Heute werden mit ERP-Systemen aus der Cloud primär Effizienzgewinne und Kosteneinsparungen in Verbindung gebracht. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Warum es trotz überzeugender Vorteile so lange gedauert hat und wie der Weg in die Cloud begann, fragten wir Timo Bärenklau, Country Manager Deutschland/Österreich von Cloud ERP-Pionier Myfactory.
Timo Bärenklau von Myfactory ist überzeugt: „ Cloud-Computing hat disruptiven Charakter und wird lokal installierte ERP-System über kurz oder lang komplett verdrängen.“
(Bild: putilov_denis - stock.adobe.com)
Im Gespräch blickt er auf mehr als 20 Jahre Myfactory-Historie zurück, von denen er die letzten zehn Jahre selbst mitgestaltete. Untrennbar damit verbunden ist die Entwicklung des Marktes für webbasierte Business Software in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Im Jahr 2000 war Myfactory mit ersten ASP-Angeboten am Start. Auf der IT-Messe Systems in München wurde eine Lösung für kleine Unternehmen (web-kaufmann.de) vorgestellt. Wie sieht die IT-Welt aus, auf die Sie heute treffen?
Timo Bärenklau: Vieles sieht auf den ersten Blick vertraut aus, hat sich seitdem aber enorm entwickelt. So ist das Internet Anfang der 2000er Jahre fast schon so allgegenwärtig wie heute und erste Application Service Provider (ASP) – so nannte man den SaaS-Vorgänger – hosten und verwalten dort Business-Software, die zumeist von Drittanbietern stammt. Üblicherweise arbeiten Unternehmen zu dieser Zeit aber noch mit einer Kombination aus PCs und lokal installierter Software. Man erwarb Softwarelizenzen und installierte die als On-Premises-Software bezeichneten Client/Server-Anwendungen dann auf den Rechnern vor Ort im Unternehmen. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 ist die Großwetterlage in der IT-Welt insgesamt etwas eingetrübt. Dennoch betreten unverändert Unternehmen mit neuen Online-Angeboten den Markt. Eines davon ist Myfactory.
Wie stand es damals um die Akzeptanz, Unternehmenssoftware on Demand über das Internet zu nutzen?
Bärenklau: Es gab auf Anwenderseite noch weit verbreitete Vorbehalte der verschiedensten Art. Zuvorderst Sicherheitsbedenken. Teils stimmten die technischen Voraussetzungen für die Nutzung der On-Demand-Software – etwa schnelle Internetverbindungen – auch noch nicht. Für ASP-Anbieter war es also nicht leicht und gab es noch eine Menge zu tun.
1999 hat mit Salesforce ein neuer Player den Markt betreten. Hatte das Einfluss auf Ihre Pläne?
Bärenklau: Wir sahen uns eher bestärkt. Mit der CRM-Plattform von Salesforce erschien die erste komplett neuentwickelte SaaS-Lösung am Markt und zeigte, wie bestechend die Vorteile des Konzeptes sind. In unseren Augen waren die Karten damit endgültig neu gemischt. Die Menschen hinter Myfactory brachten also nicht nur viele Jahre ERP-Erfahrung mit, sie haben die künftige Entwicklung zu diesem frühen Zeitpunkt auch richtig eingeschätzt.
Auf ASP folgte also SaaS. Aber auch das ist nicht sofort ein Selbstläufer, oder?
Bärenklau: Nein, zunächst hielt man das SaaS-Modell vielfach sogar nur als geeignet für Start-ups und kleine Unternehmen. Und auch an der Zukunftsfähigkeit des Abonnementmodells wurde gezweifelt. Eine eklatante Fehleinschätzung, wie wir heute wissen.
Worin unterscheiden sich ASP und SaaS?
Bärenklau: Das ASP-Modell ist mit einigen Einschränkungen verbunden. Letztlich wurden von den ASPs ja nur bestehende Client/Server-Lösungen über virtuelle private Netze on Demand via Fernzugriff zur Verfügung gestellt. Jeder Kunde arbeitet noch mit seiner eigenen Software. Und auch zeitaufwendige und teure lokale Client-Installationen sind noch erforderlich. Eine Konsequenz davon: Updates können zu stark voneinander abweichenden Versionen führen. Dies wiederum hat hohe Supportkosten sowie Sicherheitsrisiken zur Folge. Anders bei SaaS, also echten Cloud-Lösungen: Einzelne Instanzen können dank Mehrmandantenarchitektur von mehreren Benutzern und Kunden gleichzeitig genutzt werden, lokale Installationen sind nicht mehr erforderlich. Cloud-Lösungen bündeln Infrastrukturressourcen und Softwareapplikationen – meist Lösungen des Serviceanbieters selbst – zu einem kompletten und einsatzfertigen Leistungsangebot, das dem Nutzer über das Internet zur Verfügung gestellt wird. Cloud-Computing und Cloud-ERPs mit ihren heute bekannten Effizienzgewinnen und Kosteneinsparungen sind geboren.
Ein kurzer Exkurs in die Technik: Myfactory hat in der Entwicklung von Anfang an auf .NET von Microsoft gesetzt. Warum?
Bärenklau: In der Pressemitteilung zur Vorstellung der neuen .NET Technologie im Juni 2000 machte Bill Gates – der sich zu diesem Zeitpunkt voll und ganz auf das Thema konzentrierte – klar, worum es dabei geht. Sinngemäß zitiert: „Microsoft und seine Partner leisten damit Pionierarbeit für das Internet der nächsten Generation. Und zwar durch Software, die Barrieren einreißt, um das volle Potenzial des Internets auszuschöpfen.“ Wir haben also von Anfang an auf eine konsequent internetbasierende und gleichzeitig tief in die Microsoft-Welt integrierte Technologie gesetzt. Bereits 2003 ist die .NET-Version von Myfactory verfügbar und erhält in der Kategorie „Softwarelösungen für mittelständische Unternehmen“ noch im gleichen Jahr den Microsoft .NET Award. Damals ein Alleinstellungsmerkmal. Von den grundsätzlichen Vorteilen dieser Weichenstellung profitieren Myfactory Nutzer aber bis heute.
Timo Bärenklau begann seine Karriere bei Myfactory im Vertrieb bereits 2012 und übernahm 2019 die Position des Vertriebsleiters Deutschland und Österreich. Nachdem myfactory Teil von Forterro wurde, nahm er im August 2022 die Rolle des Country Managers für Deutschland, Österreich und Niederlande des Cloud-ERP-Herstellers ein. Das Unternehmen gehört zu den Cloud-ERP-Pionieren und bietet seit mehr als 20 Jahren ERP/SaaS-Lösungen an.
Bildquelle: Myfactory International GmbH
Was sind das für Vorteile? Wovon genau profitieren die Anwender eines Cloud-ERP?
Bärenklau: Die Vorteile sind wirklich derartig vielfältig, dass ich sie hier nur kurz anreißen kann. Generell: Die Multi-Tenant-Architektur eines modernen Cloud-ERPs führt zu Kosten-, Administrations- und Sicherheitsvorteilen, da tausende von Unternehmen parallel mit derselben Applikation arbeiten und sich die Kosten teilen. Weitere Vorteile sind die Installation der Applikation in professionellen und performanten Hochsicherheitsrechenzentren – ebenfalls wieder zu geteilten Kosten. Interne IT-Abteilungen werden entlastet, da sie sich nicht mehr mit Software-Installationen, Updates, Sicherheitspatches oder der Wartung von Hardware und Infrastruktur beschäftigen müssen. Zudem ist immer automatisch die aktuelle Version der ERP-Lösung im Einsatz. Auch das mobile Arbeiten profitiert, da die Nutzung einer Applikation über alle Endgeräte erfolgen kann, die über einen Webbrowser verfügen. Übernimmt ein Cloud-ERP dann auch noch Portalfunktionen, lassen sich externe Unternehmen, Personen oder Partner integrieren, was zu erheblich optimierten Prozessen führt. Gepaart mit unseren geschulten Vertriebspartnerunternehmen lassen sich diese Vorteile durch den Endkunden voll ausschöpfen.
Stand: 08.12.2025
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Und wohin führt den ERP-Markt als solchen die Reise?
Bärenklau: Komplett in die Cloud. Cloud-Computing hat disruptiven Charakter und wird lokal installierte ERP-System über kurz oder lang komplett verdrängen. Auch Hybrid-Strategien sehen wir nur als Übergangslösung. Denn auch wenn Altsysteme über Schnittstellen an moderne Cloud-Lösungen angebunden werden, bleiben es Altsysteme mit ihren eingeschränkten Möglichkeiten. Und mit dieser Auffassung stehen wir nicht alleine. Der Cloud Monitor 2022 von KPMG stellt fest, dass sich die Zahl der Unternehmen mit einer Cloud-Only-Strategie gegenüber 2021 verdoppelt hat. Zugegeben, noch auf einem relativ niedrigen Niveau. Aber die Entwicklung ist eindeutig und wird von anderen Untersuchungen gestützt. Etwa durch die ERP Trends 2021 von Vallée und Partner. Daraus ein abschließendes Zitat: „Tatsächlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis On-Premises-Angebote der ERP-Anbieter vom Markt verschwinden. Der Trend zeigt hier in eine klare Richtung: Cloud-First bis Cloud-Only.“ Und so sehen wir das auch.