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Wie eine Migrationsfabrik bei der IT-Modernisierung hilft Cloud-Migration am laufenden Band

| Autor / Redakteur: Rostislav Markov* / Elke Witmer-Goßner

Eine Cloud-Migration ist mehr als nur der Umzug von Servern und kann von Unternehmen dazu genutzt werden, ihre IT zum Zentrum für Innovation zu machen. Um den Sprung vom initialen Proof of Concept zur Massenmodernisierung zu schaffen, hilft der Aufbau einer Modernisierungsfabrik im Unternehmen.

Durch die Einschränkung von Varianten lassen sich viele Arbeitsschritte für die Cloud-Migration automatisieren.
Durch die Einschränkung von Varianten lassen sich viele Arbeitsschritte für die Cloud-Migration automatisieren.
(Bild: © Maksym Yemelyanov - stock.adobe.com)

Nutzt man ein Migrationsprojekt in die Cloud von Amazon Web Services (AWS) zur Modernisierung der Unternehmens-IT, lassen sich historische Altlasten und Einschränkungen sukzessive abschaffen. In einem vorherigen Artikel betrachteten wir die vier Bereiche, in welchen eine Modernisierung der IT-Organisation erfolgen kann: 1) Rationalisierung des Anwendungsportfolios, 2) Etablierung neuer IT-Prozesse und -Werkzeuge, 3) Veränderungen im IT-Betriebsmodell mittels Automatisierung und 4) die Etablierung neuer Rollen und Fähigkeiten. Damit der Wandel gelingt, müssen die Weichen für eine Modernisierung frühzeitig gestellt werden.

Der Weg ist das Ziel

Eine Cloud-Migration, die eine Transformation in obigen Bereichen anstrebt, sollte das Modernisierungsziel von Anfang an formulieren und dessen Umsetzung planen. Je nach Anwendung und Team fällt der Grad der Modernisierung, und damit der Migrationspfad, unterschiedlich aus. Eine Bestandsaufahme und Bewertung mittels eines Scoring-Modells kann eine Entscheidungshilfe für die passenden Modernisierungsmaßnahmen liefern. Der Geschäftsbeitrag, die technische Eignung einer Anwendung für die Cloud, der Grad der Übereinstimmung mit dem strategischen Technologie-Stack des Unternehmens sowie die bestehenden Rollenmodelle und Fähigkeiten sind für die Entwurfsplanung der Modernisierung entscheidend.

Eigene Entwicklungen, die eine hohe Geschäftsrelevanz und ein hohes Bereitstellungstempo haben, sind häufig ein guter Kandidat für das „Refactoring“. Anpassungen an den zugrundeliegenden Technologien und der Architektur sollten vorgenommen werden, um die Nutzung cloud- nativer Dienste zu ermöglichen, Bereitstellungsprozesse zu automatisieren und auf einheitliche Technologie, IT-Prozesse und -Werkzeuge aufzubauen, die zum strategischen Technologie-Standard des Unternehmens gehören.

Anders etwa bei kommerziell erhältlicher oder Open-Source-Standardsoftware, die einen geringen Geschäftsbeitrag stiftet, zustandsbehaftet ist, einen niedrigen technischen Wert besitzt und damit nicht zum strategischen Technologie-Stack des Unternehmens beiträgt. Diese sind nicht selten gute Kandidaten für „Repurchasing“, d.h. den Neuerwerb mittels Software als Service oder die Installation über den AWS Marketplace; werden als Altlasten oder „technical debt“ archiviert („Retiring“); oder bieten sich für „Rehosting“ an, d.h. die Replizierung auf Hosts in der Cloud. Meist kann das Rehosting mittels Tools automatisiert werden. Manche Teams entscheiden sich jedoch, es manuell durchzuführen. Dabei lernen sie, Legacy-Systeme in die Cloud zu portieren und automatisieren gleichzeitig den Installationsprozess, um Entstörungszeiten zu reduzieren. In solchen Fällen sowie insbesondere beim Refactoring ist es essenziell, wiederverwendbare Muster zu propagieren.

Wiederverwendbarkeit als Grundstein der Industrialisierung

Wie in einer industriellen Fabrik ist die Variantenvielfalt der Arbeitsschritte und Ein-/Ausgänge auch in der Modernisierungsfabrik auf ein notwendiges Minimum einzuschränken. Wiederverwendbare Referenzarchitekturen bauen auf dem neu zu propagierenden Technologie-Stack im Unternehmen auf. Sie werden für die automatisierte Bereitstellung der Infrastruktur als Code, die Installation der Anwendung oder die Integration in die neuen IT-Prozesse und -Werkzeuge in technische Vorlagen übersetzt. Sie gelten als vorab genehmigte Bausteine, für die die Belegschaft trainiert wird, und stellen die einheitlichen Mindeststandards für Anwendungen in der Cloud dar.

Die Erfahrung zeigt, dass man bei einem Portfolio von mehr als 100 Anwendungen mit ca. fünf bis zehn Mustern auskommt. Durch die Wiederverwendbarkeit gewinnt das Migrationsprojekt an Geschwindigkeit; Wissen und Fähigkeiten werden über eine größere Anzahl Mitarbeiter repliziert. Eine Spezialanfertigung erfolgt nur für maßgefertigte, geschäftskritische Anwendungen mit Sonderanforderungen wie etwa die Optimierung für den Mainframe.

Kontrollmechanismen für die Einhaltung der neuen Standards

Mit der Migration der ersten Anwendungen werden die Mindeststandards für die Bereitstellung und den Betrieb in der Cloud etabliert und dokumentiert. Die entstehende Arbeitsanweisung beschreibt die Prozesse, Werkzeuge und wiederverwendbaren Bausteine für Mitarbeiter im Migrationsprojekt. Sie stellt die Anleitung und verbindliche Arbeitsvereinbarung für Mitarbeiter im Migrationsprojekt dar. Kontrollmechanismen können die Einhaltung der Mindeststandards überwachen und nicht-konforme Ressourcen automatisch stilllegen.

Unverschlüsselte, nicht autorisierte oder unerwartete Ressourcen mit invaliden oder veralteten Serverimages, ohne valide Kennungen („Tags“) über den Backup-Zyklus oder zuständigen Fachbereich, exzessive Rechtevergabe oder etwa das Abspeichern von Zugangsdaten in der Code-Ablage lassen sich automatisch berichten. Sonderfälle und Abweichungen von den Standards erfolgen nur nach vorheriger Genehmigung. Die Hoheit über die Weiterentwicklung der Mindeststandards wird in der Regel dem Cloud-Center-of-Excellence-Team (CCoE) übertragen. Damit lässt sich vermeiden, dass die Migration alte Verhaltensmuster und sogenannte Altlasten oder „technical debt“ der Unternehmens-IT unkontrolliert in die Cloud repliziert.

Aktivierung einzelner Teams und ihrer Fähigkeiten

Neue Fähigkeiten werden angeeignet, wenn ein Team eine kritische Masse ihrer Anwendungen in die Cloud migriert und die nötige Zeitverpflichtung für das Migrationsprojekt vorliegt. Dies verhindert, dass die Migration zum Hobby neben dem Alltagsjob wird. Die Arbeitsaufteilung im Migrationsprojekt sollte das neue Rollen- und Betriebsmodell berücksichtigen. Eine gut koordinierte Modernisierungsfabrik schafft es die Arbeit neu zu verteilen, so dass Mitarbeiter neue fachliche Kompetenzen sowie Erfahrung aus erster Hand erlangen und nahtlos in ihre neuen Cloud-Rollen übergehen.

Egal wie gut der Plan ist – häufig scheitert es an den weichen Faktoren: dem Mitarbeiter, der Dinge nach eigenem Ermessen erledigt oder sein Wissen nicht dokumentiert; dem fehlenden Zugang zur Produktionsumgebung für Kollegen aus der Entwicklerabteilung; der Angst der Mitarbeiter um die künftige Rolle. Hierbei hilft die frühzeitige Kommunikation eines Entwicklungsplans und die Chance darauf, in dem Migrationsprojekt mitzuarbeiten. Aus „you build it, you run it“ wird „you run it, you build it“ – für Mitarbeiter wird das Migrationsprojekt zur Werkstatt, in welcher die Entwurfsmuster und neuen Standards für ihr Team in der Cloud konstruiert werden.

Unterstützung bei der Inbetriebnahme

Obwohl die Migrationsarbeit für verschiedene Anwendungsgruppen parallelisiert wird, lassen sich einheitliche Betriebsstandards am effizientesten zentral etablieren. Nicht selten wird einem zentralen Projektteam anvertraut, die IT-Prozesse und -Werkzeuge für den Cloud-Betrieb sicherzustellen und kontinuierlich weiterzuentwickeln. Damit vermeidet man, dass die Inbetriebnahme einzelner Anwendungen den Anwendungsteams überlassen bleibt.

Rotislav Markov, Amazon Web Services.
Rotislav Markov, Amazon Web Services.
(Bild: AWS)

Das zentrale Projektteam unterstützt bei der Integration von Anwendungen in das IT-Service-Management, bei der initialen Konfiguration von Serviceberichten und -Metriken, oder bei der Implementierung von Maßnahmen zur Entstörungsautomatisierung. Schließlich ermöglicht dieses Team Änderungen am Betriebsmodell – etwa den Wechsel zu DevOps für die interne Entwicklung – durch die sukzessive Automatisierung von Infrastrukturaufgaben.

* Der Autor Rostislav Markov ist Senior Consultant für Amazon Web Services.

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