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Weltweite Insolvenzen steigen auf Rekordhöhe Pleitewelle rollt auf Deutschland zu

| Autor: Sarah Gandorfer

Noch verhindern staatliche Maßnahmen die große Insolvenzwelle. Doch bereits ab Herbst soll diese hierzulande los rollen. Im Ausland sieht man bereits die ersten Auswirkungen. Weltweit prognostizieren Analysten einen immensen Anstieg an Unternehmenspleiten.

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Firmenkrisen im Ausland wirken sich auch auf die Exportnation Deutschland aus.
Firmenkrisen im Ausland wirken sich auch auf die Exportnation Deutschland aus.
(Bild: © photo 5000 - adobe.stock.com)

Sowohl laut der Wirtschaftsauskunft Creditreform als auch nach dem Kreditversicherer Euler Hermes wird die Zahl der Insolvenzen in Deutschland ab Herbst steigen. In anderen Ländern, wie den USA ist das bereits jetzt schon so.

Im ersten Halbjahr 2020 verringerte sich die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 8,2 Prozent auf 8.900 Fälle (1. Hj. 2019: 9.690).
Im ersten Halbjahr 2020 verringerte sich die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 8,2 Prozent auf 8.900 Fälle (1. Hj. 2019: 9.690).
(Bild: Creditreform)

Auch wenn bereits im ersten Halbjahr und trotz des massiven Konjunktureinbruchs im Zuge der Corona-Pandemie die Insolvenzen in der Bundesrepublik im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar bei den Fallzahlen um 8,2 Prozent gesunken sind, tickt die Zeitbombe. Laut Creditreform belaufen sich die Gläubigerschäden im ersten Halbjahr 2020 auf rund 12 Milliarden Euro, wobei jeder Insolvenzfall die Gläubiger im Schnitt mehr als 1,3 Millionen Euro kostet. Das ist der höchste Wert der vergangenen Jahre und hängt mit der Zunahme von größeren Unternehmenspleiten zusammen. Zu den prominenten Beispielen zählen die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof, die Textilhändler AppelrathCüpper und Hallhuber, der Modehersteller Esprit und die Restaurantketten Vapiano und Maredo.

Die Gläubigerschäden beliefen sich im 1. Halbjahr auf rund 12 Milliarden Euro. Das ist der höchste Wert der vergangenen Jahre.
Die Gläubigerschäden beliefen sich im 1. Halbjahr auf rund 12 Milliarden Euro. Das ist der höchste Wert der vergangenen Jahre.
(Bild: Creditreform)

Nun hat sich jedoch das Insolvenzgeschehen als Seismograph der ökonomischen Entwicklung von der tatsächlichen Situation der deutschen Unternehmen entkoppelt. Denn die Bundesregierung hat zum Schutz der Wirtschaft in Zeiten der Pandemie das Covid-19-Insolvenz-Aussetzungsgesetz (COVInsAG) beschlossen, welches die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis zum 30. September 2020 vorsieht. Um eine Pleitewelle zu verhindern hat die Regierung zudem finanzielle Zuschüsse gewährt. Die tatsächlich eingetretene Abnahme der Insolvenzen zeigt, dass der beabsichtigte Effekt der Maßnahmen erreicht wurde. Allerdings ist es gleichzeitig unklar, wie viele bereits vor der Krise angeschlagene Unternehmen der Insolvenz dank dieser Maßnahmen vorläufig entgangen sind.

Wie noch hinzukommt, ist bei zahlreichen Insolvenzgerichten die Arbeitsproduktivität corona-bedingt zurückgegangen. Dies hat zu erheblichen Bearbeitungsrückständen geführt. Auch dieser Umstand dürfte zu dem Rückgang der Insolvenzverfahren beigetragen haben.

Insolvenzwelle nur vertagt

In Anbetracht dessen gehen die Analysten von Creditreform davon aus, dass sich mit dem Auslaufen der bis September befristeten Aussetzung der Insolvenzantragspflicht die Zahl der Verfahren erheblich erhöhen wird. Eine solche Insolvenzwelle wäre nur dann abzuwenden, wenn es den betroffenen Unternehmen gelänge, bis zu diesem Zeitpunkt die Krisenfolgen zu überwinden und sich wieder zu stabilisieren. Ob nach dem jähen Absturz eine ebenso rasche Erholung für die Breite der betroffenen Unternehmen realistisch ist, bleibt in Anbetracht der Schwere der Rezession zu bezweifeln. Momentan denkt die Bundesregierung zwar darüber nach, die Insolvenzmeldepflicht bis zum Jahresende auszusetzen, doch das verschiebt eine mögliche Pleitewelle wohl nur auf den Winter.

Ein weiteres Problem könnte der Dominoeffekt sein: Der Schuldner reißt den Geldgeber oder Warenlieferant mit ins Verderben. Während die aktuell ausgesetzten Insolvenzantragspflicht Geschäftspartner davor schützt, an klamme Firmen noch Waren zu liefern, ist das beim COVInsAG nicht gegeben. Für Unternehmen die mit ausländischen Partnern zusammenarbeiten oder viel ins Ausland exportiert, könnte es ebenfalls brenzlig werden.

Weltweite Insolvenzen steigen auf Rekordhoch

Die Experten von Euler Hermes erwarten für die beiden Jahre 2020 und 2021 einen kumulierten Anstieg der weltweiten Insolvenzen um insgesamt 35 Prozent auf einen neuen Rekord (17% im Jahr 2020, 16% im Jahr 2021). Die Entwicklung ist allerdings sehr heterogen: In zwei von drei Ländern zeigt sich bereits jetzt ein massiver Anstieg der Pleiten, im anderen Drittel wiederum findet der stärkste Anstieg zeitversetzt erst 2021 statt.

„Vergleicht man die Prognosen von 2021 mit den Fallzahlen von 2019, ergibt dies in den beiden Jahren einen kumulierten Zuwachs der globalen Pleiten um mehr als ein Drittel (35%) auf einen neuen Negativrekord“, erklärt Maxime Lemerle, Chef der Insolvenz- und Branchenanalysen bei der Euler Hermes Gruppe. „Wenn die jeweiligen staatlichen Unterstützungsmaßnahmen zu früh beendet werden, dürfte der Anstieg sogar noch um fünf bis zehn Prozentpunkte höher ausfallen.“

Exportnation Deutschland

Das sind keine guten Nachrichten für die Exportnation Deutschland, bei der sich negative Entwicklungen in den Exportmärkten meist stärker auswirken als in anderen Staaten.

„Deutschland könnte im Vergleich zu vielen anderen Ländern mit einem blauen Auge davonkommen“, glaubt Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Gründe dafür sind neben der besseren Ausgangssituation und dem kürzeren, weniger strikten Lockdown vor allem die schnellen und sehr umfangreichen Sofortmaßnahmen der Regierung. Insbesondere der gemeinsame Schutzschirm von Bund und Kreditversicherern für deutsche Unternehmen hat den Handel erst einmal stabilisiert und Lieferketten zusätzlich geschützt. Das ist aber längst keine Entwarnung, sondern vielmehr eine tickende Zeitbombe. Spätestens im dritten Quartal des Jahres wird diese hochgehen und die Schockwellen dürften sich ins gesamte erste Halbjahr 2021 ausbreiten“, warnt der CEO.

Insgesamt könnten die Pleiten hierzulande im Zuge der Covid-19-Pandemie bis 2021 um insgesamt zwölf Prozent auf dann etwa 21.000 Fälle ansteigen. Der Löwenanteil dürfte mit einem Plus von acht Prozent auf 2021 entfallen. 2020 erwartet der führende Kreditversicherer einen Zuwachs der Fallzahlen um Plus vier Prozent auf rund 19.500 Fälle. Damit gehört Deutschland wie auch Großbritannien, Frankreich, Belgien, die Schweiz oder Indien zu dem Drittel der Länder, die die Negativeffekte zeitverzögert erreichen wird.

Unternehmen in anderen Ländern trifft es früher und härter: Die USA (47% Anstieg der Insolvenzen 2020) führen das Negativranking der Nationen an, die bereits 2020 unter einem massiven Anstieg der Firmenpleiten leiden. Sie teilen ihr Schicksal mit zwei von drei Ländern weltweit. Darunter befinden sich neben den USA, Brasilien (32% im Jahr 2020) und China (21%) auch viele europäische Staaten wie beispielsweise Portugal (30%), die Niederlande (29%), Spanien (20%) oder Italien (18%).

Neue Geschäftsmodelle gefragt

Hinzu kommen große Herausforderungen für Unternehmen bezüglich der sich, nicht nur alleine wegen Covid-19, drastisch verändernden Geschäftsmodelle. „So ist zum Beispiel kein Unternehmen darauf ausgerichtet, plötzlich nur noch die Hälfte der Kunden zu bedienen. Viele Unternehmen müssen ihr Geschäftsmodell grundlegend überdenken und adaptieren. Das müssen sie erst einmal finanzieren, dazu brauchen sie Margen und eine Lösung für die Restrukturierungen ihrer Schuldenberge, die durch Covid-19 bei vielen Unternehmen stark gewachsen sind. Zusammen mit der Digitalen Transformation sind das viele Variablen, die über die weitere Entwicklung auch nach 2021 entscheiden werden“, führt van het Hof aus.

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Über den Autor

 Sarah Gandorfer

Sarah Gandorfer

Redakteurin bei IT-BUSINESS