Open Source: Europas Weg zu digitaler Souveränität Die unterschätzte Macht offener Software

Ein Gastbeitrag von Steffen Märkl* 5 min Lesedauer

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Open-Source-Software (OSS) bildet das Rückgrat der digitalen Wirtschaft und gewinnt als Schlüssel zur digitalen Souveränität besonders für Europa weiter an Bedeutung. Doch zwischen breiter Nutzung und strategischer Verankerung klafft in deutschen Unternehmen noch eine erhebliche Lücke. Ein Überblick über Chancen, Dynamiken und Handlungsbedarf.

Die globale Bewegung hin zu offenen Standards fördert Innovation und Zusammenarbeit. Gleichzeitig bietet sie europäischen Unternehmen die Chance, ihre digitale Souveränität zu stärken.(Bild: ©  Onetrick - stock.adobe.com)
Die globale Bewegung hin zu offenen Standards fördert Innovation und Zusammenarbeit. Gleichzeitig bietet sie europäischen Unternehmen die Chance, ihre digitale Souveränität zu stärken.
(Bild: © Onetrick - stock.adobe.com)

Als Fundament der digitalen Weltwirtschaft ist OSS von unschätzbarem Wert. Die Harvard-Studie „The Value of Open Source Software“ belegt, dass Unternehmen ohne OS-Lösungen 3,5-mal mehr für Software ausgeben müssten. Die Studie hebt hervor, dass Open Source in 96 Prozent aller Codebases vertreten ist und auch manche kommerzielle Software bis zu 99,9 Prozent aus frei verfügbaren Open Source-Komponenten besteht.

Gerade kleinen und mittleren Unternehmen bietet Open-Source-Software die Option, preiswerte und dennoch effektive Lösungen zu nutzen, wodurch sie ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern können. Die internationale Zusammenarbeit im Bereich Open Source fördert die weltweite Vernetzung und ermöglicht einen effektiven Austausch von Wissen und Ressourcen, sodass Open-Source-Software zugleich auch als Motor für digitale Innovation und Kooperation fungieren kann.

Breit genutzt, aber selten strategisch verankert

Der „Open Source Monitor 2025“ des deutschen Branchenverbands Bitkom bestätigt dieses Bild – und offenbart zugleich Defizite. 73 Prozent der befragten Unternehmen setzen OSS ein, mit 61 Prozent steht die Mehrheit dem Thema aufgeschlossen gegenüber. Im öffentlichen Sektor nutzen zwei Drittel der Behörden und Organisationen bewusst Open Source.

Doch die strategische Verankerung hinkt der Verbreitung deutlich hinterher. 60 Prozent der Unternehmen verfügen über keinerlei Open-Source-Strategie. Nur 14 Prozent betreiben ein Open Source Program Office, bei 62 Prozent fehlt eine dokumentierte Policy. Mehr als die Hälfte hat keinen Compliance-Prozess für den Umgang mit Open-Source-Komponenten etabliert. Open Source wird genutzt, aber selten gesteuert – ein Zustand, der angesichts wachsender regulatorischer Anforderungen wie dem Cyber Resilience Act oder der neuen Produkthaftungsrichtlinie zunehmend riskant erscheint.

Digitale Souveränität: Der geopolitische Treiber

Das Jahr 2025 hat dem Thema Open Source zusätzlichen Aufwind verliehen, denn die digitale Souveränität rückt in Zeiten geopolitischer Spannungen weit oben auf die Agenda von Wirtschaft und Politik in Deutschland. Und quelloffene Software spielt eine Schlüsselrolle auf dem Weg zur digitalen Souveränität.

Das Grundproblem ist bekannt: Proprietäre Technologien schaffen Abhängigkeiten. Das geistige Eigentum verbleibt beim Hersteller, Kunden erhalten lediglich eine Nutzungserlaubnis. Preiserhöhungen, geänderte Produktstrategien oder der Zugriff ausländischer Behörden auf Daten über Regelungen wie den US-amerikanischen Cloud Act lassen sich kaum beeinflussen. Ein Vendor Lock-In ist oft die Folge.

Open-Source-Technologien bieten hier einen Mittelweg zwischen Fremdbestimmung und unrealistischer, vollständiger Autarkie: Durch offene Lizenzen und Zugang zum Quellcode können Organisationen bestehende Komponenten wiederverwenden, über offene Standards die Interoperabilität stärken und souverän über ihre IT-Systeme entscheiden. Dass dieses Bewusstsein in der Breite angekommen ist, zeigen die Zahlen des Open Source Monitor: 73 Prozent der Unternehmen sehen Open Source als Instrument zur Stärkung digitaler Souveränität, 60 Prozent wünschen sich verstärkte staatliche Investitionen in diesem Bereich.

Die EU-Kommission hat die strategische Bedeutung von Open Source erkannt und arbeitet an einer neuen Open-Source-Strategie, die zusammen mit dem „Cloud and AI Development Act“ als Paket veröffentlicht werden soll. Das Ziel: Europas digitale Souveränität stärken und Abhängigkeiten von proprietären Angeboten – häufig aus den USA – reduzieren. Konkret sollen Open-Source-Projekte kommerziell tragfähiger werden, die Organisation des Ökosystems verbessert und die Sicherheit der Lieferkette adressiert werden. Auch der öffentliche Sektor soll stärker auf Open Source setzen.

Open Source im KI-Zeitalter

Dass Open Source auch im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) zukunftsfähig ist, zeigte der chinesische KI-Anbieter DeepSeek, als er Anfang 2025 sein R1-Reasoning-Modell als Open-Source-Konkurrenz zu OpenAI und anderen LLMs veröffentlichte. Wenige Montage später folgte OpenAI mit neuen KI-Modellen, die auf einem offenen Stack basieren. Die Veröffentlichung der Modelle gpt-oss-120B und gpt-oss-20B markiert einen bedeutenden Schritt in der Open Source-Bewegung. Besonders bemerkenswert ist das neue „Worst Case Fine Tuning“-Sicherheitsprotokoll, das böswillige Nutzung in Biologie und Cybersicherheit simuliert, um Missbrauch für Waffenbau oder Cyberattacken zu verhindern. OpenAI Chef Sam Altman betont, dass die Welt künftig auf einem offenen KI-Stack aufbauen kann, der von demokratischen Werten geprägt ist.

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Der „Open Source Monitor 2025“ unterstreicht die Relevanz: 51 Prozent der befragten Unternehmen halten Open-Source-KI-Modelle für empfehlenswert, 45 Prozent sehen darin eine Möglichkeit, technologische Abhängigkeiten und den Vendor-Lock-In zu vermeiden. Offene KI-Modelle beschleunigen nicht nur die Innovation, sondern ermöglichen es Unternehmen auch, die Kontrolle über ihre KI-Anwendungen zu behalten.

Herausforderungen: Open Source ist nicht gleich DYI

Trotz aller Vorteile stehen Unternehmen beim Einsatz von Open Source vor konkreten Herausforderungen. Fehlende IT-Fachkräfte, unklare Gewährleistungsfragen und rechtliche Unsicherheiten bei der Lizenzierung bremsen den Fortschritt. Die Entwicklung und Verwaltung einer eigenen Open-Source-Plattform für fortgeschrittene Analysen oder KI kann in Eigenregie schnell riskant und kostspielig werden. Viele Organisationen unterschätzen die Komplexität und das erforderliche Know-how für den Betrieb.

Der Schlüssel liegt in der Verbindung von offenen Technologien mit professioneller Unterstützung. Plattformen, die ein großes Ökosystem von Open-Source-Projekten bündeln und als verwaltete Lösung bereitstellen, bieten einen pragmatischen Weg. Die Ideallösung für die meisten Unternehmen liegt im Abonnement einer Lösung, die auf offenen Standards basiert, aber umfassende Unterstützung und regelmäßige Updates bietet, um Sicherheit und Leistung zu gewährleisten. Neben den technologischen Bausteinen braucht es fähige Mitarbeitende, die digitale Infrastruktur kompetent aufbauen und betreiben können – ein Aspekt, der zugleich die Chance auf attraktive IT-Arbeitsplätze und höhere lokale Wertschöpfung eröffnet.

Proprietäre Technologien schaffen Abhängigkeiten und eine starke Anbieterbindung, die die Kontrolle über IT-Systeme und Daten einschränken und Unternehmen externen regulatorischen Änderungen wie dem US CLOUD Act aussetzen. Die Cloudera-Plattform beispielsweise, die ein umfangreiches Ökosystem von Open-Source-Projekten und -Technologien nutzt, bietet eine echte Hybridplattform für Daten, Analysen und KI. Durch die Einhaltung offener Standards und die Bereitstellung von Open-Source-Komponenten entsteht so die entscheidende Balance, die zur Stärkung der digitalen Souveränität insgesamt erforderlich ist. So werden Interoperabilität, Datenportabilität und die Fähigkeit von Unternehmen gewährleistet, die Kontrolle über ihre digitale Infrastruktur zu behalten und technologische Abhängigkeiten zu vermeiden.

Ausblick: Vom Lippenbekenntnis zur Strategie

Die globale Bewegung hin zu offenen Standards fördert Innovation und Zusammenarbeit. Gleichzeitig bietet sie europäischen Unternehmen die Chance, ihre digitale Souveränität zu stärken. Doch die Zahlen machen deutlich: Die breite Nutzung allein reicht nicht aus. Open Source muss strategisch angegangen werden – mit definierten Zielen, klaren Zuständigkeiten und einer festen Verankerung in der digitalen Gesamtstrategie.

Unternehmen, die jetzt ihre Abhängigkeiten analysieren, eine Open-Source-Strategie formulieren und in den Aufbau interner Kompetenz investieren, schaffen die Grundlage für technologische Unabhängigkeit und langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Die politischen Rahmenbedingungen – von der EU-Open-Source-Strategie bis zum Cyber Resilience Act – setzen dafür zunehmend die richtigen Impulse.


* Der Autor Steffen Märkl ist Solutions Engineering Director, CEMEA bei Cloudera.

Bildquelle: Cloudera

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