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As-a-Service-Zeitalter Die Cloud ist mehr als nur „die Server fremder Leute“

| Autor: Dr. Stefan Riedl

Cloud Computing hat die Gepflogenheiten in der IT mehr umgekrempelt als viele IT-Akteure ahnen. Inzwischen erzeugt das Thema geopolitischen Druck, wie die Kontroversen rund um das gekippte Abkommen mit den USA, Privacy Shield, und die EU-Cloud-Initiative Gaia-X offenbaren.

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Die Reise der IT-Branche in die Cloud hat gerade erst begonnen und wird noch viele Entdeckungen mit sich bringen.
Die Reise der IT-Branche in die Cloud hat gerade erst begonnen und wird noch viele Entdeckungen mit sich bringen.
(Bild: Digital Storm - stock.adobe.com)

Die Zeiten von „ewigen Lizenzen“ auch „Perpetual Licenses“ genannt, bei der man ein Software-Produkt kauft und dieses dann für immer verwendet, neigen sich dem Ende zu, folgt man der Meinung so mancher Cloud-Auguren. Doch ist On-Premises-Software, also solche, die vor Ort beim Kunden installiert wird, wirklich vom Aussterben bedroht? Wird vor Ort installierte Software in dieser Geschichte „den Dinosaurier geben“, der aufgrund eines disruptiven Ereignisses (Kometeneinschlag / As-a-Service-Technologie) dem Nachfolger (Säugetiere / Cloud-Software) Platz macht? So schwarzweiß wird Software-­Geschichte sicherlich nicht geschrieben werden. Aus Sicherheitsgründen gibt es abgekapselte Systeme, die nicht am Internet hängen; rechtliche Vorgaben sprechen für interne Datenhaltung und Performance-Gründe mitunter für On-Premises-Architekturen.

Sekundäreffekte

Aber zumindest in Teilen findet der Abschied von ewigen Lizenzen bereits statt. Der Abschied des Microsoft-Konzerns aus der On-Premises-Welt ist in Teilbereichen bereits vorgezeichnet. Spätestens seit der „Cloud first“-Ansage von Satya Nadella, dem CEO, bestanden hier keine Zweifel mehr. Trifft ein Branchengigant eine strategisch so weitreichende Entscheidung, ergeben sich ­daraus Sekundäreffekte, die ganze Branchen betreffen: den Gebrauchtsoftwarehandel beispielsweise. So ist das meist verkaufte Produkt im Gebrauchtsoftware-Markt, Insidern zufolge, das in On-Premises-­Manier zu installierende Office 2019. Gespeist wird das ­Angebot hauptsächlich aus ­gebrauchten Office-2016-Lizenzen, die im Rahmen von Volumenlizenzverträgen mit Software ­Assurance eingekauft werden, also inklusive einer Upgrade-Möglichkeit auf 2019. Branchenkenner halten es für ein realistisches Szenario, dass es nur noch eine weitere Version der Bürosuite auf On-Premises-Basis (also Kauf statt Miete) geben wird: ein Office-2021-Paket. Möglicherweise wird danach voll auf Cloud-Produkte umgestellt. Dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine vielerorts bereits überwunden geglaubte Cloud-Skepsis wieder aufflammt. Der technologische Treiber dieser grundsätzlichen Entwicklung weg von On-Premises, weg von Perpetual, hin zu Cloud und Abo ist die technologische Dynamik rund um Cloud Computing in all seinen Ausprägungen, die vor allem von den Hyperscalern getrieben wird. Da diese in den USA (beziehungsweise mit Alibaba in China) verortet sind, können hier auch geopolitische und rechtliche Einflussfaktoren schnell neue Fakten schaffen.

Wo ist der Mehrwert?

Die Entwicklung rund um Cloud-Technologien ist facettenreich und selbst On-Premises-Software verliert zunehmend den längerfristigen Charakter einer Kauf-Investition. Abo- beziehungsweise Jahresversionen in Subscription-Manier gewinnen zunehmend an Bedeutung, beispielsweise im Falle von Business Software, bei der inhaltliche und gesetzliche Updates eine zentrale Rolle spielen, wie es beispielsweise bei einer Finanzbuchhaltungs-Software der Fall ist, die Jahr für Jahr auf den neuesten Stand der Gesetzeslage gebracht werden muss. Der Kern-Mehrwert der Software liegt hier in den Updates, die es dem Nutzer ermöglichen, rechtssicher auf dem neuesten Stand der Dinge zu bleiben. Die temporäre Mehrwertsteuersenkung, die per Update des Herstellers buchhalterisch unkompliziert umgesetzt werden konnte (Probleme gab es eher bei Kassensystemen) schlägt beispielsweise in diese Kerbe.

Systemrelevante Clouds

Eine Facette am Cloud-Thema lässt sich schwer leugnen und bereitet Kopfzerbrechen: AWS, ­Microsoft Azure, Google Cloud und IBM Cloud sind längst „systemrelevant“, gemessen daran, was alles nicht mehr funktionieren würde, sollte einer der Konzerne vom Netz gehen. Oder aus juristischen Gründen Abstand zu bestimmten Angeboten genommen werden muss, beispielsweise weil sich EU und USA aus geopolitischen Gründen nicht auf eine Nachfolgeregelung für das gescheiterte „Privacy Shield“-Abkommen einigen können. Hier kommt „Gaia-X“ ins Spiel, der Versuch, eine europäische Cloud-Plattform für den hiesigen EU-Wirtschaftsraum zu etablieren, der auch rechtliche Aspekte umfasst. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat hierfür den Schulterschluss zu seinem französischen Kollegen Bruno Le Maire gesucht. Gemeinsam wurde ein Paper rund um einheitliche Standards und technische Anforderungen an Portabilität, Cyber- und ­Datensicherheit, Identitäts- und Zugangsmanagement sowie energetische Effizienz erstellt. Die Göttin aus der griechischen Mythologie Gaia, die hier mit ihren Namen für das Projekt steht, gilt als personifizierte Erde, beziehungsweise für „die Gebärerin“. Doch Gaia-X ist kein rein staatliches Unterfangen. Vielmehr wurde die Wirtschaft an Bord geholt. Zurzeit arbeiten über 300 Unternehmen und Organisationen mit. Zu den Gründungsmitgliedern zählen beispielsweise die Firmen Amadeus, Atos, Beckhoff Automation, Bosch, der Internetknotenbetreiber De-Cix, die Deutsche Telekom, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Friedhelm-Loh-Gruppe, PlusServer, Orange, SAP und Siemens.

Gaia-X und die kritische Infrastruktur

Cloud hin oder her – irgendwo steht die Hardware hinter der Architektur.
Cloud hin oder her – irgendwo steht die Hardware hinter der Architektur.
(Bild: vectorfusionart - stock.adobe.com)

Während Statements und Einschätzungen aus dem Kreis der Initiatoren naturgemäß sehr optimistisch daherkommen, äußern sich Experten und die Fachpresse bislang tendenziell skeptischer. Dass die Cloud zu den kritischsten Infrastrukturen der Welt und Europa gehört, unterstreicht Thomas Schumacher, der Leiter IT-Security bei Accenture, mit folgenden Zahlen: „Momentan liegen zehn Prozent der Daten aus der EU in einer Cloud, und mit jedem Jahr kommen weitere zehn Prozent dazu.“ Damit, so die Hoffnung, könne sich Gaia-X mittelfristig im Markt gegenüber den großen Cloud-Anbietern aus den USA (plus Alibaba aus China) positionieren, welche überwiegend global agieren. Das Vorhaben erscheint auch Schumacher „sehr ambitioniert“, vor dem Hintergrund, dass das Investitionsvolumen der Hyperscaler jährlich rund 50 Milliarden Dollar beträgt, das in den Ausbau ihrer Plattformen investiert wird. „Allerdings haben wir durch verschiedene geopolitische Ereignisse in den letzten Jahren aber auch einen tatsächlichen Bedarf an lokalen Cloud-Lösungen im Markt gesehen“, so der IT-Security-Spezialist. Insbesondere für hoch regulierte Industrien sei es nach wie vor unerlässlich, dass Daten in der EU oder im Land gespeichert werden. Hier würden neben Kosten­aspekten und Regularien auch Risikoabwägungen eine Rolle spielen. Doch Gaia-X steht noch ganz am Anfang, während die globalen Wettbewerber seit Jahren stabile und ­skalierbare Cloud-Lösungen anbieten, deren Entwicklungen von spezifischen Kundenwertschöpfungen geprägt sind. Mit anderen Worten: Langer Kundenkontakt brachte viel Kundenfeedback, welches in die Produkte einfloss. Produkte vom Reißbrett werden sich in diesem Konkurrenzkampf tendenziell schwer tun, was für Gaia-X eine nicht zu unterschätzende Markteintrittsbarriere darstellt.

Sanfter Zwang zur EU-Cloud?

Konkurrenz sorgt für Ideen und gute Produkte und Dienstleistungen.
Konkurrenz sorgt für Ideen und gute Produkte und Dienstleistungen.
(Bild: Sunny studio - stock.adobe.com)

Doch könnte es einen mehr oder weniger sanften, regulatorischen Zwang zur EU-Cloud geben? Quasi staatlich per Compliance-Vorgaben verordnet? Schumacher analysiert: „Der deutsche Markt ist zum Teil sehr stark reguliert, und in einigen Industriesegmenten gibt es Vorbehalte, Daten und Prozesse in eine globale Cloud-­Lösung auszulagern. Insbesondere spielen hier Überlegungen zum Datenschutz, beispielsweise im Hinblick auf Urheberrechte, eine Rolle.“ Eine europäische Cloud könnte hier zu einem Teil Abhilfe und Rechtssicherheit schaffen. Kann sich Gaia-X als Alternative zu den Cloud-­Anbietern etablieren, hätten deutsche Unternehmen eine Wahl, welche Daten und Prozesse bei den global agierenden Anbietern verarbeitet und welche aufgrund ihrer Kritikalität für den Firmenerfolg eher in einer europäischen Cloud betrieben werden. Der IT-Security-Chef bei Accenture deutet das positiv: „Dies erhöht politische Souveränität für den Wirtschaftsstandort Deutschland.“

Kommentar: Zweifel an staatlich verordneter Gebärfähigkeit

Wirtschaftlicher Erfolg kann schwerlich politisch verordnet werden. Nicht ohne Grund sind alle Plan- und Kommandowirtschaftsmodelle in der Geschichte der Erde gescheitert. Apropos: Gaia, die Göttin, die in der griechischen Mythologie als personifizierte Erde in Erscheinung tritt, wird auch als „Gebärerin“ bezeichnet. Ab kommenden Jahr soll sie X gebären. Und X steht wohl für feinste Dienste aus der Cloud. Das richtig gute Zeug, wie beispielsweise „Kubernetes as a Service“, Dienste für Serverless Computing und Künstliche Intelligenz – und das mit allerbester Datensicherheit und dem besten Datenschutz, den man sich ausdenken kann. So eine tolle Idee kann nur klappen.

Sollten Sie zwischen diesen Zeilen Ironie herausgelesen haben, war das nicht ohne Grund. Als sich die EU vorgenommen hat, den KI-Zug nicht zu verpassen, gab es von ihr, überspitzt gesagt, ethische Richtlinien dafür von Expertengremien, während das Geschäft damit in den USA (und nacheifernd in China) gemacht wird. Auch der Markt für Cloud- Infrastruktur ist fest in US-Hand. Doch genau diesen gordischen Knoten soll Gaia-X ja durchschlagen.

Hoffnung auf Erfolg macht die Beteiligung einer breiten Allianz von 300 Firmen an Bord. Organisatorisches Vorbild soll das Airbus-Konsortium sein, das ja auch als politisches Projekt begann und glückte.

(ID:46851606)

Über den Autor

Dr. Stefan Riedl

Dr. Stefan Riedl

Leitender Redakteur