Beim jährlichen Treffen in der DSAG organisierten SAP-Anwender trifft die Vision eines „Autonomous Enterprise“ auf die Transformationsrealität der Anwenderunternehmen. Man begrüßt SAPs strategische Richtung, verlangt aber belastbare Roadmaps, wirtschaftliche Angebote und mehr Wahlfreiheit. Ob aus dem Portfolio im Unternehmensalltag ein messbarer Nutzen entsteht, bleibt für die Anwendervertretung der entscheidende Prüfstein.
Beim DSAG-Jahreskongress 2026 standen Wahlfreiheit bei S/4HANA, praxistaugliche KI und verlässliche Transformationspfade auf der Agenda.
(Bild: DSAG)
Mehr als 6.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen zur 27. Jahreskonferenz der Deutschsprachigen SAP Anwendergruppe e.V. (DSAG) nach Köln – ein Besucherrekord. Das Motto „Claim Your Ground – Lead Your Business“ zielte auf eine Frage, die viele IT-Verantwortliche beschäftigt: Wie behalten Unternehmen bei parallel laufenden Transformationen die Kontrolle über Kurs, Tempo und Investitionen?
SAP-Strategie im Realitätscheck
DSAG-Vorstandsvorsitzender Jens Hungershausen formulierte die Leitlinie in seiner Keynote als „Einordnung statt Euphorie, Nutzenbewertung statt Schlagworte und Problemlösung statt blinder Aktionismus“. Wirtschaftlicher Druck, Regulierung, geopolitische Unsicherheit und neue Technologien führten dazu, dass SAP-Investitionen genauer geprüft würden. Laut DSAG-Investitionsreport 2026 sehen 79 Prozent der Befragten die Wirtschaftlichkeit als zentralen Faktor für Investitionen in SAP-Software.
Besonders deutlich wird der Zielkonflikt bei der S/4HANA-Migration. 54 Prozent der befragten Unternehmen nutzen laut Hungershausen noch SAP ECC oder die alte Business Suite. Die Standardwartung für ECC endet am 31. Dezember 2027. Viele Unternehmen müssen deshalb zwischen hohen Transformationskosten und einem teils noch unklaren Geschäftsnutzen abwägen. Hungershausen geht davon aus, dass ein erheblicher Teil der Unternehmen den Termin 2027 nicht erreichen wird. Viele hätten aber immerhein einen Plan: Einige wollten bis 2027 migrieren, andere Extended Maintenance bis 2030 oder – in kleinerer Zahl – Angebote bis 2033 nutzen.
Die DSAG bestreitet nicht, dass Cloud für SAP und viele Kunden an Bedeutung gewinnt. Sie wendet sich aber gegen einen einheitlichen Migrationspfad. 56 Prozent der Befragten betreiben S/4HANA On-Premises; 42 Prozent planten für 2026 hohe oder mittlere Investitionen in dieses Betriebsmodell. Die Public Cloud spiele im DACH-Raum laut Investitionsreport weiterhin eine untergeordnete Rolle. Für die Anwendergruppe sie daher entscheidend, dass Unternehmen ihr Betriebsmodell selbst wählen können – auch hybride Architekturen und On-Premises müssten als Realität akzeptiert werden.
Daraus leitet die DSAG konkrete Forderungen ab: Wesentliche Innovationen dürften nicht ausschließlich Cloud-Kunden zur Verfügung stehen oder an zusätzliche Cloud-Verträge gekoppelt werden. Auch On-Premises-Kunden müssten von Neuerungen profitieren können, wo dies technisch möglich ist. Die Wartungszusage für S/4HANA bis 2040 müsse mit Investitionsschutz, transparenten Lizenzmodellen und verlässlichen Kosten einhergehen.
SAP-Vertreter Thomas Pfiester (Head of Customer Engagement & Adoption und Mitglied des Extended Board der SAP SE) verwies gegenüber der Presse auf den ECC Connector: Darüber sollen ausgewählte KI-Assistenten auch in ECC-Umgebungen nutzbar werden. Eine Teilmenge werde derzeit im Early Adopter Care mit Kunden getestet; die allgemeine Verfügbarkeit sei für Ende des Jahres vorgesehen, etwa für Szenarien in Finance und Einkauf. SAP zufolge hatten sich nach der letzten Sapphire mehr als 700 Kunden für den frühen Zugang zu Assistenten angemeldet.
Hungershausen bewertete den ECC Connector als Schritt in die richtige Richtung, hielt die Rahmenbedingungen aber vor allem für große Unternehmen mit langen Rollouts für passend. Für mittelständische Kunden reichten sie aus DSAG-Sicht nicht aus. Die Forderung nach KI-Funktionen für On-Premises-Kunden ohne Cloud-Migrationsabsicht bleibt bestehen.
Effizienz braucht Kundennachweise
Positiv bewertet die Anwendervertretung SAPs Investitionen in Migrations- und Modernisierungsassistenten, die den Wechsel von ECC zu S/4HANA und Upgrades innerhalb von S/4HANA erleichtern sollen. Für eine belastbare Bewertung fehlten bislang jedoch Kundenberichte. Die Hilfsmittel sollten zudem kostengünstig sein und nicht zwingend den Einsatz weiterer Produkte wie Signavio oder Tricentis voraussetzen. SAP-Vertreter Pfiester stellte die Assistenten in den größeren Zusammenhang eines individuellen Transformationspfads: SAP wolle Kunden als Technologie- und Transformationspartner begleiten, unter anderem mit Enterprise-Architekten und frühen Testprogrammen.
Stand: 08.12.2025
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Zwischen Goldrausch und Realität
Gerade bei künstlicher Intelligenz (KI) sieht die DSAG die größte Lücke zwischen SAPs Zielbild und dem, was Anwender heute produktiv einsetzen können. SAP hat auf der Sapphire das „Autonomous Enterprise“ vorgestellt: Intelligente Agenten sollen Geschäftsprozesse künftig weitgehend selbstständig steuern. Auch Joule wird mit Joule Work und Joule Work Desktop ausgebaut. Hungershausen begrüßte die Vision, verglich den KI-Markt aber mit einem Goldrausch: Viele steckten ihre Claims ab, während der operative Kundennutzen oft noch nicht greifbar sei.
Der Investitionsreport liefert dafür einen Hinweis: 43 Prozent der Befragten hatten zum Zeitpunkt der Januar-Umfrage bereits KI-Anwendungsfälle umgesetzt. Viele waren noch Proofs of Concept oder Tests; der überwiegende Teil basierte auf Non-SAP-Lösungen. Nach Einschätzung der DSAG ermöglichten diese häufig einen einfacheren und schnelleren Einstieg. Die Anwendervertretung sieht als Hindernisse unter anderem den Reifegrad der Lösungen, die Integration in bestehende SAP- und Non-SAP-Landschaften, Governance und den erschwerten Zugang zu SAP-KI-Funktionen.
SAP kündigte für Oktober die allgemeine Verfügbarkeit von mehr als 15 Assistenten an. Als Ausbauziel nannte Pfiester 50 Assistenten und 200 Agenten. Über Early Adopter Care wolle SAP mit Kunden Anwendung und Nutzen erproben; nach der Sapphire hätten sich dafür mehr als 700 Kunden registriert. SAP plant, weitere Referenzen und belastbare Nutzenbelege zu gewinnen. Pfiester verwies auf Kundenbeispiele: Bei ZF Friedrichshafen habe eine KI-Lösung für Qualitätsmanagement laut SAP einen zweistelligen Millionenbetrag an jährlichem Nutzen und 60.000 Stunden Produktivitätsgewinn ermöglicht. Bei Siemens hätten Berater mit einem SAP-Werkzeug bis zu einen Tag pro Woche an Produktivität gewonnen. Diese Beispiele zeigen, was SAP als Potenzial anführt; für die DSAG ersetzen sie noch keinen breiten Nachweis für die Praxistauglichkeit der neuen Angebote.
KI in SAP-Systemen: Datenqualität und Governance entscheiden
Für den erfolgreichen Einsatz seien zudem hochwertige, harmonisierte Daten und klare Governance-Regeln nötig. SAP setzt dafür auf die Business Data Cloud, die Daten aus SAP- und Nicht-SAP-Systemen zusammenführen soll. Pfiester beschrieb sie als Basis, auf der Joule als Interaktionsschicht über Daten und Prozesse hinweg arbeiten könne. SAP wolle Kunden außerdem ermöglichen, unterschiedliche Sprachmodelle zu nutzen und so Flexibilität und Wirtschaftlichkeit abzuwägen. Für Agenten nannte er Governance, Sicherheit und Skalierbarkeit als zentrale Aufgaben. SAP teste im Early Adopter Care nicht nur Funktionen, sondern auch den Einsatz in komplexeren Systemlandschaften und die Sicherheit der Agenten.
Die DSAG-Forderungen in Stichpunkten
S/4HANA On-Premises • Wahlfreiheit beim Betriebsmodell • S/4HANA On-Premises als Realität akzeptieren • Keine künstliche Benachteiligung der On-Premises-Kunden • Verlässliche Wartung und Investitionsschutz
Künstliche Intelligenz • Niedrigere Einstiegshürde für KI-Nutzung • Keine Kopplung von KI an Cloud-Verträge • Wirtschaftlichkeit und Innovation in Einklang bringen • Klare vertragliche Regelungen für die KI-Nutzung
Datenqualität • Produktreife, Transparenz und Planungssicherheit • Integration in bestehende Architekturen • Transparente Lizenzmodelle • Verringerung der System- und Prozesskomplexität
Komplexität • Harmonisiertes Produktportfolio • Klare und verlässliche Integrations- und Architekturstrategie • Komplexität transparenter und beherrschbar machen
Transformation • Konkrete, verständliche und realistische Transformationspfade • Wirksame Unterstützung von Transformationsprojekten • Keine organisatorische Überforderung
Datenstrategie als Basis für KI
Auch SAPs Portfolioausbau soll die Datenbasis für KI stärken: Investitionen beziehungsweise Übernahmen bei Prior Labs, Dremio und Reltio zahlen in Foundation Models für strukturierte Daten über eine Lakehouse-Plattform bis zur Vereinheitlichung von Stammdaten ein. Daraus könnte eine durchgängige Wertschöpfungskette für Unternehmensdaten entstehen. Für Anwender hängt der Nutzen laut DSAG jedoch davon ab, ob aus den Ankündigungen ausgereifte, integrierbare Lösungen mit klaren Roadmaps und nachvollziehbaren Lizenz- und Kostenmodellen werden.
Ein Beispiel für den noch ausstehenden Integrationsfortschritt ist das Dokumentenmanagement. SAP Harmonized Document Management gehe aus DSAG-Sicht in die richtige Richtung, sei aber noch nicht durchgängig in allen Anwendungen integriert – insbesondere bei Fiori-Apps gebe es Lücken. Dokumente sollten entlang eines Geschäftsprozesses konsistent verfügbar sein, ohne Medienbrüche und zusätzliche Integrationsarbeit. Auch die North Star Architecture und die „Suite Qualities“ könnten eine Grundlage für ein harmonisierteres Portfolio bilden. Entscheidend sei, dass diese Prinzipien im Betrieb tatsächlich Komplexität abbauen.
ERP der Zukunft: KI ergänzt die Kernprozesse
Bei der Frage nach dem ERP der Zukunft beschrieb Pfiester SAPs Ansatz als Verbindung von geschäftskritischen ERP-Prozessen mit einer übergreifenden Daten- und KI-Schicht. ERP werde wegen seiner Prozesslogik und Auditierbarkeit weiter Bestand haben; KI solle darüber und über SAP- wie Nicht-SAP-Daten hinweg arbeiten.
Sichtlich gerührt: Für Jens Hungershausen war es seine letzte Jahreskonferenz als Vorsitzender der SAP-Anwenderorganisation.
(Bild: DSAG)
Hungershausen sieht in modularen beziehungsweise „composable“ Architekturen zugleich Chance und Risiko: Unternehmen könnten Lösungen gezielter auswählen, müssten aber aufpassen, dass daraus nicht noch mehr Komplexität entsteht. Beide betonten, dass Menschen nicht aus den Prozessen verschwinden sollten. SAP spricht von „Human in the loop“ oder „Human on the loop“; der nächste Schritt sei, neben der Technik auch Fähigkeiten, Akzeptanz und Nutzung in der Belegschaft zu stärken.
Gemeinsame Verantwortung für Transformation
„Fix the system, not the symptom“ – mit diesem Appell brachte Hungershausen die Rolle der DSAG auf den Punkt. Statt immer neue Einzelprobleme zu lösen, müssten SAP, Partner und Anwender gemeinsam die Ursachen von Komplexität angehen. Gewachsene Systemlandschaften verursachten höhere Betriebs- und Testkosten, erschwerten Veränderungen, verstärkten die Abhängigkeit von einzelnen Wissensträgern und könnten Sicherheitsrisiken vergrößern. Komplexe Landschaften zögen zudem komplexere Lizenz- und Datenmodelle nach sich.
Die DSAG sieht Verantwortung auf allen Seiten. SAP müsse verlässliche, wirtschaftlich nachvollziehbare und integrierbare Angebote sowie verständliche Transformationspfade liefern. Partner sollten Umsetzbarkeit, Integration und Betrieb absichern. Anwenderunternehmen müssten ihrerseits Prioritäten, Prozesse, Datenbasis und Zielarchitektur aktiv gestalten. Ein pauschaler Weg für alle sei angesichts unterschiedlicher Ausgangslagen nicht realistisch.
Die Lücke zwischen Vision, vorhandenen Lösungen und echtem Kundennutzen muss sich jetzt schließen.
Jens Hungershausen
Pfiester stimmte dem Ziel zu, Komplexität zu reduzieren, und verwies auf den Clean Core. Neben Erweiterungen beträfen dessen Dimensionen zunehmend Prozesse und Daten: Agenten benötigten harmonisierte Daten und möglichst standardisierte Abläufe. SAP habe deshalb seine Transformationsmethodik erweitert, unter anderem um KI-Governance, Sicherheit und Datenbereinigung. Auch Partner sollen Kunden bei der Umsetzung und Skalierung unterstützen. Zugleich räumte Hungershausen ein, dass Komplexität nicht allein SAP anzulasten sei: Unternehmen und Partner hätten an den gewachsenen Landschaften ebenfalls mitgewirkt.
API-Policy, Lizenzmodelle und KI-Sicherheit
Ein offener Punkt bleibt die API-Politik. Die DSAG kritisierte die mangelnde Transparenz in der vorausgegangenen Diskussion und fordert verlässliche Regeln zu Datenzugriff, Nutzungsrechten, Kosten und Verantwortlichkeiten – besonders für End-to-End-Prozesse, Partnerlösungen und KI. SAP habe mit Referenzarchitekturen für den KI-Zugriff technische Grundlagen geschaffen. Aus DSAG-Sicht müssen diese aber durch dauerhaft klare vertragliche Bedingungen ergänzt werden.
In der Pressekonferenz stellte sich SAP zudem Fragen zur Sicherheit von Agenten und zu souveränen Betriebsmodellen. Pfiester verwies auf sichere Laufzeitumgebungen in Zusammenarbeit mit Hyperscalern wie Nvidia und Google sowie auf Tests im Early Adopter Care. Für die Sicherheit kritischer Prozesse verwies er auf die Möglichkeiten souveräner Angebote in Europa. Die grundsätzliche Botschaft der DSAG bleibt aber: KI müsse nicht nur leistungsfähig, sondern sicher, beherrschbar und in die Unternehmensarchitektur integrierbar sein.
DSAG fordert realistische und bezahlbare Transformationspfade
Hungershausen hielt seine letzte Keynote als DSAG-Vorstandsvorsitzender. Nach sechs Jahren im Amt verabschiedete er sich mit dem Versprechen, die DSAG werde auch unter seinem Nachfolger künftig eine starke Stimme der Anwender bleiben.
Für IT-Entscheider lässt sich die Botschaft der Konferenz verdichten: Nicht die Zahl der SAP-Ankündigungen entscheidet, sondern ob Unternehmen Innovationen zu vertretbaren Kosten, mit Wahlfreiheit und ohne zusätzliche Komplexität, in den laufenden Betrieb überführen können.
Sechs Jahre an der Spitze der DSAG Jens Hungershausen führte die DSAG sechs Jahre lang – vom Start unter den schwierigen Bedingungen der Corona-Pandemie bis zum Besucherrekord von mehr als 6.000 Teilnehmenden bei der Jahreskonferenz 2026. In dieser Zeit trieb er den Ausbau der Partner-Community und des Partnerbeirats voran und stärkte den Austausch mit internationalen SAP-Anwendergruppen. Auch in teils kontroversen Gesprächen mit SAP habe er, so die Würdigung bei seiner Verabschiedung, den Dialog aufrechterhalten. Hungershausen bezeichnete das Amt als „Herzensangelegenheit“ und verabschiedete sich mit der Überzeugung, dass die DSAG auch künftig eine starke Stimme der Anwender bleiben werde.
Bildquelle: DSAG
Neuer DSAG-Vorstandsvorsitzender gewählt Traditionell sind die Neu- und Wiederwahlen des DSAG-Vorstands durch die Mitgliederversammlung Teil der Jahreskonferenz. Neuer Vorstandsvorsitzender und damit Nachfolger von Jens Hungershausen, dessen Amtszeit turnusmäßig endete, ist Thomas Henzler, CIO bei dem Maschinenbauunternehmen Piller Blowers & Compressors GmbH. Henzler war schon stellvertretender Vorsitzender. Sein Amt übernimmt Markus Bierl von der Franke Group.