Sechs Hubs bis Jahresende, Federations Services starten 2021 US-Hyperscaler werben auf GAIA-X Summit

Autor / Redakteur: M.A. Dirk Srocke / Elke Witmer-Goßner

Wenngleich sich Europas Politiker von US-Hyperscalern emanzipieren wollen, präsentierten die sich jetzt auf dem GAIA-X-Summit als kooperative Dienstleister. Besucher des virtuellen Events erfuhren zudem mehr zu wirtschaftlichen Aspekten der Datenökonomie und konkreten Plänen für federated Servcies.

Die Federation Services sollen im September als Alpha-Version in Betrieb gehen.
Die Federation Services sollen im September als Alpha-Version in Betrieb gehen.
(Bild: GAIA-X/ www.talque.com (Screenshot))

Mitte November haben die Gründungsmitglieder der GAIA-X AISBL auf einem virtuell ausgerichteten Konferenz über den aktuellen Status ihrer Association sowie die Pläne mit der von ihr getragenen, europäischen Cloud-Initiative berichtet. Die zweitägige Veranstaltung lieferte dabei unter anderem auch akademische Überlegungen und nachvollziehbare Gleichnisse zu wirtschaftlichen Anreizen und Funktionsweise von Datenökonomien. Wie sich Anspruch und Wirklichkeit der souveränen europäischen Plattform allerdings vereinen lassen, konnte man dabei noch an mancher Stelle hinterfragen.

US-Hyperscaler geben sich kooperativ

Das Spannungsfeld um GAIA-X lässt sich anhand zweier Kontrapunkte illustrieren. Auf der einen Seite prangerte beispielsweise Paola Pisano, die italienische Ministerin für Technologische Innovation and Digitalisierung, einen globalen Markt für Public Clouds und Datendienste an, der mehrheitlich von Anbietern aus Asien und den USA dominiert werde. Das sei für europäische Regierungen und Unternehmen ein Grund zur Sorge. Pisanos Folgerung: Man müsse eine Europäische Cloud und Dateninfrastruktur bauen, um Europa unabhängiger von der beinahe exklusiven Dominanz nicht europäischer Anbieter zu machen.

Auf der anderen Seite kamen auf dem GAIA-X Summit bei Weitem nicht nur europäische Anbieter wie OVHcloud, T-Systems oder Cloud&Heat zu Wort. Zugleich gaben sich eben auch Cloud-Größen von der anderen Seite des Atlantiks die virtuelle Klinke in die Hand. Zugeschaltet wurden etwa Casper Klynge von Microsoft, Max Peterson von AWS, Hillery Hunter von IBM Cloud oder Wieland Holfelder von Google.

Die Anbieter positionierten sich dabei unisono als kooperative Dienstleister und sprachen sich für offene Software (Google) sowie den Respekt der Datensouveränität (AWS) aus. Hillery Hunter stellte sich für IBM hinter den EU Cloud Code of Conduct und betonte explizit, Kundendaten nicht für eigene Zwecke nutzen zu wollen.

Airbus erhofft sich Operational Excellence

Hiermit wurde erneut deutlich, dass GAIA-X Anbieter aus Übersee eher zähmen als ausschließen will. Das zeichnete sich übrigens auch schon im Vorjahr ab. Das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) herausgegebene Dokument „Das Projekt GAIA-X“ (PDF) beschrieb im Oktober 2019 einen Lösungsansatz für die Industrie 4.0 wie folgt: „Das Projekt schafft einen Mehrwert, indem es sich als eine Art multilaterale Verwaltungsschicht über existierende Hyperscaler/Cloud-Anbieter legt, die Produktions-Infrastruktur und Clouds mit einer übergeordneten Semantik sowie Datenaustauschdiensten verbindet und so das Schnittstellenmanagement vereinfacht.“

Den Bedarf für mehr Kontrolle über eigene und sensible Geschäftsdaten schilderte Michael Schoellhorn eindringlich. Der Chief Operating Officer vom Flugzeugbauer Airbus zeichnete das Bild eines gnadenlosen Wettbewerbsumfeldes, im dem man sich dauerhafter Angriffe erwehren müsse. Mit der Nutzung von US-Clouds begebe man sich in eine heikle Lage bezüglich Compliance, Vertraulichkeit und Cyber Security. Heute bedeute das noch komplexe, teure und langwierige Vertragsverhandlungen, die Digitalisierungsbemühungen ausbremsen. So habe man erst 2016 den ersten kommerziellen Cloud-Vertrag geschlossen, die Kosten für das Data Government Management für Exportkontrolle könnten sich auf bis zu sieben Prozent der Einnahmen eines spezifischen Geschäfts aufsummieren. Von GAIA-X erhoffe man sich nun neue Rahmenbedingungen für den kompletten Cloud-Betrieb. Die Stichpunkte lauten hier: Wettbewerbsfähigkeit, Operational Excellence, Collaboration und Innovation.

Wirtschaft mit Datenspaces und dezentralen Token

Wie sich Governance, Technik und Ökonomie in Datenräumen umsetzen lassen, hat Christian Heise von Google anhand eines Gleichnisses geschildert: Dem einer Eisenbahn, die sich auch als Infrastruktur für den Austausch betrachten lasse. Habe man in der analogen Welt günstig Güterbeförderungstickets für eine noch zu errichtende Bahnstrecke erworben, könne man in der der digitalen Welt auf dezentrale Plattformen und Tokens setzen.

Eingehender mit den wirtschaftlichen Implikationen einer Datenökonomie auseinandergesetzt hat sich auch Jacques Crémer. In seinem Vortrag zu den „Economics of Data Exchanges“ behandelte der Professor an der Toulouse School of Economics beispielsweise die Kosten und Anreize beim Auffinden, Zugreifen oder Austauschen von Informationen. Dabei ging der Forscher insbesondere auf die Besonderheiten digitaler Daten ein, denn die verschwinden nicht nach Benutzung, werden ständig generiert und haben einen unterschiedlichen Wert für verschiedene Anwendungen.

AISBL, Architecture und Federation Alpha 2021

Schließlich lieferte die GAIA-X AISBL auf dem Summit auch weiteren Kontext zum aktuellen Stand des Projekts. Unter dem Vermerk „under contruction“ skizzierte Olivier Senot, Digital Innovation Director Docaposte, die vorläufige Funktion und Struktur der GAIA-X-Association. Die Association sei demnach allein für Policy Rules und Standards verantwortlich. Dabei gestalte man auch die übergreifende Data Space Structure im Rahmen der EU Data Strategy.

Eine Generalversammlung wähle das Board of Directors der GAIA-X-Assciation; dieses wiederum benenne Management Board sowie zwei Kommittees. Das Policy Committee stelle die beiden Working Groups für Infrastructure sowie Data & Software. Unter dem Technical Committee angesiedelt sind die Working Groups für User, Provider, X-Association, Federated Services/OSS, Architecture und Portfolio.

Zusätzlich will die GAIA-X-Association auf die Unterstützung von GAIA-X User Hubs zurückgreifen. Die europaweit verteilten Hubs sollen Nutzerinteressen bündeln, nicht aber als Zweigstellen der GAIA-X-Association fungieren. Stattdessen sollen wechselseitige Vereinbarungen (MoU) die Zusammenarbeit regeln.

Bis Jahresende 2020 werde man sechs Hubs in Italien, Frankreich, Deutschland, Belgien, Luxemburg und Finnland eingerichtet haben, im kommenden Jahr sollen sechs weitere folgen. Auf der Roadmap für das kommende Jahr stehen zudem weitere Veranstaltungen und Spezifikationen, darunter Releases der Architecture of Standards, Technical Architecture Documents sowie GAIA-X Policy Rules. Im Mai sollen schließlich die Federation Services spezifiziert werden, um dann im September als Alpha-Version in Betrieb zu gehen und dezentrale Ressourcen miteinander zu verbinden.

Ergänzendes zum Thema
PlusServer startet GAIA-X-kompatible Cloud „pluscloud open“

Mit „pluscloud open“ startet der Kölner Spezialist für Managed Cloud Services und Gründungsmitglied der GAIA-X-Initiative, PlusServer, eine zu GAIA-X kompatible Open Source Cloud.

Diese basiert gänzlich auf dem Sovereign Cloud Stack (SCS) und setzt ausschließlich auf Open Source, um Kunden möglichst große Freiheit und Unabhängigkeit von proprietärer Cloud-Technologie zu garantieren und einen Vendor Lock-in zu vermeiden.

Die „pluscloud open“ ist eines der ersten verfügbaren GAIA-X-kompatiblen Angebote. Dank der Föderierbarkeit können Kunden Cloud-Dienste über verschiedene Provider hinweg sicher und flexibel beziehen. Die Nutzer verfügen somit über anbieterunabhängige Technologie zur datenschutzkonformen Verarbeitung von Daten und Anwendungen in einer transparenten Open Source Cloud.

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