenden – notfalls auch mit Kompromissen, aber mehr digitaler Souveränität.

Immer mehr Unternehmen wünschen sich einen  Cloud-Anbieter aus Deutschland oder Europa. 85 der Befragten aus dem Bitkom Cloud Report 2026 teilen diesen Wunsch.(Bild:  Gemini / KI-generiert)
Immer mehr Unternehmen wünschen sich einen Cloud-Anbieter aus Deutschland oder Europa. 85 der Befragten aus dem Bitkom Cloud Report 2026 teilen diesen Wunsch.
(Bild: Gemini / KI-generiert)

Wenn die deutsche Wirtschaft derzeit eine Kontaktanzeige unter „Partneranzeigen“ aufgeben würde, klänge sie wohl nach dem dringenden Wunsch, aus einer toxischen Beziehung auszubrechen. Man fühlt sich zu sehr geklammert vom dominanten Partner aus Übersee und die Abhängigkeit wächst. Der Blick wandert deshalb verstärkt in die lokalen „Partnerbörsen“: Die Sehnsucht nach einer soliden, heimischen Cloud-Alternative ist groß. Dafür ist man inzwischen sogar bereit, die Ansprüche an den potenziellen neuen Partner deutlich herunterzuschrauben – Hauptsache, er kommt aus der Region.

Ein ähnliches Stimmungsbild zeichnet auch Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. Er sieht die Cloud als „eine zentrale Infrastruktur für die deutsche Wirtschaft“, deren Herkunft „angesichts der großen geopolitischen Veränderungen jetzt Fragen der Souveränität und des Abbaus einseitiger Abhängigkeiten in den Fokus“ rückt. Wintergerst fordert deshalb: „Deutschland muss sich bei der Cloud mit Blick auf die zunehmende Bedeutung von KI und Daten aus einseitigen Abhängigkeiten lösen.“

85 Prozent sehen Deutschland als zu abhängig von Hyperscalern

In konkreten Zahlen drückt sich der Wunsch dabei wie folgt aus: 85 Prozent der Unternehmen halten Deutschland für zu abhängig von US-Cloud-Anbietern, vor einem Jahr lag der Anteil noch bei 78 Prozent. 80 Prozent wünschen sich große Cloud-Anbieter, sogenannte Hyperscaler, aus Deutschland oder Europa, die es mit den globalen Marktführern aufnehmen können. Zugleich wären inzwischen 37 Prozent bereit, einen Cloud-Dienst zu nutzen, der Daten ausschließlich in Deutschland und vor ausländischem Zugriff geschützt verarbeitet, auch wenn das mit Nachteilen wie weniger Funktionen oder höheren Kosten verbunden wäre. Vor einem Jahr waren es mit 27 Prozent noch deutlich weniger. Fast zwei Drittel (64 %) der Unternehmen, die Cloud Computing nutzen, fühlen sich durch die Politik der US-Regierung gezwungen, ihre Cloud-Strategie zu überdenken. Vor einem Jahr waren das noch 50 Prozent.

Sie nutzen USA, wollen aber Deutschland

Der Wunsch nach souveränen Cloud-Anbietern aus Deutschland ist groß.(Bild:  Bitkom)
Der Wunsch nach souveränen Cloud-Anbietern aus Deutschland ist groß.
(Bild: Bitkom)

Für nahezu alle Unternehmen, die Cloud-Dienste nutzen oder dies in Erwägung ziehen (98 Prozent), spielt das Herkunftsland des Cloud-Anbieters eine Rolle. Die Anbieter-Landschaft und der Wunsch der Unternehmen klaffen dabei deutlich auseinander:

  • 71 Prozent der Unternehmen beziehen heute Cloud-Angebote aus den USA, bevorzugen würden das aber nur 8 Prozent.
  • Bei deutschen Anbietern ist es eher umgekehrt: 53 Prozent nutzen aktuell Provider aus Deutschland, vorziehen würden sie 91 Prozent der Unternehmen.
  • Anbieter aus der EU sind heute bei 45 Prozent im Einsatz, bevorzugt werden sie von 68 Prozent.
  • 43 Prozent der Unternehmen sind der Meinung, für ihre Cloud-Anforderungen gäbe es derzeit keine gleichwertigen europäischen Alternativen zu den US-Hyperscalern.

Zur Methodik des Bitkom Cloud Reports

Die Ergebnisse basieren auf einer repräsentativen CATI-Befragung von 603 Unternehmen aller Branchen in Deutschland ab 20 Beschäftigten, durchgeführt von Bitkom Research. Die Befragung fand im Zeitraum von KW 14 bis KW 20 2026 statt. Den vollständigen „Cloud Report 2026“ finden Sie hier.

Cloud-Anbieterwechsel sind die Ausnahme

Was die Beziehung zu den genutzten Cloud-Anbieter angeht, zeigen sich die befragten Unternehmen alle als relativ treu. Bisher haben nur die wenigsten Unternehmen schon einmal ihren Cloud-Anbieter gewechselt. Nur rund jedes dritte Unternehmen, das Cloud Computing nutzt, hat laut der Befragung einen solchen Wechsel bereits vollzogen:

  • 26 Prozent haben einmal gewechselt,
  • 8 Prozent haben mehrfach gewechselt,
  • 20 Prozent haben einen Wechsel in Zukunft fest vor
  • und 43 Prozent wollen ihren Anbieter hingegen behalten.

Gefangen in der alten Beziehung: Das Lock-in-Problem

Als größtes Hindernis für einen Wechsel nennen 59 Prozent Lock-in-Effekte, also etwa schwierige Datenexporte oder -migration. Dahinter folgen ein fehlender strategischer Bedarf (49 %), zu hoher personeller Aufwand und die hohe Komplexität der Anwendungen (je 45 %), Zufriedenheit mit dem aktuellen Anbieter (43 %) sowie zu hoher finanzieller (41 %) oder technischer (32 %) Aufwand. Rund ein Viertel (28 %) sieht in einem Wechsel ganz allgemein ein zu hohes Risiko. Lediglich 12 Prozent haben schlicht noch nie darüber nachgedacht.

In den Cloud-Markt könnte in den kommenden Jahren mehr Bewegung kommen, wenn sich Unternehmen einen Wechsel zutrauen und gezielt nach Alternativen mit klarem Souveränitäts-Profil suchen.

Dr. Ralf Wintergerst, Bitkom Präsident

Wintergerst rät Unternehmen grundlegend dazu „Lock-In-Effekte so gering wie möglich zu halten“. Dies „sollte für Unternehmen deshalb auch ein ganz wesentlicher Teil der eigenen Cloud-Strategie sein“, so weiter der Bitkom-Präsident.

KI und Daten sind die Cloud-Treiber

In deutschen Unternehmen wird man der Cloud-Nutzung jedoch, so scheint es, derzeit und auch zukünftig kaum mehr entkommen können. Das zeigen auch die Zahlen: Schon heute steht die Cloud bei jedem zweiten Unternehmen im Vordergrund. 17 Prozent der Cloud-Nutzer verfolgen einen „Cloud only“-Ansatz, setzen also bei sämtlichen Anwendungen und Systemen auf die Cloud, wohin sie bestehende Lösungen überführen. Weitere 33 Prozent verfolgen eine „Cloud first“-Strategie und greifen bei neuen Projekten bevorzugt auf die Cloud zurück. 28 Prozent ergänzen ihre bestehende IT-Infrastruktur lediglich um Cloud-Anwendungen („Cloud too“). Nur 15 Prozent verfolgen je nach Unternehmensbereich unterschiedliche Strategien und drei Prozent haben sich dazu noch keine Gedanken gemacht.

Dennoch werden Clouds die IT-Landschaft nicht komplett dominieren. Derzeit werden in der deutschen Wirtschaft im Schnitt mit 47 Prozent nur knapp die Hälfte aller IT-Anwendungen aus der Cloud betrieben. In fünf Jahren soll der Anteil auf 58 Prozent steigen. Während heute noch 15 Prozent der Unternehmen weniger als 10 Prozent ihrer IT-Anwendungen aus der Cloud beziehen, wird das in fünf Jahren nur noch für 3 Prozent der Unternehmen gelten. Der Anteil der Unternehmen, die mehr als die Hälfte ihrer IT-Anwendungen aus der Cloud beziehen, wächst gleichzeitig von 40 auf 60 Prozent.

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Für immer mehr Unternehmen wird die Cloud zum Rückgrat ihrer IT. Viele Unternehmen verlassen sich aber nicht vollständig auf die Cloud.

Dr. Ralf Wintergerst, Bitkom Präsident

Mehr Cloud, mehr Kosten

Ein Grund dafür stellen sicherlich die schwer kalkulierbaren Kosten dar. Im vergangenen Jahr sind die Betriebskosten für Cloud-Lösungen bei 64 Prozent der Unternehmen gestiegen: bei 19 Prozent stark, bei 45 Prozent leicht. Für 2026 erwartet eine Mehrheit erneut steigende Kosten: 14 Prozent rechnen mit stark steigenden, 40 Prozent mit leicht steigenden Ausgaben. 35 Prozent gehen von unveränderten Betriebskosten aus, 9 Prozent rechnen sogar mit sinkenden Ausgaben.

Vertrauen und Sicherheit sind die härtesten Währungen

Bei der Auswahl des Cloud-Anbieters stehen für die Unternehmen derzeit Sicherheit und Vertrauen an erster Stelle. „Sicherheit ist und bleibt das Top-Thema bei der Cloud-Auswahl: Sicherheit vor Angriffen und Datenverlust, aber auch vor Betriebsausfällen und unbefugten Zugriffen“, hebt Wintergerst hervor.

Das ist deutschen Unternehmen bei Cloud-Anbietern wichtig:

  • Als Must-have-Kriterium nennen 95 Prozent das Vertrauen in IT-Sicherheit, Datenschutz und Compliance,
  • 91 Prozent die Leistungsfähigkeit und Stabilität,
  • 89 Prozent die Möglichkeit zur Datenverschlüsselung und 87 Prozent den Schutz vor unbefugtem Zugriff durch den Cloud-Anbieter selbst.
  • Das Herkunftsland des Cloud-Providers ist für 61 Prozent wichtig,
  • der Standort der Rechenzentren für 57 Prozent,
  • eine einfache Wechselmöglichkeit des Anbieters, um nicht in eine Abhängigkeit zu geraten, nennen 37 Prozent als Kriterium,
  • 63 Prozent legen Wert auf Interoperabilität,
  • 61 Prozent auf Nachhaltigkeit wie Klimaneutralität,
  • 48 Prozent auf Zugriff auf innovative Funktionen,
  • 40 Prozent auf niedrige Kosten
  • und 32 Prozent auf weltweite Verfügbarkeit.

Unternehmen fordern mehr Souveränität und Transparenz

Vor allem an den Staat haben die Unternehmen klare Erwartungen: 90 Prozent fordern, dass staatliche Stellen stärker auf europäische oder souveräne Cloud-Lösungen setzen, und 79 Prozent sehen den Staat in der Rolle eines Vorreiters bei der Nutzung souveräner Cloud-Angebote. 74 Prozent halten staatliche Initiativen zur Stärkung europäischer Cloud-Infrastrukturen für notwendig. 75 Prozent sagen, die bisherigen politischen Initiativen zur digitalen Souveränität hätten zu wenig konkrete Effekte für ihr Unternehmen gehabt. Nur 30 Prozent finden die aktuelle politische Unterstützung für europäische Cloud-Initiativen ausreichend.

Cloud-Souveränität entsteht nicht durch Bekenntnisse, sondern durch verbindliche Standards und einen Staat, der selbst Vorreiter ist.

Dr. Ralf Wintergerst, Bitkom-Präsident

Zugleich beklagen die Unternehmen Defizite bei den souveränen Cloud-Angeboten internationaler Anbieter: 87 Prozent vermissen ausreichende Transparenz über Datenverarbeitung und Zugriffsrechte, 53 Prozent halten die rechtlichen und regulatorischen Anforderungen für unklar oder uneinheitlich, und 51 Prozent kritisieren das Fehlen einheitlicher europäischer Gütesiegel oder Zertifizierungen.

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