Skalierbar, flexibler und effizienter

Cloud-Lösungen erhalten Einzug in das Telko-Herzstück

| Autor / Redakteur: Volker A. Pfirsching / Florian Karlstetter

Business Support Systems finden immer mehr den Weg in die Cloud. Volker A. Pfirsching von Arthur D. Little erklärt, warum das so ist, und welche Vorteile - sowohl auf Nutzer- als auch auf Telco-Seite sich daraus ergeben.
Business Support Systems finden immer mehr den Weg in die Cloud. Volker A. Pfirsching von Arthur D. Little erklärt, warum das so ist, und welche Vorteile - sowohl auf Nutzer- als auch auf Telco-Seite sich daraus ergeben. (Bild: Arthur D. Little)

Telekommunikationsunternehmen gehören seit Jahren zu den Anbietern, die im Bereich Cloud-Architekturen aktiv sind. Längst gehen Telkos aber auch selbst dazu über, eigene Systeme in die Cloud auszulagern. Besonders im Fokus stehen derzeit auch die sogenannten BSS, die Business Support Systems. Dazu gehören jene Bereiche, die für den direkten Kontakt mit den Kunden relevant sind – etwa Abrechnungssysteme, das Customer Relationship Management oder Shopsysteme.

Der Bereich Business Support Systems (BSS) befindet sich aktuell in einer entscheidenden Transformationsphase. Zum einen kommen verstärkt neue Technologien zum Einsatz, zum anderen wandeln sich die Anforderungen der Kunden rasant, sodass Telekommunikationsunternehmen vor der Herausforderung stehen, neue digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Der Druck auf die BSS-Systeme nimmt mit digitalen Angeboten stetig zu. Immer schneller müssen Entwicklungen Marktreife erlangen, während das Angebotsportfolio stetig ausgebaut werden soll. So sind etwa Banking-, Energie- und Paymentdienste längst auch ein Service, mit dem sich viele Telekommunikationsunternehmen beschäftigen.

Auch (Big) Data Analytics und personalisierte Dienstleistungen gewinnen massiv an Bedeutung. Unternehmen versuchen, ihre Kunden und deren Ansprüche besser verstehen und bedienen zu können. So nimmt aktuell auch der Trend zu innovativen Pricing-Systemen stärker zu, welche von Kunden individuell mitgestaltet werden können. Darüber hinaus erwarten Kunden einen nahtlosen Prozess über alle Kanäle hinweg: online, im Call Center und in den Shops.

Die neuen Anforderungen auf Nutzerseite haben einen Paradigmenwechsel auf Seiten der Telkos angestoßen. Cloud-Lösungen fristeten lange ein Nischendasein, da Anbieter zögerten, das „Herzstück“ des Unternehmens - etwa den Bereich Billing - in fremde Hände zu geben. Zudem herrschte lange das Paradigma vor: Nur was wir selbst entwickeln und beherrschen, ist differenzierend im Markt. Die Erkenntnis ist nun gereift – Flexibilität und Geschwindigkeit ist der entscheidende Wettbewerbsfaktor!

Inzwischen ist der Einsatz von Cloud-Technologien daher nicht mehr das rote Tuch vergangener Tage. Oft kommen sogenannte Micro-Services zum Einsatz. Es werden keine Großsysteme mehr integriert, sondern einzelne Servicebausteine, die beliebig kombiniert werden können. Wichtige Treiber dieser Entwicklung sind die Kosteneffizienz und die Skalierbarkeit. Doch auch eine höhere Flexibilität der Systeme ist im neuen Marktumfeld dringend erforderlich.

Komplette Architekturen aus der Cloud

Einzelne Komponenten der BSS-Architektur finden inzwischen häufig den Weg in die Cloud. Verschiedene Cloud-Anbieter können bereits die gesamte BSS Architektur als Cloud-Lösung anbieten. Ein Epochenumbruch für die Telekommunikationsindustrie. In Zeiten, in denen komplette Architekturen aus der Cloud bezogen werden können, ist es kaum noch möglich, sich inhaltlich voneinander zu differenzieren. Das Standardprodukt zwingt Unternehmen, neue Möglichkeiten der Differenzierung voranzutreiben. Etwa durch Time-2-Market oder Skalierbarkeit.

Die Nutzung der Cloud macht es für Telekommunikationsunternehmen möglich, sich stärker auf die eigenen Kernkompetenzen zu fokussieren. Integrationsthemen, die durch die Nutzung verschiedener IT-Systeme unterschiedlicher Anbieter entstanden, können nun ausgelagert werden.

Die Fülle an Vorteilen einer stärker standardisierten Welt, macht eine umfassende Implementierung von Cloud-Architekturen unausweichlich. Kompliziert ist jedoch die Umstellung der Systeme. Telkos kommen aus einer Legacy-Welt mit einer Vielzahl an Eigenentwicklungen sowie teilweise hochkomplexen und vielfältigen Produktwelten. Die Komplexität dieser Infrastrukturwelt muss auf dem Weg in die schlanke Cloud-Struktur weitgehend reduziert werden, um von den Vorteilen profitieren zu können. Ansonsten müsste das Cloud-Angebot stark individualisiert, aufgeteilt und angepasst werden – häufig noch mit Integrationssoftware. Damit gingen viele Vorteile verloren…

Ein oft praktiziertes Vorgehen ist daher der Aufbau einer parallelen Infrastruktur auf Cloud-Basis, auf welche die Kunden dann nach und nach migriert werden sollen. Sehr anspruchsvolle Kunden und komplizierte Tarife, etwa aus der Geschäftswelt, werden dann häufig noch in der alten Struktur gehalten.

Das radikalere Vorgehen ist die ganzheitliche Transformation der Systeme. Hierbei müssen Telkos die eigene Tarifwelt kritisch unter die Lupe nehmen und überlegen, wie die Komplexität bestmöglich für die Cloud aufbereitet werden kann. Einige Telkos haben ihr Tarifangebot daher massiv von einigen hundert Angeboten auf wenige Tarife reduziert, um eine größtmögliche Standardisierung zu erreichen. Dies bedeutet für viele Unternehmen eine 180 Grad Abkehr der Preis- und Tarifpolitik der letzten Jahre, welche eine Vielzahl an Varianten hervorgebracht hat. Das Betreiben und Instandhalten der hierzu erforderlichen IT-Architekturen wäre schon mittelfristig zu kosten- und zeitintensiv geworden.

Fazit

Mit der zunehmenden Cloudisierung wird sich die Rolle der IT wandeln. Durch flexible Cloud-Lösungen werden deutlich weniger Betriebsaufwände, deutlich weniger Maintenance-Aufwände und erheblich geringere Entwicklungsaufwendungen auf die Unternehmen zukommen. Die Aufgabe der IT wird in Zukunft stärker in der Orchestrierung verschiedener Dienste liegen. Sie muss sicherstellen, dass Cloud- und Drittservices passgenau und schnell implementiert werden können. Die Entwicklungsrolle früherer Tage bei den IT-Abteilungen der Telekommunikationsunternehmen wird zunehmend durch eine Architekturrolle ersetzt. Softwareentwicklungen werden verstärkt von spezialisierten Unternehmen und nicht zuletzt Start-ups entwickelt, sodass die einzelnen modularisierten Bausteine von den Nutzern nur noch zusammengesetzt werden müssen. Ein Paradigmenwechsel, der zwar bereits angestoßen ist, in der Unternehmenskultur vieler Telkos aber noch Probleme bereitet. Der Prozess hin zur „BSS of Future“ wird die Unternehmen wohl noch mindestens fünf Jahre begleiten.

Volker A. Pfirsching ist Partner bei Arthur D. Little und Autor des Beitrags.
Volker A. Pfirsching ist Partner bei Arthur D. Little und Autor des Beitrags. (Bild: Arthur D. Little)

Der Autor

Volker A. Pfirsching ist Partner bei Arthur D. Little und gehört der globalen „Technology and Innovation Management“ Practice an. Sein Fokus liegt in der Digitalisierung und der strategischen IT Beratung (Information Management). Er verantwortet das globale Competence Center ADLdigital und berät seit 15 Jahren Unternehmen in der Telekommunikation und anderen Branchen.

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