ERP-Systeme aus der Cloud (Teil 8) Gebra-IT: Low-Code macht Cloud-ERP flexibel

Von Dr. Dietmar Müller 8 min Lesedauer

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Das Aachener Softwarehaus Gebra-IT setzt bei seiner ERP-Suite auf Low-Code und Microsoft Azure. Neue Impulse erhält sie von der künstlichen Intelligenz. Ein Gespräch mit dem Co-Geschäftsführer Sven Lüttgens.

Das Aachener Softwarehaus Gebra-IT setzt bei seiner ERP-Suite auf Low-Code und Microsoft Azure. (Bild:  frei lizenziert Carola68 / Pixabay)
Das Aachener Softwarehaus Gebra-IT setzt bei seiner ERP-Suite auf Low-Code und Microsoft Azure.
(Bild: frei lizenziert Carola68 / Pixabay)

Die ERP-Suite des Aachener Softwarehauses Gebra-IT ist eine Lösung aus der Cloud, die auf Low-Code-Technologie basiert. „Dies bedeutet, dass wir anstelle von aufwendiger Programmierung fertige Software-Bausteine verknüpfen, um eine maßgeschneiderte Lösung zu erstellen“, erläutert Co-Geschäftsführer Sven Lüttgens. „Dieser Ansatz reduziert den Aufwand und die Kosten bei Planung, Entwicklung und Rollout erheblich.“

Lüttgens verspricht eine 100-prozentige Anpassung an die Prozesse eines Unternehmens, schließlich ist die Gebra-Suite eine Browser-Applikation und wird as a Service in der Microsoft-Azure-Cloud im Standort „Germany West Central“ in Frankfurt gehostet. Die Infrastruktur der Suite umfasst diverse selbstentwickelte Web-Applikationen auf Windows- und Linux-Basis im Zusammenspiel mit einigen SQL-Datenbanken auf mehreren SQL-Servern: „Wir können Prozesse vor und während der Implementierung optimieren und automatisieren, ohne dabei auf etwaige Einschränkungen durch vorgegeben Wege – wie in vergleichbaren Standard-Systemen – Rücksicht nehmen zu müssen.“

Die Kunden wüssten diese Möglichkeiten auch nach Abschluss der Implementierung sehr zu schätzen „und verändern und erweitern Ihre Lösungen kontinuierlich, je nach Anforderung.“ Zudem stehen Infrastruktur-Elemente wie beispielsweise Storage-Accounts zur Speicherung von größeren Datenmengen, Key-Vaults zum Absichern von Services sowie das Speichern von kryptografischen Schlüsseln und API-Keys, aber auch eine eigenständige EDI-Umgebung, die wir vielseitig in unsere Suite einbinden“, zur Verfügung, berichtet der Geschäftsführer.

Die Kundendatenbanken seien abhängig von den Anforderungen des Kunden mit verschiedenen Performance-Modellen und Backup-Richtlinien versehen: „Zum einen haben wir ‚Point-in-time Restore‘ (PITR)-Richtlinien im Einsatz. Diese Funktion ermöglicht es, Daten auf einen bestimmten, sekundenscharfen Zeitpunkt in der Vergangenheit zurückzusetzen, falls sie beschädigt, gelöscht oder anderweitig beeinträchtigt wurden.“ Hier habe man mit den Kunden individuelle Zeiträume zwischen mindestens sieben und maximal 31 Tagen vereinbart. Zum anderen gebe es „Long Term Backup“-Richtlinien, die ein langfristiges Vorhalten von Backups über mehrere Wochen, Monate und sogar Jahre vorsehen.

Anwender fragen explizit nach ERP aus der Cloud

Die Kunden von Gebra stammen typischerweise aus unterschiedlichen mittelständischen Branchen, darunter Handels-, Produktions- und Dienstleistungsunternehmen. „Allen gemein ist, dass sie eine Lösung gesucht haben, die ihre Prozesse komplett abdeckt, einfach zu bedienen ist, umfängliche Automatisierungsmöglichkeiten bietet und sich flexibel anpassen lässt“, so Lüttgens. Dass die Software dann auch noch aus der Cloud auf Remote-Arbeitsplätze geliefert werde und Einsparungen an der hauseigenen Infrastruktur in Aussicht stelle, komme da noch „on top“ dazu.

Die Gebra-Suite ist branchenunabhängig konzipiert – „besonders wertvoll ist unsere Lösung jedoch für Branchen, die sich schnell verändern und anpassen müssen. Dazu gehören beispielsweise der Einzelhandel, die Fertigungsindustrie, die Logistik und der Dienstleistungssektor.“ Darüber hinaus sei die Lösung auch für Unternehmen in regulierten Branchen geeignet, da sie die Möglichkeit biete, spezifische Compliance-Anforderungen und -Prozesse in das System zu integrieren.

Übrigens ließe sich die Lösung durchaus auch on-prem installieren. Lüttgens: „Natürlich sind dann nicht alle Services der MS Azure Cloud verfügbar, die wir sonst reibungslos in die Prozesse integrieren können.“ Aber grundsätzlich sei dies möglich, wenngleich sich die Frage eher selten stelle – tatsächlich verfüge man lediglich über einen einzigen Kunden, der die ERP-Suite nicht aus der Cloud bezieht.

„Aus unserer Erfahrung heraus kann man mittlerweile bei Cloud-Ansätzen nicht mehr von Trend, sondern vom Standard sprechen. Wir sind mit der aktuellen Web-Version der Gebra-Suite 2019 gestartet. Da gab es sicherlich hier und da noch Vorbehalte gegenüber Cloud-Lösungen und man hat im Vertriebsprozess intensiver über diesen Teil sprechen müssen. Oder auch Projektaufträge aufgrund dessen nicht erhalten. Aber in den letzten Jahren gibt es diese Vorbehalte nur noch ganz, ganz selten oder gar nicht mehr. Zum Teil wird es sogar erwartet. Das ist vielleicht auch durch den Sinneswandel im Zusammenhang Corona verursacht worden“, mutmaßt der Softwareexperte.

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Low-Code als Game-Changer

Er führt das Thema Low-Code als großes Verkaufsargument an, seiner Meinung nach „wird das Thema sicher weiter Fahrt aufnehmen.“ Denn die Fähigkeit, schnell reagieren zu können und gleichzeitig schlanke, optimierte Prozesse zu fahren, sei in dieser schnelllebigen Zeit immer wichtiger geworden. Hier sieht er Gebra gut aufgestellt: „Ich verstehe uns hier als Vorreiter, gerade wenn es darum geht, Low-Code für komplexe Lösungen wie ERP einzusetzen.“

Noch würden die Möglichkeiten von Low-Code in Deutschland unterschätzt. „Da sind die Amerikaner uns mal wieder weit voraus“, so Lüttgens. Deswegen sei man seit dem 1. Juni 2023 offizielles Mitglied in der noch jungen Low-Code Association e.V., nicht zuletzt, um gemeinsam die Bekanntheit des Low-Code-Ansatzes zu vergrößern.

Die werde aber kommen, die Experten von Garner und Forrester prognostizierten einen stetigen Anstieg der Nutzung von Low-Code-Lösungen. „Es ist aber vor allem auch wichtig, die Einsatzgebiete zu berücksichtigen. Bauen wir unsere Low-Code-Plattform mit Low-Code? Nein, natürlich nicht. Das sind Anwendungsgebiete, wo klassische Pro-Code-Entwicklung zum Einsatz kommt“, so Lüttgens. „Brauche ich Pro-Code-Tools und Know-how, um Geschäfts- und Organisationsprozesse abzubilden? Nein, ist vollkommen unnötig und übertrieben. Hier kommt es doch viel mehr auf das Prozess-Know-how an, darauf das Prozesse wirklich streamlined, automatisiert und effizient sind. Und das können Menschen mit IT-Verständnis und dem Prozess-Know-how mit Low-Code bereits heute zu 100 Prozent erreichen, ohne Kompromisse bei der Qualität der erstellten Software zu machen.“

Immer ein Thema: Security

Für jede Firma stellt die Security ein zentrales Element dar. Gebra verspricht, die Entwicklung von individuellen Lösungen mindestens zweistufig abzusichern, indem die Consultants Änderungen zunächst in einer unabhängigen Entwicklungsumgebung einstellen. „Dort erfolgt nach Rücksprache mit dem Ansprechpartner eine Abnahme der Funktionalität. Erst danach werden Einstellungen im produktiven Bereich des entsprechenden Kunden vorgenommen“, so Lüttgens. Größere Systemupdates für die eigentliche Plattform würden in einer separaten Umgebung diversen Stresstests unterzogen, bevor sie ausgerollt werden. „Alle drei Umgebungen werden mit den Azure-Modulen für Monitoring überwacht und ermöglichen umfangreiche Analysefunktionen.“

An der KI führt kein Weg vorbei

Darüber hinaus sei die künstliche Intelligenz (KI) „ganz klar“ das Thema der nächsten Jahre. „Hier geht es zum einen darum, KI als Unterstützung zur Erstellung von Prozessen und Applikationen zu integrieren. Aber auch KI selbst als Baustein in Prozessen sinnvoll für die Unternehmen und deren User nutzbar zu machen“, so Lüttgens.

Er betrachtet die KI „als Tool, um Datenintegrität innerhalb eines ERP-Systems oder einer Systemlandschaft kontinuierlich zu prüfen und Dinge zu finden, die wir Menschen zu spät oder womöglich auch gar nicht finden. Und sicherlich auch als Unterstützung auf der Reporting-Seite, um die Masse an Daten, die wir produzieren, auch korrekt interpretieren zu können.“

Überhaupt sei die KI eine perfekte Ergänzung des verfolgten Low-Code-Ansatzes: „Es ist doch auch für eine KI viel einfacher, Prompts in Low-Code-Plattformen zu Apps zu generieren als in komplexen Pro-Code-Applikationen. Mal ganz abgesehen davon, dass bis auf Weiteres KI ein weiteres Tool in der Werkzeugkiste sein wird, damit Menschen mit Know-how schneller zum Ziel kommen.“ Lüttgens berichtet, dass man bei Gebra ChatGPT täglich nutzt, um beispielsweise bei der Erstellung von Scripten und SQL-Statements zu unterstützen. „Das ist ein Riesenschritt und eine große Hilfe, keine Frage. Aber der Weg zu einem komplexen ERP-System allein durch Eingabe eines Prompts ist in meinen Augen noch ein sehr weiter. „

Aktuell beobachte und teste man intensiv und plane für die zweite Jahreshälfte weitere Schritte der Integration: „Generell kann man die openAI-API flexibel aus der Plattform heraus nutzen, aber das ist sicherlich nur ein erster kleiner Test der Möglichkeiten. Auch muss man hier die Datenschutz-Fragen sorgsam klären. Es ist eins, sich bei Marketing-Texten oder kleinen Scripten von ChatGPT helfen zu lassen, aber eine ganz andere Geschichte, den kompletten Datenbestand einer ERP-Datenbank zugänglich zu machen. Da sind noch eine Menge Fragen zu klären. Deshalb schaue ich auch interessiert auf die Open Source-Gemeinde rund um Stable Diffusion oder den deutschen Ansatz von Aleph-Alpha.“

Base-Template wird überarbeitet

KI und Low Code sind langfristige Projekte, in den kommenden Wochen steht für die Gebra-Suite die kontinuierliche Verfeinerung des Low-Code-Plattform im Vordergrund. „Da geht es zum einen um Erweiterungen des Funktionsumfangs, also weitere Controls, neue Funktionen, etc. Zum anderen aber auch darum, das Bestehende noch einfacher und schneller nutzen zu können und damit noch mehr Geschwindigkeit in der Applikationsgestaltung zu gewinnen.“

Im Moment sitze man am Ausbau des ERP-Grundsystems, bei Gebra „Base-Template“ genannt. „Dies ist die Grundlage für neue Projekte, um von dort aus diese Grundprozesse projektspezifisch zu erweitern und zu verändern. Von mehr Basisprozessen versprechen wir uns noch kürzere Implementationszeiten. Wobei wir hier auf einem schmalen Grat unterwegs sind und nicht nachher unsere Kunden mit Prozessen und Funktionen überladen wollen, weil sie die eh nicht brauchen oder in anderer Form benötigen.“

Darüber hinaus möchte Lüttgens das Portfolio an Business-Software erweitern: „Da sind wir der Meinung, dass man nicht alles selbst mühsam entwickeln muss, sondern gehen gerne Partnerschaften mit Spezialisten ein und integrieren deren Produkte nahtlos als White Label. Wie etwa die EDI-Lösung der Firma Lobster, die wir selber in unserem Rechenzentrum hosten.“ Gerade liefen Gespräche, um das Gebra-Portfolio um Business Intelligence, Optical Character Recognition und digitalen Verarbeitung von Rechnungseingangsbelegen zu erweitern.

Hosting-Kosten von Azure ungefiltert an Anwender

Low-Code, KI und erweiterte Funktionsumfänge können aber auch nicht auffangen, was Anwender aktuell mitmachen müssen. Die politischen Rahmenbedingungen scheinen speziell für den Mittelstand in Deutschland gerade besonders schlecht zu sein, zu denken wäre etwa an die hohen Energiekosten. „Das ist wahr. Niemand, mit dem man aktuell spricht, schaut mit viel Zuversicht in das nächste Jahr“, plaudert der Manager aus dem Nähkästchen seiner persönlichen Erfahrungen. „Ich bin selbst ein positiv denkender Mensch und arbeite und plane zusammen mit meinem Gründerkollegen Udo Hensen das Wachstum von Gebra-IT. Aber die Stimmung im Lande könnte besser sein.“

Dementsprechend kommt man den Anwendern entgegen, getreu dem Motto, dass es sich bei Gebra um einen ERP-Anbieter und kein Cloud-Provider handle: „Dementsprechend spiegelt sich dies auch in unserem Lizenz-Modell wider. Wir geben die Hosting-Kosten von Azure nahezu 1:1 durch“, so Lüttgens abschließend.

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