Blockchain-as-a-Service auf dem Vormarsch

BaaS mischt Karten für Cloud-Anbieter neu

| Autor / Redakteur: Filipe Pereira Martins und Anna Kobylinska* / Elke Witmer-Goßner

Blockchain-gestützte Lösungen erfordern verteilte Rechenleistung; Cloud Computing kommt da wie gerufen.
Blockchain-gestützte Lösungen erfordern verteilte Rechenleistung; Cloud Computing kommt da wie gerufen. (Bild: gemeinfrei (geralt - Pixabay) / CC0)

Aus der Feder von Krypto-Enthusiasten stammt eine neuartige Methode der Aufzeichnung von Geschäftsabläufen: die DLT (kurz für Distributed Ledger Technology), besser bekannt als die Blockchain. Die disruptive Natur der Blockchain-Technologie mischt das Ranking der relevantesten Cloud-Anbieter gerade neu auf.

Der Blockchain-Technologie wurde bereits eine Vielzahl von praktischen Nutzungsszenarien nachgewiesen, darunter: P2P-Transaktionsabwicklung ohne eine zentrale Zwischenstelle, lückenlose Nachverfolgung des Transfers von Vermögenswerten, Umsetzung kognitiver Wertschöpfungsketten mit IoT-Anbindung sowie Smart Contracts, also Verträge, die sich beim Auftreten bestimmter Ereignisse autark vollziehen. Die praktische Umsetzung Blockchain-gestützter Lösungen erfordert massive verteilte Rechenleistung. Das Cloud-Computing kommt da gerade wie gerufen. Kein Wunder, dass die führenden Cloud-Anbieter allesamt unter Hochdruck Blockchain-as-a-Service-(BaaS)-Plattformen entwickeln.

Microsoft feuert aus allen Rohren

Mit dem Azure Blockchain Service hat sich Microsoft an AWS vorbei in die Marktführerschaft katapultiert. Die aktuelle Vision des eigenen Blockchain-Ökosystems taufte Microsoft auf den Namen Bletchley. Azure debütierte das erste Blockchain-as-a-Service-Angebot (EBaaS für Ethereum Blockchain-as-a-Service) bereits in 2015. Inzwischen können Unternehmen neben Ethereum auch andere Blockchain-Netzwerke auf Azure aufsetzen, darunter Quorum (EEA), Hyperledger Fabric, R3 Corda und Chain Core. Im Laufe der vergangenen zwölf Monate haben Microsofts BaaS-Dienste einen echten Quantensprung vollzogen. Anfang 2017 wurde Azure als erste Public Cloud um die Unterstützung für mehrfach vernetzte konsortium-kontrollierte Blockchains erweitert. Im August stellte Microsoft das Coco Framework vor, eine quelloffene Plattform für hochskalierbare, vertrauliche, konsortium-kontrollierte Blockchain-Netzwerke.

Die Fähigkeit, interoperable Blockchain-Netzwerke durch ein Firmenkonsortium zu kontrollieren, stellt die Voraussetzung für kommerziellen Einsatz im Unternehmensumfeld dar, zum Beispiel zur Digitalisierung von Wertschöpfungsketten. Konsortium-Blockchains stellen jedoch wesentlich höhere Herausforderungen an die Technologie als öffentliche oder private Blockchains. Konsortium-kontrollierte Blockchains müssen die verteilte Verwaltung des Ökosystems durch mehrere autarke Handelspartner meistern und ein höheres Niveau an Vertraulichkeit mit fortgeschrittener Sicherheit untermauern. Microsofts Antwort auf diese Herausforderungen umfasst das Coco Framework, ein fortgeschrittenes System des verteilten Identitäts-Managements und das Enterprise Smart Contracts Framework, eine Technologieplattform für verteilte Blockchain-Anwendungen, die sogenannten Dapps (Decentralized Apps), der Enterprise-Klasse.

Drei Stützpfeiler: die Architektur von Microsofts Enterprise Smart Contract Frameworks im Überblick.
Drei Stützpfeiler: die Architektur von Microsofts Enterprise Smart Contract Frameworks im Überblick. (Bild: Microsoft)

Microsofts BaaS nutzt Azure Resource Manager-Templates, um ein verteiltes Netzwerk aus virtuellen Maschinen oder Docker-Containern ins Leben zu rufen. Mit BaaS können Unternehmen mit wenigen Mausklicks einen experimentellen Sandkasten für die Entwicklung von Prototypen Blockchain-gestützter Apps aufzusetzen und ihre Lösungen als private, öffentliche oder konsortium-kontrollierte Blockchain-Ökosysteme produktiv in Betrieb zu nehmen. Azure-Nutzer können ihre Dapps im Übrigen mit Microsofts Technologien integrieren, darunter Cortana Analytics, Power BI, Azure Active Directory, Office 365 und anderen. Mit Hilfe der sogenannten Cryptlets (kryptografischer Middleware-Bausteine der Smart-Contract-Architektur von Microsoft) sollen Anwender zudem Daten aus externen Quellen in ihre Blockchains einpflegen können. Eine Palette von Middleware-Tools aus dem Azure Marketplace soll eine Vielzahl konkreter Anwendungen abdecken.

Microsoft hat die Bedeutung des Identitäts-Managements und der Verschlüsselung für den Erfolg der BaaS-Dienste erkannt. In Zusammenarbeit mit Accenture und anderen Mitgliedern der Decentralized Identity Foundation entwickelt der Cloud-Riese ein Cloud-basiertes System zur sicheren Verwaltung dezentralisierter digitaler Identitäten, der sogenannten DIDs. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit entsteht unter anderem ein verschlüsselter Datastore für dezentralisierte Identitäten und ein Server namens Universal DID Resolver, der zwischen DIDs verschiedener Blockchains vermitteln soll. In dem von Microsoft avisierten Design der App Authenticator soll die ID eines Benutzers in der Blockchain verankert verankert werden, während die eigentlichen Identitätsdaten außerhalb der Blockchain in dem so genannten ID-Hub verschlüsselt aufbewahrt werden, wo sie nicht einmal für Microsoft zugänglich sein sollen.

IBM erreicht kritische Masse

IBMs Blockchain-Plattform basiert auf Hyperledger, einem quelloffenen DLT-Standard der Linux Foundation. IBM plant, den Dienst in insgesamt vier verschiedenen Ausbaustufen bereitzustellen; bisher ist nur die Enterprise-Variante öffentlich verfügbar. Die Editionen Entry, Enterprise Plus und Self-Managed sollen in Kürze folgen. In der Ausbaustufe Enterprise Plus soll die Mitgliedschaft dedizierte Rechenleistung und Isolierung bereitstellen, um eine höhere Datensicherheit und eine garantierte Transaktionsperformance zu gewährleisten. In der Self-Managed-Variante der Plattform soll es für Unternehmen möglich sein, IBMs Blockchain-Plattform auf der eigenen Infrastruktur auszuführen.

Mit dem Watson IoT Center in München hat IBM eine globale Forschungszentrale für IoT und die Blockchain errichtet — die erste ihrer Art außerhalb der USA. Der Blaue Riese ließ sich das Projekt satte 200 Millionen US-Dollar kosten. Mit ca. 6.000 Clients und Partnern wie BMW, Visa, Bosch, Indiegogo, Arrow, Ricoh, KONE, Schaeffler, SNCF, Avnet, BNP Paribas, Capgemini und Tech Mahindra sollen hier neue blockchain-basierte Anwendungen für die vernetzte Wirtschaft entstehen.

AWS, der lachende Dritte

Ein Cloud-Riese auf Aufholjagt: AWS-CEO Andy Jassy konnte sich noch Ende 2017 kaum praktische Anwendungsszenarien für die DLT-Technik ausmalen.
Ein Cloud-Riese auf Aufholjagt: AWS-CEO Andy Jassy konnte sich noch Ende 2017 kaum praktische Anwendungsszenarien für die DLT-Technik ausmalen. (Bild: AWS)

Ungeachtet des halsbrecherischen Innovationstempos bei den Mitbewerbern konnte sich AWS für Blockchain-as-a-Service bisher kaum erwärmen. So auch auf der jährlichen re:Invent-Konferenz in Las Vegas im Dezember 2017 zeigte sich Andy Jassy, der Geschäftsführer von AWS, beim Thema BaaS nahezu gelangweilt. Er bemängelte lautstark die seiner Meinung nach beschränkten Anwendungsszenarien der DLT-Technologie. Viele Konferenzteilnehmer gewannen den Eindruck, dass AWS gegenüber seinem Rivalen Microsoft ins Hintertreffen geraten sei und es nur ungerne zugeben wollte.

Nach knapp drei Wochen war Amazons Aufholjagd in vollem Gange: mit der Ankündigung von AWS Blockchain Partners Portal machte der Anbieter plötzlich auf sein - jedenfalls im Vergleich zu Azure praktisch nicht existierendes - BaaS-Angebot aufmerksam. Das Portal bietet blockchain-basierte Lösungen von AWS-Partnern mit nativer Integration in die AWS-Cloud, darunter Sawtooth Supply Chain, Sawtooth 1.0, R3 Corda, PokitDok und Blockapps Strato. Im Laufe von 2018 sollen Samsung SDS, Tibco, Quorum und Virtusa sowie Referenzarchitekturen hinzukommen. AWS arbeitet darüber hinaus unter anderem mit der Deutschen Telekom T-Mobile sowie den Consulting-Agenturen PwC, Deloitte und der Digital Currency Group zusammen.

Etappensieger im Wettlauf

Die Blockchain bietet Unternehmen reichlich Potenzial für Innovationen, die auf massive Rechenleistung aus der Cloud zurückgreifen. Im Rennen der Computing-Wolken um die leistungsstärkste BaaS-Plattform geht bisher Microsoft als klarer Sieger hervor.

* Filipe Pereira Martins und Anna Kobylinska, Soft1T S.a r.l. Beratungsgesellschaft mbH McKinley Denali Inc. (USA)

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