Gastkolumne von Dr. Werner Vogels, CTO von Amazon

Arbeitswelt im Wandel?

| Autor / Redakteur: Dr. Werner Vogels / Florian Karlstetter

The Future of Work - oder wie sieht die Arbeitswelt von morgen aus? Dazu ein paar Gedanken von Dr. Werner Vogels, dem Vordenker und CTO bei Amazon.com.
The Future of Work - oder wie sieht die Arbeitswelt von morgen aus? Dazu ein paar Gedanken von Dr. Werner Vogels, dem Vordenker und CTO bei Amazon.com. (Bild: gemeinfrei (geralt / pixabay) / CC0)

Maschinelles Lernen (ML), Big Data oder das Internet der Dinge – dass die Digitalisierung und neue Technologien unsere Arbeitswelt verändern werden, ist inzwischen allgemein akzeptiert. Schon heute erleben das viele Unternehmen und Berufstätige aus erster Hand. Höchste Zeit also, sich Gedanken zu machen: Wie wird die Arbeitswelt der Zukunft aussehen? Und welche Rolle werden wir Menschen darin spielen?

„Die Zukunft ist schon da – nur noch nicht gleichmäßig verteilt“ – so beschrieb Science-Fiction Autor William Gibson bereits vor 20 Jahren die Umbruchstimmung seiner Zeit. Damals wie heute gibt es enorme Unterschiede zwischen denen, die Zukunftstechnologien schon einsetzen und denen, die dies noch nicht tun. Die Folgen sind nirgends so gravierend wie auf dem Arbeitsmarkt: Welche Qualifikationen und Fähigkeiten sind in Zukunft gefragt? Und wie eignet man sich diese am besten an? Auf diese Fragen haben weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer bisher eine Antwort gefunden.

Die Folge ist eine allgemeine Verunsicherung, sogar unter jungen digital Natives: Laut einer Gallup-Studie haben 37 Prozent der Millenials Angst davor, ihren Job in den nächsten 20 Jahren an KI zu verlieren. Dabei gibt es auch zahlreiche Gründe, optimistisch in die Zukunft zu blicken. So fand das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) heraus: Unternehmen schaffen mehr Jobs, wenn sie in die Digitalisierung investieren, als wenn sie das nicht tun. Offene Fragen bleiben natürlich trotzdem. Noch ist zum Beispiel nicht abzusehen, wie viele der Jobs, die wir heute kennen, so weiterbestehen wie bisher und wie viele von KI und ML-basierten Systemen übernommen werden. Ebenso unklar ist, welche Aufgaben auch weiterhin zwingend von Menschen übernommen werden sollten. Zugleich entstehen durch diese Entwicklung aber vielleicht auch ganz neue Jobs, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Komplett neu denken statt „nur“ weiterdenken

Mit solcher Unsicherheit geht immer auch ein gewisses Risiko einher. Aber, wie der Dichter Friedrich Hölderlin schon vor über hundert Jahren erkannte: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Ich würde mich selbst als Technologieoptimist bezeichnen. Neue Technologien helfen uns etwa dabei, unseren Kunden ein angenehmeres Einkaufserlebnis zu bieten. Die Amazon Go Stores, die ohne Kassierer auskommen, sind ein gutes Beispiel dafür. In der Folge verschiebt sich der Arbeitsmarkt, und an anderer Stelle entstehen völlig neue Jobs. Die Arbeit der Zukunft basiert nicht auf den Strukturen der Gegenwart – das konnten wir in der Geschichte immer wieder beobachten.

Als in den 30er Jahren der Kühlschrank erfunden wurde, war der Handel mit Eis als Geschäftsmodell plötzlich obsolet. Zugleich schuf diese neue Technologie aber auch ganz neue Arbeitsplätze, denn um die Geräte zusammenzubauen, brauchten die Kühlschrankproduzenten viele neue Mitarbeiter. Und da Lebensmittel nun länger haltbar waren, entstanden weitere völlig neue Betätigungsfelder. Wenn wir über den Arbeitsmarkt der Zukunft nachdenken, müssen wir uns vom aktuell vorherrschenden Bild der Arbeit ein stückweit lösen. Die eigentlich entscheidende Frage lautet: Wie ändert sich unserer Arbeitswelt organisatorisch und qualitativ?

Es gibt viele Arbeitsplätze, die sich in den vergangenen Jahren in ihren grundsätzlichen Abläufen kaum verändert haben. Ärzte, Rechtsanwälte oder Taxifahrer machen heute weitestgehend die gleiche Arbeit wie zuvor, auch wenn einige Aufgaben inzwischen von „Maschinen“ ausgeführt oder zumindest unterstützt werden. Was am Ende dabei herauskommt ist nach wie vor das gewünschten Produkt oder der Service in einer bestimmten Qualität. Es wäre aber falsch, Menschen im Zeitalter der Digitalisierung nur als eine Art Lückenfüller zwischen „Maschinen“ zu sehen. Im Zentrum steht die Kundenanforderung, um die Mensch und Maschine sinnvoll herumgebaut werden müssen.

Ergänzendes zum Thema
 
Kurzbiografie Dr. Werner Vogels

Die Aufgabe ist nicht, ein Auto zu bauen, sondern Menschen von A nach B zu befördern. Das eigentliche Produkt ist nicht länger ein Fahrzeug, sondern der Service „Mobilität“. „Wie komme ich so schnell wie möglich zum Hamburger Hauptbahnhof?“ – das ist die Kundenanforderung, die es zu erfüllen gilt. Dazu könnte man zum Beispiel die schnellsten Mobilitätsdienstleister über eine digitale Plattform miteinander verbinden. Ein weiterer Schritt könnte die Einbeziehung virtueller Realität sein. Dafür sind Prozesse weniger entscheidend als Plattformen oder Netzwerke. Damit Mensch und Maschine ihre jeweiligen Stärken optimal ausspielen können, ist es sinnvoll, künstliche Intelligenz einzusetzen: Menschen definieren Probleme und strukturieren sie vor, „Maschinen“ oder Algorithmen entwickeln Lösungen, die Menschen am Ende wieder evaluieren. Wie das in der Praxis aussehen kann, sieht man etwa bei Radiologen, die sich heute von Maschinellem Lernen unterstützen lassen. Mithilfe dieser Technologie können sie digitale Inhalte besser analysieren und dadurch Röntgenbilder deutlich zuverlässiger beurteilen.

Der Mensch hat also lange noch nicht ausgedient. Ich möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen: Ich bin überzeugt, dass wir die Arbeitswelt „rehumanisieren“, unsere einzigartigen menschlichen Fähigkeiten also wieder viel stärker zum Einsatz bringen können. Die Schnittstellen zu unseren digitalen Systemen und Technologien waren bisher dadurch bestimmt, was unsere „Maschinen“ können. In Zukunft wird wieder der Mensch im Mittelpunkt stehen. Bisher musste ein Programmierer, der einem Roboter das Laufen beibringen wollte, jede einzelne Bewegung und jeden weiteren Parameter exakt berechnen und in den Programmiercode einbauen. In der Zukunft wird Sprachsteuerung in der Robotik und der Automatisierung ein großes Thema sein. Denkbar wäre dann, dass ein Roboter per einfachem Sprachbefehl von jedem gesteuert werden kann und er über eine Bewegungserkennung sogar den Bewegungsablauf von Menschen imitieren und trainieren kann.

Die neuen technologischen Möglichkeiten und eine größere Rechenleistung werden es ermöglichen, die Arbeit so zu gestalten, dass in Zukunft nicht die „Maschine“, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht. Aufgabe von Technologien wie dem Maschinellen Lernen ist es dann, die menschliche Arbeitskraft effektiver zu machen. Wie das funktionieren kann, zeigen Unternehmen wie C-SPAN: Um Unmengen an Videomaterial zu scannen, zu verschlagworten, und zum Beispiel nach Personennamen zu kategorisieren, müssten unzählige Mitarbeiter stundenlang beschäftigt werden. Dank automatisierter Gesichtserkennung passiert dies heute ganz automatisch und innerhalb von Sekunden. Menschen können dann sofort mit den Ergebnissen weiterarbeiten.

Kollaboration mit allen Sinnen

Die Art und Weise, wie Mensch und Maschine zusammenarbeiten, ändert sich gerade fundamental und extrem schnell. Bald wird Technologie noch selbstverständlicher ein Teil unserer Arbeitsumgebung sein und mit allen menschlichen Sinnen interagieren. „Maschinen“ hören, sehen, fühlen oder riechen sogar, welche Reaktion in einer gegebenen Situation gefordert ist. Momentan ist das Thema Sprachsteuerung zukunftsweisend. Die heutigen Technologien unterscheiden sich radikal von schlichten Sprachbefehlen, wie wir sie unter dem Stichwort „hands-free“ kennen. Moderne Sprachsysteme verstehen, interpretieren und antworten fachkundig. Damit decken sie das ganze Repertoire echter Kommunikation ab. Etwa bei Diagnosen für Patienten oder in der Rechtsberatung sieht man das schon sehr deutlich. Bis Ende des Jahres werden wir eine grundlegende Veränderung in der Art und Weise, wie wir Geräte und Anwendungen entwickeln, beobachten können. Gerade im Arbeitsleben werden Menschen Technologien primär über Sprache einbinden.

Im Kleinen gibt es dafür bereits Beispiele, etwa bei der US-Weltraumbehörde NASA. Wenn Mitarbeiter hier einen Konferenzraum brauchen, fragen sie einfach Alexa. Die vergibt die Räume dann ganz automatisch. Auch die typischen „Stolperfallen“ einer Telefonkonferenz können so umgangen werden: Statt langer Suche nach den richtigen Zugangsdaten reicht ein Sprachbefehl, um sich einzuwählen. Und statt lästigem Mitschreiben kann der AWS Service Transcribe in Echtzeit ein Protokoll erstellen und an alle Teilnehmer verschicken. Auch Unternehmen wie der japanische Konzern Mitsui oder der Softwareanbieter bmc nutzen Alexa for Business, um die interne Zusammenarbeit produktiver und effizienter zu gestalten.

Sprachsteuerung kommt auch beim Softwareanbieter fme zum Einsatz, um seinen Kunden innovative Anwendungen in den Bereichen Business Intelligence, Social Business Collaboration und Enterprise-Content-Management-Technologien anzubieten. Die Kunden kommen vor allem aus dem Bereich Life Science und der industriellen Fertigung. Per Sprachbefehl können die Mitarbeiter des Unternehmens Content suchen, diesen navigieren, oder ihn sich vorlesen lassen. Alexa kann zudem einzelne Aufgaben erklären, was zum Beispiel neuen Mitarbeitern den Einstieg erleichtert. Zugleich wird das Onboarding kostengünstiger, wenn Manager nicht immer wieder das das gleiche „Informationsritual“ durchlaufen müssen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch das Pharmaunternehmen AstraZeneca, das Alexa in der Arzneimittelproduktion nutzt. Per Spracheingabe erfragen die Mitarbeiter die nächsten Schritte der hinterlegten Standardprozesse.

Für die Verwaltung bleibt diese Entwicklung nicht ohne Folgen: Wenn weniger Ressourcen für administrative Tätigkeiten anfallen werden diese frei für Tätigkeiten, die unmittelbar dem Kunden zugutekommen. Statt reiner „Verwalter“ werden Mitarbeiter vom Typ „Architekten“, „Entwickler“, „Kreative“, „Beziehungsexperten“, „Plattformspezialisten“ und „Analytiker“ immer wichtiger. Diese Art von Arbeit, in der wir Dinge schöpfen und erschaffen, ist zudem oft viel erfüllender.

Die digitale Welt für alle

Dass sich die Beziehung zwischen Mensch und Maschine so grundlegend verändert, hat auch noch einen anderen wichtigen Effekt. An der digitalen Wertschöpfung konnten viele Menschen bisher gar nicht teilhaben: Ältere Menschen, Personen ohne Computer oder Smartphone, und solche, die sich mit neuen Technologien schwertun, aber auch Menschen in Entwicklungsländern, die nicht lesen und schreiben können. Das wird sich nun ändern.

So arbeitet zum Beispiel das International Rice Research Institute seit einiger Zeit erfolgreich mit Reisbauern zusammen, um diesen die Arbeit zu erleichtern. Das Institut mit Hauptsitz auf den Philippinen bekämpft dadurch zugleich Armut, Hunger und Mangelernährung in den Heimatregionen der Reisbauern. Das Institut verfügt über eine Datenbank mit 70.000 DNS-Sequenzen verschiedener Reissorten, die auch Informationen über die optimalen Bedingungen für deren Anbau liefern kann. In jedem Dorf gibt es ein Telefon, mit dem Reisbauern Zugang zu diesem gesammelten Wissen erhalten. In einem Menü können sie einfach ihren eigenen Dialekt auswählen und das Stück Land beschreiben, das sie bestellen. Der Service des Instituts empfiehlt dann die richtige Menge an Dünger und die beste Zeit für die Aussaat. Mithilfe einer ML-Technologie ernten die Bauern so mit dem gleichen Arbeitseinsatz deutlich mehr Reis.

Dies ist nur ein Beispiel für die enormen Möglichkeiten, die sich unserer Arbeitswelt eröffnen. Vieles ist noch unklar. Was man aber schon jetzt sagen kann: Durch Technologien entstehen Tätigkeiten, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Die Angst, dass der Mensch als Arbeitskraft dadurch überflüssig wird, bestätigt sich bisher nicht: In Ländern wie Deutschland, wo mehr als doppelt so viele Roboter pro Kopf in Betrieb sind, wie etwa in den USA, ist das vorherrschende Problem nicht eine steigende Arbeitslosigkeit.

Vielmehr wird es hier immer schwieriger, qualifizierte Fachkräfte zu finden. Wahrscheinlich ist auch, dass die Qualität der Arbeit steigen wird und wir uns wieder stärker auf Tätigkeiten konzentrieren können, die unserer menschlichen Natur viel eher entsprechen. Die technologischen Möglichkeiten sind schon da. Wenn wir ihnen gerecht werden wollen, sollten wir mit Hölderlin an das Rettende glauben, aber nicht im blinden Urvertrauen. Wenn wir die Entwicklungen verstehen, können wir sie auch gestalten und damit Risiken minimieren.

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