Fast 9.000 Fachleute und Unternehmen, die nicht nur über Pläne sprachen, sondern über laufende Systeme. Damit schlug der AWS Summit 2026 in Hamburg einen neuen Weg ein und präsentierte auf der Technologiekonferenz nicht nur neue Produkte und Kunden, sondern zeigte, was Cloud-Migration im Kerngeschäft wirklich bedeutet.
Stefan Höchbauer, Vice President für Deutschland und Zentraleuropa bei Amazon Web Services, in seiner Keynote auf dem 2026er AWS Summit in Hamburg.
(Bild: AWS)
Stefan Höchbauer, Vice President für Deutschland und Zentraleuropa bei Amazon Web Services, sagte in seiner Keynote auf dem AWS Summit in Hamburg vor 8.800 Teilnehmern einen Satz, der in seiner Schlichtheit fast disruptiv wirkt: „It runs.“ Gemeint ist die Cloud-Infrastruktur, die AWS seit inzwischen 20 Jahren aufbaut – in Deutschland seit 15 Jahren. Rund 18 Milliarden US-Dollar hat AWS allein in die Region Frankfurt investiert.
Und trotzdem, oder vielleicht genau deshalb, war der diesjährige Summit kein Technik-Spektakel. Es war eher ein Realitätscheck: Was ist aus den großen Migrationsversprechen geworden? Die Antwort lieferten drei deutsche Unternehmen, die auf der Bühne offen über ihre Erfahrungen sprachen und dabei keinen Hehl daraus machten, was das alles wirklich bedeutet.
Wenn Echtzeit wirklich Echtzeit heißt
Sebastian Enderlein, CTO von DeepL, brachte das zentrale Problem seines Unternehmens auf den Punkt: Übersetzungsqualität war nie das eigentliche Hindernis. DeepL gilt als das präziseste Übersetzungstool auf dem Markt, genutzt von über 200.000 Unternehmen weltweit. Neu ist seit April DeepL Voice-to-Voice, eine Produktreihe für die Sprachübersetzung in Echtzeit, die speziell für die mündliche Kommunikation entwickelt wurde. Sie ist derzeit im Early Access für 40 Sprachen verfügbar. Jedenfalls in der Demo funktionierte die Echtzeitübersetzung zwischen einer englischsprechenden Dame und einem Herrn aus Portugal sehr gut.
Das eigentliche Problem war Latenz – und Infrastruktur. Wer in Echtzeit gesprochene Sprache übersetzen will, braucht nicht nur ein gutes Modell, sondern ein System, das elastisch auf unvorhersehbare Lastspitzen reagiert. Genau das ist die neue Disziplin, die DeepL gemeinsam mit AWS entwickelt hat. Die technische Antwort lautet: Amazon EKS, also Elastic Kubernetes Service, kombiniert mit der Fähigkeit, dynamisch über Regionen hinweg zu skalieren.
Das hat konkrete Konsequenzen: DeepL kann jetzt Echtzeit-Sprachübersetzung anbieten – also nicht den Text tippen und warten, sondern sprechen und sofort in einer anderen Sprache gehört werden. Enderlein nannte das „die letzte echte Barriere“, die jetzt falle. Marktforschungsdaten aus einem Slator-Report im Auftrag von DeepL untermauern den Bedarf: Die Nachfrage nach gesprochener Echtzeit-Übersetzung wächst schneller als jedes andere Segment im Sprachmarkt. Was das konkret bedeutet: Compliance-Anforderungen und Rechenzentrumsstandorte werden dabei nicht als Hindernis, sondern als Teil des Designs behandelt. AWS und DeepL haben Expertise und Infrastruktur so kombiniert, dass Latenz kein Marketingproblem mehr ist, sondern ein gelöstes technisches Problem.
Transparenz als Technologieprojekt
Klaus Kolitz, CTO der Schufa, betrat die Bühne mit einer Zahl, die Eindruck macht: 230 Millionen Transaktionen über sieben Jahre. Das ist die Datenbasis, auf der das neue Scoring-Modell der Schufa aufbaut – und es ist ein Modell, das sich fundamental von seinem Vorgänger unterscheidet. Zwölf klar definierte Vektoren, vollständig transparent, so dass Verbraucher ihren Score erstmals wirklich verstehen können. Wer wissen will, warum er einen bestimmten Wert hat, bekommt eine Antwort – keine Black Box mehr.
Das klingt nach einem regulatorischen Fortschritt, ist aber vor allem ein technologischer. Die gesamte Scoring-Infrastruktur läuft nun auf AWS, inklusive der Kreditdaten. Für ein Unternehmen wie die Schufa, das mit hochsensiblen Finanzdaten operiert, war das kein selbstverständlicher Schritt. Kolitz machte deutlich, dass der Umstieg nur möglich war, weil AWS mit seiner European Sovereign Cloud europäische Standards hinsichtlich Datenschutz und Compliance erfüllt – also Datensouveränität nicht als Werbebotschaft, sondern als technische Architekturentscheidung behandelt.
Die Sovereign Cloud ermögliche laut Kolitz beides gleichzeitig: Innovation und Souveränität. On-Premises-Workloads könnten souverän failovern, sensible Daten blieben europäisch kontrolliert und trotzdem könne die Schufa von den neuesten KI-Modellen und Skalierungsmöglichkeiten profitieren. Der Schufa-Account läuft damit vollständig in der Cloud – mit allem, was dazugehört.
Arnulf Keese, Vorstand der Deutschen Kreditbank (DKB) erklärt: „Vertrauen ist binär.“ Das trifft das Wesen einer Direktbank mit sechs Millionen Kunden und 4.400 Mitarbeitern auf den Punkt. Entweder funktioniert das System, oder es funktioniert nicht. Der Begriff „Incident“ ist im Banking kein technisches, sondern ein Vertrauensproblem.
Stand: 08.12.2025
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Die DKB hat sich 2025 entschieden, nicht einfach zu migrieren, sondern neu zu bauen. Keese sagte es explizit: „Nicht einfach migrieren, sondern neu aufbauen.“ Das Altsystem war schwer zu warten, kaum zukunftsfähig und wuchs nicht mit den Anforderungen. Die Entscheidung, auf AWS zu setzen, fiel klar: AWS biete den tiefsten Stack an Services im Markt und wer im Banking auch künftig agil bleiben wolle, habe eigentlich keine Alternative zur Cloud.
Das Ergebnis: „Sofort, problemlos. Es funktioniert einfach.“ Über Amazon Bedrock hat die DKB Zugang zu den neuesten KI-Modellen – die Anzahl verfügbarer Modelle habe sich allein im vergangenen Jahr verdoppelt. Mit Bedrock AgentCore lassen sich Skalierungsprozesse automatisieren, ohne dass dabei Abhängigkeiten entstehen, die später teuer werden. Dass AWS auch eine Partnerschaft mit OpenAI eingegangen ist, wertet Keese als Zeichen dafür, dass das Prinzip gilt: kein Lock-in, sondern die Freiheit, das jeweils beste Modell für den jeweiligen Job zu wählen.
Abseits der Anwenderberichte lenkte Michael Hanisch, Head of Technology Deutschland bei AWS, den Blick auf die nächste technologische Evolutionsstufe: autonome KI-Agenten. Hanisch warnte davor, dass agentische Systeme in Unternehmen meist nicht an der mangelnden Intelligenz der Foundation Models scheitern, sondern an unzureichenden Infrastrukturen. Reine technische Standards wie das Model Context Protocol (MCP) reichen nicht aus, um komplexe Workflows zu steuern.
Wenn Hunderte von Agenten parallel im Auftrag von menschlichen Nutzern agieren – etwa bei der automatisierten Reisekostenabrechnung –, wirft dies komplexe Fragen auf: Welche Identität besitzt der Agent? Welche Governance- und Policy-Schichten definieren seine Befugnisse in einem spezifischen Kontext? Zudem führt der parallele Betrieb zu einer massiven „Token-Inflation“ und damit zu explodierenden Betriebskosten. AWS adressiert dies über integrierte Management-Schichten in Bedrock, die einen schnellen Modellwechsel per Mausklick erlauben. Unternehmen können so für die strategische Planung teurere, für Routineaufgaben hingegen kostengünstigere Modelle einsetzen, ohne die übergeordnete Governance-Struktur neu aufsetzen zu müssen.
Ausblick: Das digitale Wettrüsten hat begonnen
Für die kommenden drei bis fünf Jahre zeichnen sich laut den AWS-Experten drei unumkehrbare Trends ab, auf die sich IT-Verantwortliche einstellen müssen:
1. Die Skalierung agentischer KI: Autonome Agenten werden klassische Marktstrukturen verändern. So müssen moderne Online-Shops künftig darauf vorbereitet sein, potenziell Millionen von automatisierten Agentenanfragen pro Tag effizient zu verarbeiten.
2. Quantencomputing als Sicherheitsfaktor: Die Überprüfung und Anpassung bestehender Schlüsselaustauschmechanismen im Schlüsselmanagement muss bereits heute beginnen, um langfristig post-quantensicher zu sein.
3. KI in der Cybersecurity: Es ist ein technologisches Wettrüsten im Gange. Generative KI senkt die Barrieren für Angreifer, die automatisierte Angriffsskripte generieren, dient Code-Verantwortlichen jedoch gleichzeitig als unverzichtbares Schutzschild zur proaktiven Identifikation von Systemlücken.
Das Fazit des Kongresses fällt unmissverständlich aus: Unternehmen, die mit Investitionen warten, bis sich sämtliche KI- und Cloud-Standards final konsolidiert haben, riskieren den dauerhaften Verlust ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Die technologische Transformation im Enterprise-Segment ist kein temporäres Projekt mehr – sie ist der permanente Betriebszustand.