Das Rennen um digitale Talente

Qualifizierte Mitarbeiter in Zeiten der Digitalisierung

| Autor / Redakteur: Emmanuelle Blons* / Florian Karlstetter

Den Fachkräftemangel mit den richtigen Ansätzen und Kenntnissen überwinden.
Den Fachkräftemangel mit den richtigen Ansätzen und Kenntnissen überwinden. (Bild: © olly - stock.adobe.com)

Weltweit kämpfen aktuell viele Unternehmen im Zuge der Digitalisierung mit einem Fachkräftemangel – und damit auch mit den damit einhergehenden Auswirkungen auf ihr Portfolio und Wachstum. Doch was ist der aktuelle Status im Rennen um die digitalen Talente? Und was können Personalabteilungen tun, um die Lücke zu schließen und die Entwicklung der bestehenden Mitarbeiter als entscheidenden Wettbewerbsfaktor für ihre Organisation zu nutzen?

„Talente aufzubauen und zu entwickeln ist die wichtigste Aufgabe von Unternehmen – die Voraussetzung für den Wettbewerb in einer wissensbasierten Wirtschaft“, sagte bereits Management-Denker und Ökonom Peter Drucker. Ganz besonders gilt das für Unternehmen, die sich im Wandel befinden. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung, in dem Unternehmen oftmals mehrere Transformationsprozesse gleichzeitig durchführen, ist die Weiterentwicklung von Mitarbeitern fundamental für den Erfolg. Personaler müssen sich dabei die Frage stellen, „Wie können wir die aktuelle Herausforderung in einen Wettbewerbsvorteil umwandeln?“

Im Juli 2019 befragte das Infosys Knowledge Institute weltweit mehr als 1.000 Führungskräfte aus Unternehmen mit einem Umsatz von über einer Milliarde US-Dollar. Die befragten Organisationen stammen aus verschiedenen Branchen in Australien, China, Frankreich, Deutschland, Indien, Großbritannien und den USA. Die Studie „Infosys Talent Radar 2019“ gibt Aufschluss über die Rolle von Mitarbeitern und Talenten im digitalen Zeitalter und zeigt auf, welcher Bedarf und welche Qualifikationslücken bestehen, sowie, was Organisationen unternehmen können, um diese zu adressieren. Darüber hinaus diskutiert die Studie, wie Firmen die benötigten Kenntnisse und Fähigkeiten finden, entwickeln und an sich binden können, um im digitalen Zeitalter erfolgreich zu sein.

Talente für die digitale Ära – Mangelware

Die Ergebnisse zeigen, dass der Arbeitsplatz von morgen die Entwicklung neuer Kompetenzen erfordert – sowohl bei den Hard Skills und technischem Fachwissen als auch bei den Soft Skills wie Zusammenarbeit. Die Rekrutierung ebensolcher Talente setzt viele Unternehmen unter großen Druck. Der sogenannte „Talent War“ der vergangenen Jahre gleicht heute eher einer „Talente-Hungersnot“.

95 Prozent der befragten Unternehmen geben an, ihr Geschäft digital zu verbessern. Bei großen Unternehmen (>1 Milliarde US-Dollar Umsatz) geht es bei der Digitalisierung jedoch nicht um Disruption oder tiefgreifende Veränderungen ihres Kerngeschäfts: Vielmehr setzen sie auf digitale Technologien, um sich auf bestimmte Ziele – wie etwa eine verbesserte Kundenzufriedenheit und eine gesteigerte Produktivität – zu fokussieren und diese zu erreichen.

Großkonzerne müssen nicht unbedingt disruptiv aktiv werden, um gegen digitale Durchstarter zu bestehen; oftmals reicht es, zielgerichtete Initiativen in den Fokus ihrer Digitalisierung zu stellen. Dennoch sollten auch etablierte Unternehmen unbedingt darauf achten, im Zuge der Digitalisierung nicht nur einzelne Geschäftsbereiche oder -abteilungen zu involvieren, sondern alle Mitarbeiter gleichermaßen weiter zu qualifizieren.

Weltweit sind die drei am stärksten nachgefragten fachspezifischen Hard Skills Analytik (67 Prozent), User Experience (67 Prozent) und Automatisierung (61 Prozent). Diese Kenntnisse sind erforderlich, um großangelegte digitale Initiativen umsetzen zu können – große Unternehmen benötigen für die erfolgreiche Implementierung also auch eine ausreichende Anzahl an qualifizierten Mitarbeitern.

  • Im Bereich Analytik haben sich die Anforderungen dahingehend verschoben, dass die reine Lösung eines Problems nicht mehr ausreicht. Vielmehr muss das Problem bereits identifiziert werden, bevor es überhaupt auftritt.
  • User Experience-Skills sind besonders bei Initiativen gefragt, die sich auf Kunden und deren Erfahrung konzentrieren. Bei den Soft Skills werden Kooperationsfähigkeiten höher bewertet als individuelle Fähigkeiten. Teamarbeit und Führung werden bei digitalen Projekten am höchsten eingestuft, wobei mehr als 70 Prozent der Projekte diese Fähigkeiten erfordern.
  • Im Bereich intelligente Automatisierung gibt es fast immer eine Prämie für Talente, um hohe Lohnkosten zu senken.

Talent Readiness Index gibt Aufschluss über Status der Unternehmen

Im Rahmen der Studie entwickelte Infosys den Talent Readiness Index als Metrik. Der Index bewertet, wie Unternehmen positioniert sind, um aktuelle und zukünftige Anforderungen in Sachen Talente zu erfüllen. Basierend auf den Antworten in fünf Bereichen – Planung, Einstellung, Trainings, Incentives und Arbeitsplätze – wurden den Unternehmen Bewertungen zwischen 0 und 100 zugewiesen.

Anhand dieser Bewertungen werden die Unternehmen in drei Cluster eingeteilt – Follower, Challengers und Leaders:

  • Follower haben weniger Ansätze, um Talente zu entwickeln und messen ihre Ergebnisse oder Effektivität nicht.
  • Challenger investieren viel in die Ausbildung, aber sie verlassen sich immer noch auf traditionelle Quellen für die Akquise von Talenten.
  • Leader schaffen eine Kultur des lebenslangen Lernens und nutzen sie, um Spitzenkräfte zu binden.

Indien und China schnitten im Index besser ab als die anderen untersuchten Länder – alle anderen Märkte, einschließlich Deutschland, erhielten ähnliche Bewertungen. Der Index berücksichtigt die Fähigkeit von Unternehmen, den Qualifikationsbedarf in großem Maßstab zu decken. Führungskräfte aus Indien und China sagen, dass sie bei der Personalbeschaffung und dem Abschluss ihrer Projekte den Wettbewerbern voraus sind. Eine mögliche und höchstwahrscheinliche Erklärung könnte sein, dass Unternehmen in Indien und China weniger mit Legacy-Systemen zu kämpfen haben.

Fehlende Budgets werden dabei als das wichtigste materielle Hindernis für die Umschulung der Arbeitskräfte genannt, während die unterbewertete Lernfähigkeit der eigenen Mitarbeiter ein immaterielles Hindernis ist. Eine interessante Tatsache, bedenkt man, dass die Bereitstellung von Budgets quasi die Priorität des Managements widerspiegelt. Die Unterbewertung der Lernfähigkeit der eigenen Mitarbeiter verhindert den Erfolg von Talentinitiativen.

Folgende Empfehlungen unterstützen Firmen dabei, ihren aktuellen Bedarf an Talenten zu decken und sich auf die Zukunft vorzubereiten:

  • 1. Den Bewerber-Pool sowie das Netzwerk erweitern, um Talente über alle verfügbaren Kanäle zu suchen und zu finden
  • 2. Umschulung und Wiedereinstellung von internen Talenten durch erfahrungs- und erlebnisorientiertes Lernen
  • 3. Zeitarbeiter und Gig-Wirtschaft strategisch einsetzen, um das operative Geschäft am Laufen zu halten
  • 4. Ausrichtung der Unternehmensstruktur an den sich ändernden Geschäftsanforderungen.

Emmanuelle Blons, Infosys.
Emmanuelle Blons, Infosys. (Bild: Crédit photo : Mon Portrait Pro / Infosys)

Mehrere Ansätze zu berücksichtigen ist entscheidend für die Entwicklung von Mitarbeitern und das Management verschiedener Talentbedürfnisse und -anforderungen. Mit Fokus und Beharrlichkeit können Personaler aus der Not eine Tugend machen und die Talente-Hungersnot in einen Wettbewerbsvorteil umwandeln.

* Die Autorin Emmanuelle Blons ist Associate Vice President, Transformation & Change Management Practice bei Infosys. Die komplette Studie Infosys Talent Radar 2019 steht bei Infosys gegen Registrierung zum Download zur Verfügung.

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de/ (ID: 46286912 / Hersteller)