Interview mit Steve Brazier, dem Gründer von Canalys

Steve Brazier: Die Public Cloud ist teuer

| Autor: Michael Hase

Dass die Nutzung der Public Cloud preiswert sei, ist Steve Brazier zufolge ein Mythos.
Dass die Nutzung der Public Cloud preiswert sei, ist Steve Brazier zufolge ein Mythos. (Bild: Pixabay)

Der Analyst Steve Brazier, Gründer und CEO von Canalys, klärt im Gespräch über Mythen des Cloud-Markts auf und gibt einen Ausblick auf die weitere Konsolidierung der IT-Industrie.

In Ihrer Keynote auf dem Canalys Channels Forum haben Sie die großen IT-Hersteller mitverantwortlich dafür ­gemacht, dass falsche Vorstellungen über die Public Cloud kursieren. Worauf zielt Ihre Kritik ab?

Brazier: Es ist ein Mythos, die Public Cloud sei billig. Sicherlich gibt es einige Szenarien, in denen die Nutzung sinnvoll ist, beispielsweise um Lastspitzen abzufangen oder Dinge zu testen. Wenn man aber die Pub­lic Cloud über einen langen Zeitraum ernsthaft nutzen möchte, ist das eine kostspielige Option. Meine Kritik an der IT-Branche lautet, dass sich Anbieter wie Cisco, Dell, HPE oder Lenovo von AWS und Azure die Meinungshoheit haben nehmen lassen. Sie haben sich nicht entschieden genug mit den Argumenten zur Wehr gesetzt, die gegen die Public Cloud sprechen: Anwender sind in eine pro­prietäre Umgebung eingeschlossen. Die Performance ist schwach, weil Kunden geografisch von ihren Daten entfernt sind. Mitunter sprechen rechtliche und regulatorische Gründe gegen eine Nutzung. Außerdem drohen die großen Provider zu groß zu werden, als dass sie scheitern dürfen. Aber vor allem: Die ­Public Cloud ist teuer.

Canalys-Chef Steve Brazier rechnet damit, dass sich der Public-Cloud-Markt rund um drei Player konsolidiert.
Canalys-Chef Steve Brazier rechnet damit, dass sich der Public-Cloud-Markt rund um drei Player konsolidiert. (Bild: Michael Hase)

Amazon, Microsoft und Google steigern ihr Cloud-Geschäft zwar mit ­hohen zweistelligen Zuwachsraten. Sind sie aber nicht doch noch weit von der kritischen Größe entfernt, bei der ein Scheitern gravierende volkswirtschaftliche Folgen hätte?

Brazier: Der Wirtschaftswissenschaftler Nouriel Roubini hat die Finanzkrise einige Jahre, bevor die Immobilienblase tatsächlich geplatzt ist, vorhergesagt. Niemand hat auf ihn gehört. Erst als die Krise ausbrach, ­haben alle gesagt: Roubini hatte Recht. Mir geht es darum, langfristig auf die Gefahr einer Krise aufmerksam zu machen, die das wirtschaftliche Scheitern eines der drei großen Cloud Provider nach sich ziehen könnte. In einem Jahr wird das vermutlich noch nicht passieren. Aber vielleicht in fünf Jahren. Und dann würde das Scheitern katastrophal werden.

Ergänzendes zum Thema
 
Zur Person

Anders als Canalys spricht Synergy Research von den großen Vier. Die Marktforscher sehen IBM bei Infrastructure as a Service (IaaS) sogar noch vor Google. Haben Sie IBM nicht auf der Rechnung?

Brazier: Sie brauchen nicht bei anderen Marktforschern zu schauen. Wir haben alle rele­vanten Zahlen. Aus unserer Sicht ist es falsch, von vier Großen zu sprechen. Wir beobachten nur drei. IBM bleibt weit hinter Google zurück und agiert viel zu langsam, um zu den drei führenden Providern aufzuschließen. Wenn in Zukunft jemand in deren Reihen eindringen sollte, dann wird es ein chinesischer Provider sein.

Deutsche Unternehmen waren lange skeptisch gegenüber der Public Cloud und nähern sich ihr nach wie vor ­zögerlich. Stattdessen beziehen viele Endkunden externe IT-Leistungen als Managed Services, die inzwischen von Systemhäusern bereitgestellt werden. Liegt in diesem Modell die Zukunft für den Channel?

Brazier: Den Wiederverkauf mit der Bereitstellung von Managed Services zu kombinieren, sehe ich als ein sinnvolles Modell für den Channel an. 15 Prozent der Teilnehmer, die unser Forum besuchen, haben sich inzwischen zu Managed Service Providern gewandelt. In Deutschland ist Cancom ein gutes Beispiel dafür, wie man mit Managed Services eine Erfolgsgeschichte schreiben kann. Generell geht man bei Ihnen umsichtiger mit Datenschutz um als in den meisten anderen Ländern. Die Regulierung ist in Deutschland sehr reif, was den Schutz der Interessen von Kunden und Unternehmen ­betrifft. So wollen die Behörden etwa WhatsApp daran hindern, Daten mit Face­book auszutauschen. Ich halte das für richtig. Einer muss den amerikanischen Konzernen zeigen, dass sie nicht tun können, was immer ihnen beliebt.

Neben den Hyperscalern gibt es eine Reihe von Hostern wie Claranet, Host Europe oder Interoute, die ebenfalls IT-Ressourcen als Service bereitstellen. Wie schätzen Sie deren Aussichten im Cloud-Markt ein?

Brazier: Der Public-Cloud-Markt wird sich rund um drei große Player konsolidieren. Für mittelgroße Provider wird der Wett­bewerb extrem hart. Nicht nur wegen der Kostenstrukturen. Auch was die Breite des Angebots an Services und die Entwicklung von Innovationen angeht, wird es für andere Anbieter schwierig, mit den Großen Schritt zu halten.

Konsolidierung gibt es nicht nur bei Cloud Providern, sondern auch in ­anderen Segmenten des IT-Markts. Dell / EMC und Tech Data / Avnet TS sind zwei markante Beispiele dafür. Schränken sich nicht langfristig die Wahlmöglichkeiten für Kunden und Partner ein, wenn die Anzahl der Hersteller und Distributoren sinkt?

Brazier: Wenn ein Markt nicht mehr wächst, wird er sich konsolidieren. Denn der Druck auf die Anbieter nimmt zu. Sollte es in Zukunft zum Beispiel nur noch drei Server-Hersteller geben, wäre das fein. Man ­hätte immer noch genügend Wettbewerb, und jeder würde Geld verdienen. Auch in der Distribution findet derzeit kein Wachstum statt, aber es gibt zu viele Player. ­Alle Mitbewerber von Tech Data sind des­wegen glücklich über den Kauf von Avnet TS. Sie rechnen damit, dass eins plus eins nicht zwei, sondern nur 1,7, 1,8 oder 1,9 ergibt. Somit würden alle gewinnen. Durch den Merger kommen auch Broadline und Value noch enger zusammen. Denn Avnet hatte 2012 den Spezialdistributor Magirus übernommen. Dieser Trend wird sich wahrscheinlich auch künftig fortsetzen, dass Spezialisten, die ein Marktsegment getrieben haben, von einem Großen gekauft werden.

Das Canalys Channels Forum 2016 stand unter dem Motto „Digital First“. Inwiefern verändert sich durch die ­Digitalisierung die Rolle der Fachhandelspartner?

Brazier: Die Rolle der Partner hat sich über die ­vergangenen 30 Jahre nicht verändert. Sie besteht darin, kleine und mittelstän­dische Unternehmen mit Technologie­lösungen auszustatten. Diese Rolle wird sich vermutlich auch in den kommenden 30 Jahren nicht verändern. Was sich dagegen ändert, ist die Technologie.

Allerdings macht der technologische Wandel neue Skills im Channel erforderlich – etwa die Fähigkeit, Managed Services bereitzustellen oder Kunden geschäftsorientiert zu beraten. Den Erwerb solcher Skills legt Canalys den Partnern nahe. Auf welche Fähigkeit kommt es vor allem an?

Brazier: Wir tun unser Bestes, den Partnern die richtigen Empfehlungen an die Hand zu geben. Aber entscheidend für sie ist, dass sie ihren Kunden zuhören und auf deren ­Bedarf eingehen. Das ist schwierig genug. Die Fähigkeit, den richtigen Leuten zuzuhören, ist der Schlüssel.

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